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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Auch Leo X. Medici, dessen Huldigungsfeier im Jahr 1513 die glänzendste war, die je ein Papst erlebte, empfing die Juden am Kastell Sant Angelo. Der Zeremonienmeister Paris de Grassis beschreibt die Szene. Die Juden standen am Tor des Kastells auf einem hölzernen Gerüst, welches mit Goldbrokat und seidenen Teppichen bedeckt war, und worauf acht weiße Wachskerzen brannten. Dort hielten sie die Gesetztafeln. Als der Papst auf seinem weißen Roß vorbeigeritten kam, baten die Juden um die gewohnte Bestätigung. Er nahm das offene Buch aus ihren Händen, las darin und sagte darauf: «Wir bestätigen, aber wir stimmen nicht bei (Confirmamus sed non consentimus)»; dann ließ er das Buch zur Erde fallen und setzte seinen Zug fort.

Dies war das letzte Mal, daß die Zeremonie am Kastell stattfand; seitdem wurde sie durch den vorgeschrittenen Geist der Zeit oder durch andere unbekannte Ursachen abgeschafft.

Dagegen gab man nun den Hebräern auf, einen Teil der Straße, durch welche der päpstliche Zug schritt, mit kostbaren Stoffen auszuzieren. Beim Fest der Besitznahme Gregors XIV. (1590) mußten sie den Abstieg vom Kapitol und den Bogen des Septimius Severus mit Teppichen bedecken. Bald darauf wurde es Regel, daß sie den Titusbogen und die Straße bis zum Kolosseum ausschmückten. So mußten sie den Schimpf leiden, dasselbe ihnen verhaßte Triumphtor zu verzieren, welches einst dem Zerstörer Jerusalems erbaut worden war.

Dies geschah bei den Thronbesteigungen aller folgenden Päpste. Jedesmal schmückten die Juden den Titusbogen, und sie mußten auf die Tapeten Embleme heften, welche sich auf den Papst bezogen und mit lateinischen Sprüchen aus dem Alten Testament bezeichnet waren. Die Embleme, in der Regel 25 an der Zahl, waren höchst sinnreich und in ihrer phantastischen Bildersprache echt orientalisch. Es wurde also vorgestellt der Myrtenbaum, der seinen Balsam freiwillig niederträufelt, ohne vom Messer geschnitten zu sein; dazu der Spruch: «Beatus rex qui nobilis est» (Gesegnet sei der Fürst, der edelmütig ist). Ferner der Pelikan, welcher seine Brut mit dem eigenen Leben tränkt: «Er verschwendete und gab's den Armen.» Psalm 112, 9.

Eine Palme von der Sonne beschienen; darüber: «Recht wie die Palme wirst du blühen»; darunter: «Dein Einzug wird gesegnet sein.» Das Rhinozeros, welches sein Horn in eine Quelle taucht, eine offene Meermuschel, der Vogel Phönix und ein Regenbogen, ein fressender Schwan, reifes Korn, Bienenschwärme, der Maulbeerbaum, eine bekränzte Harfe, ein Meer mit singenden Sirenen, darüber der Himmel, gegen welchen viele Nachtigallen fliegen; darunter der Spruch aus dem Jesaias: «Zusammen singen sie.»

Diese Bildersprache erinnert an ähnliche Huldigungsfeierlichkeiten der sizilischen Araber, wenn sie ihre Herren, die normannischen Könige, beglückwünschten. Mit Jammer und Tränen hatten die Juden solche Teppiche ihrer Schmach gestickt, und wenn sie vom Titusbogen in ihren schmutzigen Ghetto zurückkehrten, reinigten sie sich gewiß mit jeremiadischem Wehgeschrei und mit Gebeten von dieser Huldigung gegen den Statthalter Christi.

Eine Wahrnehmung ist jedoch höchst merkwürdig. Auch in das Vorstellen des Judentums drang mitten im antiken Rom die Mythologie der Heiden ein, und besonders in jener Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts, wo die Götter des Olymps seit Raffael und Leo X. und seit dem Studium des Altertums die Welt wieder beherrschten. Was ist ergötzlicher und widerspruchsvoller, als diese Richtung auch in den Juden Roms sich abspiegeln zu sehen, vor allem im 18. Jahrhundert, in dem goldenen Zeitalter des barocken Parnasses! Da werden auch ihre Embleme mythologisch, ihre Huldigungsgedichte reden vom Apoll und von den Musen, und indem sich so Antikes und Alttestamentliches vermischt, wird die Verwirrung des Vorstellens wahrhaft komisch und der Widerspruch noch größer, wenn man bedenkt, daß diese Gedichte und Embleme vom Volk Israel einem Papst gewidmet sind. Die meisten mythologischen Embleme finden sich unter denen, welche die Juden Pius VI. und Pius VII. darbrachten. Man sah Herkules, aus dessen Mund Goldketten gehen, womit er die Völker anzieht, und darunter den Bibelvers: «Die Lippen des Frommen tönen von Anmut.» Sprichwörter 10, 32. Man sah den Berg Parnaß auf der einen Seite und von der andern eine Plattform, bedeckt mit Tapeten, worauf Pferde und Maulesel Korn fressen, mit dem Spruch aus Hiob: «Vor dem Zugvieh lehrt er uns.» Die barockste Zusammenstellung, welche denkbar ist: Parnaß, Maulesel und Hiob. Man sah die Juno mit einer Lilie, den Atlas, der die Welt trägt, Minerva mit dem Ölzweig, einen Tempel, worin Merkur mit den drei Grazien stand, und worunter zu lesen war: «Er wird solche nicht ihres Guts berauben, welche in Reinheit wandeln.» Psalm 84, 12. Von allen mythologischen Göttern war freilich Merkur, der Patron der Kaufleute und Wechsler, der Rothschild unter den olympischen Göttern, diejenige antike Figur, welche dem Ghetto die verständlichste sein mußte. Mehr oder weniger bezogen sich diese Embleme des armen Volks doch immer auf eine und dieselbe Vorstellung, Geld und wieder Geld, daher auch die Hörner der Amalthea, aus denen Goldmünzen, Wein und Brot geschüttet werden, sehr beliebt waren.

Dem Papst Pius VII. Chiaramonti verehrten die Juden alle ihre Embleme und Mottos, gebunden in ein kostbares, in Miniatur gemaltes Büchlein, welches ihm der Rabbi Leone di Leone d'Ebron in Venedig überreichte, langen Bartes, in einem Kaftan und mit einem orientalischen Turban. Die Überschrift des lateinischen Huldigungsgedichts im elegischen Versmaß lautete:

Pio Septimo P. O. M.
Qua die imperii gubernacula solemniter suscipit
Quod Bonum felix faustumque sit
Festivissima Hebraeorum universitas D. D. D.

Man sieht, die klassischen Juden von Rom hatten nicht fruchtlos an der Halle der römischen Oktavia gewohnt. Das Gedicht selbst aber begann zuerst echt jüdisch mit dem O weh, und ging dann zum Apollo und dem Papst selbst fort:

O me si cithara plectroque juvaret Apollo,
    Concinerem summi maxima regna Pii,
Meque peregrinis audiret versibus uti,
    Quidquid habet tellus, quidquid et axis habet.
Principis astra super ferrem clarissima facta,
    Queis comes it recti non temerandus amor:
Quippe suis, velut illa, polo fulgoribus umbras
    Dimovet, e vultu quos radiante jacit.
Est pro me Pindi veniant et culmine Musae
    Quas cecinit vatum fabula Graeca deas.
Hae resona fundant solemnia carmina voce,
    Tympana pulsantes, sistra lyrasque manu,
Hae Themidis celebrent servantem jura decorae,
    Qua duce subjectis imperat agminibus:
Candoremque sinus dantis cum pace salutem,
    Viribus ingenii, pondere consilii.
Magnanimis nitit ille notis, prudentibus aeque,
    Ne summum videat gloria tanta diem!
Culmina Gregorium nutu qui celsa creavit,
    Sospitet, omnigenis condecoretque bonis.
Edat, ut arbor aquae prope rivos consita, fructus,
    Et diadema suum vinciat usque caput.
Hic niteat solusque, ferax sit dactilus ipse:
    Adspiciat laetos ire, redire dies.
Gaudeat urbs, precibus nunquam non acribus instet,
    Ut sibi sint Pacis munera juncta Piae.

O daß mir Apollo mit Zither und Plektron hülfe, darin würde ich besingen die gewaltige Herrschaft des erhabenen Pius, und er würde mich in fremden Versen künden hören von dem, was auch immer die Erde trägt und sich um ihre Achse dreht. Die herrlichsten Taten des Fürsten würde ich über die Sterne hinaustragen, denen zur Seite geht nicht zu erschütternde Liebe des Rechten. Den Sternen gleich entfernt er durch den Glanz seines strahlenden Blickes vom Himmelsgewölbe die Schatten. O daß an meiner Stelle Männer wie Pindar kämen und von ihrem Gipfel die Musen, die die griechische Sage besang als Göttinnen der Dichter. Möchten sie feierliche Lieder mit wohltönender Stimme anstimmen, die Zimbeln schlagen, die Sistren und die Leier. Möchten sie feiern den Hüter der Rechte der erhabenen Themis, unter deren Führung er seinen Heerscharen befiehlt. Möchten sie feiern den Glanz seines Friede und Heil spendenden Herzens, Gaben seines kraftvollen Geistes und seiner gewichtigen Einsicht. Jener glänzt durch seine bekannte wie kluge Großmut, und nimmer möge so großer Ruhm enden. Hüter möge er sein jener durch Gregors Wink geschaffenen Höhe und eine Zierde in allen guten Eigenschaften. Gleich dem Baume an Wasserbächen möge er Frucht spenden, und immerdar möge sein Haupt das Diadem schmücken. Hier möge er allein glänzen und selber ein fruchtbarer Dichter sein. Fröhliche Tage möge er kommen und gehen sehen. Es freue sich die Stadt und nie möge sie von inbrünstigen Gebeten lassen, auf daß sie immer besitze die Geschenke eines Piusfriedens.

Ein reichgebundenes Buch, worin Embleme und Gedichte aufgeschrieben waren, hatten die Juden von Pietro Paoletti, einem Maler aus Belluno, für Gregor XVI. malen lassen, weil dieser Papst aus Belluno gebürtig war. Der Papst schenkte es hierauf dem Kapitel der Kathedrale seiner Vaterstadt als Auszeichnung. Auch dem jetzt regierenden Pius IX. wurde ein ähnliches Büchlein überreicht; der römische Rabbi, ein im Schreiben sehr geschickter Mann, wie mir die Hebräer versicherten, hatte darin kunstvolle Embleme und Sprüche aus der Bibel geschrieben, und es war so köstlich ausgeziert und gebunden, daß es gegen 500 Skudi soll gekostet haben.

Solches waren also die durch Lokal und römische Färbung ausgezeichneten Judenzeremonien bei päpstlichen Huldigungen. Aber auch unter andern Verhältnissen fand Ähnliches statt; denn in Korfu, so wird in Moronis «Dizinario» erzählt, beglückwünschten die Juden den neugewählten Erzbischof mit großer Feierlichkeit. Als im Jahre 1780 Francesco Maria Fenzi seinen Einzug in Korfu hielt, sah man ein seltsames Schauspiel von den Juden aufführen. Ihren Zug eröffnete ein Jude in italienischer Kleidung mit einem Feldherrnstab, ihm folgten drei Juden als die drei Erzväter mit längeren Stäben; dann zwölf italienisch gekleidete Jünglinge, die zwölf Stämme darstellend, ein jeder einen silbernen Apfel in der Hand; hinter diesen andere zehn Jünglinge mit dem Mantel Talet über den Schultern, darstellend die zehn weisen Rabbiner, die Konservatoren des mosaischen Gesetzes zur Zeit Cäsars. Es folgten elf Jünglinge mit Blumen in den Händen, die elf Brüder Josefs, und vier Diener, gleich als gingen sie zum König Pharao. Hierauf acht Männer mit Gefäßen und Palmen, die acht Konservatoren des Gebots der Beschneidung; sodann 24 Juden, die Doppelzahl der Stämme, mit silbernen Geräten und Becken und Handschuhen in den Händen, die Blüte Israels darstellend. Es folgte ein Zug von 48 anderen Juden mit Pelzmützen; diesen aber sechs Vorsänger, die aus Büchern Psalmen sangen. Hierauf vier Juden in großen Perücken und Stäben; diesen folgten 15 Judenjünglinge mit den Urim und Thummim auf der Brust; weiter ein Zug mit Früchten und Palmen, worauf wieder Vorsänger. Sodann die vier hohen Priester: Moses, Aaron, David und Salomon, ihnen folgten die Leviten. Es schritten dahinter die drei Männer aus dem feurigen Ofen. Den Zug schloß der steinalte Großrabbiner, welcher wie das leibhaftige Fasten aussah, in einem langen weißen Gewande, ihm zur Seite zwei Greise, Becken voll Blumenblättern in den Händen haltend. Dahinter wurde der Pentateuch getragen, behängt mit Schellen, Äpfeln, Kronen und anderem Schmuck von Silber, unter einem weißen Baldachin, welchen vier Großjuden hielten. An sechs Orten der Stadt wurde der Pentateuch geöffnet, wobei alles Judenvolk ein lautes Geschrei ausstieß, und die Blumen aus den Becken über das Gesetz geworfen wurden. Die zur Erde fielen, rafften Judenweiber auf und verwahrten sie als Heiligtum in ihrem Busen. Vier Ordner hatte der Zug selbst, in Erinnerung der vier Gefangenschaften Ägyptens, Babylons, Roms und der Gegenwart. Der Erzbischof endlich wurde neben dem Dom auf einer kostbar ausgezierten Loge von 16 Juden empfangen, er stand aufrecht mit der Mitra und dem Bischofstabe; und nachdem ein Jude sich das Haupt mit dem Hut bedeckt und den Talet darübergezogen hatte, rezitierte er ein Kompliment, welches Monsignore in ähnlicher Weise erwiderte.

Man sieht, eine so prächtige Prozession in echt national-jüdischem Charakter konnte wohl in Korfu gehalten werden, aber niemals in Rom. Hier, wo das Christentum oder dessen Kultus wesentlich in der Form der Prozession auftritt, hätte ein national-hebräischer Aufzug das Volk belehrt, daß der katholische Pomp in seiner größeren Hälfte, wo er nicht entweder altheidnisch oder mittelalterlich-christlich, doch nur ein Abbild alter Judenprozessionen sei. Doch war nicht dies der Grund, warum die Juden in Rom nicht so feierlich auftraten; von ihm zu reden wäre überflüssig. Eine mosaische öffentliche Darstellung hätten die römischen Gassenjungen gesteinigt, und sie würde in dem Meer des Volksspotts ertrunken sein. Auch hüteten sich die Juden wohl, Gold und Silber sehen zu lassen, und erschienen sie im Aufzug vor den Päpsten, so trugen sie nur zur Schau Armut und bürgerliches Elend, Angst und Zittern und jammervolle Knechtsgebärden.

Wir kehren nun zu den Schicksalen der Juden unter den Nachfolgern jenes Paul II. zurück, welcher die Hebräer beim Karneval zuerst rennen ließ. Bald bedrückt und bald erleichtert, wie namentlich von Paul III. Farnese, einem Römer, entschied sich ihr Schicksal unter der Regierung Pauls IV. Dieser Neapolitaner aus dem fanatischen und gewalttätigen Hause Caraffa, Theatiner, Inquisitor, Begründer der Marterkammern und der Zensur in Rom, ein schonungsloser Reformator von eiserner Härte, war kaum auf den päpstlichen Stuhl gelangt, als er im Jahr 1555 die Bulle «Cum nimis absurdum» erließ, welche die Stellung der römischen Judenschaft regelte. Er widerrief alle früheren Privilegien der Hebräer, er untersagte ihren Ärzten, Christen zu behandeln, verbot ihnen jegliches Gewerbe und Handwerk, den Kauf unbeweglicher Güter; er vermehrte ihre Tribute und Abgaben und untersagte ihnen den Verkehr mit den Christen. Selbst den Titel Don, welchen einzelne Juden nach spanischer und portugiesischer Sitte sich beilegten, verbot er. Sie völlig von den Christen zu scheiden, legte er ihnen auf, sich außerhalb des Ghetto nicht anders sehen zu lassen als mit einem gelben Hut und gelben Schleier, jener für den Mann, dieser für das Weib, «denn», so sagte die Bulle, «es ist gar zu abgeschmackt und unziemlich, daß die Juden, welche eigene Schuld in ewige Knechtschaft gestürzt hat, unter dem Vorwand, daß christliche Barmherzigkeit sie aufgenommen, sich Frechheiten anmaßen, als mit Christen vermischt zu wohnen, kein Abzeichen zu tragen, christliche Diener zu haben, ja sogar Häuser zu kaufen».

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