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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 131
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Agrigent

1855

Am vierten September brach ich mit meinem Reisegefährten von Palermo auf, nach dem alten Agrigent zu reiten. Giuseppe Campo, der trefflichste aller Führer Siziliens, ein Bürger der alten sarazenischen Stadt Misilmeri, hatte uns zwei stattliche Maultiere gegeben, während er selbst auf dem Bagagetier ritt. Es war ein herrlicher Tag, da wir hinauszogen, über Monreale in die öden Berggegenden hinein und zwischen Felsen fort, wo wir keiner lebenden Seele begegneten als den Adlern des Jupiter, die dort ernst und still heruntergehen oder kreisend umherfliegen. So geht es einige Stunden fort, bis die Ebene von Partinico und Sala, ein herrliches Gartenland am Golf von San Vito, sich den Blicken zeigt. Rechts bleibt die Gegend von Borghetto, einst Hykkara, die Vaterstadt des schönsten Weibes Griechenlands, jener Lais, die von den Hellenen unter Nikias als Kind geraubt und nach Athen entführt wurde.

Die Linien des Golfs von San Vito sind groß und schön geschwungen wie die von Cefalù; die Ebene, eine der prächtigsten Siziliens, prangt in tropischer Fülle von Pflanzenwuchs. Wir hielten Mittagsrast in dem kleinen Ort Sala und durchritten nun die reichsten Gefilde, welche von Öl und Wein triefen, um nach Alcamo zu gelangen, einer Stadt, die hoch auf den Bergen liegt. Weiter hinauf ist großstilisiertes Land von dorischem Charakter, Berge von prächtigen Senkungen, in langverzogenen Linien, rotdunkel und warm, die Grundtöne von schwärzlichem Braun. Die Physiognomie dieser Gegenden macht der Herbst noch ernster, und die riesengroßen Pinien, die schwarzen Zypressen, schlanke Palmen und hochaufragende Blumenschäfte der Aloe wirken charaktervoll ineinander. Es ist alles monochromisch, braun in braun; was die Natur mit einer einzigen Farbe zu malen vermag, wird man hier mit Entzücken gewahr.

Abends erreichten wir Alcamo, nach einem anstrengenden Ritt von neun deutschen Meilen und mit der untröstlichen Aussicht, am folgenden Tage zehn, am dritten elf, am vierten wiederum zehn deutsche Meilen reiten zu müssen, ehe wir Agrigent erreichten. Alcamo ist eine freundliche und saubere Stadt von 15 000 Einwohnern, mit alten Sarazenenburgen. Ich sage nichts von ihr, außer daß mich im kümmerlichen Gasthof die Moskitos im Schlaf überfielen und so arg zurichteten, daß ich die Wundenmale vier Wochen lang als Andenken mit mir tragen mußte. Abends hatte der Capitano der Guardia zu uns geschickt und uns militärische Bedeckung bis Segesta angetragen, welche wir ausschlugen.

Um den berühmten Tempel von Segesta zu sehen, machten wir uns mit dem Stern Orion auf und ritten in der purpurnen Morgendämmerung neun Millien weit seitab durch öde und kahle Bergdistrikte. Es verkündet hier die Frühe eben jener schöne Stern des Himmels, ein echt sizilisches Gestirn, dessen Mythe in Messina spielt. Ich hatte dieses Sternbild oft genug in Korsika bewundert, wo ihn das Volk Die Drei Könige aus dem Morgenlande oder Die Drei Magier nennt; aber in Sizilien erschien er mir erst in seiner vollen himmlischen Pracht, wie ein Kandelaber der Götter, welchen die Horen im Azur anzünden. Seine Lampen flimmern und flammen wie in bengalischem Feuer dann wittert die Luft, und der Ost quillt von einem krokusfarbenen Schein; die Berge fangen an zu atmen, sie heben und senken die Nebel wie Schwingen, dann wird es purpurrot über dem Meer, und alle Lüfte rauchen von Purpurdampf. Der Orion aber verlöscht seine Kerzen, nach welcher seligen Götternacht!

Segesta: Tempel

Segesta: Tempel

Da ist nun der Tempel von Segesta! Schon drei Millien weit sahen wir ihn vor uns, ein schöner Anblick, weil er, kaum Ruine zu nennen, sondern ganz aufrecht, mit allen Säulen und beiden Frontonen, einsam an der braunen Bergseite steht und die wilde Gegend still und majestätisch überschaut. Der Weg, welcher dorthin führt, ein wenig betretener Hirtenpfad, war eine Millie weit mit Aloeblumen besetzt. Wohl Hunderte zu beiden Seiten erhoben aus ihrem riesigen Blättergerüst die zwanzig Fuß hohen Blumenschäfte und bildeten eine Allee, durch welche die Perspektive geradezu auf den Tempel führte. Dies berühmte Heiligtum steht auf einem nackten Hügel. Die gelbbraune, von dürren Disteln bedeckte und von Ziegen umweidete Bergwildnis, die Einsamkeit, die Erinnerung an die alten trojanischen Sagen, die schönen Verse des Virgil, endlich jene Kriege der Segestaner mit Selinunt, welche die Expedition der Athener gegen Syrakus und so große geschichtliche Folgen nach sich zogen, beschäftigen hier die Phantasie. Die poetische Öde ringsumher übertrifft noch jene von Paestum. Überall sagenvolle Atmosphäre und nebelsame Gestalt von Mythen oder von Historie. Wenn man auf dem alten (von Hittorf ausgegrabenen) Theater sitzt, so ist der Blick in die blonde Wildnis zauberhaft und von tief tragischem Ernst. Man übersieht hier den Golf von Castellamare, dort die prächtigen Berge von Alcamo; zu Füßen liegt ein verwildertes Tal, welches der fabelhafte Fluß Krimisos durchirrt; drüben steht der grau-alabasterne Berg von Calatafimi, einer Stadt, die schwarz und eintönig seinen Gipfel bedeckt. Wendet man sich westwärts, so blickt über die gelben Hügel herauf ein blauduftiges, phantastisches Berghaupt. Dies ist der schöne Berg Eryx, der einst den Tempel der Venus trug. Auch das Ägadische Meer schimmert dort hyazinthenfarben hervor und lockt den Blick nach Karthago und die Phantasie in die Punischen Kriege zurück.

Ich sage nichts mehr vom Tempel der Segestaner; er ist bekannt genug. An den Bergen Pispisa ritten wir fort, hinter dem Tempel weg, durch die sonnverbrannte Wildnis, wo hier und da Hirten in schafsfellenen Kleidern ihre Herde trieben. Es geht über Heiden fort, die nur braune Disteln tragen und von Millionen von Schnecken überdeckt sind, welche jede Pflanze wie versteinert überziehen; weiter fort ohne Weg noch Steg durch Felder, die von der Sonnenglut tief zerklafft und zerspaltet sind. Auf einmal enthüllt sich das große und weite Ostufer und das Ägadische Meer, die herrliche Pyramide des Eryx, Drepanum zu seinen Fügen, heute Trapani genannt, die Ägadischen Inseln, welche silberhell durch den Meeresduft erglänzen, und alles Küstenland bis Lilybäum, Marsala und Mazara. Hier wehen schon Lüfte von Karthago herüber, und das Schiff, welches dort gegen Afrika segelt, brächte mich in zwölf Stunden nach Tunis und zu den Puniern.

Wir gelangten zu Mittag in unerträglicher Sonnenglut nach Vita, einem elenden Steinhaufen in der Öde, bevölkert von elenden Menschen, welche bronzefarbig und kraushaarig schon Afrikanern gleichen, und deren Sizilisch ich nicht verstehen konnte. Bei einem Schuster machten wir Rast, aßen, was uns Campo vorsetzte, und stiegen nun auf, nach Castel Vetrano zu reiten, wo wir Nachtruhe halten sollten. So herrlich diese Gegenden auch waren, so raubte uns doch die Müdigkeit den größten Teil des Genusses. Nach einem Ritt von zehn deutschen Meilen gelangten wir also nach jener Stadt, aber ich war nicht imstande, vom Tier zu steigen, sondern mußte herabgehoben werden. Indem mir nun die schreckliche Gewißheit, morgen elf Meilen reiten zu müssen, vor den Gliedern stand, glaubte ich, solcher xenophontischen Märsche nicht länger fähig zu sein; indes, ich machte die Erfahrung, daß der Mensch alles kann, was er ernstlich will, und daß die Philosophie selbst halsstarrige Maultiere zu bändigen vermag. Denn jene elf Meilen ritt ich am folgenden Tag ohne Beschwerde und die letzten zehn bis Agrigent bereits mit Behagen. Nicht so mein Gefährte, welchen schon am zweiten Tage der Sonnenstich getroffen hatte und der, in den Schwefelminen von Alcara später nur durch schleunigen Aderlaß gerettet, mehrere Wochen in Palermo krank daniederliegen sollte.

Am 6. September brachen wir in der Morgendämmerung von Castel Vetrano auf, um an das afrikanische Meer zu reiten. Das war wieder ein Morgen von so purpurner Pracht, wie man ihn nur hier oder in Hellas erleben mag. Wer hätte Worte, diese Farbenströme zu schildern, welche sich vom Osten her über die stillen Fluten und durch die Lüfte ergießen! Vorausgehend, um mich dem Anblick dieses Phänomens in Einsamkeit hinzugeben, setzte ich mich am Ende der Stadt vor einer alten Kirche unter Bäumen nieder und blickte dort in die Meeresferne nach Selinunt hinaus, welches sechs Millien weit vor uns lag. Der Orion flammte wieder in dem purpurnen Dunst, und der Himmel war von jener unsagbaren Klarheit, die man mit keinem andern Wort als dem hellenischen «Äther» bezeichnen kann.

Man reitet von Castel Vetrano durch ein wohlbebautes Flachland, sechs Millien weit nach dem Meer hinunter. Schon in dieser Entfernung zeigt sich die ungeheure Trümmermasse der selinuntischen Tempel, und wie groß diese sei, will ich so sagen: Im Morgendämmer fortreitend erblickte ich am fernen Meeresufer eine Stadt; aus ihr sah ich viele zersplitterte Rundtürme hervorragen, unter denen namentlich einer wie ein Minarett hoch und schlank sich in die Lüfte erhob. Ich sagte also dem Giuseppe, es sei gut, frischfort auf die Stadt zuzureiten, welche mir so ansehnlich scheine, daß ich wohl hoffte, es würde dort Sorbett zu finden sein. Hierauf lachte Giuseppe und antwortete: «Was Euch eine Stadt dünkt, sind die Tempeltrümmer vom alten Selinunt.»

Selinunt: Tempelreste

Selinunt: Tempelreste

Der Anblick dieser Trümmer am Meer, in grenzenloser Öde, ist vielleicht ohnegleichen in der Welt. Hier hatte ich zum erstenmal den ganzen und vollen Eindruck von dem, was man sich unter dem Begriff «klassische Ruinen» vorstellt. Aus der Ferne wie aus der Nähe betrachtet erregen diese verlassenen Überreste hellenischer Größe ein gemischtes Gefühl von sprachlosem Erstaunen und von schauerlicher Lust. Die Wüstheit der Trümmer unter wucherndem Pflanzenwuchs ist unbeschreiblich malerisch, um so mehr, als aus den riesigen Steinblöcken überall Gebild und Gestalt hervortritt. Nichts als Triglyphen, Metopen, kannelierte Säulenstücke, dorische Kapitäler von ungeheurer Dimension und doch graziös und leicht in Form und Profil; all dies ragt übereinander, gleich wie Schollen, wenn der Strom mit Eis geht. Der Strom der Zeit ist hier mit Trümmern gegangen und hat sie in großartiger Wildheit und bizarrer Gruppierung übereinandergedrängt. Einige Massen liegen noch im Chaos der Zerstörung geordnet; so sieht man namentlich an dem berühmten Tempel des olympischen Zeus die Riesensäulen von den Basen gestürzt, in Reihen, wie sie aufrecht standen, umgelegt, mit getrennten Gliedern, nun Giganten gleichend, die auf einem wüsten Kampfplatz mit gebrochenem Leibe niedergestreckt nebeneinanderliegen. Nur wenige Säulenstümpfe stehen aufrecht, vom Volk «Pileri de' Giganti», Riesenpfeiler, genannt; unter ihnen eine, die höchste, turmartig und ohne Kapitäl, aus dem Schutt der Tempel einzeln hervorsteigend, ein Trümmerkönig, der alles öde Land weit und breit sagenvoll beherrscht.

Zwei solcher Trümmerhaufen bezeichnen auf den geringen Erhebungen nahe am Meer das alte Selinus. Das eine, östliche, Trümmerfeld enthält hauptsächlich die Ruinen der Tempel, das andere, westliche, die der Stadt selber, wo man vier Tempel unterscheidet, deren verwilderte Massen höchst malerisch sind. Man steigt zwischen den Blöcken und über Architraven und Friesen wie in einem Labyrinth umher, welches Gebüsche verdichten und duftige Blumenranken umschlingen, fast bei jedem Schritt die schwarzen Schlangen aufstörend, die diese versunkene Welt allein bewohnen. Zwischen beiden Trümmerfeldern fließt der Selinos, heute Modione, in das nahe Meer. Der ganze Strand ist niedrig, der Fluß versumpft, zu beiden Seiten nur trockne Moore, weit und breit bedeckt mit dem schönen, fremdartigen Palmengrase und übersät mit blauen Blumen und einem Flor von köstlich duftigen Lilien. Schon im Altertum erzeugte die Maremmenluft, welcher Selinus bei seiner niedrigen Lage ausgesetzt war, pestartige Krankheiten unter der Bevölkerung. Empedokles ward deshalb von Agrigent gerufen, diesem Übel zu steuern, und es heißt, er befreite die Stadt von der Sumpfluft durch Kanäle, die er zog.

Ich halte mich nicht bei der Schilderung der Tempel auf, noch will ich mehr als flüchtig daran erinnern, daß dort jene berühmten Metopen gefunden wurden, welche für die Geschichte der alten Kunst von so großer Wichtigkeit geworden sind. Man sieht sie jetzt im Museum von Palermo. Aber erwähnen will ich, daß der Geschichtschreiber Tommaso Fazello in der Nähe des alten Selinunt zu Hause war; es ist jener gelehrte Dominikaner aus dem sechzehnten Jahrhundert, welcher die neuere Geschichtschreibung Siziliens geschaffen hat.

Im übrigen Italien sieht man auf Trümmerstätten entweder das Leben sich in die Ruinen einwohnen, wie namentlich in der Campagna von Rom, oder man erblickt nebeneinander Trümmer von verschiedenen Zeitepochen; zu Selinunt stellt sich nur eine einzige Epoche dar; ringsum keine Spur von Leben, die feierlichste Öde zu beiden Seiten, eine grenzenlose aber selige Verlassenheit, ein verschwimmender Meershorizont, tiefstes Schweigen und mythenvolle, odysseische Einsamkeit. Daher wird die Phantasie durch nichts aufgehalten, sondern breitet sich in dieser klassischen Wüste ungehindert aus. Wer Selinunt gesehen hat, wird sagen, daß nirgendwo anders in Italien sein Gemüt so ganz und gar den Eindruck der Ruine empfunden hat.

Weiter ostwärts reitend durch flaches Land setzten wir über den Belicefluß, den alten Hypsas Potamos, und zogen fort durch viel Korkeichenwald und viele ufersandige Strecken, bis wir Menfrici erreichten. Von dort aus geht es durch öde Ebenen, bis sich plötzlich Sciacca (Thermae Selinuntinae) zeigt, ein lebhafter Ort von 16 000 Einwohnern, mit einem malerischen Kastell und schön auf Hügeln am strahlenden Meer gelegen. Wir hielten dort Nachtrast.

Von Sciacca machten wir uns weiter auf und ritten beinahe vier deutsche Meilen weit am Strande fort, über Kiesel und Muscheln und moorige Strecken, bald wieder über Flüsse hinweg, immer ohne Weg und Steg. Es gibt hier viele ausgetrocknete Flüsse, die vom Herbstregen zu reißenden Strömen anschwellen. Einer der größten ist der Platani, der alte Halykus, den wir durchritten. Wir fanden dort viele Herden hochgehörnter Rinder, die in Sizilien, soviel ich wahrgenommen habe, nicht wie in Italien von weißer, sondern von roter Farbe sind, die wahren Rinder des Helios. Die Hirten, ein wild und elend aussehendes Volk, reiten auf Pferden, wie in der Campagna von Rom und in den Pontinischen Sümpfen.

Nachdem wir den Strand verlassen hatten, ging es über hügeliges Land weiter; es ist unbewohnt, aber reich an Korn. Nirgends eine Ortschaft, überall die vollkommenste Verlassenheit. Mitten in einer Heide überraschte uns der verwundersame Anblick eines Sees, der gänzlich ausgetrocknet und flach vor uns lag, weiß wie Schnee, hohes dürres Schilf umkränzte sein Ufer. Dies Gemälde der Natur, fremd und seltsam, hatte einen Charakter von gespensterhafter Öde, wie ich mich nicht erinnere, Ähnliches gesehen zu haben.

Endlich erreichten wir nach einem Ritt von vierundzwanzig Millien Monte Allegro. Der elende Ort entspricht nicht seinem Namen: denn in ganz dürrer Gegend gelegen, nur von kümmerlichem Weinwuchs und von wenig Olivenbäumen umgeben, sollte er Monte Triste heißen. Ehemals lag diese Stadt auf dem Berge, wurde aber vor hundert Jahren verlassen, weil die Einwohner Wassermangel litten. Man hat deshalb den sonderbarsten Anblick zweier Städte vor sich, der Mutter- und Tochterstadt. Jene steht noch mit Straßen und Häusern aufrecht auf dem Berg, nun eine Mumie von Stadt, während der neue Ort zu ihren Füßen liegt, nicht minder wüst und gespenstig als jene. Alle Häuser sind aus grauem Alabasterkalk gebaut. In der Gegend von Monte Allegro lag einst am Halykus die alte Stadt Heraklea Minoa, welche ihren Namen von Minos erhielt, denn als dieser König den Künstler Dädalus nach Sizilien verfolgte und von den Töchtern des Kokalus getötet worden war, erbauten seine kretischen Begleiter Minoa. Einige Grotten und Gräber in den Felsen gibt man für die Überreste davon aus.

Von Monte Allegro in sehr lästiger Nachmittagssonnenglut aufgebrochen, ritten wir durch wüste Gegenden nach Siculiana. Der graue Ort liegt auf ganz kahlem Berg; er hat kein anderes Grün um sich her als den stachligen Kaktus, welcher das Gestein überwildert. Die Armut des Volks ist groß. Die Weiber tragen hier überall die weißen oder schwarzen Schleier von Tuch, die als Mantille über den Kopf gezogen werden, die Männer hohe gezipfelte Mützen von weißer oder von schwarzer Farbe. Alles Land umher wittert von Schwefelgeruch, und hie und da sieht man Schwefelminen rauchen. Vor Siculiana lag im Altertum Ancyra. Es folgt nun ein Ufer von vulkanischer Bildung, schwarz oder schwefelweiß, in Reihen von Kegeln geformt. Wir ritten im zauberischen Mondschein durch diese schauerlichen Einsamkeiten, überall begrüßt vom Geschrei der Eulen, schweigsam fort an den schwermutsvollen Meereswellen, bis wir Molo di Girgenti erreichten, einen kleinen Hafenort, drei Millien weit von Agrigent. Und erst in der Nacht gelangten wir in die Vaterstadt des Empedokles, das alte Akragas, nun der elende Ort Girgenti. Eine trümmervolle, klassische Wildnis lag im Zwielicht der Sterne rings um uns her gebreitet, und als ich am folgenden Morgen vor das Stadttor ging, sah ich eine Landschaft vor mir, deren großer und feierlicher Stil kaum dem Gefilde von Syrakus nachsieht.

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