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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 143
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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3. Neapolis

Wir sind schon in Neapolis, demjenigen Stadtteil von Syrakus, welcher, wie sein Name sagt, der jüngste von allen war. Sowohl Tycha als Neapolis waren ursprünglich Vorstädte von Achradina; jene zog sich vom Hafen Trogilus westwärts hinauf, diese sich nach dem großen Hafen hinab an der südwestlichen Seite der Felsenhochebene, auf welcher Syrakus stand, und ohne Zweifel senkte sich Neapolis, gegen Tycha durch Mauern über dem Felsabsturz beschirmt, tief in die Niederung bis in die Nähe der Sümpfe des Anapus hinunter. Ein Tor Menetides oder Temenetides führte aus der Stadt ins Feld. Es hieß auch der ganze Stadtteil Temenites, von einer Statue des Apollon dieses Namens so genannt. Cicero nennt in ihm auf der Höhe das Theater, und zwei Tempel der Ceres und der Proserpina. Gelon hatte sie aus der karthagischen Beute errichtet, und vor ihnen lag sein und der Demarata Grab, welches später Himilkon der Karthager zerstörte.

Es gibt heute in Syrakus keinen Punkt, wo sich Erinnerungen und Denkmäler so reichhaltig zusammendrängten als jene Felskante von Neapolis, da wo diese Stadt oben gegen Achradina anstieg. Auf einem nicht allzu großen Raum liegen hier beisammen: die Latomien des Dionys, das Theater, die Gräberstraße, das Amphitheater, die alte Wasserleitung.

Syrakus: Latomien

Syrakus: Latomien

Die vielberühmten Latomien, welche das Ohr des Dionys genannt werden, sind nicht vom Umfang jener Achradinas, aber nicht minder malerisch, und in einigen Teilen viel schöner und eigentümlicher. Sie bilden ein ungeheures Viereck, in dessen Tiefe ein ewig grüner Garten prangt. Etwa in der Mitte erhebt sich 20 Meter hoch ein einzelner Fels als Pfeiler mit Resten eines Turms auf der Spitze, schön aus dem Baumwuchs und über die Trümmermassen fortragend. Der Gedanke, daß hier der Wachtturm des Kerkermeisters stand, drängt sich der erregten Phantasie sogleich auf, aber er ist schwer zu unterstützen, und vielleicht trug der Pfeiler ehemals die Decke der Latomien, welche nun fehlt. Auf der linken Seite, vom Eingang gerechnet, befinden sich die weltberühmten Säle und Gemächer dieser Steinbrüche, von denen der eine den Namen «Ohr des Dionys» trägt. Er erhielt ihn durch Michel Angelo da Caravaggio, welcher einst mit dem gelehrten Syrakuser Mirabella diese Latomien besuchte, und durch die Form jenes Teils zu der zufälligen Benennung veranlaßt wurde, die seither die seltsamsten Vorstellungen in Umlauf gebracht hat.

Von außen decken üppiger Epheuwuchs, herabschwankende Flechten und das schöne zarte Venushaar die steile Wand, in welche dieses Riesenohr eingeschnitten ist, und hoch auf dem steilsten Rand erhebt sich prächtig ein einzelner Pinienbaum. Die Zufälligkeit der Form des hohen und seltsamen Steinsaals erzeugt jene akustischen Erscheinungen, welche die poetische Sage bestärken, daß Dionys hier seine Gefangenen belauscht habe. Im Jahre 1840 entdeckte Serra di Falco eine Öffnung, durch die man von oben her, wie aus einer Loge, in die Latomie hineingehen und hineinhören kann; und dort nun stand der horchende Tyrann. Ein tief unten leise geflüstertes Wort, ein knisterndes Papierblatt schallt hier deutlich herauf, und es läßt sich der Führer das herzliche Vergnügen nicht nehmen, sein: «Dionisio era un tiranno», vielmal zu wiederholen. Der Knall einer Pistole wird als hundertfacher Donner sinnbetäubend von den Wänden zurückgeworfen.

Ein anderer Teil der Latomien, ganz in der Nähe des Ohrs des Dionys, heißt «del Paradiso». Er ist ganz unbeschreiblich schön. Große, viereckige Räume bilden ihn, mit glatten Decken. Die Wände schmückt ein herrlich Rosenrot von lieblichster Zartheit, andere sind dunkelschwarz wie die Nacht oder tief bräunlichgelb. Oft sind sie zackig durchrissen, oft hingestürzt, da die Pfeiler, welche einst die Decke trugen, umgesunken sind, und so entstanden die bizarrsten und grandiosesten Bildungen; ja oft hängen von der Decke selbst Felsstücke herab wie wild umhergeknitterte Vorhänge aus Stein. An einer Stelle öffnet sich der Raum zu einer Grotte oder einem kühnen Bogen, den ein natürlicher Pfeiler stützt; durch ihn blickt in malerischer Verwirrung Trümmergestein, das dunkle Laub der Orangen, die brennende Blüte der Granaten, und der selige Himmel von Syrakus. Die Menschenkraft scheint hier, so ungeheure Räume mit dem Eisen durchgrabend, die Natur besiegt zu haben, indem sie wahre Fingalshöhlen erschuf, und wieder warf die Natur all diese Sisyphusarbeit um und zerrte das Künstliche in das Elementarisch-Zufällige wild hinüber.

In dem längsten bedeckten Raum hat sich seit alten Zeiten eine Strickdreherei niedergelassen; arme Menschen von entsetzlicher Verkommenheit, bleiche, fremdgeartete Kinder und zerlumpte Frauen bringen in diesem Kerker rastlos spinnend ihr Leben hin. Ich saß manchmal am Eingang dieser düsteren Galerie und schaute ihren wilden Gestalten zu; und wenn sie nun die eintönigen Räder unablässig schnurren ließen und die Spindel auf- und ablief, dann war es mir in der unsagbaren unterirdischen Wüste, als säße ich mitten im Hades, und jene bleichen Frauengestalten seien die Parzen, und sie verspönnen all die Fäden meines einsamen Lebens. Ich schenkte ihnen Geld, sie dankten mir mit gerührten Augen, freundlich, wie die segnende Armut, welche von einer Gabe überrascht wird, und ein recht schmerzliches Bild menschlicher Pein gaben mir diese Wesen aus dem Labyrinth ans Tageslicht herauf. Und welches Labyrinth ist es, wie unendlich sagenhaft! Alles hier in Sizilien hat ein mythisches Ansehen, Girgenti wie Syrakus, der Ätna wie Enna, und jegliche Küste. Der Menschengeist tritt hier weiter in die Zeit zurück als im römischen Land; dort weht der ernste Geist der Geschichte, aber in Sizilien der Rätselgeist der Fabel. Es ist das Land des Typhon, der Kyklopen und des Dädalus.

Überraschen also jene beiden Latomien von Achradina und Neapolis durch ihre Großartigkeit, so gibt es doch noch einige kleinere Steinbrüche in Syrakus, die durch Verbindung von Steinmassen und Grün einen noch wunderbareren und mehr romantischen Charakter haben. Ich meine vor allem die Latomie des Grafen Casale. Sie ist ein entzückendes Paradies, und niemals sah ich in der Welt einen Garten von so märchenhafter Schönheit. Die Latomie besteht aus zwei Hauptabteilungen, welche durch einen bedeckten Gang von etwa sieben Fuß Höhe verbunden sind. Ein großer Saal liegt an dem einen Ende, 27 Meter hoch, ebenso lang und 15,50 Meter breit. Die senkrechten Wände schimmern rosenrötlich, wie vom Frühling oder der Aurora angehaucht. Durch den Eingang lacht der prächtigste Garten. Man sieht an den Wänden viele Löcher, welche in gebogenen Linien aufsteigen; wahrscheinlich waren dort eiserne Klammern eingeschlagen, um den Fronsklaven zu einer Art von Treppe zu dienen, wenn sie den Stein brachen. Die Anlage der Säle ist ziemlich regelmäßig und zeigt, daß sie von vornherein in solcher Form beabsichtigt wurden. Auch hier steht auf einer steilen Wand der Rest eines alten Wachtturms. Das Erdbeben hat viele Säle eingestürzt; noch im Jahr 1853 fielen große Steinmassen herunter und bedeckten eine Stelle des Gartens mit ihrem Schutt. Soweit nun der Raum freiliegt, blüht wonnig die Wildnis herrlichster Gewächse. Die Blätter, welche hier der Feigenbaum treibt, sind so groß, daß man auf ihnen wie auf einem Teller speisen könnte. Da stehen Bäume und Blumen Indiens, deren seltsam gestaltete Früchte und Blüten ich weder zuvor sah noch zu benennen weiß. In tropischer Fülle prangt die Palme, von Lianen umschlungen, weithin duftet die Orange und die Myrte ihr Arom aus, und Agaven und Aloe starren dunkel auf den Wänden. Der ganze entzückende Garten mit seinen moos- und efeuüberschlängelten Felswänden, mit der Verworrenheit seiner dädalischen Gänge und Trümmer und der Pracht seiner Gewächse hat so viel Feenhaftes, daß er der Lusthain Oberons und Titanias sein möchte. Kein Windzug noch entstellender Staub trifft dies entzückende Verlies, in welches die Horen den lachenden Sommer in ewige Gefangenschaft hinuntergesenkt zu haben scheinen.

Nahe beim Ohr des Dionys liegen auch die großartigen Überreste des syrakusischen Theaters, eines der größten des Altertums überhaupt; auch Cicero nennt es «maximum». Serra di Falco meint, daß es dem Theater des Bacchus in Athen gleichzeitig sei, welches das erste steinerne Griechenlands war und vom Themistokles erbaut wurde. Es ist ein schöner Bau von bewundernswürdiger Einfachheit und Kraft und imponiert noch heute, obwohl von der Szene nichts mehr als ein wüster, von Gestrüpp bedeckter Trümmerhaufen zurückgeblieben ist. Die etwas verlängerten Halbkreise der Sitzreihen steigen den natürlichen Felsabhang von Neapolis empor und sind in den lebenden Stein gehauen. Man zählt ihrer sechsundvierzig Reihen, die von einem breiten Gürtel durchbrochen und von acht quer hindurchgehenden Treppen in neun Keile geteilt werden. Zählt man nun diese wirklichen sechsundvierzig Sitzreihen, so ergibt sich nur ein Durchmesser von hundert Metern, weshalb Serra di Falco der Ansicht ist, das Theater habe noch mehr Sitzreihen gehabt, welche sich weiter aufwärts zogen. Er gibt ihm hundertundfünfzig Meter im Durchmesser, wo es denn größer wäre als alle Theater Griechenlands, außer dem von Milet. Warum übrigens in der Stelle des Cicero «quam ad summam theatrum est maximum» das letzte Wort durchaus «allergrößt» und nicht bloß «sehr groß» heißen soll, kann ich nicht verstehen.

Vor der Szene münden in die Orchestra zwei Korridore; durch die Szene selbst, zu deren Seiten sich zwei quadratische Bauten erheben, geht ein schmaler Wasserkanal, der von der benachbarten Leitung abgezweigt ist. Man hat sich über die griechischen Inschriften «Basilissas Nereidos» und «Basilissas Philistidos», welche am Gesims der Umgürtung zu lesen sind, viel den Kopf zerbrochen, da diese Namen von Königinnen aus der Geschichte von Syrakus nicht bekannt sind. Nach den neuesten Ansichten soll die Nereis die Tochter des Pyrrhus von Epirus sein, die an Hierons II. Sohn Gelon vermählt war; Philistis dagegen hält man für die Tochter des Leptines und die Gemahlin Hierons. Außerdem gibt es nichts mehr am Theater, was besondere Aufmerksamkeit erregte; nur äußerst wenige Skulpturfragmente haben sich gefunden, darunter ein durch seine Vorstellung höchst eigentümliches: ein Cippus von weißem Marmor, auf welchem die Sage des Homer von der Schlange und dem Sperlingsnest in Aulis abgebildet ist, deren Erscheinung Kalchas auf die Dauer des Trojanischen Krieges deutete.

Doch viel mehr erfreut das Ganze, die Lage, die Bedeutung des Theaters. Man steht dort auf einer der lichtesten Stätten der Intelligenz, auf einem Zentrum menschlicher Kultur. Hier, wo jetzt das wuchernde Gras die Stufen überzieht, saßen einst Platon, Aeschylos, Aristippos, Pindar; dort in der Orchestra standen einst die gefangenen, verurteilten Athener; dort redete Timoleon, und dort saß er, als erblindeter Greis den Staatsdebatten zuhörend. Die ganze Geschichte von Syrakus seit ihrer glänzendsten Zeit hat in Reden und Staatsaktion hier dramatischer gespielt, als es die Stücke waren, die man auf der Szene aufführte, denn das Theater war beides: Schaubühne des Staatslebens, Schaubühne der Poesie; und wo hätten Wirklichkeit und Dichtung in so großer Wechselwirkung zueinander gestanden, als im hellenischen Leben? Die nationale Bedeutung des Theaters ward nun durch seine Lage selbst auf den Gipfel lebendigster Wirkung gehoben. Hier stand es mitten zwischen Neapolis, Tycha und Achradina und nicht zu weit von Ortygia entfernt. Von der Höhe schaute es in die unendliche Stadt und das Meer hinab, welche ihm zur wirklichen szenischen Ausschmückung dienten. Dies Panorama ist noch heute hinreißend; es ist der schönste Blick, den man auf Syrakus genießt, denn er überschaut beide Häfen und das Meer, die ganze sonnverbrannte Küste bis zu den Bergen von Hybla, und im Hintergrund den himmelbedeckten unermeßlichen Ätna und die prachtvolle Uferlinie des ionischen Meers bis zu den Felsen von Taormina. Welcher Art muß der Blick gewesen sein, als er noch auf die unabsehbare Stadt selber fiel, auf die herrliche Welt von Tempeln, Hallen und Prachtbauten und auf die mastenwaldbedeckten Häfen, die den Syrakusier an die glänzendsten Taten seiner Republik gemahnten! Da muß ihm über die Bühne weg das Herz vor Stolz und Lust gestiegen sein; und wie mochten sich hier wohl die Perser des Aeschylos angehört haben, worin die Syrakusier den Sieg bei Himera noch einmal poetisch feierten, oder die Prometheus-Trilogie?

Ist der Anblick dieses Panoramas von den obersten Stufen hinreißend, so ist auch der Blick auf das Theater selbst wunderbar schön, weil man von der Wildnis der zerstörten Bühne oder aus den Granatengärten der Umgebung zu diesen stolzen Sitzreihen emporblickt. Auch hier überzeugt die majestätische Einfalt des Baues von dem hohen und ernsten Charakter des hellenischen Geistes.

Oben nun, wo die Stufen auf dem Plateau des Berges endigen, erhebt sich im Fels ein Nymphäum, eine höchst malerische, von Moosen und Flechten umgrünte Grotte, worin ein Quell sprudelt. Sie erinnerte mich lebhaft an die Grotte der Egeria. Zu beiden Seiten finden sich noch Grotten kleinerer Dimension. Gewöhnlich waschen Weiber in dem Quell, und ihr melancholischer Gesang durchtrauert diese feierlich stille Szene.

Zur Linken zieht sich in unmittelbarer Nähe jene Gräberstraße empor, zur Rechten kommt ein Arm der Wasserleitung von Tycha mit Gebraus herab und treibt das Rad einer Mühle, daher der ganze Ort «i mulini di Galerme» heißt. Der moderne Teil der Wasserleitung, der in Bogen über der Erde eine kurze Strecke fortläuft, trägt viel dazu bei, das Malerische dieser Felsenlandschaft zu erhöhen. Sonst geht der Aquädukt unterirdisch fort, vielleicht ein Werk karthagischer Kriegsgefangener und nicht minder großartig als die Kloaken Roms oder der Emissar von Albano. An vielen Stellen liegt die Leitung bloß; man sieht das Wasser in diesem unzerstörten Kanal mit voller Gewalt herabströmen. Sechs Meilen weit kommt es aus den Gebirgen, die Stadt zu versorgen.

Südöstlich vom Theater liegt in einem Hain von Granaten ein ziemlich wohlerhaltener Bau, das Amphitheater von Syrakus, welches umfangreicher ist als jene von Verona, Pola und Pompeji, da die größere Achse siebzig Meter, die kleine vierzig Meter beträgt. Es ist meist in Stein gehauen. Vier Tore für die vier Städte von Syrakus liegen an den Enden der beiden Achsen. Serra di Falco hat dieses Theater im Jahr 1840 ausgraben lassen. Die Stufen der Sitzreihen und viele Gemäuer sind bereits stark verfallen, doch ist der Bau immer noch ziemlich wohl erhalten. Da die Griechen das barbarische Vergnügen der Tier- und Gladiatorkämpfe nicht kannten, so muß das Amphitheater römischen Ursprungs sein. Cicero nennt es nicht, aber Tacitus weiß von ihm. Seine Erbauung beweist, daß unter Augustus und Tiberius Syrakus, als Sitz des römischen Prätors, durch eine römische Kolonie von neuem bevölkert wurde und sich neuen Wohlstands zu erfreuen hatte.

Der letzte der antiken Überreste auf dieser Seite und nahe an den Theatern ist ein großer dreistufiger Unterbau eines langen und schmalen Gebäudes, von welchem außer dem Plan nichts mehr erhalten ist, mit Ausnahme einiger Fragmente von Gesimsen mit Löwenköpfen. Serra di Falco entdeckte diese Basis im Jahr 1839; er hält sie für jenen Altar des Hieron, welcher selbst den von Olympia an Größe übertraf.

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