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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Im Golf Juan, am 1. März 1815.

Napoleon,
durch die Gnade Gottes und die Konstitutionen des
Kaiserreiches, Kaiser der Franzosen.

1. An die Armee!

Soldaten! Wir sind nicht geschlagen. Menschen, die aus unsern Reihen hervorgingen, haben unsere Lorbeeren, ihr Land, ihren Fürsten, ihren Wohltäter verraten. Dürfen diejenigen, welche wir während 25 Jahren ganz Europa durcheilen sahen, um uns Feinde zu erwecken, welche ihr Leben zugebracht haben, gegen uns in den Reihen der fremden Heere zu kämpfen, indem sie unser schönes Frankreich verfluchten, dürfen sie den Ruhm haben, unsere Adler in Ketten zu schlagen und zu meistern, sie, die ihren Anblick nie auszuhalten vermochten? Sollten wir dulden, das sie die Frucht unserer glorreichen Mühen ernten? daß sie sich unserer Ehre, unserer Habe bemächtigen? daß sie unsern Ruhm verleumden? Wenn ihr Reich dauerte, alles wäre verloren, selbst das Andenken unserer denkwürdigen Schlachten. Mit welchem Eifer entstellten sie dieselben, suchen sie das zu vergiften, was die Welt bewundert! Und blieben noch Verteidiger unsers Ruhms übrig, so sind sie unter den Feinden selbst, welche wir auf den Schlachtfeldern geschlagen haben. Soldaten! in meinem Exil hörte ich eure Stimme; ich bin da, über alle Hindernisse und Gefahren hinweggegangen – Euer General, durch die Wahl des Volks zum Thron berufen und auf euern Schilden erhoben, ist euch wiedergegeben. Kommt, vereinigt euch mit ihm! Reißt die Farben herunter, welche die Nation geächtet hatten, und um welche sich seit 25 Jahren alle Feinde Frankreichs gesammelt haben. Pflanzt diese dreifarbige Kokarde auf; ihr trugt sie an unsern großen Tagen. Wir dürfen vergessen, daß wir die Herren der Völker waren, aber wir dürfen nicht leiden, daß irgendeines sich in unsere Angelegenheiten mische. Wer wollte sich anmaßen, Herr bei uns zu sein? Wer hätte die Gewalt dazu? Ergreift diese Adler wieder, die ihr trugt bei Ulm, bei Austerlitz, bei Jena, bei Eylau, bei Wagram, bei Friedland, bei Tudela, bei Eckmühl, bei Eßling, bei Smolensk, bei der Moskwa, bei Lützen, bei Wurschen, bei Montmirail. Glaubt ihr, daß dieses Häuflein Franzosen, das heute so stolz tut, ihren Anblick ertragen könne? Sie werden zurückgehen, woher sie kamen, und dort werden sie, wenn sie es wollen, herrschen, wie sie seit 19 Jahren geherrscht zu haben vorgeben.

Euer Vermögen, euer Rang, euer Ruhm, das Vermögen, der Rang und der Ruhm eurer Kinder haben keine größeren Feinde als diese Prinzen, welche die Fremden uns eingesetzt haben. Sie sind die Feinde eures Ruhms, weil die Erzählung von so vielen heroischen Taten, die das französische Volk verherrlicht haben, als es gegen sie kämpfte, um ihrem Joch sich zu entziehen, ihr Verdammungsurteil ist.

Die Veteranen der Armeen der Sambre und der Maas, des Rheins, Italiens, Ägyptens, des Ostens, der großen Armee sind erniedrigt, ihre ehrenvollen Narben sind beschimpft; ihre Erfolge würden Verbrechen sein, Rebellen würden die Tapferen sein, wenn, wie die Feinde des Volkes vorgeben, mitten unter feindlichen Armeen die legitimen Herrscher waren. Die Ehre, die Belohnung, die Liebe kommen denen zugute, welche ihnen gegen das Vaterland und gegen uns gedient haben. Soldaten! kommt; reiht euch unter die Fahnen eures Chefs; seine Existenz ist die eurige; seine Rechte sind die des Volkes und die eurigen; sein Interesse, seine Ehre, sein Ruhm sind euer Interesse, eure Ehre und euer Ruhm. Der Sieg wird im Sturmschritt voraneilen; der Adler mit den Nationalfarben wird von Turm zu Turm bis zu den Türmen von Notre-Dame fliegen. Dann werdet ihr mit Ehren eure Wunde zeigen können; dann werdet ihr euch rühmen können dessen, was ihr getan; ihr werdet die Befreier des Vaterlandes sein.

In eurem Alter werden euch eure Mitbürger umringen und betrachten und mit Achtung horchen, wenn ihr von euren hohen Taten erzählt; ihr werdet mit Stolz sagen können: Und auch ich, ich gehörte zu dieser großen Armee, welche zweimal einzog in die Mauern von Wien, in die von Rom, Berlin, Madrid und Moskau; welche Paris von dem Flecken befreit hat, den der Verrat und die Gegenwart des Feindes ihm aufgedrückt haben. Ehre diesen tapferen Soldaten, dem Ruhm des Vaterlandes, und ewige Schande den verbrecherischen Franzosen, in welchem Stand immer das Glück sie geboren werden ließ, welche 25 Jahre neben den Fremden kämpften, um den Busen des Vaterlandes zu zerreißen.

Gezeichnet Napoleon.

2. An das französische Volk!

Franzosen! Der Abfall des Herzogs von Castiglione lieferte Lyon ohne Verteidigung an unsere Feinde; die Armee, deren Befehl ich ihm vertraut hatte, war durch die Zahl ihrer Bataillone, durch die Tapferkeit und die Vaterlandsliebe der Truppen, welche sie bildeten, imstande, das ihr entgegengestellte österreichische Armeekorps zu schlagen und hinter die linke Flanke der feindlichen Armee zu kommen, welche Paris bedrohte. Die Siege von Champ-Aubert, von Montmirail, von Château-Thierry, von Vauchamps, von Monterau, von Craonne, von Reims, von Arcis-sur-Aube und von Saint-Dizier; der Aufstand der tapferen Landleute von Lothringen, von der Champagne, vom Elsaß, von der Franche-Comté und von Burgund, und die Stellung, welche ich hinter der feindlichen Armee eingenommen hatte, indem ich sie von ihren Magazinen, von ihren Reserveparks, ihren Convois und all ihrer Equipage abschnitt, hatten sie in eine verzweifelte Lage gebracht. Die Franzosen waren nie auf dem Punkt mächtiger zu sein, und die Elite der feindlichen Armee war ohne Hilfe verloren; sie hätte ihr Grab gefunden in diesen wüsten Gegenden, welche sie so unbarmherzig geplündert hatte, als der Verrat des Herzogs von Ragusa die Hauptstadt auslieferte und die Armee desorganisierte. Die unerwartete Handlungsweise dieser beiden Generale, die mit einemmal ihr Vaterland, ihren Fürsten und ihren Wohltäter verrieten, veränderte das Los des Krieges; die Lage des Feindes war derart, daß er am Ende des Gefechts, welches vor Paris statthatte, ohne Munition war wegen der Trennung von seinen Reserveparks.

In diesen plötzlichen und großen Umständen ward mein Herz zerfleischt, aber meine Seele blieb unerschüttert; ich zog nur das Wohl des Vaterlandes zu Rate; ich verbannte mich auf meine Felsen mitten im Meer; mein Leben war und sollte euch noch nützlich sein. Ich gestattete nicht, daß die große Zahl von Bürgern, die mich begleiten wollte, mein Los teilte, ich glaubte, daß ihre Gegenwart Frankreich nützlich sei; ich führte mit mir nur ein kleines Häuflein von Tapferen, nötig zu meinem Schutz.

Durch eure Wahl zum Thron erhoben, ist alles, was ohne euch geschah, illegitim. Seit 25 Jahren hat Frankreich neue Interessen, neue Institutionen, einen neuen Ruhm, welche nur durch ein nationales Regiment und durch eine in diesen neuen Umständen geborene Dynastie garantiert sein können. Ein Prinz, welcher über euch herrschte, welcher durch die Gewalt derselben Waffen, die unser Land verheert haben, auf meinen Thron gesetzt wäre, würde sich auf die Prinzipien des Feudalrechts vergebens zu stützen suchen; er würde nur die Rechte einer kleinen Zahl von dem Volk feindlichen Individuen sichern können welches seit 25 Jahren sie in allen unseren Nationalversammlungen verdammt hat. Eure innere Ruhe und euer äußeres Ansehen würden für immer verloren sein.

Franzosen! In meinem Exil habe ich eure Klagen und eure Wünsche gehört; ihr reklamiert dieses Gouvernement eurer Wahl, welches allein legitim ist; ihr beschuldigt meinen langen Schlaf; ihr warft mir vor, meiner Ruhe das Wohl des Vaterlandes zu opfern.

Ich habe die Meere mitten in Gefahren jeder Art durchschnitten. Ich bin da, unter euch meine Rechte wieder zu ergreifen, welche die eurigen sind. Alles, was einzelne getan, geschrieben oder gesagt haben seit der Einnahme von Paris, ich werde es immer ignorieren! es wird keinen Einfluß auf die Erinnerung an die wichtigen Dienste üben, die sie geleistet haben; denn es gehört zu den Ereignissen solcher Natur, daß sie unter der menschlichen Organisation sind. Franzosen! Es gibt keine Nation, so klein sie sei, welche nicht das Recht gehabt hätte, sich der Schmach zu entziehen, einem Fürsten zu gehorchen, der durch einen momentan siegreichen Feind eingesetzt ist, und welche sich ihr nicht entzogen hätte. Als Karl VII. nach Paris zurückkehrte und den ephemeren Thron Heinrichs VI. umstürzte, erkannte er, daß er den Thron besitze durch die Gewalt seiner Tapferen und nicht durch den Prinz-Regenten von England.

So gebe und werde ich auch euch allein und den Tapferen der Armee immer die schuldige Ehre geben.

Gezeichnet Napoleon.

 

Dies sind die Proklamationen vom Meer von Elba. Der Geist des Soldatentums jener Zeit, wo das Volk zur «Armee» wurde, der Herrscher zum General, weht uns daraus zum letztenmal in seinem Barbarismus entgegen. Wer kann heute diese Phrasen von Soldatenruhm und Schlachten, von den Tapferen der Armee und ewig der Armee ohne Mißbehagen lesen? Am 1. März um 3 Uhr kam die Flottille von sieben Fahrzeugen in den Golf Juan, um 5 Uhr betrat Napoleon den Boden Frankreichs. Die Schar barg sich in einem Olivenhain, biwakierend.

Wie so ganz glich hier Napoleon den romantischen Helden seiner korsischen Heimat. Denn erscheint er nun auch in der Gestalt des Abenteurers im allgemeinen, so war diese doch wesentlich korsisch. Die namhaftesten Krieger seines Vaterlandes hatten in derselben Weise versucht, aus dem Exil sich dessen zu bemächtigen.

Im Jahre 1408 landete Vincentello d'Istria mit ein paar Spaniern und Korsen auf jener Insel, sie den Genuesen zu entreißen. Nach glorreichem Kampf ward er gefangen und enthauptet.

Giampolo machte im Jahre 1490 einen Einfall auf Korsika mit vier Korsen und sechs Spaniern, seinem alleinigen Heer. Nach glorreichem Kampf starb er in der Verbannung.

Dreimal fiel der tapfere Renuccio della Rocca aus seinem Exil in Korsika ein, das erstemal mit 18 Mann, das zweitemal mit 20 Mann, das drittemal mit acht Freunden. Jedesmal zog er, das Banner vorauf und Proklamationen auswerfend, kühn ins Land, auf den Zulauf seiner Anhänger rechnend. Nach glorreichen Kämpfen ward er im Jahre 1511 in den Bergen erschlagen.

Im Jahre 1564 machte Sampiero, aller Korsen tapferster, eine Landung in seinem Vaterland mit 37 Korsen und Franzosen. Nach glorreichen Kämpfen mit den Heeren Genuas ward er im Jahre 1567 in den Bergen erschlagen.

Mit 500 Franzosen, Garden, mit 200 Korsen, Jägern, und mit 100 Polen, Lanzenreitern, welche, da sie keine Pferde hatten, die Sättel selbst trugen, zog der Korse Napoleon Bonaparte gegen Frankreich und gegen die königlichen Heere aus. Nach glorreichen Kämpfen ward er auf die Insel Sankt Helena verbannt. Mit einem kleinen Häuflein Menschen, Korsen, landete im Oktober 1815 Joachim Murat von Korsika aus in Neapel, ein Königreich zu erobern. Nach seiner tollkühnen Landung ward er erschossen.

Mit ein paar Menschen landete der Korse Ludwig Bonaparte zu unser aller Lebzeiten in Straßburg, ein Reich von 35 Millionen Einwohnern zu erobern. Da der Versuch mißglückt war, überfiel er Frankreich mit ein paar Menschen von neuem in Boulogne. Die Geschichte hat die Pflicht, diese ohne Zweifel abenteuerlichen Einfälle als geschichtliche Voraussetzungen eines Mannes anzuerkennen, der nicht lange darauf wirklich Kaiser der Franzosen wurde. Doch darf man niemand vor seinem Ende glücklich preisen.

Schnell, so sagt der alte Seneca, stürzen die stürzenden Dinge. Schnell war Napoleons Flug vom Hafen Juan über Waterloo nach Sankt Helena. Am 2. März war er in Cérénon, am 3. in Barême, am 4. in Digne, am 5. in Gap, am 7. März in Lyon, am 14. in Châlons – am 20. März um 9 Uhr abends zog er in Paris ein. Am 1. Juni war er auf dem Maifeld ein politisch schon geschlagener Mann. Am 18. Juni stürzte er bei Waterloo. Am 21. Juni kam er flüchtig nach Paris zurück – am 22. Juni diktierte er: «Ma vie politique est terminée, et je proclame mon fils, sous le titre de Napoléon II, empereur des Français.»

Am 15. Juli stand er dann auf dem «Bellerophon»; am 7. August auf dem «Northumberland». Am 16. Oktober landete der unglückliche Held auf Sankt Helena.

Dann – es ist das letzte Bild aus der Geschichte dieses wunderbaren Menschen – dann liegt er auf dem fernen afrikanischen Eiland, auf seinem Totenlager, bleich und still, die Riesenseele ausgerungen, bedeckt mit dem blauen Mantel von Marengo, zu Füßen ihm das bleiche Marmorbild seines Sohnes, des Königs von Rom, auf den Knien vor seinem Lager schluchzend Bertrand, Antommarchi, seine treuen Freunde und seine Diener. Die Sonne sinkt gerade ins Meer. Der Priester, welcher dem Kaiser die letzte Ölung gereicht, hebt die Arme empor und ruft: «Sic transit gloria mundi!» Napoleon überblickte in Sankt Helena seine Taten und sein Wesen und setzte seiner Laufbahn gleichsam eine monumentale Inschrift in diesen gewichtigen Worten: «Ich habe den Abgrund der Anarchie geschlossen und das Chaos geordnet; ich habe die Revolution gestillt, die Völker veredelt, die Könige gezügelt. Jeglichen Wetteifer habe ich wachgerufen, jedes Verdienst belohnt und die Schranken des Ruhms entfernt. All das war wohl etwas. Nun denn, an welchem Punkt könnte man mich so angreifen, daß ein Geschichtschreiber mich nicht verteidigen könnte? Etwa bei meinen Absichten? Da kann er mich wohl von der Anklage lossprechen. Mein Despotismus? Aber er wird dartun, daß die Diktatur durchaus notwendig war. Wird man sagen, daß ich ein Hindernis der Freiheit war? Er wird dartun, daß die Willkür, die Anarchie, die große Verwirrung noch vor dem Tore standen. Wird man mich beschuldigen, zu sehr den Krieg geliebt zu haben? Er wird zeigen, daß ich beständig angegriffen war. Daß ich die Universalmonarchie anstrebte? Er wird zeigen, daß es nur das zufällige Zusammentreffen der Umstände, daß es nur unsere Feinde selbst waren, welche mich Schritt für Schritt dahin drängten. Endlich wird man meinen Ehrgeiz beschuldigen? Ach! Ohne Zweifel, davon wird man viel in mir finden, aber von dem größten und höchsten, der vielleicht jemals einen Menschen beherrscht hat, ich meine den, endlich einzurichten, einzuweihen das Kaiserreich der Vernunft und die volle Ausübung, den vollen Genuß aller menschlichen Fähigkeiten. Und hier wird der Geschichtschreiber sich vielleicht zum Bedauern genötigt sehen, daß ein solcher Ehrgeiz nicht befriedigt, nicht erfüllt worden sei.»

So dachte Napoleon auf Sankt Helena von seiner eigenen Mission. Und wohl war er ein Messias wie jeder andere große Mensch vor ihm, welchem die Geschichte auferlegt, eine Zeitlang als Atlas die Welt zu tragen und zum Wohl der Kultur die Herkulesarbeiten zu verrichten. Und wenn wir auch die menschliche Natur beklagen, weil sie eher durch die soldatische Despotie eines Napoleon als durch die bürgerlichen Gesetze eines Solon und Timoleon umgewandelt wird; wenn wir endlich jenen großen Menschen selbst anklagen, daß er seine Mission vergaß und in Egoismus und Herrschsucht unterging, so stehen wir doch voll staunender Ehrfurcht vor seiner Gestalt und rühmen die großen Impulse, die von ihm in das Leben der Völker und in die allgemeine Weltkultur geleitet sind.

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