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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 40
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Doch es ist nicht der Zweck dieser Blätter, Ghettomysterien des Elends auszumalen und jene dunkle Lebensweise der Dürftigen in ihren von Menschen überfüllten Kammern zu beschauen; findet man doch allerwegen in den großen Städten der Erde und unter den zivilisiertesten Nationen Europas ein gleiches, wenn nicht ein größeres Jammerleben. Auch soll man nicht glauben, daß der Ghetto Roms, was Straßen und Wohnungen betrifft, an sich elender sei als ähnliche Viertel der Armut in vielen andern Städten der Welt. Lieber sage ich, daß die Juden Roms reich sind an Menschlichkeit unter sich, daß der Wohlhabende dem Elenden gern hilft, daß der aufopfernde Familiengeist, das dauernde Erbe Israels, nirgends so mächtig und so wohltätig sich zeigen möchte als dort, und daß es Tatsache ist, wie diese nüchternen und fleißigen Menschen selten um Verbrechen willen gestraft werden. Was den Betrachter des Ghetto am meisten schreckt, sind die Enge und der Schmutz dieser gewinkelten Gassen und Gäßchen, deren Häuser hoch und schmal sich herauf strecken. Es sitzen darin die Judenfamilien wie in einem römischen Kolumbarium übereinandergeschichtet; und auffallend ist gerade hier in Rom eine solche Beengung menschlicher Wohnungen, in einer Stadt, die, in weiter Ebene hingebreitet, selbst charakteristisch ist durch ungeheure Räume, durch große und erhabene Dimensionen in den Architekturen, und durch Paläste, von denen vielleicht einer genügte, die halbe Ghettojudenstadt bestens zu behausen. In herrlichen Säulen wohnt das steinerne Volk der Statuen unter kühlen Springbrunnen. Die marmornen Reste des Altertums sind bis auf die kleinsten Trümmer königlich logiert, die einzigen lebenden Reste des alten Rom, Menschen mit vieles duldenden Herzen, wohnen in dem elendesten Schmutze.

Glücklicher sind die Juden, welche den oberen Teil des Ghetto bewohnen, zumal die Via Rua. Diese breite Straße mit wohnlicheren Gebäuden ist gleichsam der Corso des Judenviertels, denn auch bei gleichem Los vor dem politischen Gesetz und selbst in der Sklaverei macht der Mensch das Recht der Ungleichheit geltend. In der Via Rua wohnen die Juden, welche das beste Dokument Gazzagà in der Tasche haben, selbst Häuser besitzen und vermögend sind. Hier findet man Kaufläden mit Tuchwaren von dem gröbsten Zeug bis zu den kostbarsten Stoffen. Es gibt auch wohlhabende Juden; werden sie reich, so ziehen sie, wie man mir sagte, gern nach Toskana. Es ist auffallend, daß echt jüdische Namen nirgend zu lesen sind. Die Juden Roms nennen sich meist nach italienischen Städten, wie Astrubale Volterra, Samuele Fiano, Pontecorvo, Gonzaga, und es ist komisch genug, sie solche stolz und fürstlich klingende Namen führen zu sehen. Auch ihre Sprache ist römisch, und nur selten hörte ich Juden unter sich hebräisch reden. Ihre Tracht unterscheidet sich nicht von der des römischen Volkes, und selbst an ihrem Fest bemerkte ich kein einziges orientalisches Kostüm.

Ein Fest im Ghetto – fast eine Ironie, wenn man Geschichte wie Lage der Judengemeinde überdenkt –, ein solches Schauspiel dürfte gerade in Rom lockend sein, wo ein Fest das andere drängt, und wo ein schauprangender Tag den ermüdeten Fremden dem andern Festtage zuführt, der seiner schon wartet. Wenn auf den Straßen Roms diese großartigen Triumphfeste einherziehen, und alle Welt bewundernd und fröhlich sie mitgenießt, und wenn das Geld mit vollen Händen von dem Überfluß ausgegeben wird, wenn alle Plätze und Straßen in Blumen und Teppichen oder im Glanz der Lichter strahlen und von Karossen und Fußgängern wimmeln, dann sitzt dunkel, anteillos und festlos Israel in seinem Ghetto und näht im Schweiße seines Angesichts an den Lumpen, die vor seiner Tür liegen.

Nun aber kommen auch seine Feste, der arme Hausierer legt seinen Plunder beiseite, zieht sein bestes Kleid an und erhebt seine gebeugte Gestalt. Und gerade hier, so glaube ich, ist die tiefste Poesie des Festes und sein höchster Sinn zu finden, weil der festliche Mensch aus den Sklavenbanden der Alltagsarbeit und aus dem staubigen Elend sich erheben und zu einem idealen Menschen verwandeln soll, der nicht seiner engen Kammer, noch seinem dumpfen Nahrungsgeschäft, sondern dem Universum angehört. Dies seltsame Volk kommt dann festlich zusammen, und wo sie nur sitzen mögen, in welchem fernen und feindlichen Winkel der Erde es sei, schauen sie sich als das alte Volk Israel an, als Abrahams und Jakobs Kinder und als die Blüte der Menschheit, welche Gottes eigene Hand mitten in die Welt gepflanzt hat. Ich wohnte dem Passahfest im Ghetto bei. Zufällig kam ich zu der Kunde von dem Tage, weil ich den Ghetto durchwandernd vor jeder Tür blankgescheuerte Kessel und an jedem Brunnen die Gefäße reinigen sah. Man sagte mir, es geschehe um des Osterfestes willen, das in einigen Tagen gefeiert werden solle. Das Osterfest der Juden gilt dem Andenken an die Auswanderung aus dem Ägypterland. Dem wundersamen Volk ist es ideelles Freiheitsfest und ein tröstlich-prophetisches, zumal in Ghettogefangenschaft.

Nach den großen kirchlichen Feierlichkeiten der Kar- und Osterwoche in Sankt Peter und in der Sixtinischen Kapelle, die im Verein so großer Werke und so großer Kräfte die allerhöchste Produktion des christlichen Kultus sind, ist es ungemein anziehend, in jenem dunkeln Ghettowinkel einer Osterzeremonie beizuwohnen und hier die uralten, kaum veränderten Grundlagen für jenen katholischen Kultus Roms aufzufinden. Es sind die Wurzeln dieses Kultus, und je prachtvoller der Baum sich entfaltet hat, desto tiefer begräbt sich seine Wurzel in die Nacht. Das Fest ward in der Synagoge gefeiert.

Ich sagte schon, daß die Synagoge der Juden Roms dem Palast Cenci gegenüberliegt, sie vereinigt fünf Schulen in einem Hause: die Scuola del Tempio, Catalana, Castigliana und die Scuola nuova, woraus man erkennen wird, daß der römische Ghetto in fünf Sprengel oder Parochien zerfällt, von denen jede eine besondere Art darstellt, je nach der vorherrschenden Nationalität der Juden, deren Väter entweder seit alters her römisch-jüdisch gewesen sind oder von Spanien und Sizilien hergeleitet werden. Man sagte mir, daß der Sprengel des Tempio behaupte, vor allen andern Hebräern von den Juden vor Titus abzustammen. Jede Synagoge hat ihre Schule, in welcher die Kinder notdürftig lesen, schreiben und rechnen lernen, Wissenschaften aber nicht gelehrt werden, und eine jede hat ihr Allerheiligstes, worin der Pentateuch aufbewahrt wird. – Ich sah diese Tempelsäle am Osterfest. Der Ghetto hat sich hier Gold und Silber abgerungen, um ein mosaisches Haus auszustatten. Schon von außen verrät sich das Synagogengebäude nicht allein durch Inschriften, sondern durch seinen vereinzelten Baustil. Die Juden haben ihr Gotteshaus gleichsam verstohlen und nächtlicherweile ausgeziert, in Rom, wo die Tempel und Kirchen in unübersehbarer Pracht sich ausdehnen. Es scheint, als hätten sie aus der Fülle des römischen Marmors ein paar Säulenstümpfe, ein paar Kapitäler und einige Marmorstücke geraubt, um sie in ihr Heiligtum in aller Stille einzufügen. Das kleine Frontispice in der Mitte des Synagogengebäudes ist mit korinthischen Pfeilern geschmückt und lehrt, daß auch in den Ghetto der römische Baustil eingedrungen ist. Auf dem Fries prangt in Stuck das Abbild des siebenarmigen Leuchters, die Harfe Davids und die Zither Mirjams.

Ein Schriftgelehrter hatte mich auf den Abend in den Tempelsaal eingeladen, wo, wie er sagte, die Vesper gesungen würde und ich ein vortrefflich ausgeführtes Oratorium würde zu hören bekommen. Am Abend drängte sich demnach das Judenvolk am Eingang der Synagoge. Auch Römer, selbst einige Priester waren unter der Menge zu bemerken. Wohl eine halbe Stunde ließ man warten, ehe aufgetan wurde, und es freute mich nicht wenig, zu warten und warten zu sehen, weil mich dies als ein Zeichen der Souveränität ergötzte, geübt einmal auch von einer unterdrückten und verachteten Menschensekte. Als nun die Türen sich auftaten, stieg man über enge Stiegen in den Tempelsaal. Ich sah die stattliche Judensynagoge Livornos, die reichste vielleicht in der Welt, doch erschien sie mir bei weitem weniger merkwürdig als diese Tempelzimmer des römischen Ghetto. Das Haus in Livorno ist groß, vornehm und nüchtern, die Tempelzimmer in Rom sind klein, ganz alt, höchst malerisch, bizarr und fremdländisch. Durchaus in der Weise der katholischen Kirchen Roms, wenn Feste in ihnen gehalten werden, hatte man die Wände der Zimmer mit roten und in Gold gestickten Tapeten behängt, die Pfeiler mit Damast überzogen. Häufig las man Sprüche aus dem Alten Testament daraufgestickt. Die Decke ist nach Art der römischen Basiliken befeldert, doch nur mit gemalten Cassettoni geziert. Ringsum trägt der Fries in Stuck gearbeitete Reliefs, welche den Tempel und alle auf den Kultus bezüglichen Geräte darstellen, und wundersam sind sie gerade hier in Rom zu sehen, wo man ihrer einige auf dem Titusbogen dargestellt findet. Man sieht den Tempel Salomos kunstvoll abgebildet mit allen seinen Toren, Seitenhallen und Altären, das eherne Meer, die heilige Lade mit dem Cherubim, Priestergewänder und die Priestertiara, Urbilder der bischöflichen und päpstlichen Kostüme. Man sieht aller Art Tempelgerät, Töpfe, Schüsseln und Schaufeln, Becken, Löffel und Pfannen und Gestühle, endlich sämtliche musikalischen Instrumente: Pauken, Tamburins, Harfen, Zithern, Flöten, die Jubeljahrtrompeten, die Sackpfeife, Zimbeln, auch das Sistrum der ägyptischen Isis, wie man es so oft auf Isisbildwerken im Vatikan bemerkt. Mit diesen Erinnerungen an den Tempel Jerusalems hat sich hier die Phantasie des Juden umgeben.

An der nördlichen Wand fällt ein rundes Fenster in die Augen, welches in zwölf Felder verschiedener Farben geteilt ist, dies Symbol stellt die Stämme Israels dar und ist das Bild der Urim und Thummim, jenes aus köstlichen Steinen zusammengesetzten Schmuckes, den der Hohepriester auf der Brust zu tragen pflegte. Westwärts steht der runde Chor, ein hölzernes Pult für Vorsänger und Sänger, auf ihm der silberne Tempelleuchter und andere verwunderliche Gefäße von Silber, die auf den Pentateuch als Schmuck gelegt werden. Gegenüber steht an der östlichen Wand das Allerheiligste, ein kleines Tempelfrontispice mit herausragenden Stangen (für das Tragen der Bundeslade bestimmt), auf korinthischen Säulen ruhend. Der Vorhang bedeckt dasselbe; auf ihm sind in Goldstickerei Sprüche zu lesen und allerlei Werk von Rosen und von zierlichen Arabesken nach Weise des Tempels Salomonis. Die Spitze des Ganzen krönt der silberne siebenarmige Leuchter. In diesem Allerheiligsten liegt der Pentateuch verschlossen, eine große Pergamentrolle. Es wird in Prozession durch den Saal getragen und von dem Pult nach allen vier Weltgegenden gezeigt, wobei die Juden die Arme erheben und ein Geschrei ausstoßen. Dies ist gleichsam die Monstranz und Hostie der Juden. Es ist der gewaltigste Gott der Erde, welcher noch heute die Welt gefesselt hält, der Gott, welcher nicht das Wort ist, sondern der «Buchstabe», ein fürchterlicher, positiver, unverrückbarer Gott der Knechtschaft. Das Judentum ist die positivste aller Religionen, darum dauert es noch heute. Den luxuriösen Formen und phantasiereichen Zeremonien der katholischen Kirche gegenüber erscheint dieser starre, bildlose, phantasielose und gestaltenbare Jehovadienst bewunderungswürdig in seiner absoluten Einfachheit und furchterregend erhaben in der nüchternen Despotie des Gesetzes, welches beides schonungslos verschlingt – den Menschengeist wie die Natur.

Bedeckten Hauptes, Hut oder Mütze auf dem Kopf, sitzen die Juden in ihrem Tempel wie Pairs vor ihrem Gott, oder als wären sie auf der Börse, und ziemliche Ungeniertheit herrscht beim Singen und Beten, da jeder singt, wann er will, oder mit seinem Nachbar plaudert. Der Vorsänger sitzt dabei auf dem Chor. Mir fiel die Hast auf, womit alle diese Gebete abgesungen oder abgemurmelt wurden. Die Frauen sitzen in einer obern Galerie, hinter einem Gitter, gleichsam im Harem, und sind nicht sichtbar.

In einem zweiten Saal wurde die Vesper gesungen. Auch er war auf das beste dekoriert und flimmerte reichlich von Lampen. Nicht platt gedeckt wie der erste, erhob er sich vielmehr stockweise übereinander in einer bizarren Kuppelform. Auf dem Chor saßen die Sänger hinter dem Vorsänger. Dieser trug einen schwarzen Talar, ein hohes schwarzes Priesterbarett, von welchem ein weißer Schleier zu beiden Seiten herabfiel. Die Einfachheit des Ornates fiel mir auf, gedachte ich des alten jüdischen Priesterkostüms, dessen wunderbare Pracht noch das päpstliche Kostüm erhalten hat. Denn der Hohepriester im Tempel Jerusalems muß an herrlicher Gewandung den Papst noch übertroffen haben. Er war, sooft er das Allerheiligste betrat, also gekleidet: gehüllt in einen linnenen Rock, über welchen ein hyazinthblaues gefranstes Oberkleid herabwallte. Goldene Glöckchen hingen abwechselnd mit Granatäpfeln an den Fransen. Eine Binde von fünf Gürteln aus Gold, Purpur, Hyazinth, Scharlach und Byssus befestigt das Oberkleid. Eine Schulterbekleidung in denselben Farben, doch reich an Gold, von schildförmigen goldenen Spangen mit Sardonyxen geschlossen, kam dazu, ferner die Urim und Thummim aus zwölf köstlichen Steinen. Auf dem Haupte trug er die Tiara aus Byssus, mit Hyazinth durchwoben, um die Tiara lief ein goldener Kranz mit den Schriftzeichen «Jehovah». So beschreibt Josephus das Kostüm des Hohenpriesters, und man sieht wohl, daß er stattlich genug muß ausgesehen haben.

Die Chorsänger sangen die Vesper ganz vortrefflich, während der Vorbeter pausenweise betete und das Gesicht in den Schleier barg, bitterliches Weinen ausdrückend. Die Gesänge waren harmonisch, doch nicht von altem Gepräge, sondern doch vielmehr modern und im Stil der Oratorien. Schöne Knabenstimmen, prächtige Bässe – und so war denn auch in dieser Vesper im Ghetto der Einfluß Roms zu erkennen, und auch das Judenvolk hatte sein Miserere aufzuweisen. Nicht wenig fühlten sich diese Menschen erhoben und glücklich, daß auch sie in ihrem Winkel eine Kunstproduktion zu leisten vermochten. Gespendetes Lob wurde mit sichtbarer Freude aufgenommen; der Gast, neben den sich ein jüdischer Jüngling gestellt hatte, hörte mit Vergnügen, wie sein reichlich ausgesprochenes Lob von diesem weitergesagt wurde. «Was hat er gesagt?» – «Er hat gesagt: ‹Herrlich ausgeführt ben bene, eccellentissime, ihr habt eine Sixtinische Kapelle.›»

Doch hier brechen wir ab. Es wollten diese Blätter dazu beitragen, irgendeinen Kundigen zu einer ausführlichen Darstellung der Geschichte der Juden Roms anzuregen. Dieses Stück römischen Altertums ist schreibenswerter als manche unfruchtbare Untersuchung. Die Entwicklung des römischen Christentums von der ältesten Zeit her begleitend, möchte eine Geschichte des Ghetto wohl geeignet sein, einen Teil der Geschichte der Zivilisation überhaupt zu vervollständigen.

Den Verfasser dieser Abhandlung reizte sie, zu schreiben, nicht die bürgerliche Judenfrage, vielmehr allein die Grellheit des Gegensatzes zwischen dem historischen Christentum und dem historischen Judentum hier in Rom. Der Charakter dieser Stadt der Städte, wie er sich dem heutigen Beobachter darstellt, trägt das Gepräge der drei großen Kulturperioden des menschlichen Geschlechts: des Judentums, des Antiken und des Christentums. Man kann sie kaum mehr scheiden, so sehr sind sie ineinandergewachsen, und so sehr hat der christliche Kultus das Jüdische und das Antike in sich vereinigt. Von den Anschauungen des Altertums nicht zu sprechen, so durchwandere man doch Rom und seine Herrlichkeiten; überall springt in die Augen Geist und Gestalt des Hebräertums, selbst auf den Gipfeln der christlichen Kunst. Ist es die Skulptur, so ist mit das Höchste, was christliches Genie in Marmor schuf: der Moses des Michelangelo auf dem Grabmal des Papstes Julius' II. Ist es die Malerei: Stanzen und Loggien des Raffael, die Kapelle des Sixtus und so Ungezähltes sind voll von Darstellungen des Testaments der Juden. Ist es die Musik: was als Höchstes und als Tiefstes der Musik in der Karwoche gesungen wird, die Lamentationen und das Miserere, sie sind die Klagelieder Jeremiä und die Psalmen der Juden. Und von diesem Volk, welchem das Schicksal die Urkunden der Menschheit anvertraute, und dem das Christentum gleichsam von seinem Eigentum hinweggenommen hat, lebt hier im Ghettowinkel einer der ältesten und historisch merkwürdigsten Reste, an welchem die Geschichte seine große tragische Ironie vollzogen hat. Doch hat auch dieses also verachtete Volk seine eigene Ironie an der politischen Welt vollzogen, indem es zu allen andern Symbolen seiner Religion noch ein anderes mächtiges in die politische Geschichte hineingesetzt hat – ich meine das goldene Kalb, um welches die anleihebegehrende Welt tanzt, wie das geweissagt, geschrieben und dargestellt ist in den Büchern Mosis, des Propheten.

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