Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 140
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
Schließen

Navigation:

Syrakus

1855

Ich habe die große Landschaft von Syrakus zum erstenmal erblickt, als die Sonne eben unterging und weit und breit alles Gefilde vom ionischen Meer bis zu den Bergen von Hybla in solchen seligen Glutschein tauchte, wie ihn dieser sizilische Himmel hervorbringt. Der Eindruck war zu erhaben, als daß er in Worte zu fassen wäre. Selbst nicht auf dem Gipfel des Ätna, wenn das herrlichste Inselland, drei Meere und die Küsten Italiens, zu den Füßen in Licht schwimmend ausgebreitet daliegen, wurde mein Gemüt so stark ergriffen als von dem goldenen Abendschweigen auf diesem endlosen Totenfelde Syrakus. Die Erscheinungen der Natur sind dem Geist minder verwandt als die der Geschichte; sie haben keine Erinnerung. Die menschliche Seele aber lebt und belebt durch die Erinnerung.

Ich war vom alten Leontium (Lentini), der Vaterstadt des Sophisten Georgias, heraufgekommen auf der catanischen Straße, vorbei an der öden Halbinsel Magnisi, dem alten Thapsus, und längs dem Hafen Trogilus (Lo Stentino). Dort erstreckt sich unmittelbar vor diesem Wasserbecken eine etwa 200 Fuß hohe Hochebene von nacktem Kalkgestein, nach allen Seiten zu steil abgerundet, ein mächtiges Dreieck, welches landwärts seine Spitze bis zum Hügel Euryalus erhebt, seine Breite aber nach dem Meere absenkt. Auf dieser ganzen, weiten Hochebene stand das alte Syrakus, und es zog sich bis zur Insel Ortygia hinunter, die durch einen Damm mit der Küste verbunden war.

Oben angelangt, sah ich das große Stadtgebiet, die Insel mit dem kläglichen neuen Syrakus auf ihr, zu ihren beiden Seiten die beiden herrlichen Häfen und hinterwärts das Kap Plemmyrium. Es ist eine unsagbar ernste, majestätische Landschaft, und in aller Welt möchte ihr allein die Campagna von Rom an Größe des Stils überlegen sein! Landwärts schließen sich die tiefdunkeln Berge von Hybla in den mächtigsten Rahmen, und ihr zu Füßen wallt das ionische Meer, einst wimmelnd von zahllosen Flotten und Zeuge von Seeschlachten, wie sie großartiger kaum Englands Geschichte aufzuweisen hat. Der grausilberne Ölbaum der Minerva, über die braune Steinflur spärlich zerstreut, betrauert allein die klassische Wüste. Soweit das Auge reicht, ist sie durchwühlt, durchfurcht von grabspurigen Jahrhunderten und vom Geleise ungezählter Zeiten. Einem ungeheuren Schlachtfeld der Geschichte gleicht sie. Auf Meilenweite kein lebendiges Wesen, nur Falken, die auf dem gelben Gestein hocken oder nach Beute jagen. So rauhfelsig und dürr wie die Hochebene erscheint auch das flimmernde Kap Plemmyrium drüben, zwischen welchem und der Ortygia jene Hafeneinfahrt sich öffnet, die einst die Syrakusier dem Nikias mit Schiffen und Ketten versperrt hatten. Die schön gewundene, große Küstenlinie ist gänzlich tot, und wo ehedem der üppigste Kranz von Gärten und Villen sich hinzog, sieht man jetzt kaum einen Schuppen oder ein einzelnes Fischerhaus. Alles ist dürres oder versumpftes Flachland und kahle, gelbe Steinmasse; nur dort, wo der Anapus nach dem Hafen strömt, bezeichnen Schilfrohr, Pappeln und Papyrusstauden den Lauf des Flusses oder die Quelle Cyane oder den Sumpf Syraka, der einst der Stadt ihren Namen gab.

Und so fuhr ich denn auf der öden Straße der Inselstadt zu, immer gefesselt durch diese zahllosen in den Steinboden gehauenen Grabvertiefungen an beiden Seiten des Wegs und durch die hie und da in bizarrster Verwirrung aufstarrenden Steinbrüche. Vor dem kleinen Hafen beginnt etwas Gartenzucht und Vignenbau; dort wächst der berühmte Nektar von Syrakus, der schon dem Gelon und Hieron und dem Pindar das griechische Herz gelabt hat. Eine einzelne Säule vor der Insel ist alles von Ruinen, was der Blick entdeckt; sie steht wie der eremitische Geist des Todes in dieser Gräberfläche und verhöhnt das Herz des Wanderers, dem das Bild jener Stadt vor der Seele schwebt, jenes großen und berühmten Syrakus, das einst über eine Million Einwohner gezählt haben soll.

Ich will es versuchen, ein anschauliches und geordnetes Bild dieser alten Stadt zu geben, nach dem gegenwärtigen Lokal. Man weiß, daß Syrakus aus fünf Städten bestand; Cicero zählt ihrer nur vier, weil er den höchsten Teil der Stadt, Epipolä, nicht mitrechnet, denn dieser bestand wohl nur aus Kastellen und Mauern. Es waren aber jene Städte: Ortygia die Insel, Achradina, Neapolis und Tyche. Durch die Forschungen Fazellos, Cluvers, Mirabellas und durch die jüngsten Untersuchungen Serra di Falcos ist die Lage der einzelnen Teile außer allem Zweifel gesetzt, und sowohl ihre Begründung als die merkwürdigsten Überreste alter Gebäude oder deren Stellen sind mit Sicherheit anzugeben.

 << Kapitel 139  Kapitel 141 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.