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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 26
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Das Haus von Bracciano glänzte im 15. Jahrhundert durch zwei berühmte Kriegskapitäne, durch Napoleon und seinen Sohn Virginius. Napoleon – dieser Taufname war seit alten Zeiten bei den Orsini in Gebrauch – baute das Schloß von Bracciano, sein noch dauerndes Monument. Er starb als einer der mächtigsten Feudalherren seiner Zeit zu Vicovaro im Jahre 1480.

Virginius erbte seine Güter und seinen Ruhm. Er vereinigte mit jenen auch Anguillara und Cervetri durch Kauf nach dem Sturze des Hauses von Eversus. Er war Großconnetable des Königreichs Neapel, wo er sich mit der Dynastie Aragon eng verbunden hatte. Er selbst nannte sich de Aragona. Im Dienste des Königs Alfonso II. und dann Ferdinands II. sollte er den Marsch Karls VIII. von Frankreich durch Etrurien aufhalten, als dieser König heranzog, Neapel zu erobern. Aber die Söhne des Virginius, Johann Jordan und Karl, übergaben auf Befehl ihres Vaters Karl VIII. vertragsgemäß ihre Schlösser, und dieser Abfall der Orsini aus Not öffnete dem Eroberer den Zugang zu Rom. Karl VIII. zog in Bracciano ein, wo er im Schlosse des Virginius Wohnung nahm. Er blieb dort vom 19. bis zum 31. Dezember 1494, dann rückte er mit seinem Heer gegen Rom. In Galera empfingen ihn die unterwürfigen Abgesandten der Stadt und die des Papstes Alexander VI.

In die Stürme jenes Kriegszuges, welcher das Schicksal Italiens entscheiden sollte, wurde auch Virginius, noch immer im Dienst Aragons, hineingerissen. Karl VIII. ließ ihn in Neapel gefangennehmen und führte ihn dann auf seinem Rückzuge mit sich fort. Der Orsini entrann in der berühmten Schlacht am Taro, um dann bald darauf die Fahne zu wechseln. Er trat in die Dienste Montpensiers, des Statthalters Karls VIII. in Neapel. Als nun hier nach dem Untergang der französischen Armee die Aragonen wieder den Thron bestiegen, wurde er im August 1496 trotz der Kapitulation festgenommen und in einen Kerker eingesperrt. So befahl es der Papst Alexander VI., welcher infolge der neapolitanischen Restauration den Plan ausführen wollte, die römischen Barone auszurotten.

Der Krieg der Orsini nahm indes einen unerwarteten Ausgang: er wurde zu einem glänzenden Ruhme dieses mit dem Verderben bedrohten Hauses. Während Virginius im Gefängnis zu Neapel schmachtete, wo er bald an Gift starb, verteidigten sein Schloß Bracciano der junge Alviano und sein Weib Bartolomea, die Schwester des Virginius, mit Heldenmut. Die Stürme der Päpstlichen unter dem Herzog Guidobald von Urbino und dem Sohne des Papstes Johann von Candia wurden abgeschlagen. Andere Orsini brachten Entsatz, und das päpstliche Heer erlitt im Januar 1497 eine blutige Niederlage bei Soriano. Der Papst mußte Frieden schließen. Die Orsini blieben Sieger und Herren von Bracciano wie von allen anderen Gütern im Patrimonium.

Noch einmal gerieten sie in große Bedrängnis durch Cäsar Borgia; aber auch er vermochte das feste Schloß Bracciano nicht zu erobern, und endlich befreite der Tod Alexanders die Orsini aus ihrer Verlegenheit.

Noch zwei Jahrhunderte lang dauerten sie in Bracciano, während die zweite Linie Anguillara schon im Jahre 1548 ausstarb. Pius IV. erhob Bracciano im Jahre 1560 zum Dukat, und dies zugunsten des Urenkels von Virginius, Paul Jordans, eines Mannes, in welchem die gewaltige Natur seines Geschlechts noch zum letztenmal zur Erscheinung kam. Paul Jordan Orsini war ein Mensch von ganz unzähmbarer Leidenschaft, ähnlich seinem Zeitgenossen Sampiero. Er kämpfte mit Ruhm in Lepanto. Seine Gemahlin war Isabella, die Tochter Cosimos I. von Toskana. Sie lebte meist von ihm getrennt. Unglaubliche Dinge sagte man ihr nach. Eines Tages erwürgte Paul Jordan sie mit eigenen Händen in seinem Schloß Cerreto in Valdarno, im Jahr 1576. In Rom verliebte er sich bis zur Raserei in die schöne Vittoria Accorambuoni, das Weib Perettis, eines Nepoten Sixtus' V., der noch Kardinal war. Er ließ Peretti eines Nachts am Quirinal ermorden (Juni 1583), und drei Tage nach der Tat floh Vittoria mit ihrer Mutter in den Palast Orsini zu dem Mörder ihres Mannes. Gregor XIII. verbot ihre Vermählung mit ihm und sperrte sie in die Engelsburg, wo sie bis zum Tode des Papstes im April 1585 verblieb. Am Tage, wo Sixtus V. gewählt ward, vermählte sich Paul Jordan mit Vittoria. Der Papst verbannte den Mörder seines Neffen, und der Orsini starb bald darauf im Exil. Seine Verwandten haßten Vittoria, schon um ihrer Ansprüche auf einen Teil des Vermögens willen. In Padua, wohin sie sich hatte begeben müssen, erdolchten sie eines Tags, im Dezember 1585, maskierte Männer, die in ihr Gemach gedrungen waren; dies geschah im Auftrage Lodovico Orsinis, des Herrn von Monterotondo.

Den Zweig Bracciano setzte Virginius, der Sohn Paul Jordans und Isabellas, fort, und ihn beschloß im Jahr 1698 als der Letzte dieses berühmten Hauses der Herzog Flavio Orsini. Schon zwei Jahre vorher hatte Don Livio Odescalchi, Nepot Innozenz' VII., Bracciano verkauft. Von den Odescalchi kaufte das Herzogtum am Anfange dieses Jahrhunderts der Rothschild Roms, Torlonia, doch unter der Bedingung des Rückkaufs, und dieser geschah vor wenigen Jahren, so daß der Fürst Odescalchi heute wieder Herzog von Bracciano ist.

Wir betreten nun das Schloß selbst. Eine, wie es scheint dreifache Mauer, von großer Stärke, aus Basaltstücken aufgebaut, umgab ursprünglich die Burg mit Gräben, die jetzt ausgefüllt sind. Zwei Eingänge führen in sie, einer von der Stadtseite, der andere von der Seite des Sees, gewölbte und befestigte Tore. Der Stil des Gebäudes trägt den Charakter der Frührenaissance. Die Wandflächen, die mit Peperin eingefaßten Fenster und die Zinnen erinnern durchaus an den venezianischen Palast in Rom, dessen Bau derselben Zeit angehört. Wie dort, war auch im Schlosse der Orsini der größere Hof ursprünglich von einem Säulenportikus umgeben, und dieser ist später vermauert worden. Nur ein freies auf Säulen von Tuff ruhendes Treppenhaus, welches zum oberen Stockwerk führt, ist stehen geblieben. Es zeigt, wie das Portal der alten Schloßkapelle dicht daneben, den Übergang der Gotik in die Renaissance.

Die fünf Rundtürme geben dem ganzen Bau einen imposanten Abschluß. Sie scheinen ihn wie mächtige Säulen zu stützen oder zusammenzuhalten. Ein mit Zinnen bekrönter Gang verbindet sie alle hoch oben miteinander. Draußen an den Toren wie im Hofe sieht man noch die steinernen Wappen der Orsini aus der Zeit des Baues ihrer Burg.

Eine ältliche Frau führte uns zwei Stunden lang im Innern umher, nachdem sie sich als Deutsche zu erkennen gegeben hatte, die seit 30 Jahren im Dienste des Hauses Odescalchi stehe und nun ihre Tage in der Burgeinsamkeit ruhig und zufrieden beschließe. Wir durchschritten hohe gewölbte Säle und Reihen von Zimmern, welche mit Rokoko- oder modernen Möbeln, namentlich vielen Schränken von Pariser Holzarbeiten, erfüllt sind. Diese Räume erscheinen düster und unwohnlich, nur der Blick auf den See aus den tiefen Fenstern ist schön. Die Bedürfnisse unserer Zivilisation überhaupt sind von denen jener Baronalepoche gerade so weit entfernt wie die Villa Doria Pamfili oder Albani von diesem Orsini-Schloß. In ihm konnte sich nur ein Baronalgeschlecht heimisch und wohl fühlen, welches hinter dicken Lavamauern seine barbarischen Privilegien und Leidenschaften verschanzt hielt, während der Schwarm untertäniger Vasallen und fronender Dienstmannen den Winken des Gebieters über ihr Eigentum und ihr Leben gehorsamte. Nur ehrgeizige Gedanken an Herrschaft, Macht und Krieg konnten hinter diesen Mauern atmen, aber die Stimme der Grazie und Muse ließ sich hier schwerlich vernehmen. Anders war es freilich im fürstlichen Schlosse zu Urbino, dem schönsten Monument der Renaissance Italiens, und aus derselben Epoche. Ich erinnerte mich daran in Bracciano; dort stellte der geniale Federigo von Montefeltre, der Vater jenes Guidobald, welcher dieses Schloß von Bracciano belagerte, seine berühmte Bibliothek und viele Statuen auf, und machte es zu einer der geistvollsten Akademien seiner Zeit.

In den Sälen der Orsini-Burg hängen wie fast überall in Baronalschlössern viele Familienbilder, doch meist aus dem 17. Jahrhundert. Die Porträts des Hauses Orsini würden, wenn man sie besäße und zusammenstellte, ganze Galerien ausfüllen, und in der langen Reihe der Frauenbildnisse würde jedes berühmte Herrenhaus Italiens vertreten sein. Unsere Führerin wußte keines zu benennen, was ich bedauerte. Vielleicht würde sich das Bildnis der Isabella Orsini dort vorgefunden haben. Ihr Schlafzimmer wurde uns natürlich gezeigt, obwohl diese unselige Prinzessin kaum oder nur flüchtig in diesem Schloß erschienen sein mag.

Einige Zimmerdecken sind mit Figuren von Stucco dekoriert, doch überladen und geschmacklos, andere hat Torlonia ausmalen lassen, dessen Wappen hier oft genug angebracht ist. Das Wappen eines Emporkömmlings der Geldaristokratie erscheint neben jenem des uralten Geschlechts der Orsini als Ironie der modernen Zeit auf das vergangene legitime Baronentum. Wie viele Ahnen, wie viele Kämpfe und Mühen, welche langen Geschichten von Kriegen, Friedensschlüssen, Verträgen, von Verbrechen, Tugenden und Ruhm mußten nicht erst vorausgehen, bis ein Orsini dieses Schloß baute, und ein anderer den Herzogstitel Braccianos erlangte. Dieses hatte der Bankier Torlonia nicht mehr nötig. Er war über Nacht reich geworden, und eines Tags konnte er jene ganz langweilige Geschichte einfach mit ein paar Wechseln abmachen, sein Wappen, vier goldene Sterne mit vier dicken Goldstrahlenbüscheln, neben die Rose Orsini stellen und unter den hundert bestaubten Ahnenbildern des Schlosses lächelnd als Herzog umhergehen. Denn ist die Welt nicht ein käuflicher Krammarkt und Trödel?

Unsere wackere Cicerona führte uns auf die Zinnen der Burg und auf die Plattform eines jeden Turms – die Türme sind stumpf und mit einem Estrich bedeckt, auf dem man hinter den Zinnen stehen kann. Sie zeigte uns dort die trostlose Stelle, wo einst der Graf oder Herzog über seine Vasallen und Kriegsgefangenen zu Gericht saß, auch Marterkammern und vergitterte Kerker und anderes dergleichen infernalisch baronales Rüstzeug der guten alten Zeit der Torturen und der peinlichen Halsgerichtsordnung, wo es noch keine Parlamentsdebatten über die Abschaffung der Todesstrafe gab.

Wir blickten lieber von jenem erhabenen Standpunkt auf den entzückenden Seespiegel nieder, wo drüben auch das luftige Haupt des Soracte sichtbar wird. Dann verließen wir das Orsini-Schloß, wanderten unter den hohen Eichen des Kapuziner-Klosters und durchstreiften Bracciano selbst.

Es gibt hier ein Gasthaus La Piva, wo man sehr gut aufgehoben ist. Der Verkehr ist gering. Nur im Sommer belebt er sich bisweilen durch solche Gäste, welche die nahe am See gelegenen vulkanischen Bäder von Stigliano und Vicarello besuchen wollen, deren Heilkraft schon im Altertum berühmt war.

Die Braccianer scheinen keine Industrie zu haben, außer daß nahe Eisenwerke Arbeiter beschäftigen. Wir bemerkten etrurisch geformte Krüge, mit welchen auf dem Kopfe Frauen und Mädchen zur Fontäne gingen. Diese Gefäße aus Ton werden indes nicht hier, sondern in Vetralla angefertigt, einem der Kastelle des alten Präfektenlandes.

Ich erinnerte mich, das es einst in Bracciano eine Druckerei gab, aus welcher seltsamerweise im Jahre 1624 der erste Druck der«Vita di Cola di Rienzo», dieses sehr schätzbaren Produkts römischer Geschichtschreibung im 14. Jahrhundert, hervorgegangen ist. Wie diese Druckerei nach dem verlassenen Bracciano kam, ist mir unbekannt. Heute gibt es hier von solcher Anstalt keine Spur.

Es war unsere Absicht, am Morgen des folgenden Tages längs des Sees nach Anguillara zu wandern; wir stiegen demnach den Schloßberg hinab und auf wilden Pfaden zum Ufer nieder. Anguillara reizte mich der Geschichte seiner Grafen wegen, von denen viele im 14. Jahrhundert berühmte Senatoren Roms gewesen sind.

Dort war einst Ursus Graf, der musenfreundliche und gebildete Gönner Petrarcas, den er in seinem Schlosse Capranica gastfrei aufnahm, dem er dann als Senator Roms die Dichterkrone auf dem Kapitol aufsetzte. Petrarca war ohne Zweifel von Capranica auch nach Anguillara gegangen und hatte diesen reizenden See mit Augen gesehen, an dessen Ufern die Nachtigall den Poeten herbeizurufen scheint. Hundert Jahre darauf war Graf von Anguillara der schreckliche Eversus, zur Zeit Eugens IV. und Pius' II. ein gewaltiger, weit und breit gefürchteter Dynast Etruriens. Nach seinem Tode ließ Paul II. seine elf Burgen erobern und seinen Sohn Francesco in die Engelsburg fortführen. So kam diese Linie damals zu Fall, doch ging Anguillara später an Virginius Orsini und dessen Bastard Karl über. An Eversus erinnert noch heut in Trastevere der Rest seines Palastes: ein hoher Turm, auf dessen Gipfel in der Weihnachtszeit die Krippe dargestellt zu werden pflegt, und sein Wappen an der Außenwand des Lateranischen Hospitals, für welches dieser Frevler eine fromme Stiftung gemacht hatte.

Das Wappen des Grafen von Anguillara hat zwei gekreuzte Schlangen oder Aale; wenigstens hielt ich diese Striche für Aale und glaubte auch den Namen Anguillara von den Anguille des Sees abgeleitet. Aber in Bracciano überzeugte ich mich von meinem Irrtum: man sagte mir, daß der See reich an Hechten und Karpfen (regine), doch nicht an Aalen sei; und endlich belehrte mich die Lage Anguillaras selbst, daß der wirkliche Name Angularia sein müsse, denn in Wahrheit steht dieses Kastell auf einem Vorgebirge, das im See eine Ecke macht.

Über manche sumpfige Strecken mußten wir am Ufer in der Richtung auf Anguillara fortgehen, und endlich drohte uns eine große Herde von Rindern mit prächtigen Stieren den Weg vollends abzuschneiden. Wir riefen einen Hirten herbei, der uns eine Strecke weit mit seiner Lanze beschützte und den Stieren Kommandoworte zurief. Der Mann (er war aus der Mark Spoleto und hütete um Lohn) brachte uns an einen Ort, wo er seinen einsamen Thron aufgeschlagen hatte. Es war dies eine Höhlung am Ufer, die ein Baum überschattete. Wir setzten uns daselbst nieder und betrachteten mit Entzücken den blauen See vor uns, aus welchem hie und da Fische emporschnellten, und die idyllischen Herden von Rindern und Pferden, die weit und breit das Ufer belebten. Sie suchten das Wasser, um sich daran zu kühlen, aber bisweilen gerieten sie in Bewegung und rannten brüllend am Ufer hin, wenn die böse Sumpffliege, die Bremse der Io, sie peinigte.

Wir gaben die Wanderung nach Anguillara ungern auf; denn so nahe der Ort wegen der Transparenz der Lüfte erschien, so entfernt lag er doch von uns, und außerdem hätten wir uns weiterhin den Weg durch Moore und den Buschwald von Mondragone bahnen müssen, welcher dort bis zum See hinabzureichen scheint. Wir kehrten nach Bracciano zurück über einsame Uferhöhen, wo im Gebüsch der Schluchten die tuskische Nachtigall so reizend singt, wie nur immer ihre lateinische Schwester am See von Nemi. Wahrhaft befriedigt und erfrischt, machten wir uns nachmittags wieder nach Rom auf. Diese Fahrt dauerte nur fünf Stunden.

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