Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 137
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
Schließen

Navigation:

Der Tempel Segestas ist das besterhaltene, aber nicht das schönste alte dorische Bauwerk Siziliens. Seine architektonische Wirkung wird durch Lage und Umgebung bedeutend erhöht. Als ein wie durch ein Wunder gerettetes, verlassenes und namenloses Kunstgebilde tritt er zu dieser wilden Natur in Gegensatz, aber nicht in Widerspruch; denn seine ruhigen, einfachen Formen stimmen mit den großartigen Bergen seiner Umgebung so ganz überein wie die gelben Farbentöne seines Gesteins. Er steht auf einer künstlich geebneten Höhe, welche westwärts in eine tiefe, vom Wildbach durchflossene Schlucht abstürzt.

Er ist unvollendet und hat keine Zelle; die beiden Giebel sind ohne Schmuck geblieben; die aus Trommeln zusammengesetzten Säulen haben noch keine Kannelierungen. Da der Stilobat noch lückenhaft, die oberste Tempelstufe unvollendet ist, scheinen die dorischen Säulen auf viereckigen Basen zu stehen. Weil ich die Tempel Athens kenne, erschien mir jetzt dieser Segestas etwas schwer und gedrückt, die Säulen plump und sehr nahe beisammen; und diese Wirkung würde noch stärker fühlbar sein, wenn der Innenraum ausgebaut wäre. So wie der Tempel ist, bildet er nur eine auf vier Stufen ruhende Halle, gleichsam ein Belvedere für das erhabene Panorama der Landschaft. Saverio Cavallari hat auch an diesem dorischen Bauwerk den optischen Effekt der leisen Kurve aller Horizontallinien bestätigt, welchen zuerst im Jahre 1837 die Architekten Pennethorn und Schaubert am Parthenon Athens bemerkt haben.

Wir ritten aufwärts zu den Trümmern der Stadt auf verwilderten Pfaden des Monte Barbaro über öde Heiden, welche Palmengras, Borax, Asphodelen und der gelbe Fenchel bedecken. Vom alten Segesta und seiner Akropolis ist außer dem Theater nichts mehr über dem Boden zu sehen als einige Reste der zweifachen Mauerlinie mit ihren Eingängen und Fundamenten der Türme; auch erkennt man Straßen mit ihrem Felsenpflaster. Die zuerst von Serra di Falco, dann von Hittorf und Zanth, endlich von Cavallari unternommenen Ausgrabungen des Theaters haben keine nennenswerten Nachträge erfahren. Dieser schöne Bau, dessen sechs Sitzreihen nebst den Stützmauern noch erhalten sind, bietet bekanntlich neben jenem Taorminas die deutlichste Vorstellung der Einrichtung des altgriechischen Theaters dar. Da die Zuschauer hoch auf der nach Nordost gerichteten Bergflanke saßen, so breitete sich vor ihren Blicken die prachtvollste Szenerie der Natur aus. Nordwärts sieht man das von blauen Küstensäumen umfaßte leuchtende Meer, jenseits im Westen steigt der Gipfel des Eryx empor; unten sind lachende Täler zwischen den rauhen Bergen eingebettet.

Als wir, Segesta verlassend, wieder über den Fluß setzten, wandte sich Herr d'Andrade, welcher neben mir ritt, zu mir und sagte: «Wissen Sie auch, daß Sie den Genuesen einen guten Dienst geleistet haben? Wenn der Palast der Bank von San Giorgio heute noch aufrecht steht, so haben Sie dazu mitgewirkt.»

«Oh! Wie sollte das möglich sein!»

«Nun, haben Sie nicht vor jetzt gerade zehn Jahren einer an Sie gerichteten Aufforderung der genuesischen Kommission zur Erhaltung der Denkmäler entsprochen und sich um die Rettung jenes bedrohten Palastes bemüht?»

«Freilich, ich begab mich mit Monteverde zum Ministerpräsidenten Depretis; wir legten ihm die Sache dringend ans Herz, und es ist jener ausgezeichnete Bildhauer gewesen, welchem seine Vaterstadt die Erhaltung des Palazzo delle Compere verdankt.»

«Wir haben Ihren Brief an uns damals veröffentlicht, und er hat Eindruck gemacht; demnach haben Sie sich um jenen Palast verdient gemacht.»

«Nun denn, so ist das Wort wahr, daß auch irgendein geringfügiges Instrument, ein Nagel, ein Stein, welchen man vom Boden aufhebt, bisweilen zu etwas gut sein kann.»

Ich erinnerte mich jetzt, daß ich schon eine Beziehung zu meinem liebenswürdigen Gefährten hier hatte, daß die Aufforderung jener Kommission auch von Herrn d'Andrade unterzeichnet war. Wenn ich dies Gespräch mit ihm bemerke, so geschieht es aus folgendem Grunde. Kurz vor meiner Ankunft in Palermo hatte ich einen offenen Brief an den Präsidenten der Akademie von San Luca gerichtet, die gewaltsame Verwandlung Roms durch den Umbau der Stadt betreffend. Ich hatte mir niemals eingebildet, mit einem Strohhalm einen Strom aufzuhalten; aber die Bekümmernis um die Zerstörung der Villa Ludovisi und des Klosters Araceli und meine alte Leidenschaft für Rom hatten mich zu jenem Briefe veranlaßt, welcher nichts anderes bedeutete, als einen verzeihlichen Klageruf über so viel Schönes, was jetzt in Rom der alles verwandelnden Zeit zum Opfer fällt. Gerade während meiner Anwesenheit in Sizilien erhob sich in manchen römischen Journalen ein heftiger Angriff gegen meinen Brief, nicht von seiten der Römer, welche mir immer wohlwollend und freundlich gesinnt sind, sondern von solchen, die ich nicht weiter bezeichnen will. Darum mußten mir gerade jetzt die Worte d'Andrades und die Erinnerungen, welche sie in mir erweckten, doppelt erfreulich sein.

Wir waren kaum über den Fluß hinüber, als sich uns in der von Menschen verlassenen Landschaft der überraschende Anblick eines Festzuges darbot. Eine lange Reihe von Reitern, auch von hochräderigen Wagen, die mit anscheinend fröhlichen Menschen angefüllt waren, bewegte sich auf der Straße nach Calatafimi fort. Ein in träumerische Erinnerungen des Altertums versunkener Archäologe hätte sich einbilden können, daß dies ein Zug von Männern sei, welche einen mit dem Ölzweige bekränzten Athleten oder Wagenlenker aus dem Festspiel heimgeleiteten. Allein der Heros dieses Pompes war kein Gegenstand für eine Ode Pindars, sondern, wie man mir zu meiner Überraschung erklärte, ein Mensch, welcher als Verbrecher prozessiert seine Freisprechung erhalten hatte und eben erst von seinen Gemeindegenossen aus dem Tribunal abgeholt worden war. Das Geleite der Gratulanten war schon vorüber, ehe ich mich so weit nähern konnte, um aus dem Angesicht des Glücklichen herauszulesen, ob dies ein Triumphzug der Gerechtigkeit oder ihres Gegenteils sei, und ob auch nach dem Spruche des Richters der unbestechlichen Nemesis noch etwas mit dem Manne zu tun übrigbleiben werde.

Es gibt genug Beispiele der Einschüchterung der Geschworenen, namentlich aus der Zeit des heftigen Kampfes der gesetzlichen Gewalt mit der sizilianischen Maffia. Die Regierung war bisweilen genötigt, schwerer Verbrechen Angeklagte von Gerichten des Festlandes aburteilen zu lassen. Als ich mich ein paar Wochen später im Hafen Palermos nach Neapel einschiffte, sah ich gefesselte Männer auf das Dampfschiff bringen, darunter einige von so verwilderter und vertierter Physiognomie, daß ich sie nur mit Grauen betrachten konnte. Wenn sich auch die Zustände Siziliens im allgemeinen sehr gebessert haben und das Land von den Grassatori der Straßen gesäubert ist, so ist doch die Hydra der Maffia keineswegs ganz und gar erstickt; denn sie dauert noch als das die sozialen Verhältnisse tyrannisierende Klientelwesen fort, und der Rechtssinn hat noch nicht das Bewußtsein des Volkes durchdrungen. Dem Richter fehlt die Achtung, die aus der Unbestechlichkeit fließt, und dem Gesetz jener Nimbus der Furcht und Ehrfurcht, welcher seine heilige Macht umgeben soll. In dieser Hinsicht haben Kirche, Schule und Gesellschaft in den meridionalen Ländern noch viel zu tun.

Um 4 Uhr nachmittags stiegen wir auf der Station Alcamo-Calatafimi wieder in den Eisenbahnzug und fuhren weiter nach Castel Vetrano über Gibellina und Santa Ninfa. Der erste Ort hat seinen Namen wohl eher von dem arabischen Gebel erhalten als von der Faktion der Ghibellinen. Das Land sinkt hier schon zum Meere ab; es ist baumlos und kahl, ohne Wein- und Olivenkultur, doch von Saaten grünend. Statt wohlhabender Ortschaften, die man hier beieinander anzutreffen erwartet, sieht man nur zerstreute Campagnahäuser, die Zeichen, daß der Freibauer seit alters zum Kolonen der Latifundien herabgesetzt ist.

Nach wenig mehr als einer Stunde erreichten wir Castel Vetrano. ich rief mir wieder die Zeit zurück, wo ich vor 33 Jahren in diesem Ort mit Bursian angelangt war, von dem langen Ritte so ermüdet, daß ich nicht ohne Hilfe vom Maultier steigen konnte. Wir waren damals nur zu Nacht in Castel Vetrano und ritten schon in der nächsten Morgenfrühe weiter fort nach Selinunt und Sciacca.

An der Station standen zwei elegante Wagen mit Dienern in Livree bereit, und mehrere Herren, unter ihnen der Syndikus der Stadt, Baron Saporito, empfingen die Gesellschaft mit zuvorkommenden Höflichkeiten. Sie luden uns ein, ehe wir uns ins Hotel Bixio begaben, das Städtische Museum zu besichtigen. Diese kleine Sammlung ist aus Altertümern gebildet, welche im Gemeindebezirk durch Zufall gefunden sind. Man hat sie in den oberen Räumen des verfallenen Dominikanerklosters aufgestellt: Ton- und Bronzefiguren, Skulpturtrümmer, große und kleine Vasen und dergleichen. Ein paar bemalte griechische Gefäße erregten unsere Aufmerksamkeit; das eine zeigte auf weißem Grunde die Figur einer sitzenden Frau, welche einen Kranz windet; die in schwarzen Linien gezeichnete Gestalt ist von der schönsten klassischen Einfachheit. Einen andern Lekythos schmückt das Bild einer Frau, die ihre Toilette macht. Unter den Bronzen fanden wir eine archaistische Figur in dreiviertel Lebensgröße, welche Apollo darzustellen scheint.

Man tadelt das Anlegen kleiner Stadtmuseen, weil dadurch Kunstschätze dem Staate entzogen und zersplittert werden. Allein solche Sammlungen sind doch immer ein Schmuck der Gemeinden, deren geistige Bedeutung sie erhöhen können. Auch mindert sich im Zeitalter der Eisenbahnen die Unbequemlichkeit, sie an Ort und Stelle aufzusuchen. Der Kunstforscher kann heute so ohne Mühe von Neapel nach Ruvo gehen, um die berühmte Vasensammlung Jatta zu besuchen, als er von Palermo nach Syrakus, Noto und Castel Vetrano gelangt.

Man hat in demselben Dominikanerkloster auch Elementarschulen und sogar ein Gymnasium mit fünf Professoren eingerichtet, und dies ist freilich rühmlicher und wichtiger, als ein Museum von Antiquitäten oder Bildern sein kann; denn was diesem so lange Zeit hindurch von Unwissenheit und Aberglauben verdunkelten Insellande vor allem not tut, ist Aufklärung des Volkes durch Unterricht. Ich sah mit besonderem Anteil die dort in drei schmucken Sälen aufgestellte Bibliothek und fand darin zu meiner Überraschung einige Inkunabeln von Wert, so eine von Gallus in Wien gedruckte Bibel und einen lateinischen Josephus aus der bekannten Offizin des Pannartz zu Rom «in domo Maximorum».

Trotz der eingebrochenen Dunkelheit besuchten wir noch die ansehnliche Kathedrale San Giovanni Battista, und wir bewunderten daselbst hinter dem Hochaltar, beim Schein von Kerzen, schon aus Pflichtgefühl, die übrigens treffliche Marmorfigur des Täufers, ein Werk des Antonio Gagini. Dieser berühmte Bildhauer Siziliens in der Renaissance war im Jahre 1480 zu Palermo geboren. Er und seine talentvollen Söhne haben die Kirchen dieser und anderer Städte ihres Vaterlandes mit vielen Statuen, Reliefs und andern Werken der Skulptur geschmückt.

Da wir zwei Nächte in Castelvetrano zubrachten, hatte ich Muße genug, diese geräumige Stadt zu sehen. Ihre freie Lage auf einer langgestreckten gartenreichen Bodenerhebung über der zum nahen Meer sinkenden großen Niederung erinnert durchaus an Velletri. Freilich fehlt hier das interessante Naturgemälde, welches dort in Latium durch die schönen Volskerberge, die Pontinischen Sümpfe und das Kap der Circe geschaffen ist. Aber Castelvetrano ist viel ansehnlicher, eine durch Landbau und Weinkultur wohlhabende Stadt von 30 000 Einwohnern, mit breiten, geraden Straßen, manchen stattlichen Palästen und altertümlichen Kirchen noch aus normannischer Zeit. Ehedem war gebietender Herr des Orts der Duca di Monteleone. Diese einst mächtige Familie besitzt hier noch ihren großen Baronalpalast. Ein Blick auf das jetzt verfallende Schloß mit krenelierten Mauern und hohem Turm und mit einem in irgendwelchem Volkstumult ausgelöschten Wappen über dem Portal zeigt, daß auch in Sizilien die Epoche des Feudalismus der Vergangenheit angehört. Die Monteleone-Pignatelli sind aus großen Lehnsherren zu Gutsbesitzern geworden. Andere Günstlinge der Fortuna und der Arbeit haben sich neben ihnen emporgeschwungen, wie die Brüder Saporito, welchen im Gebiete Castelvetranos weite Ländereien angehören. Am 30. April brachen wir um sechs Uhr morgens nach Selinunt auf und legten diese Strecke von anderthalb Stunden zu Wagen zurück. Der Bau einer Eisenbahn bis zu den Tempeltrümmern ist im Plan. Die Straße, die wir nahmen, ist die nach Sciacca führende, welches ostwärts auf einer mäßigen Höhe sichtbar wird. Sie geht erst durch üppige Wein- und Ölgärten an Landhäusern vorbei, dann nach dem öden Küstenstrich, zu welchem wir rechts abbogen. Die gewaltigen Ruinen Selinunts erheben sich vor uns über dem Meeresstrande in zwei getrennten Gruppen; sie scheinen die durcheinandergeworfenen Reste der ganzen Stadt zu sein, und doch sind sie nur die Trümmer von sieben ihrer dorischen Tempel.

Nichts anderes ist heute von jenem alten Selinunt übriggeblieben, welches in die Geschicke Siziliens und Griechenlands so verhängnisvoll eingegriffen hat. Das geschichtliche Leben dieser Stadt, deren Bürger reich und kunstsinnig genug waren, um den Göttern solche gigantische, für ewige Dauer berechnete Tempel aufzurichten, ist für uns ganz so dunkel und unpersönlich wie jenes ihrer Feindin Segesta. Der inneren Uneinigkeit, der engherzigen Eifersucht und dem Mangel an Sinn für das höhere Wohl eines gemeinsamen Vaterlandes sind beide Städte zum Opfer gefallen. Der Begriff des Vaterlandes fehlte freilich diesen Griechenkolonien, deren jede einen eigenen Staat für sich bildete.

Der erbitterte, durch Grenzstreitigkeiten entstandene Krieg zwischen Segesta und Selinunt, in welchen auch Syrakus verflochten war, hatte zur Folge, daß die erstere die Athener zur Hülfe rief. Diese erlagen in der furchtbaren Katastrophe des Nikias vor Syrakus. Dann rief Segesta unglücklicherweise die Karthager herbei, und Hannibal, der Sohn Giskons, der Enkel und Rächer des bei Himera besiegten Hamilkar, eroberte und zerstörte nach nur neuntätiger Belagerung Selinunt, im Jahre 409.

Die wahre Blütezeit dieser durch Handel und Ackerbau reichen Stadt, einer im Jahre 628 v. Chr. gegründeten Kolonie des dorischen Megara-Hybläa, umfaßte vielleicht nur den kleinen Zeitraum von 480 bis 409, von dem großen Siege der Griechen über die Punier bei Himera bis zu der verhängnisvollen Rückkehr der Karthager. In dieser Epoche sind nicht die ältesten, aber die schönsten jener dorischen Tempel gebaut worden, deren Reste jetzt das unvergleichliche Gemälde einer zertrümmerten griechischen Stadt am Meer, in totenstiller Verlassenheit darbieten. Selinunt war mit der Zeit selbst bis auf den Namen so verschollen, daß diesen erst der sizilianische Geschichtschreiber Fazello im 16. Jahrhundert wiederentdeckt hat.

Die ersten Ausgrabungen machten hier im Jahre 1822 die Engländer Samuel Angell und William Harris; dann stellten 1824 Hittorf und sein Schüler Zanth ihre epochemachenden Untersuchungen der Trümmer an, ohne jedoch Ausgrabungen zu veranstalten. Solche ließen der Herzog Serra di Falco und der Prinz della Trabia durch den jungen Architekten Cavallari im Jahre 1831 fortsetzen. Ihre Resultate stellte dann Serra di Falco im zweiten Band seines Werkes über die Altertümer Siziliens zusammen. Cavallari führte die Ausgrabungen von 1865 bis 1872 weiter fort, und heute werden sie unter der Leitung Scaleas mit neuem Eifer fortgesetzt. Davon Augenzeuge zu sein, war mir von höchstem Wert.

Der Stadtplan Selinunts, welchen Cavallari und Schubring im Jahre 1865 topographisch festgestellt haben, zerfällt in zwei Gebiete, deren jedes eine von Nord nach Süd zur Küste hingestreckte Hochfläche umfaßt. Beide sind durch die Vallara, ein langes, tausend Schritte breites Tal voneinander getrennt. Auf dem östlichen, weniger erhobenen Bergrücken stehen die mächtigsten Tempeltrümmer. Die westliche Terrasse tritt näher und schroffer ans Meer und enthält über der Küste die Ruinen der Akropolis. Dann wird sie an der Nordmauer dieser durch einen grabenartigen Einschnitt des Bodens abgebrochen, über welchen sie sich nordwärts als ein von Flugsand und Gestrüpp bedecktes Hochfeld fortsetzt. Hier lag ein großer Teil der eigentlichen Stadt. Von diesem Hügel steigt man westwärts in die sumpfige Niederung, durch welche der Fluß Selinus oder Modione ins Meer fällt. Er soll der Stadt ihren Namen gegeben haben. Das Selinon (wilder Sellerie oder Eppich) wird dort in Massen angetroffen. Das zierliche, feingegliederte Blatt dieser Pflanze muß auch die Aufmerksamkeit der alten Künstler erregt haben, denn es wurde zum gewöhnlichen Emblem der selinuntischen Silberdrachmen. Auf dem Avers sieht man das Eppichblatt hinter dem gehörnten Fluggott Selinos oder dem Hypsas, neben dem Bilde eines Stiers oder eines schreitenden Sumpfvogels oder eines Viergespanns.

 << Kapitel 136  Kapitel 138 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.