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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Das berühmte Kloster Romualds wurde erst in der Epoche Napoleons I. aufgehoben; seine Gebäude liegen neben der Basilika in Trümmern unter wildem Wuchs von Farnkraut und Ölgestrüpp. Die Mönche sind verschwunden, nur einer wandelt dort in der Kirche umher als trauriger Tempelhüter. Die Basilika verwittert gleich dem alten Turm zu ihrer Seite, welcher eher einem Pharus als einem Glockenturme ähnlich sieht. Die Verlassenheit umher ist in Wahrheit so grenzenlos wie der Blick auf das schwermütige Gefilde unbeschreiblich schön. Ich sah diese große maremmenartige Fläche während eines Gewitters, das fern über dem unsichtbaren Adriatischen Meere schwebte und den Himmel mit einem finstern Blauschwarz umzogen hatte. Das sumpfige Wasser, hie und da durch einige Gräben abgeleitet, in denen die Wasserlilie üppig wuchert, die düstern Tamarisken, welche die Nähe des Meeres andeuten, die zerfallenen Ruinen, die altersgraue Basilika mit ihren Erinnerungen, die öde Straße, welche dies Gefilde nach Cesena hin durchzieht, der finstere, meilenlange Pinienwald, dessen riesige Wipfel still und majestätisch gleich Palmen sich erheben, und auf der andern Seite die in der blitzenden Gewitterluft ragenden Türme des alten Ravenna, alles still, schwermutsvoll und tot, nicht von der Stimme eines Vogels, noch von der Gestalt eines Menschen belebt – ja, dies brachte eine unaussprechliche Wirkung hervor.

Die melancholischen Ufer des Flusses Ronco bewahren noch eine andere geschichtliche Erinnerung, jene an die Schlacht von Ravenna am 11. April 1512, eine der furchtbarsten Schlachten überhaupt, welche auf dem blutigen Boden Italiens gekämpft worden sind, und von so heroischem Charakter, daß auch Theoderich und Odoaker den Heldenmut der Streiter würden bewundert haben. Die alliierten Armeen Spaniens und des martialischen Papstes Julius II. wurden dort von dem Heere des Königs Ludwig XII. von Frankreich unter dem Befehl des jungen Helden Gaston de Foix angegriffen, als sie Ravenna zu entsetzen versuchten, worin der General Marcantonio Colonna lag. Die Franzosen, mit denen sich Alfonso von Este vereinigt hatte, gingen als Sieger aus dem mörderischen Kampfe hervor, aber sie bezahlten den Sieg mit dem Tode ihres glänzenden, genialen Führers, welchen eine spanische Kugel zu Boden warf. Die berühmtesten Kapitäne und Männer jener Zeit, die Helden des beginnenden großen Jahrhunderts Karls V., Spanier, Franzosen, Italiener, Deutsche, die Blüte der damaligen Aristokratie nahmen an der Schlacht teil; selbst ein großer Dichter, Ariosto, befand sich im ferrarischen Lager, und der später weltberühmte Papst Leo X. geriet als Legat in Gefangenschaft. Im Heere Frankreichs, welches damals seine Kriege schon mit der erkauften Söldnerkraft unsers zersplitterten Vaterlandes führte, diente deutsches Fußvolk unter Jakob Embser und Philipp von Freiberg; sein Zusammenstoß mit dem spanischen Fußvolk war der Gipfel dieser Schlacht, wie der heldenhafte Rückzug der 3000 Spanier längs des Roncoufers ihre bewundernswerteste Tat. Die Schlacht von Ravenna wurde wesentlich durch Fußvolk und Artillerie des Herzogs von Ferrara zur Entscheidung gebracht. Wenn der junge Foix seinen Sieg überlebt hätte, so würde ihn nichts aufgehalten haben, Rom selbst zu erobern und Julius II. gefangen hinwegzuführen; aber das Glück, welches die Päpste fast immer begünstigt hat, brachte alsbald einen solchen Umschwung hervor, daß in kürzester Frist die Franzosen aus Siegern zu Besiegten wurden und Italien verlassen mußten.

Im Jahre 1557 hat der päpstliche Präsident der Romagna, Donato Cesi, später Kardinal, auf dem Schlachtfelde am Ronco die Denksäule errichten lassen, welche heute dort aufrecht steht; Inschriften auf Medaillons, sehr mittelmäßiger Art, rufen das große Ereignis ins Gedächtnis. Charakteristisch für jene schon manieriert werdende Zeit ist die alberne Spielerei in diesen Versen:

Hac Petra Petrus Donatus Donat, Iberos
Gallosque hie caesos, Caesius enumerat.

Ich habe den berühmten Pinienwald (la Pineta) leider nicht besucht. Der Anblick seiner schwarzen Massen in nicht zu weiter Entfernung von Classe reizt mächtig genug, sein Dickicht zu durchstreifen, oder ihn wenigstens auf der Straße nach Commacchio zu durchziehen. Der Forst ist uralt. Man sagt, daß schon die Römer aus ihm das Material für die Werften des Hafens gezogen haben. Das Heer der Goten lagerte in ihm, als Theoderich den König Odoaker in Ravenna eingeschlossen hielt. Seine Hauptmasse besteht aus dichtem Gestrüpp verschiedenartigen Baumwuchses, aus welchem sich die hohen Pinien erheben. Ihre Zapfen enthalten mandelartige Kerne, welche aus Ravenna in großer Menge weit und breit versendet werden. Man berechnet sie auf 10 000 Scheffel jährlich. Ravennaten schilderten mir die innersten Wildnisse dieses Waldes, in welchem der Jäger das wilde Schwein jagt, als bezaubernd schön, und nicht minder die Gegenden, wo er bis zur Küste hinabsteigt und in malerischen Buchten vom Meer bespült wird. Er erstreckt sich längs desselben 24 Millien weit von der Stadt Cervia bis zur Mündung des Po, welche Spina oder Spineticum heißt. Seine größte Breite beträgt drei Millien. Der herrliche Wald gehört seit alters Ravenna, dessen Geistlichkeit sich fast ganz in seinen Besitz setzte. Die Päpste schützten ihn vor Zerstörung, und er verdiente mit vollem Recht seine eigene Geschichte, die ihm gewidmet worden ist: Francesco Ginanni, Storia civile e naturale delle Pinete Ravennati. Roma, Salomoni 1774.

Wir haben die Monumente Ravennas nach der Folge ihrer Zeiten, nicht nach ihren Lokalen aufgesucht, und von ihnen auch nur wenige, aber solche herausgehoben, welche als Charaktergestalten ihrer Epochen bedeutend sind. Wir sahen, daß die ganze große Periode der guelfischen Zeit in Kirchen und Palästen monumental kaum mehr sichtbar ist, aber statt ihrer zeigen die Ravennaten voll Stolz in einer unscheinbaren Gasse eine kleine Gruftkapelle, welche sie mit keinem Prachtdom der Welt vertauschen würden. Dort liegt der größte Genius Italiens begraben, Held und zugleich Opfer der Kämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen, denen er ein Denkmal gesetzt hat, das nur mit der Menschheit selbst untergehen kann. Die Vereinigung dreier weltberühmter Mausoleen in Ravenna, welche so große Abschnitte des geschichtlichen Lebens bezeichnen, ist ganz wunderbar: Galla Placidia, Theoderich und Dante! Der Gang von dem einen zum andern ist wahrlich eine Wanderung durch weite, von großen Gestalten erfüllte Räume der Weltgeschichte. Wenn Ravenna keine andere Zierde besäße als die ihm die Verse auf der Gruft Dantes verleihen, und keinen andern Ruhm als den, diesem Dichter das letzte Asyl dargeboten zu haben, so wäre das hinreichend, die Stadt für alle Zeiten dem Dunkel zu entreißen. Es war um das Jahr 1320, als Dante von Verona nach Ravenna ging, heimatlos und in bitterster Armut. «Damals», so erzählt Boccaccio, «war Herr über Ravenna, eine hochberühmte und alte Stadt der Romagna, ein edler Ritter mit Namen Guido Novello da Polenta; dieser war in den liberalen Wissenschaften wohlunterrichtet, ehrte die tüchtigen Männer hoch, und vor allen diejenigen, welche durch Kenntnisse andere überragten. Als er vernahm, daß Dante ohne alle Aussicht in der Romagna sich befinde, von dessen Ruf er lange vorher gehört hatte, so entschloß er sich, ihn in diesem verzweifelten Zustande aufzunehmen, ohne von ihm darum angegangen zu sein. Dante wohnte also in Ravenna, nachdem er jede Hoffnung der Rückkehr nach Florenz verloren hatte, einige Zeit unter dem Schutz dieses gnädigen Herrn; hier bildete er mehrere Schüler in der Dichtkunst, zumal in der lingua vulgare, die er, nach meinem Dafürhalten, zuerst unter den Italienern zu dem Range erhoben hatte, welchem Homer unter den Griechen und Virgil unter den Lateinern ihren Muttersprachen gegeben haben.» Die Familie der Polenta hatte im Jahre 1275 die Signorie der Stadt erlangt, also in jener Epoche der italienischen Tyrannis zu ihren Herrschern sich aufgeworfen, nachdem früher die Herzöge vom uralten Geschlecht der Traversari Ravenna regiert hatten. Guido da Polenta war Neffe der schönen Francesca, welche mit Giovanni Malatesta von Verucchio, dem Podesta Riminis, vermählt war und durch Dante unsterblich geworden ist. Der Herr von Ravenna nahm keinen Anstoß an den Versen des großen Dichters, der den Schatten seiner unglücklichen Muhme unter den zu ewiger Qual verdammten Seelen aufgeführt, aber ihr tragisches Schicksal durch die Verklärung seiner Poesie zum Gegenstande der Rührung für alle Zeiten gemacht hatte. Dante brachte sein Lebensende unter dem Schutze Guidos zu. Doch der Palast der Polentanen ist spurlos verschwunden. Von ihrer Herrschaft über Ravenna blieb als das schönste Denkmal nur diese Poetengruft übrig. Sonst ruft nichts mehr ihren Namen ins Gedächtnis, es sei denn ein Stein, welcher in der Wand der Kirche von S. Francesco eingemauert ist, einen in die Kutte der Minoriten gehüllten Mann darstellt, und diese Inschrift trägt: «Hic jacet Magnificus Dominus Hostasius de Polenta qui ante diem felix obiens occubuit MCCCLXXXVI die XIV Mensis Martii. Cujus anima requiescat in Pace.»

Die Kämpfe der glühenden Seele Dantes, welche sein Gedicht durchstürmen und diesem den unvergleichlichen Lebensgeist der Persönlichkeit eingehaucht haben, waren geschlichtet, als er in Ravenna seine Tage beschloß. Er widmete sie hohen religiösen Betrachtungen, der vita contemplativa. Er dichtete hier die Bußpsalmen und sein Kredo; er schien ein Büßer geworden zu sein wie jener Otto III., welcher, nachdem seine Herrschaft über Rom in Trümmer gegangen war, sich in die Kutte hüllte und in der Zelle von S. Apollinaris betete. Als er sich zum Sterben niederlegte (er starb am 14. September 1321), wollte er in der Kutte der Franziskaner begraben sein. Die Minoriten rechnen ihn daher zu den Ihrigen, und man erinnert sich, daß er sich selber schon in seinem Gedicht gezeichnet hat, mit dem Strick jenes Ordens um den Leib. Man sagt sogar: er habe sich in Ravenna wirklich unter die Tertiarier von S. Franciscus aufnehmen lassen.

Guido Polenta bestattete den toten Dichter in einem Marmorsarkophag bei den Minoriten. Er beschloß, ihm ein prachtvolles Denkmal zu errichten, aber das unterblieb. Während der Unruhen, denen das Haus jener Dynasten erlag, wurde das Dichtergrab vernachlässigt und fast vergessen, und erst im Jahre 1482 erinnerte man sich an eine heilige Pflicht. Die Polentanen waren vertrieben worden. Hostasius, der letzte dieses berühmten Geschlechts, endete in der Gefangenschaft auf der Insel Candia, denn die Stadt Ravenna hatte die Republik Venedig angerufen und sich in ihren Schutz gestellt. Sie wurde nun mit dieser vereinigt und sodann bis zum Jahre 1509 von venetianischen Prätoren regiert. Unter diesen war es Bernardo Bembo, der Vater des berühmten Kardinals, welcher den Plan Guidos da Polenta wieder aufnahm und im Jahre 1482 dem Dichter ein schönes Mausoleum bauen ließ. Es ist das heutige, aber in der Umwandlung durch die päpstlichen Legaten im 17. und 18. Jahrhundert. Die Venetianer hatten nämlich Ravenna wieder an den Heiligen Stuhl abgetreten, im Jahre 1509, zur Zeit Julius' II., welcher auch Bologna an die Kirche brachte. Das Grabdenkmal Dantes ist ein kleiner Tempel, den eine Kuppel deckt, im Stile der Renaissance. Den innern Raum schmücken Reliefs und Inschriften. Vier Medaillons stellen Virgil, Brunetto Latini, Can Grande della Scala und Guido von Polenta dar. Der Eingangstüre gegenüber steht der Marmorsarkophag, über ihm das Bildnis Dantes in Relief. Die bekannte Inschrift, welche er selbst sich geschrieben hatte, lautet:

Jura monarchiae superos phlegetonta lacusque
Lustrando cecini voluerunt fata quousque:
Sed quia pars cessit melioribus hospita castris,
Actoremque suum petiit felicior astris,
Hic claudor Dantes patriis extorris ab oris
Quem genuit parvi Florentia mater amoris.
Die Rechte des Reichs, den Himmel, die Hölle, die Seen
Hab' ich besungen, wohin auch das Schicksal den Wand'rer hieß gehen.
Doch da nun ein Teil mich verließ, sucht dieser über den Sternen
Den Schöpfer sein, glückselig in besseren Fernen.
Hier ruh' verschlossen ich, Dante, vom Vaterlande vertrieben,
Den Florenz einst gebar, eine Mutter, die wenig wußte zu lieben.

Das Grab ist stets verschlossen; der Schlüssel wird auf dem Stadthause verwahrt. Der Graf Alessandro Cappi, welcher mich in das Mausoleum führte, ein schöner Mann im ersten Greisenalter, hatte in früher Jugend hier noch Lord Byron gesehen, in jener Epoche seines Lebens, wo er die Gräfin Guiccioli liebte (diese Dame lebt noch hochbetagt, nicht in Ravenna, sondern in Paris, so wenigstens erzählte man mir). Der Lord, so sagte mein Führer, ging niemals an dem Grabmal, auch in der Ferne nicht, vorüber, ohne ehrfurchtsvoll sein Haupt zu entblößen, und ich erinnere mich der schönen Verse, die er der Danteschen Gruft gewidmet hat. Wohl, hier ist ein Heiligtum, welchem jeder fühlende Mensch nur mit Rührung nahen wird, ein Wallfahrtsort der Andacht für alle, welche fähig sind, die tiefe, schöpferische Kraft eines Menschengeistes zu bewundern, der über dem Sturm seiner Leidenschaften einen solchen ruhigen, ewigen Himmel verklärter Ideale aufzubauen vermocht hat. Dante hat in Wahrheit an seinem eigenen Leben dargestellt, was eigentlich sein ganzes Vaterland in der guelfischen Epoche so bewundernswürdig macht, wo mitten unter den schrecklichsten Kämpfen der Parteien überall aufsproßten zahllose edle Blüten der Kunst und des Wissens, und schon dies geschichtliche Verhältnis macht ihn zum Repräsentanten und Inbegriff seines Nationalgeistes in einer langen Periode.

Die Einsamkeit seines Grabes ist bezaubernd; es ist gut, daß die Ravennaten den reuigen Florentinern es verweigert haben, ihren Nationalschatz auszuliefern. Denn so setzt Dante noch sein Exil fort, und er ruht in der berühmten Stadt, unter deren gastlichem Schutz er gestorben ist, in einem Denkmal, an dessen Errichtung die erlauchte Republik Venedig und das Papsttum Anteil haben, und welches frei und isoliert dasteht, wie ein Königsgrab, wie das Mausoleum des großen Goten Theoderich.

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