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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Auf der Navona traf alles zusammen, um die größtmögliche Lächerlichkeit zu erregen, der platte Dialekt und das schon von Natur entsetzliche Spiel der Schauspieler, namentlich der Francesca selbst. Indem sie die tragischen Rollen, welche der Dialekt lächerlich macht, ernst spielten und von dem Kothurn immer wieder auf die Socken fielen, glichen sie jenen Schauspielern von Pyramus und Thisbe. Der alte Guido von Ravenna hatte sich einen Buckel gemacht und spielte in samtenen Hosen und in Hemdärmeln als Kobold. Die unglückliche Francesca glich einer von Gesundheit strotzenden Milchmagd, und Lanciotto und Paolo hatten Figur und Art von zwei ledernen Raufbolden, welche schimpfend und schreiend die Plempen ziehen. Sie spielten jedoch mit vollem Ernst und in unveränderter Handlung des Stücks, nur war jede erhabene Sentenz ins Trasteverinische nicht allein dem Wortlaut, sondern auch dem Gedankenausdruck nach herabgestimmt. Dieselbe Tragödie war stehengeblieben, aber sie war nach dem Rechte des Karnevals in eine Hanswurstjacke gesteckt, und die Muse der Tragödie hatte sich gleichsam das Gesicht beschmiert und sich mit Kohle einen Schnurrbart angemalt.

Der Fremde, welcher in die Unterschiede des reinen Italienisch und des Trasteverinisch nicht eingeweiht ist, lacht nur über die Verhunzung des Tragischen selbst, der Römer aber lacht über den Dialekt. Es ist ein ganz lokalrömisches Vergnügen. Als einmal der alte Herr von Ravenna zur Francesca sagte: «State mosca!», brach das Publikum in ein schallendes Gelächter aus. Ich fragte einen neben mir sitzenden jungen Menschen, der sich in Lachkrämpfen wand: «Warum lacht ihr denn eigentlich?» – «Mosca», sagte er, «o mein Gott! So sagen sie ja in Trastevere statt zitto (stille).» Statt «niente» (nichts) sagt der Dialekt «nientaccio», wie überhaupt das accio und uccio ein vorherrschendes Anhängsel in Trastevere ist, und jedesmal erregte das ein schallendes Gelächter.

Der Dialekt liebt, wie jede platte Mundart Italiens, das ne anzuhängen und die Verbalendungen are und ire zu verschlucken, er sagt deshalb andane und partine statt andare und partire. Ebenso verwandelt er das l gern in r und sagt also statt del teatro: der teatro. Indes verstellte man auch die Ausdrucksweise ins Platte; Lanciotto sagte einmal zu Paul: «Warte, ich will dich zerhacken wie eine Wurst.» Bei Silvio Pellico schließt das Stück: «Es ist genug Blut, daß die Sonne, wenn sie wiederkehrt, schaudert»; im Dialekt hieß es: «daß die Sonne, wenn sie wiederkehrt, das Zipperlein kriegt». Die Stelle im Dante, wo Francesca und Paul die Liebesgeschichte von Lancelot und Ginevra lesen, wurde so travestiert, daß gesagt wurde: «Wir lasen eines Tags die schöne Geschichte von Chiarina und Tamante.» Dies ist nämlich eine Liebesgeschichte aus Korsika, welche als fliegendes Blatt durch ganz Italien verbreitet ist und hier überall verkauft wird, wie bei uns die neuen Lieder.

«Was würden wohl Dante und Silvio Pellico dazu sagen, wenn sie diese Tragödie auf den Brettern in solcher Form sähen?», so fragte ich einen meiner Nachbarn. Der Mann sah mich verwundert an, und nachdem er begriffen zu haben schien, was ich meinte, sagte er: «Eh! Si vuol ridere.» Ich habe nun in Wahrheit kaum etwas Lachenswürdigeres gesehen als jene Szene, in welcher Lanciotto den Bruder und sein Weib ersticht, und wie diese beiden Liebenden nun niederfallen, Paul zur Francesca, welche hier Checca heißt, sagt: «Checca, verzeihe mir – ach, sie ist kaput! – nun bin ich auch kaput», und wie der Signor von Ravenna, buckelig, in samtmanchesternen Hosen und in Hemdärmeln an den Leichen steht und zu Lanciotto sagt: «Genug Blut, daß die Sonne, wenn sie wiederkehrt, davon das Zipperlein kriegt.» Der Vorhang fällt. Man kann im Theater Emiliani auch Medea im dialetto romanesco vorstellen sehen, oder sich an der «Didone abbandonata» ergötzen, worin Äneas als der mythische Ahnherr der Römer dem Volk mit heroischen Erinnerungen schmeichelt. Doch sei dessen genug.

Damit aber der Leser die Trasteveriner Sprache vor sich habe, gebe ich hier den Anfang des Theaterzettels:

Teatro Emiliani
In Piazza Navona
Invito Strasordinario

Per la sera der giorno de Giuvedine 27 Gennaro der mille ottocento cinquantatrene. A Benefiziamento della prima donna Pantomimica assoluta Marietta Descarsi.

Man wird, wie der Zettel sagt, geben den

Purcinella Impicciato in tra' una Mucchi de Sorci, dopo na nova pantomimica tutta de spettacolo, fadica d'un regazzino granne de 5 anni e questa se chiama Er Naufragiamento de Tom-Pusse.

In der Camerata Lunga wird man an demselben Abend geben das erste Stück von neuem, dann ein «Balletto in punta e tacco», hierauf den «Capo d'Opera der Sor Pietro Metastasio Didone abbandonata», endlich die «Pantomimica er balletto». Darum, so schließt der Zettel, kommt und lacht und macht auch die Schauspielerin lachen, deren Benefiz es ist, und sie wird euch zum Lohn alles geben, was sie in der Brust verschlossen hat (tutto quello che tie chiuso nder petto).

Dante nennt in seinem Buch «De vulgari eloquentia» den römischen Dialekt den häßlichsten von allen Dialekten Italiens.

Die beiden Marionettentheater auf der Montanara und auf Sant'Apollinare und das rezitierende Theater Emiliani sind also die eigentlichen römischen Volkstheater mit ganz lokalem Gepräge. Dazu kommt noch im Winter das große Theater Alibert für Spektakelstücke und mit dem Beginn der schönen Jahreszeit das Volkstheater im Mausoleum des August.

Alle übrigen Theater haben nichts eigentlich Nationelles mehr. Nur Capranica steht noch in der Reihe der Volkstheater, macht aber schon den Übergang zu den größeren. Man gibt hier Tragödien und Komödien, Ritter- und Räuberstücke, Singspiele, Pantomimen, Ballette jeder Art. Die stehende lustige Person ist der Stenterello, eine toskanische Figur ohne stereotype Maske, überhaupt nur der Lustigmacher, welcher auch in den Rührspielen nicht fehlen darf. Er ist der Pulcinella der rezitierenden Volksschauspiele in ganz Ober- und Mittelitalien, und selbst das Teatro Emiliani hat ihn neben demselben aufgenommen. Einen guten Stenterello haben gilt für das toskanische Volkstheater dasselbe, was ein erster Tenor und eine Primadonna für die Oper sind. Die Theaterzettel kündigen ihre Stücke jedesmal mit dem Zusatz con stenterello an, wie auf den Marionettentheatern die Stücke immer angekündigt werden: con pulcinella.

Außer Capranica spielen noch die Theater Torre d'Argentina, Valle, Tordinone oder Apollo. Das Apollotheater ist das Opernhaus; in der Wintersaison brachte es den «Trovatore» von Verdi. Valle ist das größte Theater für rezitierendes Schauspiel; eine gute Turiner Gesellschaft spielt hier seit Ostern und begeistert das Publikum durch die im tragischen Fach ausgezeichnete Signora Ristori. Man spielt hier, wie bei uns, viele französische Bühnenstücke, bisweilen auch Dramen Kotzebues, und höchst selten gehen Goldoni, Silvio Pellico und der zensurwidrige Alfieri über die Bühne. Alle diese Theater entziehen sich dem Bereich der Figurenwelt dieser Blätter.

Wir wollen also den Vorhang fallen lassen und die Puppen samt und sonders wieder in die Schachtel legen. «Ebenso», sagte einst Don Quichotte, «geht es in der Komödie und in der Darstellung dieser Welt, wo etliche Kaiser spielen, andere Päpste, und kurz, eben so viele Figuren, als nur in der Komödie auftreten können; wenn es aber zu Ende ist, wenn das Leben nämlich aus ist, zieht der Tod allen die Kleider aus, nach welchen sie sich unterscheiden, und in ihren Gruben sind sie alle einander gleich.»

Und so sehet hier, meine Freunde, eine römische Figur, die ihre Rolle ausgespielt hat und jetzt auf dem Paradebette zwischen brennenden Kerzen öffentlich ausgestellt daliegt, starr und tot, neugierig begafft von dem herzudrängenden Volk, von Menschen des niedrigsten Standes, die, als jener Mann lebte, ihm nicht in die Augen zu sehen wagten und scheu den Hut zogen, wenn er in seiner Prachtkarosse vorüberfuhr. Es ist ein Kardinal. In einem Zimmer des Palasts der Consulata liegt er über dem Paradebette an der Wand in seiner roten, fürstlichen Gewandung. Wie wenig Prunk um diesen Mann, der einst den römischen Staat gelenkt hat und dessen Lebensgeschichte mit den größten Weltereignissen sich verzweigte.

Das Zimmer ist klein und nicht zu sauber. Betrachtet die Behänge seines Paradebettes, sie sind von schwarzem Taft, sie haben schon manchem Kardinal gedient; denn sie sind alt und abgebraucht, schmutzig, zerrissen und hie und da geflickt. Ein paar Kerzen brennen. Ein Priester murmelt an einem Pult Gebete. Ab und zu strömt das Volk herein: Arbeiter von der Straße, Weiber und Kinder, und sie gaffen dem Toten mit dumpfer Gleichgültigkeit ins blasse Angesicht. Er liegt da wie eine rote umgestürzte Porphyrsäule eines Tempels. Sein Haupt ist groß und wie aus Stein gehauen, steinalt und von spärlichem Haar umsilbert; seine bleichen Züge drücken noch festen Willen und ruhige Ergebung aus. Über diesem Haupte schwebte im Jahre 1846 die Papstkrone, der Gegenstand langgenährter Hoffnung. Als Gregor XVI. gestorben war, zweifelte niemand an der Wahl dieses berühmten Staatsmannes, des Ministers Gregors, Erzbischofs von Genua, Großpriors der Malteser und Abts von Farfa, der einst Nuntius in Paris gewesen war. Viele Kardinäle waren seine Kreaturen, sein Anhang in Rom sehr groß. Als nun das Konklave beisammen war und man zur ersten Abstimmung schritt, fielen auf ihn die meisten Stimmen. Er zweifelte nicht an seiner Wahl, in der Stille seines Herzens trug er schon den Namen, den er sich als Papst hatte geben wollen. Aber die Papstwahl ist wie das Spiel einer Lotterie, und jener Kardinal zog eine Niete. Ein Mann, welcher einst an seine Tür in Genua geklopft hatte, demütig um seine Gnade und seine Beförderung bittend, der arme Graf Mastai Ferretti, gewann die Papstkrone, und der Greis Lambruschini fiel vor ihm auf die Knie und küßte die Füße Seiner Heiligkeit.

Da liegt nun Lambruschini, der stolze unbeugsame Genuese, der einst niemand neben sich geduldet und eigentlich statt Gregors geherrscht hatte, ein Mann von großer Energie und eine despotische Natur, von der unerbittlichen Strenge eines Mönchs, unzugänglich den Leidenschaften der Welt, nur auf die Herrschaft der Kirche bedacht, noch einer der wenigen aus der alten Zeit und alten Schule. Fünf Päpste hatte er erlebt, der sechste nahm ihm die Krone. Und welche Stürme der Geschichte von der Französischen Revolution bis auf die jüngste von 1848 hatte er nicht erfahren, welche Erscheinungen, welche Personen, Kaiser, Könige und Fürsten, Gewaltherrscher und Entthronte waren nicht einst an ihm vorübergegangen! Im Papismus alt und grau geworden, das Haupt der Kirchenabsolutie, mußte er auch noch die letzte Revolution erleben, die Pio Nono mit den Reformen selbst hervorrief; wie ein Verbrecher mußte der alte Mann, schon an der Schwelle des Grabes, aus Rom entfliehen. Ich sah ihn oft bei Kirchenfesten, wenn er vor Alter zusammengesunken, gebeugt und zitternd, ehrwürdig wie ein Patriarch, in der Prozession einherwankte oder in die Sixtinische Kapelle geführt ward. Aller Augen waren dann auf ihn gerichtet, und es lief ein Murmeln durch die zuschauende Menge: «Das ist Lambruschini!»

Hier nun steht der zerlumpte Bettler und Handlanger von der Straße frank und frei an seinem Paradebette und gafft ihn an: «Ecco Lambruschini!» So liegt er, ein gleichgültiger Gegenstand, von den Weltdingen und der Geschichte abgetrennt, eine Figur, die ausgespielt hat und nun zu den anderen Puppen gepackt wird, schon vergessen. Diese Öffentlichkeit, diese gleichgültige Beschau einer Leiche hat etwas Erschreckendes, sie zwang mich, dem toten Kardinal im stillen Nachsinnen eine Leichenrede zu halten, indem ich an seine hohe Stellung, an seine große Tätigkeit und an sein großes Zeitalter zurückdachte und sein greises Totenantlitz mit Ehrfurcht betrachtete.

Aber was kümmert sich auch das Leben um Kaiser, Könige, Päpste und Kardinäle, und was bedeuten solche Erscheinungen in Rom! Hier unter den Ruinen der Weltgeschichte wird alles, was draußen durch Größe blendet, fahl und bleich oder klein wie ein Marionettenspiel; denn hier modert eine Welt von Purpur, und die Luft ist voll von Namen toter Kaiser und toter Päpste.

Also weiter in das Puppenspiel des Lebens! Aber wohin soll ich meine Freunde nunmehr führen? Auf den Corso, wo rote und goldgestickte Teppiche aus allen Fenstern hängen, wo tausend schöne Frauen von den Balkonen herablachen und einen ganzen Frühling von Blumen herunterstreuen, wie Pfirsichbäume, wenn sie der Zephyr bewegt und ihre Blüten umherstreut? Oder sollen wir nach Sant'Antonio in die Diokletiansthermen, wo die langen Züge von buntbebänderten Pferden geweiht werden, wo wir die Equipage des Papsts und sein schönes weißes Maultier bewundern, oder die Karosse des Herzogs Buoncompagni-Ludovisi anstaunen können, deren herrliches Gespann, 16 Rosse zumal, der Wagenlenker vom Bock regiert? Doch nichts von alledem, sondern hier drängt sich uns mit unabweisbarer Allgegenwart die glänzende Erscheinung auf, welche Grasso Lucido heißt.

Aber nein! Unsere Aufmerksamkeit nimmt jener wunderliche Zug von Wesen in Beschlag, welche paarweise und feierlich daherschreiten und dem tiefsten Mittelalter anzugehören scheinen, wie dessen Gestalten von Giotto oder Ghirlandajo und Sandro Botticelli gemalt sind. Diese Männer sind von Kopf bis zu Fuß in ein langes rotes Gewand gekleidet; eine Kapuze, welche spitz zuläuft, verhüllt ihr Haupt und läßt nur die Augen wie durch die Augenlöcher einer Maske sehen. Alle sind sie barfuß. Ein Strick umgürtet ihre Lenden; einige tragen Kreuze, aber jene beiden roten Gespenster, die den Zug eröffnen, halten vor sich in beiden Händen einen Menschenschädel und Menschenknochen. So schreiten sie einher und murmeln Gebete. Es ist die Brüderschaft der roten Sacconi. Wahrlich, ihr Anblick ist von unsäglicher Bizarrheit und versetzt in die ältesten Jahrhunderte zurück. Aber es gibt auch Brüderschaften von anderen Farben, und wenn wir abends Rom durchwandern, können wir wohl mehr als einem Zuge solcher Art begegnen, diesen in schwarzen Kapuzen, jenen in himmelblauen, andern in weißen oder gelben Gewändern. Das sind römische Figuren, die man täglich sieht, und wenn sie jene menschenöden und altertümlichen Stadtviertel Roms, die Regionen Monti, Campitelli oder Trastevere durchschreiten, oder wenn die Kapuziner selbst in ihren braunen Kutten und silbergrauen Bärten mit angezündeten Wachskerzen feierlich hinter dem Kreuze oder einem Sarge voraufgehen, erfüllen sie die öden Plätze und Straßen mit schauerlicher Schwermut.

Der Kultus Roms, ja das ganze innere Leben der Stadt hat wesentlich den Charakter der Prozession, denn Rom ist die Stadt der Prozessionen. Und selbst wenn es nicht kirchliche Umzüge sind, die zumal im Sommer mit dem Mai und Juni ihren Anfang nehmen, so sind es ungezählte andere Züge von Genossenschaften, welche paarweise über die Plätze hinwandeln und überall ein feierliches Wesen verbreiten.

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