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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Ravenna besitzt keine Kirche mehr, welche S. Apollinare Nuovo an edler Pracht und schönen Verhältnissen gleichkäme; aber noch eine Reihe von andern alten und merkwürdigen Basiliken, die ich nur andeuten will. Theoderich ließ dort manche arianische Kirche bauen, wie Spirito Santo, die noch erhalten ist, und S. Maria in Cosmedin, einen achteckigen Bau, die arianische Taufkapelle. Ich werde mich weder hier aufhalten, noch bei älteren Monumenten aus der Zeit der Galla Placidia, wie S. Giovanni Evangelista, S. Agata und S. Franciscus. Nur die Metropolis oder Domkirche der Stadt würde als Sitz der einst mächtigen Patriarchen eine aufmerksame Betrachtung fordern, wenn sie nicht im 18. Jahrhundert gänzlich umgebaut worden wäre.

Sie war der älteste Kirchenbau Ravennas und wenig später gegründet als S. Peter, S. Paul und der Lateran in Rom. Ihre Anlage rührte vom Erzbischof Ursus her, von dem sie auch den Namen Basilika Ursiana erhielt. Sie war ursprünglich, wie der alte S. Peter und S. Paul, eine fünfschiffige Basilika, die auf 56 Säulen ruhte. In ihren Schiffen sah man manches Gemälde, welches Szenen aus der Geschichte Ravennas darstellte. Alles dies ist untergegangen, und der Neubau, so prächtig einzelne Teile in ihm sind, reizt uns nicht. Dagegen hat der erzbischöfliche Palast, welcher mit dem Dom verbunden ist, noch Reste des Altertums bewahrt, namentlich die sogenannte Capella Domestica, die noch mit Musiven des fünften Jahrhunderts bekleidet ist.

Heute ist der größte Schatz des erzbischöflichen Palastes sein berühmtes Archiv. Die Sammlung von Pergamenten (noch jetzt fast 25 000 an der Zahl) und von Papyrusschriften, die bis ins fünfte Jahrhundert hinaufreichen, gehörte, ehe diese letzteren in den Vatikan nach Rom kamen oder in den Stürmen der Zeit untergingen und zerstreut wurden (eine große Anzahl mittelalterlicher Urkunden liegt heute in Forli und wird wahrscheinlich an das Archiv in Bologna kommen), zu den größten Schätzen der diplomatischen Wissenschaft. Wer nur immer mit der Geschichte des Mittelalters bekannt ist, weiß von den Papiri di Ravenna, welche der gelehrte Marini ediert hat, von Rossis Geschichte dieser Stadt, deren urkundlicher Stoff (freilich unkorrekt genug) aus jenem Archiv gezogen ist, und von Fantuzzis großer Urkundensammlung (Monumenti Ravennati). So groß aber ist der Reichtum des in jenem Archiv heute Vorhandenen, daß er noch lange nicht erschöpft ist. Ein diplomatischer Kodex ravennatischer Urkunden nach dem System der heutigen Wissenschaft ist sehr zu wünschen.

Nicht weit vom Dom steht das alte Baptisterium S. Giovanni in Ponte. Auch seine Einrichtung schreibt man dem Erzbischof Ursus zu. Der merkwürdige Bau achteckiger Form hat nur zwei römische Bogenstellungen übereinander von höchst altertümlicher Gestalt. Eine Kuppel umwölbt ihn, ganz und gar mit Musiven bekleidet, welche noch vom antiken Ideal durchdrungen sind. Sie stellen in der Mitte die Taufe Christi im Jordan, ringsumher die zwölf Apostel dar.

Außerhalb der Stadt liegen noch zwei andere alte Basiliken, S. Maria in Porto und S. Apollinare in Classe fuori. Die letztere ist bei weitem die schönste von allen Kirchen, welche Ravenna besitzt, und dorthin wollen wir noch hinübergehen. Man weiß, daß ehemals das Meer nahe an der Stadt lag und im Verein mit Flüssen und Sümpfen dieser eine Festigkeit und merkantile Bedeutung gab, welche dem späteren Venedig gleichkam. Auch Ravenna, dessen Gründung in fabelhafte Zeiten hinaufreicht, war ursprünglich, gleich Venedig, zum Teil auf Inseln gebaut, während die Lagunen des nahen Po im Norden und andere Sümpfe im Westen sich ausbreiteten. Eine so ausgezeichnete Lage bestimmte schon Augustus, Ravenna zu einer Flottenstation des Adriatischen Meeres zu machen, und so entstanden die Vorstädte Cäsarea und der Hafen Classe, welcher letztere von jener Station selbst seinen Namen erhielt. Lange Zeit behauptete Ravenna den Handel auf dem Adriatischen und Ionischen Meer mit dem Orient, bis es teils durch Versandung seines Hafens, teils durch allgemeine politische Verhältnisse herabkam und seine Bedeutung auf Venedig überging.

Das Meer hat sich mit der Zeit sieben Millien weit von der heutigen Stadt zurückgezogen, so daß man seiner dort nirgends ansichtig wird. Nur an der feuchten Seeluft, welche über die Wälder der Küsten herweht, merkt man seine Nähe. Der alte Hafen ist verschwunden; nicht einmal seine Lage kann man heute mit Sicherheit angeben. Der Name einer Kirche vor den Mauern der Stadt, Santa Maria in Porto, und auch S. Apollinare in Classe bezeichnen obenhin die Richtung, wo einst Hafen und Arsenale sich befunden haben. Um nach der Basilika in Classe zu gelangen, muß man etwa drei Millien weit nordostwärts gehen. Man überschreitet zuerst den Ponte Nuovo, die Brücke über den Fluß Ronco. Sodann erblickt man zwei Millien vor sich jene altertümliche Basilika mit dem runden braunen Glockenturm neben ihr in völliger Einsamkeit. Ringsum eine weite, zum Teil sumpfige Ebene von ernst melancholischem Charakter, hie und da mit Reis bepflanzt, welcher das Wasser liebt. Gegen das Meer hin umschließt sie als der schönste Gürtel der meilenweite berühmte Pinienwald, und landwärts steigen am Horizont die blauen Apenninen Bolognas auf.

S. Apollinare in Classe verhält sich zu Ravenna wie S. Paul vor dem Tor zu Rom. Aber während diese große Basilika durch den Brand, der sie verschlang, zerstört wurde und jetzt als ein moderner Luxusbau der Asche entstieg, ist jene unversehrt geblieben. Sie bietet, äußerlich halb verrottet und neben Ruinen ihres ehemaligen Klosters, in einer grenzenlosen Verlassenheit das reizendste Bild des Mittelalters dar.

Sie wurde im Jahre 535 von Julianus Argentinus errichtet (dem man die meisten Basiliken Ravennas jener Zeit zuschreibt) und schon im Jahre 549 von demselben Patriarchen Maximianus geweiht, welcher auch S. Vitale vollendet hatte. Von dem Quadriporticus, der sie umgab, ist nur die vordere Seite stehengeblieben. Sie bildete jetzt die Vorhalle, welche bei allen alten ravennatischen Kirchen mit dem Begriff Ardica (entstanden aus Narthex) bezeichnet wird.

Das Innere ist ein herrlicher Raum von den edelsten und einfachsten Verhältnissen. 24 prächtige Säulen aus griechischem Marmor, nicht alten Tempeln entrafft, sondern zum Bau gehauen und geziert mit komponierten Kapitälen, teilen diese Schiffe, über denen sich, nach dem ursprünglichen Baustil, noch das nackte Sparrendach erhebt. Die schönen Mosaiken der Tribüne, ehrwürdige Werke das sechsten Jahrhunderts, glänzen beim Eintritt dem Blick entgegen. Alles atmet hier den Geist der alten Zeit, und dieser Eindruck wird verstärkt durch den Anblick einer großen Reihe von gewölbten, schwerfälligen Sarkophagen, welche an den Wänden der Nebenschiffe stehen. Ich habe in keiner Stadt so viel alte Sarkophage in Kirchen frei aufgestellt und beisammen gesehen außer in Arles in der Provence, und der Anblick jener in S. Apollinare (auch andere Kirchen Ravennas sind daran reich) rief mir sofort die Erinnerung an die berühmte Gräberstraße von Arles zurück. Die ravennatischen Graburnen unterscheiden sich auf eigentümliche Weise von den römischen der christlichen Epoche. Rom besitzt deren viele und ausgezeichnete in den Grotten des Vatikans oder im Lateranischen Museum, hie und da auch in Kirchen, namentlich aus dem späteren Mittelalter. Es besitzt eine große Menge von Graburnen des frühesten Christentums, welche alle mit Reliefs von heiligen Geschichten bedeckt sind. Die Urnen in Ravenna dagegen gehören der gotischen, byzantinischen und auch barbarischen Zeit an. Sie sind fast durchweg bildlose, sehr massive Sarkophage aus griechischem Marmor von weißgrauer Farbe, mit christlichen Symbolen bezeichnet und mit einer einfachen Inschrift versehen. Keiner von ihnen ist, meines Wissens, dem heidnischen Altertum entlehnt, wie es in Rom selbst einige Grabmäler der Päpste sind, sondern sie wurden selbständig gearbeitet. Ihre seltsame, mächtige Form bringt eine tiefe Wirkung hervor; in solchen hochgewölbten und plumpen Sarkophagen möchte man eher gotische Helden als fromme Patriarchen bestattet glauben. Aber es scheint, daß die Bildhauerkunst in Ravenna schon zur Zeit der Galla Placidia abgestorben war, denn sie ist dort nur wesentlich in ihrer Beziehung auf die Architektur sichtbar. Die bildnerische Kunsttätigkeit vereinigte alle ihre Kraft in der Mosaik, wo sie freilich noch eine schöne Blüte trieb.

Jene Graburnen standen ehemals, christlicher Sitte gemäß, im äußeren Portikus der Kirche. Sie verschließen Patriarchen der Stadt vom fünften bis zum elften Jahrhundert. Die lange Reihe der ravennatischen Erzbischöfe hat man übrigens, doch erst in moderner Zeit, auf den Wänden der Kirchenschiffe in Porträts dargestellt, und dies dem Muster von S. Paul bei Rom nachgeahmt. Wie jene der Päpste mit Petrus, so beginnt diese mit seinem Missionär Apollinaris, dem Stifter des ravennatischen Erzbistums. Der Schutzpatron und das hierarchische Haupt Ravennas war nach der absichtsvollen römischen Tradition von S. Peter in Rom zum Bischof eingesetzt worden, also Schüler und Jünger des Fürsten der Apostel, aber trotzdem machte er lange Zeit dem Schutzpatron Roms den Primat streitig, oder vielmehr die ravennatischen Bischöfe, welche sich seine Nachfolger nannten, sträubten sich jahrhundertelang, die Obergewalt des römischen Stuhles anzuerkennen. Auch das Dominium temporale des Apollinaris war sehr reich. Die Erzbischöfe dort besaßen liegende Güter selbst in dem fernen Sizilien und im Orient, und wir bemerkten schon, daß sie sich zu Gebietern des Exarchats machten, die Ansprüche des Papstes nicht achtend, welche diese schöne Erbschaft seit dem Falle des Langobardenreichs unter die Franken ihnen lange Zeit ohne Erfolg bestritten haben.

Noch im elften Jahrhundert war das Patriarchat in Ravenna so reich und mächtig, daß Heinrich IV. dort seine kräftigste Stütze im Kampf mit Gregor VII. und der Gräfin Mathilde fand; es war Wibert, der Erzbischof Ravennas, welchen er als Clemens III. zum Gegenpapst erhob. Es bezeichnete indes die Grenze der Macht der ravennatischen Kirche, welche seither zerfiel.

In der Blütezeit des Reichs waren mehrere Deutsche von den Kaisern hier zu Erzbischöfen erhoben worden und mit großen Privilegien der Immunität und Jurisdiktion beschenkt. Auch gingen einige Päpste aus der Reihe der ravennatischen Erzbischöfe hervor, wie der kräftige Johann X. und der berühmte Gerbert oder Sylvester II. zur Zeit Ottos III., während große Heilige, Romuald und Pier Damiani, ihrer Kirche Glanz verliehen. So ist die Geschichte der Erzbischöfe von Ravenna (sie verdiente eine gründliche, kritische Durcharbeitung) bis zum 12. und 13. Jahrhundert ein wesentlicher Teil der Geschichte der römischen Kirche selbst wie des italienischen Mittelalters, und von der größten Merkwürdigkeit. Den ersten Versuch, sie zu schreiben, machte in der Mitte des siebenten Jahrhunderts Agnellus von Ravenna, in seinem Liber pontificalis, einem Werk, das den Stempel tiefster Barbarei in der Behandlung der lateinischen Sprache und des Stoffs an sich trägt, aber ehrwürdig ist durch Alter, unschätzbar durch viele historische Nachrichten und anziehend durch seine kindliche Naivität.

Mehrere Erzbischöfe Ravennas sind in den Mosaiken der Tribüne abgebildet; diese ähneln zwar im Charakter noch jenen, die wir in der Stadt gesehen haben, scheinen mir aber doch später als sie. Auch hier ist die Konsekration der Basilika dargestellt durch die Figuren S. Maximians und des zu seiner Rechten stehenden Justinian. Der Kaiser hält Pergamentrollen in der Hand, auf denen man das Wort «Privilegia» liest, und Gestalt wie Gewandung gleicht seinen andern musivischen Porträts. Die Pietät der Geistlichkeit von S. Apollinare hat das Andenken der Wohltäter ihrer Basilika durch Inschriften auf den Wänden geehrt. Wenn sie auch neueren Datums sind, so erfüllen sie doch den schönen Tempel noch mehr mit historischem Geist und rufen die Erinnerung einer langen und großartigen Geschichte ins Gedächtnis zurück. Eine Tafel ist Narses geweiht, von dem sie rühmt, daß er nach Besiegung der Gotenkönige und der Wiederherstellung des Friedens in Italien dieser Kirche ein neues Gebäude hinzugefügt habe. Eine andere preist die Kaiser Justinian, Ludwig II., Otto I., Otto II., Otto III., Heinrich III., Otto IV. und selbst die Hohenstaufen Friedrich I. und Friedrich II. wegen der Privilegien, welche sie dem Tempel und Kloster von Classe reichlich verliehen haben.

Seit Karl dem Großen, der Ravenna eines Teils seiner Zierden beraubt hatte, gab es bis auf die Hohenstaufenzeit nur wenige deutsche Kaiser, welche jene Stadt auf ihren Romfahrten oder während ihrer Kämpfe in Italien nicht besucht hätten. Dies kann man aus den Itinerarien sehen, die ihre Regesten darbieten. Die Hauptstadt des alten Exarchats sicherte ihnen eine bedeutende Stellung in Italien, im Kampfe mit den Städten sowohl als mit den Päpsten; die Besitzestitel, welche diese darauf geltend machten, anerkannten die Kaiser nicht, denn seit der Ottonischen Zeit waren Romagna und Exarchat zweifellos Reichsländer und von kaiserlichen Grafen regiert. Erst Rudolf von Habsburg verzichtete zugunsten des Heiligen Stuhls feierlich auf die uralten Rechte, welche das Reich dort behauptet hatte. Am häufigsten waren die Ottonen in Ravenna, Otto I. sogar fünfmal, in den Jahren 967, 968, 970, 971 und 972. Dieser kräftigste unter den deutschen Herrschern über Italien betrachtete den Papst so wenig als Herrn Ravennas, daß er sich sogar nicht weit von den Mauern dieser Stadt einen neuen Palast erbaute. Wo dieser lag, ist nicht mehr mit Gewißheit anzugeben, aber weder Cäsarea noch Classe waren zu jener Zeit schon ganz und gar verschwunden.

Zweimal wohnte Otto II. in Ravenna, dreimal Otto IV. Dieser jugendliche Fürst ernannte hier im Jahre 996 den ersten Deutschen zum Papst, seinen Vetter Bruno, der ihm bald darauf als Gregor V. in Rom die Kaiserkrone aufsetzte. Er liebte Ravenna und dessen Heilige mit der ihm eigenen schwärmerischen Leidenschaft. Er erhob hier den berühmten Gerbert, seinen Lehrer, vom Erzbischofstuhl auf den päpstlichen in Rom. Wenige Jahre gingen hin, und Otto III. erschien als Flüchtling, von den Römern vertrieben, im Kloster zu Classe, um einige Wochen in der Zelle des berühmten Romuald im Mönchsgewand unter Bußübungen zuzubringen. Dies war die schmerzlichste Epoche im Leben des letzten der Ottonen.

Heute erinnert daran eine, obwohl moderne und pfäffische Inschrift, welche in die Wand jener Basilika eingefügt ist: «Otto III., deutsch-römischer Kaiser, um seiner Missetaten willen der strengsten Disziplin Sankt Romualds sich unterwerfend, pilgerte mit nackten Füßen von der Stadt Rom zum Berg Garganus, wohnte in dieser Basilika und dem Kloster Classe 40 Tage als Büßer, sühnte im härenen Gewand und mit freiwilligen Kasteiungen seine Sünden, gab ein erlauchtes Beispiel der Demut und adelte als Kaiser diesen Tempel durch seine Bußfertigkeit.»

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