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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 127
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Die Reise des Mohamed-Ibn-Djobair habe ich bereits bemerkt; auch sie enthält lesenswerte Schilderungen der Stadt aus der normannischen Zeit. Er vergleicht Palermo und namentlich die Altstadt (Al-Kassar) wegen ihrer schönen Paläste und Türme mit Cordova. «Die Stadt ist staunenswürdig», so ruft er aus, «gebaut im Stil von Cordova und ganz aus gehauenem Stein errichtet, von der Gattung, die man El-Kiddan nennt. Die Paläste des Königs sind um sie her aufgerichtet und hängen darum, wie das Halsband, welches den schönen Hals eines jungen Mädchens umschlingt.»

Diese beiden Araber und die Berichte des Juden Benjamin von Tudela werden also durch die kleine Schrift des Normannen Falcando ergänzt. Er beschreibt die meisten Gebäude des damaligen Palermo ausführlich, und zugleich lernen wir, daß sich noch die arabische Einteilung der Stadt und viele Benennungen von Plätzen, Straßen und Toren lebendig erhalten hatten. Aus allem, was er von den Bauten jener Zeit sagt, läßt sich ersehen, daß Palermo damals in seinem höchsten Glanze sich befand. Wenigstens war, was Schönheit und Reichtum der Architektur betrifft, die normannische Periode die herrlichste Siziliens, und alles, was uns heute in Palermo Bedeutendes entgegentritt, ist ein Denkmal der Normannen; denn die Schwaben, selbst nicht einmal der Kaiser Friedrich, fügten irgend Erhebliches hinzu. Ihre Verhältnisse nach außen zogen sie von Palermo ab, während die Normannenfürsten dort ihre dauernde Residenz aufgeschlagen und der Stadt darum den Glanz einer neugeschaffenen, mächtigen Monarchie gegeben hatten.

Vor diese Baudenkmale Palermos aus der Normannenzeit will ich meine Leser nun führen.

Den Anfang mache hier, wie billig, der königliche Palast. Dies merkwürdige Schloß, welches auf den Deutschen so viele Anziehungskraft ausübt, weil einst ein großer deutscher Kaiser dort seine liederreiche Jugend verlebte, und welches der Italiener mit Recht als die Wiege seiner nationalen Poesie betrachtet, beherrscht am Ende der Straße Cassaro wo sie auf die Piazza Reale mündet, das ganze Palermo. Man hält es für das älteste Gebäude der Stadt, denn es rührt nicht erst von den Sarazenen her, sondern hier sollen bereits Karthager, Römer und Goten ihren Herrschersitz aufgeschlagen haben. Unbezweifelt war es der Palast der arabischen Emire und darum Cassaro genannt. Dieser Name wurde auf die ganze alte Stadt ausgedehnt und hat sich noch heute in der Hauptstraße erhalten. Dem Sarazenen Adelkam schreibt man den Bau des Schlosses zu; Roger I. und seine Nachfolger erweiterten ihn; und hier lebte Friedrich, hier residierte Manfred und alle folgenden Herrscher Siziliens, welche dem Gebäude durch Zusätze seine heutige unregelmäßige Form gegeben haben, so daß es ein Mittelwesen zwischen Festung und Palast geworden ist.

Wir haben von Falcando die Beschreibung dieses Schlosses und wissen nun, wie es zur Zeit Wilhelms des Bösen aussah. «Schöne Quadern», so sagt er, «mit großem Fleiß und großer Kunst bearbeitet, bilden das herrliche Gebäude, weite Mauern umschließen es rings von außen, und drinnen glänzt der Palast auf das prächtigste von Gold und Gestein. Zwei Türme stehen an seinem einen und andern Ende, die Pisana, bestimmt, die königlichen Schätze zu hüten, und die Greca, welche den Stadtteil Khemonia überragt. Die Mitte ziert ein Bau, der durch die Mannigfaltigkeit seiner Ornamente sich auszeichnet und Joaria heißt; hier pflegt der König die Stunden der Muße zuzubringen. Im ganzen übrigen Palast sind der Ordnung nach die Gemächer verteilt, wo die Frauen, die Jungfrauen und die Eunuchen wohnen. Auch gibt es hie und da kleine, sehr prächtige Paläste, wo der König entweder mit seinen Vertrauten über Staatssachen insgeheim sich unterredet oder die Barone einführt, um über öffentliche und wichtige Reichsangelegenheiten sich zu beraten.»

Von den damaligen Baulichkeiten ist fast jede Spur verwischt, bis auf den Turm der «Santa Ninfa», welcher der älteste Teil des Schlosses sein soll, und bis auf die berühmte «Cappella Palatina». Auf der Spitze des Turms steht heute die Sternwarte, von welcher Piazzi am 1. Juni 1801 die Ceres entdeckte, die also mit vollem Recht den Namen der Schutzgöttin Siziliens empfangen hat.

Der Hof hat drei moderne Logen übereinander, die um alle vier Seiten laufen. In der ersten liegt die berühmte «Cappella Palatina», eines der herrlichsten Denkmäler der normannischen Periode. Der König Roger hat diese Basilika im Jahre 1132 erbauen lassen und dem heiligen Petrus geweiht. Eingebaut in das Schloß, bietet sie keine eigentliche Fassade dar. Ein Portikus von acht Säulen aus ägyptischem Granit zieht sich an der Eingangstür hin und läßt auf dem obern Teil der Wand moderne Mosaiken sehen, welche Szenen aus dem Alten Testament darstellen und sich auf Rogers Krönung beziehen. Am Eingang berichtet eine Inschrift in lateinischer, griechischer und arabischer Sprache, daß Roger eine ausgezeichnete Sonnenuhr im Palast habe aufstellen lassen. Die arabische Schrift drückt sich so aus: «Ergangen ist der Befehl der königlichen Majestät, der Herrlichkeit Rogers, des Erhabenen, dessen Tage Gott verewige und dessen Zeichen er bestätige, daß dies Instrument entstehe zur Beachtung der Stunden. In der Metropole Siziliens, (von Gott) behütet im 536. Jahre (der Hedschra).»

Ganz fremdartig, phantastisch und schauerlich, ja mit nichts zu vergleichen, was man in der Art im übrigen Italien sehen mag, stellt sich nun diese vom Sonnenlicht nur sparsam erleuchtete Basilika dar, auf deren mit Marmor oder mit Goldgrund bedeckten Wänden die Mosaikfiguren bald in Dämmerdunkel verschwimmen, bald im Streiflicht der Sonnenstrahlen hell hervorblitzen. Als ich in die Kirche eintrat, wurde eben eine Totenmesse für den verstorbenen König gelesen. Ein prächtiger, mit schwarzem Samt bedeckter Katafalk stand in der Mitte aufgerichtet, eine goldene Krone lag auf ihm, und brennende Kerzen standen in der Runde, während die Priester sangen und die Kirche mit Weihrauchwolken erfüllten. Dies Schauspiel mitten in der geheimnisvollen Pracht der Mosaiken und der fremdartigen arabischen Ornamente konnte wohl ganz und gar in die alten Zeiten des Königs Roger zurückversetzen.

Die schöne Kapelle hat die Form einer Basilika mit einer Tribune und Kuppel über dem Chor. Zehn korinthische Säulen, welche Spitzbogen tragen, teilen sie in drei Schiffe. Der Fußboden ist mit farbigem Stein ausgelegt. Unterhalb sind die Wände bis zur Höhe von 2,50 Metern ebenfalls mit buntem Marmor geschmückt, oberhalb allenthalben, wohin nur das Auge fällt, mit Mosaikmalerei bedeckt, welche Szenen aus dem Alten und Neuen Testament darstellt, und zwar so, daß die Wände des Schiffs Vorstellungen aus dem Alten Testament, die Tribune und ihre Seiten solche aus dem Leben Christi und der Apostel enthalten. Auf dem Triumphbogen die Verkündigung, in der Tribune selbst die grandiose Halbfigur Christi, welcher die Hand zum Segen erhebt. Die Figuren haben griechische oder lateinische Inschriften. Diese Mosaiken schreiben sich nicht von Roger I., sondern von Wilhelm I. her, wenn man einer Nachricht des Romuald von Salerno Glauben schenken darf, welcher sagt: «Wilhelm ließ die Kapelle des heiligen Petrus im Palast mit musivischer Malerei malen und ihre Wände mit mancherlei köstlichem Marmor bekleiden.» Indes schon der Erbauer der Kapelle wird die Mosaiken begonnen haben.

Es scheint sich in Sizilien und Unteritalien eine griechische Schule der Mosaikmalerei seit alten Zeiten erhalten und dem byzantinischen Stil eine lebendigere Richtung gegeben zu haben. Die sizilianischen Mosaiken haben einen auffallend sanften Charakter in der Farbe und weder in der Zeichnung noch im Ausdruck jene Härte oder schreckende Strenge der byzantinischen Art; freilich entsprangen sie schon einer späteren Zeit. Während sich die Venezianer Mosaizisten aus Konstantinopel holten, um San Marco auszuschmücken, fanden die Normannen, als sie ihre Kirche bauten, eine Mosaikschule in Sizilien vor. Sie mochte ihre Ursprünge noch von der Zeit der Hellenen herleiten, wo die Mosaikmalerei in der alexandrinischen Periode blühte, wie es das große Prachtschiff des Hieron von Syrakus bewies, auf dessen Boden die ganze Ilias in Mosaik abgebildet war. Zu keiner Zeit scheint sich diese Technik ganz verloren zu haben. Am Ende des 4. Jahrhunderts nach Christi Geburt übertrafen die Sizilianer in Mosaikarbeiten die Künstler in Rom, so daß der Papst Symmachus an einen gewissen Antiochus in Sizilien schrieb, ihn um ein Modell für römische Mosaizisten zu bitten. Seine Worte lauten: «Es ist die Eleganz deines Genies und die Feinheit deiner Erfindung sehr zu schätzen, denn du hast eine neue musivische Gattung, die früher nicht versucht worden, erfunden; sie wird auch unser Ungeschick zur Auszier der Gemächer anzuwenden versuchen, wenn wir entweder auf Tafeln oder Platten ein Muster der von dir erdachten Arbeit werden entnommen haben.»

Auch zur Zeit der Sarazenen ging die Mosaikmalerei in Sizilien nicht unter; vor ihnen hatte sie durch dauernde Verbindung mit Byzanz Pflege und Nahrung erhalten, nachher gebrauchten sie auch die Araber, weil sie gewohnt waren, ihre Wohnungen musivisch auszuschmücken, wenn auch nicht mit Figuren, so doch mit Arabesken. Wohl mögen die Mosaikarbeiten im Dom von Salerno, die von Palermo und von Monreale Werke einer heimisch-unteritalienischen Schule sein. Von König Roger selbst wird berichtet, daß er im Palast eine bedeutende Mosaikfabrik anlegte.

Herrlich glänzt auch das Dach der Kapelle vom Schmuck des goldigen und mit Arabesken bunt verzierten Getäfels und verdoppelt den Eindruck mysteriöser Pracht und märchenhaften Zaubers. Im Jahre 1798 entdeckte man an diesem Dach eine große arabische Inschrift, die in zwanzig gotischen Rosetten mit kufischen Charakteren eingeschrieben ist und, soviel man sie entziffert hat, Ausdrücke überschwenglichen Lobes und Segenswünsche enthält, wohl in bezug auf den Erbauer der Kapelle und das prächtige Werk überhaupt. Weil diese Inschrift, wie alle anderen arabischen in den Kirchen Palermos, christlichen Ursprungs ist, so befremdet es, Sprache und Schrift des Korans in so naiver Weise in christlichen Kirchen angewendet zu finden, und dies zur Zeit, da der Fanatismus der Kreuzzüge eben seinen Höhepunkt erreicht hatte. Daß keine dieser arabischen Inschriften dem Koran entnommen ist, versteht sich von selbst; aber wo immer arabische Schrift angewendet wurde, hat der Gedankenausdruck etwas Mohammedanisches. Die arabische Schrift war damals nicht minder edel und hochgehalten als die griechische, und der Orient dem Abendland an Luxus wie an Intelligenz weit überlegen. Die Kenntnis eines großen Teils der griechischen Literatur hatte dem Okzident die arabische Schrift übermittelt. Der stolze Gedanke, einen Teil des großen arabischen Völkergeschlechts unterworfen zu haben, mochte nicht minder als das Wohlgefallen an dem Fremdländischen oder die politische Klugheit den offiziellen Gebrauch des Arabischen unterstützen. Die orientalischen Schriftcharaktere haben etwas Rätselhaftes, Mystisches, und indem sie selber schon geometrische Arabeskenfiguren sind, passen sie vortrefflich auf die Wände und Säulen dieser sizilischen Basiliken, welche Christentum und Orient so miteinander vermitteln, wie die Kirchen Roms das Christliche und Antike ineinander vereinigt haben.

Im Archiv der Kapelle des Palastes werden viele Diplome in griechischer, lateinischen und arabischer Schrift aus der normannischen Zeit aufbewahrt, sowie eine kostbare Kassette, die von kufischen Schriftzeichen umgeben ist.

Wir verlassen die altertümliche Kirche, um zu der folgenden Loggia des Palastes hinaufzugehen. Dort gibt es viele reich dekorierte Säle und Gemächer, an welche sich die Geschichte der Herrscher Siziliens knüpft; darunter der Saal des Parlaments, der Thronsaal und der Audienzsaal. In dem letzten steht jetzt nur noch einer von den zwei berühmten Widdern von Bronze, die ehemals ein Tor von Syrakus schmückten; der andere verunglückte in einer Feuersbrunst. Der Saal der Vizekönige ist durch die Porträts all dieser Regenten vom Jahr 1488 bis auf unsere Zeit ausgezeichnet.

Mehr als diese modernen Prunksäle reizt das zierliche, mit Mosaiken bedeckte Gemach Rogers. Man sieht dort Kämpfe von Zentauren, Vögel und eine Jagd abgebildet in sehr altertümlicher Weise. Warum dies Gemach die «Stanza di Ruggieri» heißt, läßt sich freilich nicht sagen; die Mosaiken sind ohne Zweifel Werke des 12. Jahrhunderts, aber die ursprüngliche Gestalt aller dieser Gemächer hat die größte Umwandlung erlitten. Vergebens forscht man nach den Gemächern Friedrichs II., wiewohl um der Ehre des Mannes willen eins nach ihm benannt wird. Und welcher Name zierte dies merkwürdige Schloß mehr als der Friedrichs? Viele Fürsten aus den entlegensten Ländern, Sarazenen, Normannen, Schwaben, Spanier, Anjous, Bourbonen haben von diesem Palast aus geherrscht und diese Räume mit Lust und Elend erfüllt; doch treten alle andern Erinnerungen hinter dem Gedanken zurück, daß in diesen Mauern jener große Kaiser seine Jugend verlebte.

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