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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 138
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Als ich im Jahre 1853 Selinunt besuchte, waren die Tempelreste des Osthügels durch die Ausgrabungen Serra di Falcos zugänglich gemacht; weil aber diese nicht mehr fortgesetzt wurden, boten die Trümmer noch das schöne landschaftliche Schauspiel der Versunkenheit in die Naturwildnis dar. Myrten, Mastix und Fächerpalmen quollen überall zwischen den riesigen Steinblöcken hervor, und der Schritt des kletternden Besuchers störte dort die buntgefleckten Schlangen auf. Heute ist der Ausgraber im Kampf mit der Wildnis wieder Sieger geworden, und wie fast überall in der klassischen, von der Wissenschaft eroberten Trümmerwelt ist die Poesie der Ruine gründlich zerstört. Statt der vom Pflanzenwuchs umschlungenen Steinblöcke gestürzter Tempel, deren tragischen Untergang die Natur selbst zu sühnen schien, indem sie diese zerstörte Pracht unter Blumen bestattete, sieht jetzt der zu künstlerischen oder dichterischen Empfindungen geneigte Wanderer mit Unwillen nur kahle, sorgsam gereinigte Architrave, Metopen, Triglyphen, Säulenstücke auf nacktem Erdboden gruppenweise hingelagert, und es fehlen nur die Nummern oder Aufschriften auf den Blöcken, um ihm darzutun, daß er Gegenstände eines wohlgeordneten archäologischen Museums vor sich habe.

Der Gewinn für die Wissenschaft ist bisweilen ein Verlust für die Phantasie; denn Dichtung und Kunst ziehen ihr innerstes Leben aus dem Geheimnis. Die nackte Wirklichkeit schreckt sie als Tyrannei der Tatsache ab, und niemals würde Homer die «Ilias» gedichtet haben, wenn ihm ein Archäologe oder Anthropologe die Mumien des Agamemnon und Achill vorgezeigt und nachgewiesen hätte, daß jeder dieser Heroen zwar über sechs Fuß lang gewesen sei, daß aber ihre Schädelbildung eine sehr kleine Gehirnmasse voraussetze, woraus auch der Trojanische Krieg zu erklären sei. Denn bei mehr Gehirn würden jene Könige nicht wegen einer weggelaufenen liederlichen Prinzessin zehn Jahre lang Troja bestürmt haben. So widerspruchsvoll ist unser Verhältnis zu den Dingen der Welt. Wenn Fiorelli und Schliemann Ursache zum Jubeln haben, trauern vielleicht Geister wie Lord Byron und Claude Lorrain.

Ich bekenne, daß der erste Eindruck beim Wiedersehen Selinunts mich gar nicht erfreute. Diese majestätischen Ruinen, älter und merkwürdiger als jene Baalbeks, erschienen mir jetzt nicht nur ihrer Weihe beraubt, sondern verkleinert und zu Haufen von Schutt eingeschrumpft, den man zusammengekehrt hat. Jedoch nachdem ich mich mit dem Bewußtsein getröstet hatte, diese wunderbare Trümmerwelt noch zu einem großen Teil in ihrem jahrhundertealten wilden Naturzustande gekannt zu haben, mußte ich mich zufriedengeben, sie jetzt von den Dienern einer Wissenschaft gezähmt zu sehen, welche uns wenigstens die Entwicklung der Kunst vor Augen führen kann und fähig ist, Gebiete göttlicher Schönheit zu erschließen, wenn ihr ein Winckelmann seinen Geist einflößt. Ausgrabungen in Ruinen sind zuerst vom Schatzgräber gemacht worden, denn erst auf das Raubsystem derer, die nach kostbaren Metallen und Steinen suchten, was nie ohne ein frevelhaftes Ruinieren der Ruinen vor sich gehen konnte, folgte deren wissenschaftliche Erforschung in der Renaissance. Sie stockte während der geistigen Verwilderung des 17. Jahrhunderts und nachdem sie im folgenden wieder aufgenommen, im 19. Jahrhundert besonders infolge der Befreiung Griechenlands neu belebt worden war, durchlief sie mehrere Phasen des Schwankens und der Willkür in der Behandlung des Ausgegrabenen, bis sie durch die Hilfe der geschichtlichen Kritik ihre heutige Methode gewonnen hat. Der Zweck des Ausgrabens ist jetzt einfach dieser, verschüttete Monumente der Wissenschaft zugänglich zu machen. Nichts darf daran verändert und aufgemauert werden, es sei denn, wo architektonische Glieder zu ihrer Erhaltung einer Stütze bedürfen. Wenn demnach die Kommission der Ausgrabung ihre Aufgabe vollendet hat, beginnt die andere des wissenschaftlichen Forschers.

Es war in Selinunt nicht leicht, so ungeheure Trümmermassen vom Pflanzenwuchs, vom Schutt und Flugsande in solcher Weise frei zu machen, daß die durcheinandergestürzten Blöcke nicht wiederum in Bewegung kamen. Um dies zu verhüten, hat man beim Graben entstehende Lücken mit stützenden Steinen ausgefüllt, und so sich bemüht, den geschichtlichen Moment des Sturzes gleichsam festzuhalten. Wenn das auch nicht immer geglückt sein kann, so wird doch der Besucher diese Tempeltrümmer wesentlich in denselben Winkeln und Neigungslinien gelagert finden, in welchen sie gefallen sind.

Die östliche Terrasse liegt von der Akropolis so weit entfernt, daß sie als ein eigener heiliger Bezirk der Stadt anzusehen ist, und hier steht die großartigste Trümmergruppe nicht nur Selinunts, sondern des griechischen Altertums. Zu ihren drei Tempeln haben Ausgrabungen nichts Neues hinzugefügt, denn dort sind keine Reste anderer Bauwerke mehr entdeckt worden. Weil alle Tempel Selinunts bis zum Jahre 1865 namenlos geblieben waren, hat man sie auf dem topographischen Plan mit Buchstaben bezeichnet. Der vorderste Tempel (G) ist der größeste von allen; an Raumverhältnis steht er nur dem Zeustempel Agrigents nach. Leider hat ihn das Erdbeben nicht in einer Richtung umgestürzt, sondern in entsetzenerregender Wildheit durcheinandergeworfen. Aus diesem Chaos ungeheurer Architrave und Kapitäler und der Säulentrommeln von vier Meter Durchmesser ragen nur noch eine Ante und eine einzige kopflose Säule turmartig hervor. Da sich nur zwei Säulen dieses Tempels mit Kannelierungen vorgefunden haben, so ist er nicht vollendet worden. Cavallari fand hier im Jahre 1871 eine altdorische Votivinschrift, die zuerst Holm erklärt hat: sie bewies, daß der Tempel dem Apollo geweiht war, und dieser ist demnach der Schutzgott Selinunts gewesen. Hittorf nennt den Tempel das vollendetste religiöse Monument des griechischen Altertums und Benndorf den Parthenon von Selinunt. Er hatte wie dieser 17 Säulen an den Langseiten, 8 an den Fronten.

Der zweite Trümmerhaufen ist namenlos geblieben; den dritten (E) hat eine 1865 entdeckte Inschrift als Heratempel erkennen lassen. Gerade dieser bietet noch heute ein überraschend malerisches Ruinenbild dar. Denn seine mächtigen Säulen (er hat deren 38) sind meist nach innen auf die Cellawand gestürzt; die Trommeln der einen liegen noch so in ihrer Reihenfolge da wie jene der umgestürzten Säule des Olympeion Athens. Drei hohe Säulenstümpfe stehen noch aufrecht. Hier grub Cavallari zwischen 1831 und 1833 die fünf Metopenplatten aus, deren Figuren schon einen entwickelteren Stil zeigen; jene des Zeus und der Hera kommen an klassischer Schönheit den Parthenonskulpturen nahe.

Als die drei Bauwerke altdorischer Kunst hier in einer Linie über dem Meer aufgereiht standen, müssen sie einen feierlichern Anblick gewährt haben als die drei voneinander weiter abstehenden Tempel Paestums. Der tragische Ernst ihrer einfachen und streng gegliederten Massen wurde durch polychrome Malerei gemildert. Denn nicht nur die Giebelflächen, der Grund der Metopen und die Triglyphen und Gesimse waren in Rot oder Blau oder Schwarz und Grün gemalt, sondern auch die Kapitäler und Hohlstreifen der mit Stuck überzogenen Säulen lebhaft gefärbt.

Wir gingen über den Osthügel fort ans Meer auf der öden, vom wilden Blumenflor und Palmengebüsch bedeckten Fläche. Virgil hat Selinunt «palmosa» genannt, daher sind diese Küsten schon zu seiner Zeit von derselben «Chamoerops humilis» bedeckt gewesen. Ich sah sie nirgends in so erstaunlicher Menge. Die stark wurzelnde Zwergpalme breitet kaum einen Fuß hoch über dem Boden ihre schönen starren Fächer aus und überwuchert gleich dem Grase weit und breit das Land. Die Naturforscher werden kaum zu sagen wissen, ob sie hier einheimisch oder von Afrika herübergekommen ist. Ich bilde mir ein, einen warmen Lufthauch von dort her zu empfangen, welcher dies tiefdunkle, weite, leblose Meer leise bewegt. Die Linie, die man von hier nach dem Südwesten zieht, trifft das Kap des Merkur am Golf von Karthago. Selinunt war die am weitesten auf diesem Südrande Siziliens vorgeschobene Griechenkolonie, und die Nähe Karthagos brachte ihr Verderben.

Die Küste hier ist eigentlich hafenlos; aus dem Mangel eines großen Seehafens erklärt sich auch die geschichtliche Unwichtigkeit Selinunts. Der mäßige Vorsprung der Akropolis bildet nur einen notdürftigen Ankerplatz für Handelsschiffe. Wir stiegen über rötliche Dünen an das Meer und fanden in der Ausmündung des fiebervollen Talgrundes Arbeiter beschäftigt, welche aus dem Sande Mauern von gelbem Stein freilegten, und diese hält man für Dämme des Hafens. Doch sind die Ausgrabungen noch nicht weit genug gediehen, um ein richtiges Urteil darüber zu haben.

Die Akropolishöhe tritt sehr nahe ans Meer, und auf ihr stehen am südlichsten Rande einige Häuser, die geräumige, auch zur Aufnahme Studierender eingerichtete Wohnung des Kustoden und ein mittelalterlicher Wartturm, welcher ehemals mehr zum Signalisieren als zum Schutze gegen die Piraten gedient hat. Die ganze Hochfläche erhebt sich nur 30 Meter über das Meer. Sie ist so ausgedehnt, daß sie außer Heiligtümern auch die eigentliche Altstadt umfaßt haben muß. Ihr Grund und Boden gehört jetzt fast ganz dem Staat, und so kann hier die Kommission der Altertümer ungehindert schalten. Ihre Ausgrabungen seit 1875 gehören auch, wie zu den schwierigsten, so zu den am besten gelungenen Italiens. Nur ein Teil der Westseite ist noch freizulegen.

Eine antike Straße im Felsboden geht mitten durch die Akropolis, eine andere durchkreuzt dieselbe; so gelangt man von allen Seiten bequem zu dem Trümmerhaufen. Da diese Burgterrasse von Natur nicht stark genug war, bedurfte sie fester Mauern, zumal auf der Landseite nach Norden, ihrem schwächsten Punkte. Mauern umziehen auch die ganze Akropolis; sie sind meist aus oblongen Steinblöcken aufgeführt, zeigen aber verschiedene Epochen des Baues. Auf der Westseite sind sie ganz freigelegt, auf der Ostseite noch größtenteils mit Schutt und Gestrüpp bedeckt.

Im Nordosten liegt das Haupttor, welchem die Richtung jener alten Straße entspricht. Dort grub man eben aus, und es zeigte sich unter dem Eingange noch eine untere Mauer aus Quadersteinen, wie es scheint mit einem Ausfalltor. Ein Bodeneinschnitt unterbricht an dieser Stelle die Akropolisterrasse. Es war hier, wo Cavallari im Jahre 1872 die Fundamente eines eine Kurve beschreibenden Baues entdeckte, welchen er trotz seines geringen Umfanges und der vom System des griechischen Theaters abweichenden Anlage für ein solches hielt. So hat er dasselbe auch in seiner topographischen Karte verzeichnet. Allein die neuesten Ausgrabungen widersprechen dieser Ansicht. Das rätselhafte Gebäude erschien uns wie ein zum Schutze des Stadttors bestimmtes Bollwerk, und ihm entspricht seitwärts eine noch auszugrabende Erhöhung, die wahrscheinlich Reste eines zweiten Flankenturms birgt.

Vier Tempel, minder gigantisch als jene des Osthügels, liegen auf der Akropolis in Trümmern. Den kleinsten hielt Hittorf für ein Heroon des Empedokles, welcher sich um die von der Malaria verpestete Stadt durch Trockenlegung der Sümpfe verdient gemacht hatte. Hittorfs Studien über Selinunt sind von dieser Ruine ausgegangen. Die vielen bemalten Baustücke, die er daselbst fand, gaben ihm den Anlaß zu seinem berühmten Werk über die polychrom Architektur der Griechen (Paris 1851). Weiter aufwärts auf dem höchsten Punkt der Akropolis lag ihr größter Tempel, der dem Stil nach auch der älteste Selinunts überhaupt ist (Tempel C). Seine Säulen sind reihenweise nach innen gestürzt und haben die Tempelmauer zerdrückt. Damit sie nicht tiefer fallen, hat man sie durch Steine gestützt, und so liegt ein riesiges Stück des Architravs der Länge nach ausgestreckt.

In diesem großartigen Trümmerhaufen fanden Harris und Angell die berühmten Metopen, welche Perseus und Medusa, Herkules mit den gefangenen Kerkopen und ein Viergespann darstellen: die ältesten Skulpturwerke Siziliens, deren Stil noch weit jenseits der Aegineten zu liegen scheint und die Einflüsse Assyriens erkennen läßt. Alle Metopen Selinunts sind in dem grauen Kalktuff von Menfrici gearbeitet; nur bei einigen die nackten Glieder der Frauengestalten mit weißem Marmor eingesetzt. Was von diesen Skulpturen in drei Tempeln gefunden worden, ist im Nationalmuseum Palermos aufgestellt, dessen kunstgeschichtlich wichtigsten Schatz sie bilden, wie die Aegineten das kostbarste Kleinod der Glyptothek Münchens sind. Benndorf hat sie illustriert («Die Metopen von Selinunt», Berlin 1873).

Als dieser kolossale Tempel noch aufrecht stand, legten Christen in seinem Peristyl ihre Kapellen an, und selbst christliche Gräber sind hier entdeckt worden. Man fand im Schutt die bronzene, jetzt im Museum Palermos aufbewahrte Lampe aus der Zeit der von Afrika geflüchteten Donatisten. Auf Stücken des Architravs sieht man griechische Kreuze eingemeißelt. Eine prähistorische Kulturschicht liegt übrigens noch unter der altdorischen auf der Akropolis begraben; dies bewies ein Pfeil aus der Steinzeit, welchen Herr Salinas zufällig vom Boden aufnahm.

Die große Nordterrasse jenseits der Akropolis zeigt keine Spuren von Tempeln oder andern Bauwerken, so daß hier keine Ausgrabungen gemacht worden sind. An ihrem äußersten Ende entdeckte zuerst Schubring eine antike Nekropole mit ihren in den Kalktuff gehauenen Gräbern, worin sich viele bemalte Vasen aus weißem Ton fanden. Eine zweite Gräberstätte wurde westlich vom Fluß Modione aufgefunden.

In welcher Zeit die Tempelkolosse untergegangen sind, hat kein Geschichtschreiber gemeldet. Sie überdauerten das klassische Altertum und wohl noch manches christliche Jahrhundert. Wenn man vom alten Selinunt, wie dies nachgewiesen ist, leichter bewegliches Material zum Bau von Brücken oder von Campagnahäusern oft selbst nach größern Orten verschleppte, von denen Castel Vetrano der nächste ist, so konnte man doch nimmer die riesigen Säulen weder fortbringen, noch sie passend verbrauchen. Die Kirchen in Castel Vetrano zeigen, so sagte man mir, keine antiken Säulen auf. Erst die furchtbare Naturgewalt eines Erdbebens hat diese Tempel zerstört und die Nachwelt um den Anblick des Großartigsten gebracht, was der dorische Volksgeist zu erschaffen vermochte, und was jetzt noch in Trümmern uns mit Staunen und Ehrfurcht erfüllt. Die Stadt, welche diese kostbaren Prachtmonumente aufrichtete, zählte schwerlich auch nur 20 000 freie Bürger. Unsere Hauptstädte zählen Millionen; aber was sind ihre modernen Denkmäler, ihre neuesten Kirchen, Paläste, Opernhäuser, Rathäuser, Museen im Grund für geputzte, sterbliche und doch anspruchsvolle Dinge gegen diese Tempel Selinunts! Wenigstens will ich hier mit Boito sagen: «Die einzige klassische Kunst ist die der Griechen; sie bleibt immer schön, wie die Verse Homers.»

Nachmittags fuhren wir von Castel Vetrano ins Land hinein, um eine kürzlich entdeckte normannische Kirche zu sehen. Da nur Feldwege dorthin führen, mußten wir uns der landesüblichen Karreten bedienen. Dies ist ein Fuhrwerk so primitiv dorisch, daß es nicht weit von den Streitwagen des Hektor und Diomedes entfernt zu sein scheint. Drei Bretterwände, gelb angestrichen und je nach dem gewählten Muster mit mythologischen, heiligen, profanen und romantischen Figuren bemalt, bilden das Sitzgehäuse, welches zwischen zwei hohen Rädern feststeht. Die Gemälde sind nicht gerade so schön wie antike Vasenbilder, aber sie haben Inschriften wie sie, und auch der Name des Künstlers oder der Fabrik ist angegeben. Unsere Karren stammen aus Catania. Sie setzten sich kaum in Bewegung, als uns das Stauchen und Rütteln jene wehmütigen Laute auspreßte, welche Dante «dolenti note» nennt. Zwei Kulturzustände miteinander zu verbinden, die durch Jahrtausende so weit getrennt sind wie ein Salonwagen der Eisenbahn und ein sizilianischer Karren auf dem Feldwege, machte mir kein geringes Vergnügen.

Die Kirche Santa Trinità di Delia, das Eigentum des Barons Saporito, wurde in einer Meierei desselben, drei Kilometer von Castel Vetrano entfernt, aus einem sie verbergenden Häuserklumpen gleichsam ausgegraben. Als der Architekt Patricolo diesen abbrach, kam zu aller Erstaunen ein Juwel der Baukunst ans Licht, eine kleine, vollkommen erhaltene arabisch-byzantinische Kirche des 12. Jahrhunderts. Sie ist ein regelrechtes Viereck aus Kalksteinquadern mit entsprechenden Fassaden und einer Kuppel, welche in dem ganz schmucklosen Innenraume auf vier Säulen aus Cipolin und rotem Granit ruht, und über diesen spannen sich arabische Spitzbogen aus. Der Plan ist genau derselbe der beiden Kirchen San Giovanni degli Eremiti und Martorana in Palermo und auch der Metropolis in Athen. Kein anderes Land bietet einen gleich großen Reichtum kunstgeschichtlicher Epochen dar wie Sizilien. Die wechselnde Formenwelt der Griechen, Phönizier, Römer, Byzantiner, Araber, Normannen, Italiener kann man hier beisammen finden. Eben erst hatten wir dorische Tempel betrachtet, auf denen ein Reflex altägyptischer Kunst liegt, und jetzt zeigte uns eine Kirche den künstlerischen Zusammenhang des byzantinischen Orients und des arabischen Ägypten mit Sizilien. Herr Patricolo hat seiner schönen Entdeckung eine Abhandlung gewidmet im «Archivio Storico Siciliano» (Neue Serie, Jahrgang 5), und in demselben «Archiv» wird der Leser noch andere lehrreiche Schriften dieses Baumeisters finden, auch über die Martorana. In Castel Vetrano führt er gegenwärtig ein Theater im dorischen Stil auf.

Unsre architektonischen Studien in der Deliakirche wurden plötzlich sehr angenehm unterbrochen, denn Landleute brachten große Körbe herein, mit duftigen Orangen gefüllt, welche man frisch aus dem Garten geholt hatte. Wir fanden die köstliche Frucht so schmackhaft, daß sie dem Namen des Barons Saporito Ehre machte. Als es nach unserer Rückkehr Abend wurde, nahmen wir im Hôtel Bixio ein treffliches Mahl ein, wozu der Prinz auch einen ehemaligen deutschen Diplomaten eingeladen hatte, welcher vor wenigen Jahren mein zufälliger Schiffsgefährte zwischen Smyrna und Konstantinopel gewesen war und jetzt plötzlich unter den Ruinen Selinunts mir wieder begegnete. Bei unserm Symposium verschmähten wir alle den feurigen Wein Siziliens und tranken den milden Chianti Toscanas, welcher sich demnach auch auf dieser Insel eingebürgert hatte.

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