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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 128
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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3. Der Dom von Monreale

Viele Einflüsse wirkten zusammen, um in Sizilien eine so prächtige Kirchenarchitektur zu entfalten und eigentümlich auszubilden: im allgemeinen der Geist eines Zeitalters, wo das Christentum dem Islam in enthusiastischer Begeisterung zum Kampf auf Leben und Tod entgegengetreten war; im besondern der Gegensatz, in welchem sich das neue Herrschergeschlecht der Normannen zur Religion Mohammeds gestellt sah. Hier war nach einem rühmlichen Triumph die christliche Kirche neu aufzurichten und ihre Hoheit zur Erscheinung zu bringen. Prächtige Dome, Wunderwerke einer begeisterten und doch vom Orient selbst angehauchten Kunst, entstanden nun an vielen Orten als ebenso viele Denkmäler des großen Sieges über Mohammeds Religion.

Unter gleichen geschichtlichen Bedingungen hatte Sizilien seine erste große Architekturperiode erlebt. Die Hellenen hatten in der Schlacht bei Himera die afrikanischen Karthager, welche Sizilien überschwemmt, vernichtet und in Siegestrunkenheit die befreite Insel mit den Prachtbauten ihrer Tempel bedeckt. Die Götter von Hellas, Zeus, Apollo, Ceres und Venus, hatten den Moloch Afrikas überwunden; ja, in höchst merkwürdiger Weise war von den Griechen jener Gegensatz ihrer gebildeten Religion und Kultur zu der des Orients ausgesprochen worden, denn eine der Friedensbedingungen, welche Gelon von Syrakus den Puniern vorschrieb, war die, daß sie die Menschenopfer für immer abschaffen sollten.

Nach mehr als anderthalb Jahrtausenden wiederholte sich dieselbe Erscheinung in der zweiten großen Architekturperiode dieser Insel – eine wunderbare Konsequenz der Geschichte, wie sie kein zweites Land aufweisen kann, und zugleich der Beweis, daß die menschliche Kultur nach ewigen Gesetzen sich abwandelt, im Wesen dieselbe, in den Formen mannigfach und schön durch immer neuen Ausdruck der Zeiten und ihrer leitenden Gedanken. Wie in der ersten Periode die Hellenen die berühmten Tempel von Segesta, Selinus, Agrigent, Syrakus erbauten, so errichteten die Normannen, nachdem sie Sizilien von den andern Puniern Afrikas befreit hatten, die herrlichen Kathedralen von Monreale, Palermo, Cefalù, Messina. Damals hatte der Strom der Kultur die Richtung mehr nach dem Süden der Insel genommen, während der Norden nur teilweise berührt ward; jetzt breitete er sich über den Norden aus, während der Süden und Südosten zur Unbedeutsamkeit herabgekommen waren.

Neben das dorische Säulenhaus stellte sich der christliche Dorn, neben die ernste steinerne Pracht des Junotempels von Agrigent die von Gold schimmernde Kirche der Jungfrau Maria von Monreale, als Denkmäler zweier denkwürdiger Phasen der Menschheit. Beide schließen uns wunderbare Tiefen des Menschengeistes auf, die hier wie dort eine herrliche Jugendblüte offenbart hat. Beide ergreifen wie alles ursprünglich Geniale und geschichtlich Notwendige, ist auch die Stimmung, in welche sie versetzen, grundverschieden. Wer kann seine Empfindung aussprechen, wenn er auf dem braunen Trümmergestein sizilischer Öde vor einem jener erhabenen Tempel von Agrigent in Betrachtung verloren ist? Man möchte da meinen, nichts Vollendetes, nichts Schönes könne über diese harmonischen Formen hinaus der Mensch mehr erfinden; tritt man aber in eine der normannischen Basiliken, in diese dunkelschönen, schimmernden Kirchenschiffe, deren Bogen und Wände von zahlreichen Mosaikbildern leuchten, so fühlt man sich auch hier, das Antike vergessend, in einer neuen Sphäre der Harmonie und Schönheit.

Der religiöse Sinn, dem jene normannische Architektur entsprang, die ich die eigentliche vom Orient mitbestimmte Architektur der Kreuzzüge nennen möchte, war bei den Normannen schon an sich tief, weil sie das nordische Gemüt nach dem Süden mitbrachten.. Dazu kamen andere Verhältnisse. Ihrer Eroberung mußte die römische Kirche, Byzanz gegenüber, welches Sizilien als sein Eigentum ansprach, ein heiliges Recht und eine höhere Weihe geben. Der Papst hatte die normannischen Grafen zu apostolischen Legaten ernannt, er hatte dem König Roger geistliche Insignien als Zeichen seiner von der Kirche bestätigten Herrschaft verliehen. Die Könige selbst schrieben ihre Krone nicht der Gunst des Papstes zu, sondern der Gnade Christi; auf Mosaikbildern in mancher Kirche sieht man daher Roger oder Wilhelm dargestellt, wie Christus selber ihnen die Krone aufs Haupt setzt. Von Gottes Gnaden nannten sich diese Abenteurer-Könige. Ihre Herrschaft mußte sich also auch in dem Eifer aussprechen, womit sie das Christentum in Sizilien wieder aufrichteten. Malaterra, der Geschichtschreiber der beiden Roger, sagt von dem Eroberer Siziliens: «Als der Graf Roger sah, daß durch die Gunst Gottes ganz Sizilien seiner Herrschaft huldigte, wollte er gegen eine so große Wohltat nicht undankbar sein, er begann, sich Gott zu weihen, gerechtes Urteil liebzuhaben, der Wahrheit nachzutrachten, die Kirche oft zu besuchen, mit Devotion den heiligen Hymnen beizuwohnen, den Zehnten aller seiner Einkünfte den Kirchen zu geben, der Witwen und Waisen und der Trauernden gerechter Tröster. Hier und dort in ganz Sizilien stellte er die Kirchen her.»

Übrigens hatte die Frömmigkeit jener Zeit der Kreuzzüge an dem kirchlichen Eifer nicht mehr Anteil als die politische Berechnung; das neue nur durch Eroberung auf den schönsten Thron Europas gekommene Fürstenhaus bedurfte des Papstes und der Geistlichkeit, um sich zu erhalten. Ohne ihre Freundschaft waren die Normannen verloren, wie nach ihnen die Hohenstaufen im Kampf gegen die Kirche Neapel und Sizilien einbüßten und selbst zugrunde gingen. Zu diesen Einflüssen gesellte sich das natürliche Bestreben eines siegreichen Fürstengeschlechts, seine Herrschaft durch Denkmäler unsterblich zu machen, und so mußte die kirchliche Architektur in Sizilien einen hohen und schnellen Aufschwung nehmen. Alles, was auf dem Festlande gebaut worden war, wollte man verdunkeln, ganz mit Gold wollte man die Kirchen überkleiden, selbst jene Sophienkirche und jenes Byzanz überbieten, dessen orthodoxem Kaiser man das schöne Reich entrissen hatte. Roger baute in unglaublich kurzer Zeit, man sagt in einem Jahr, den Dom in Cefalù, zugleich die Kirche von Messina und die Kapelle im Palast. Die Blüte der Künste war so eilig, wie die Herrschaft der Normannen selbst es war.

Alle jene Bauten übertraf der fromme Wilhelm II., der letzte legitime Herrscher aus dem Normannenhause; er setzte im Dom von Monreale seinem Geschlecht das schönste Denkmal, welches zugleich eins der merkwürdigsten Monumente mittelalterlicher Architektur überhaupt ist. In sechs Jahren, von 1170 bis 1176, wurde das Werk vollendet; der Ruf seiner Schönheit ging flugs durch alle Länder. Schon im Jahre 1182 erhob der Papst Lucius III. Monreale zum Erzbistum, und in seiner Bulle sagt er vom König Wilhelm: «In kurzer Zeit hat er dem Herrn einen bewundernswürdigen Tempel gebaut, ihn mit festen Kastellen und mit Einkünften erweitert, ihn mit Büchern, heiligen Gewändern und Silber und Gold geschmückt, endlich hat er eine Schar von Mönchen des Ordens von La Cava dort eingeführt und den Ort selbst durch Gebäude und andere Dinge so sehr erhoben, daß nie seit alten Tagen ein ähnliches Werk durch einen König errichtet ward, und daß selbst der Bericht von dem, was dort geschaffen worden ist, zur Bewunderung hinreißt.»

Die Kirche von Monreale hat etwas Fremdartiges. Das Christentum scheint hier, in der Nähe Afrikas, unter aromatischen, schönen, bizarren Pflanzen, unter Palmen, Aloe und Agaven, im Farbenduft des leuchtenden Himmels eine südlichere und phantastische Bildung angenommen zu haben.

Die Architektur des berühmten Doms ist das Muster des normannisch-sizilischen Kirchenstils überhaupt. Sie setzte sich aus dreifachen Bestandteilen zusammen, sie ist byzantinisch-griechisch, lateinisch und arabisch. Die Normannen, welche vom Abendland herüberkamen, wo die römische Basilikenform noch herrschend war, fanden in Sizilien sowohl die byzantinischen Traditionen als die sarazenischen Formen vor. Seit Jahrhunderten war die Insel im Besitz der Byzantiner gewesen; griechisch waren die Sprache und der Kultus der Sizilianer, griechisch daher auch ihre kirchliche Bauweise. Sie charakterisiert sich durch die quadratische Grundform, durch das Vorherrschen der Kuppel, durch das erhöhte Sanctuarium, welches in ein dreifaches Oval, das Sinnbild der drei göttlichen Personen, ausgeht; denn der Chor-Nische stehen zu beiden Seiten die niedrigeren Halbkugel-Nischen, links die Prothesis für die Opfervorrichtung, rechts das Diakonikon, für die Diakonen und ihre Lesungen bestimmt. Mit Mosaikbildern schmückten auch die Byzantiner die Kuppeln, die Bogen und Wände ihrer Heiligtümer.

Diese Formen nahmen die Normannen auf; von den Sarazenen entlehnten sie den Spitzbogen und die Arabesken für das malerische Wesen der Ausschmückung. Endlich behielten sie auch den in Italien üblichen Typus der römischen Basilika bei, das heißt eines durch Säulenstellungen geteilten Langschiffs mit dem hergebrachten Sparrendach. Sie setzten dies lateinische Schiff vor das Sanctuarium, und indem sie nicht nach der Weise vieler alter Basiliken einen Architrav auf die Säulen legten, sondern ihnen Spitzbogen zu tragen gaben, vereinigten sie jene drei Formen der Architektur und erzeugten den eigentümlich zusammengesetzten Baustil, der in ganz Sizilien angewendet wurde und in die gotische Architektur allmählich hinüberging, ja das Gotische mitbestimmte.

Man mag hierfür das Werk Serra di Falcos über Monreale und andere sizilisch-normannische Kirchen, Hitdorfs und Zanths moderne Architektur Siziliens, Lellis und del Giudices Beschreibung von Monreale zu Rate ziehen.

Der Dom, der jene drei Grundbestandteile vollkommen deutlich verbindet, hat eine Länge von 102 Metern; seine Breite beträgt im Prospekt 40 Meter, die Höhe der Türme 36 Meter. Eine kunstvoll gearbeitete Bronzetür fesselt an der Fassade die Aufmerksamkeit. Mehrfache Bogen, nur wenig gebrochen, in reicher Arabeskenarbeit umziehen sie und ruhen auf Pilastern, die wiederum mit Mosaiken und marmornem Bildwerk geschmückt sind. Eine lateinische Inschrift vom Jahr 1186 nennt als den Verfertiger der Tür den Bronzegießer Bonannus von Pisa, denselben, der auch die Türe für das Portal des Doms von Pisa gegossen hatte. Die Reliefs stellen in 42 Feldern Szenen aus dem Alten und Neuen Testament dar. Ihr künstlerischer Wert kommt dem der byzantinischen Mosaiken gleich. Die Figuren sind steif und gezwungen, aber anziehend durch kindliche Naivität. Merkwürdig sind die Inschriften in der Lingua Volgare jener Zeit, womit die Figuren versehen sind; sie stimmen mit der Sprache der gleichzeitigen sizilischen Dichter überein. Auf der Langseite der Kirche sieht man eine zweite Bronzetüre, ein Werk des Barisanus von Trani.

Edel, hoch und herrlich ist das Innere, freilich nicht von jener Erhabenheit der gotischen Dome, in deren weitaufstrebenden Räumen die Seele vor dem Unendlichen in Schweigen sich verliert, auch nicht von jener Riesengröße des Sankt Peter, wo die triumphierende Pracht des Papsttums die Sinne bewältigt, noch von jener düstern Majestät byzantinischer Basiliken; hier ist nur mäßige, doch gefällige Größe, freie wohltuende Räumlichkeit, ein würdiger Ernst, der mit dem Schimmer anmutiger Kunst umkleidet wird. Die gefälligen Spitzbogen, welche auf je neun korinthischen Säulen von orientalischem Granit ruhen, geben dem Mittelschiff graziöse Bewegung und öffnen den Raum leicht und wohltuend in die beiden Seitenschiffe. Die Pracht des mit köstlichem Gestein figurenreich ausgezierten Fußbodens, der Glanz der vergoldeten Gebälke, das farbige Tafelwerk des Daches und nun überall an Bogen und Wänden der Schiffe die Mosaiken und Arabesken, dieser ganze mit Bildern auf Goldgrund gestickte Raum bringt eine seltsam schöne Erscheinung hervor. Für den Gott des Nordens würde ein so buntverziertes Tempelhaus wenig passen, für den des Südens scheint es sehr geeignet. Man muß aus der flimmernden Landschaft Monreales in diesen Tempel treten; ja bisweilen will hier der Eindruck des Kirchlichen verschwinden, so daß man sich in einem großen Palast glaubt, dessen Wände von Perlen und Edelgesteinen funkeln.

Im Mittelschiff beginnen die Mosaiken schon mit den kleinen Architraven, welche auf dem Säulenkapitäl aufliegen. Die ganze Wand über den Säulen ist durch ein Gesims in zwei Hälften getrennt. Auf der untern teilen senkrechte musivische Leisten von einer Spitze des Bogens zur andern Felder ab, die mit bildlichen Darstellungen auf Goldgrund geschmückt sind. In der obern befinden sich die im Spitzbogen auslaufenden Fensterräume, zwischen denen wiederum Mosaiken angebracht sind. Gegen das Dach hin prangt ein breiter, mit Arabesken verzierter Fries, mit welchem Kreise abwechseln, in denen halbe Engelfiguren umschlossen sind. Wo auch der Blick hinfallen mag, in die Nischen, die Seiten des Sanktuariums, die Schiffe, überall treten ihm Mosaiken entgegen, bald Handlungen der heiligen Geschichte, bald vereinzelte Figuren, vom Gott Vater und den Engeln herab bis auf die griechischen und lateinischen Heiligen und über das ganze malerische Reich des Alten und Neuen Testaments sich erstreckend. Hier ist der ganze Sagenkreis der mosaischen und der christlichen Religion auf den Wänden eines Domes abgebildet. Selbst die beiden feindlichen Hälften der Kirche sind hier vereinigt, und es erscheint als höchst bedeutungsvoll, griechische und römische Heilige in einem Tempel zu sehen.

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