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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 125
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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2. Die normannische Periode

Zwei weit voneinander entlegene Inselländer, England und Sizilien, hatte ein und dasselbe streitbare, glückliche, aber schnell verblühende Geschlecht der Normannen zu einer und derselben Zeit erobert. Wie hier, so dort, hatte es beiden Inseln den Feudalismus eingepflanzt, sie mit Baronien und Majoraten angefüllt, die noch heute dauern, und eine aristokratische Konstitution geschaffen, welche sich in England mächtig entwickeln, in Sizilien zwar verfallen, aber doch nicht ganz verschwinden sollte.

Diese innere Verwandtschaft beider Inseln ist sehr merkwürdig, und dürfte sie nicht manche historische Beziehungen seit der Französischen Revolution erklären, von denen ich nur die durch die Engländer diktierte Konstitution von 1812 bemerken will?

Die Herrschaft der sizilianischen Normannen war von kurzer Dauer und schneller Blüte. Sie umfaßt ein Jahrhundert. Ordnender Verstand, Konsequenz, Kühnheit und Wildheit, weit um sich greifende Politik, Großartigkeit in Plänen und Unternehmungen zeichnete diese Dynastie aus, bis sie der sarazenischen Üppigkeit, dem Klima und der zügellosen Parteiwut erlag. Wir wollen die Periode dieser Herrschaft hier überblicken.

Im Jahre 1038 war Georg Maniaces vom griechischen Kaiser zur Vertreibung der Sarazenen nach Sizilien abgeschickt worden. Er bat Guaimar, den Herzog von Salerno, ihm die kleine Normannenschar, welche seit einiger Zeit in seinen Diensten stand, mitzugeben, und dieser lieh ihm 300 Krieger unter dem Befehl Wilhelms des Eisenarms, Drogos und Humfrieds. Nun stürzten sich Griechen und Normannen auf die Insel, wo sie den uneinigen Arabern im Fluge Messina, Syrakus und viele andere Städte entrissen. Der Beutelohn entzweite sie, denn der habsüchtige Grieche verdrängte die Normannen und beleidigte sie schimpflich. Sie verließen ihn und segelten nach Italien, wo sie sich schadlos halten wollten. Sie überfielen Melfi und andere Städte Apuliens; so begann die Gründung ihrer selbständigen Macht. Kaum war dies geschehen, als die Griechen Sizilien verließen, um die Normannen aus Apulien zu verjagen; doch sie richteten nichts aus, sondern verloren alle eroberten Städte der Insel wieder an die Araber.

Es vergingen Jahre ohne wichtige Ereignisse, während die Normannen in Apulien festen Fuß faßten. Dort war Wilhelm Graf geworden, Drogo hatte später sein Reich geerbt und Humfried nach dessen Tode den besiegten Papst Leo IX. gezwungen, ihn mit Apulien rechtskräftig zu belehnen. Frische Zuzüge aus der Normandie waren angekommen, unter ihnen Robert Guiscard, der sich nach Humfrieds Tod im Jahre 1056 zum Herzog von Apulien und Kalabrien ausrufen ließ. Später kam auch sein jüngster Bruder Robert, sein Glück zu versuchen.

Die tapfern Brüder hatten im Jahre 1060 bereits Reggio erobert und von hier aus die Küste der schönen Insel unmittelbar vor Augen. In einer Nacht setzte Roger mit nur 60 Begleitern nach Messina hinüber, den Zustand des Landes zu erkundschaften, tollkühn schlug er sich mit den Sarazenen am Ufer herum, sprang wieder ins Schiff und segelte nach Reggio zurück. Bald darauf rief ihn das Glück von selbst, nun allen Ernstes an die Unternehmung sich zu wagen. Es erschien vor ihm Bencumen, Emir von Syrakus, den sein Bruder Belcamed vertrieben hatte, gab ihm Kunde von der heillosen Zerrüttung Siziliens und forderte ihn auf, herüberzukommen, den Arabern das schöne Besitztum zu entreißen.

Dies Unternehmen war nicht leicht; die Sarazenen leisteten tapfern Widerstand, und selbst von Afrika kamen frische Heere, sich Roger entgegenzuwerfen, als er nach einem blutigen Kampf Messina erobert hatte. Sein Bruder Robert vereinigte sich dort mit ihm; bei Castro Giovanni schlugen sie das Hauptheer der Sarazenen, und ohne weitere Erfolge kehrten sie wieder nach Kalabrien zurück, neue Kräfte zu neuen Anfällen zu sammeln. Unterdes hatte Almoez, Kalif von Ägypten, eine Flotte nach Sizilien gesandt, doch sie scheiterte bei der Insel Pantellaria. Das Glück begünstigte die kühnen Abenteurer, aber die Eifersucht hätte sie bald ins Verderben gestürzt. Denn Robert Guiscard begann die Erfolge seines Bruders mit Neid anzusehen; Roger hatte für sich die Hälfte von Kalabrien und ganz Sizilien verlangt, jener ihm das nicht zugestehen wollen. Und so griffen diese trotzigen Helden zu den Waffen und entbrannten, ungeachtet der Griechen und Sarazenen und der Unsicherheit ihrer jungen Herrschaft, in wildem Kampf gegeneinander. Robert fiel in die Hände seines Bruders; aber dieser beugte sich dem Ungestüm des außerordentlichen Menschen und gab nach. Versöhnt wandten sich die Helden mit vereinter Kraft gegen Sizilien.

Mehrmals erschienen die Normannen vor Palermo; aber durch die Angelegenheiten Kalabriens immer wieder abgerufen, konnten sie an keine systematische Belagerung denken. Erst im Jahre 1071 schritten sie dazu. Die Stadt war damals vielleicht mehr bevölkert als jede andere Italiens, ohne Zweifel blühender, ein schöner Sitz orientalischer Lebensfülle und erstaunlich reich. Die Araber wehrten sich verzweifelt und machten lange jede Anstrengung der Feinde zunichte. Die Sage erzählt, daß sie, um ihre Furchtlosigkeit zu zeigen, nicht einmal die Tore Palermos schlossen, und daß eines Tags ein Normannenheld zu Roß mit gefälltem Speer die ganze Stadt zu durchrennen wagte. Endlich drang Robert von der südlichen Seite ein, und Roger brach das westliche Tor auf. Die Sarazenen hatten sich in die innere Stadt zurückgezogen und kapitulierten hier; sie übergaben Palermo dem glücklichen Sieger auf Bedingung der Lebensschonung und der Freiheit ihres Kultus.

Zwanzig Jahre später zogen die Christen in dem eroberten Jerusalem wie bestialische Horden mordend ein, aber die Normannen, so gewaltige Kreuzfahrer, verschonten das mohammedanische Palermo. Ohne Blutvergießen, ohne Plünderung besetzten sie die herrliche Stadt als fröhliche Sieger, die den Feind aus dem reizenden Lustgarten verjagt haben, um an seiner Stelle alle Herrlichkeit zu genießen. Hier findet sich noch kein Zeichen von jenem fanatischen Todeshaß des Christentums gegen den Islam. Ungefährdet ließ man Kultus und Sitte der Mohammedaner; das bisher verfallene Christentum richtete sich von selbst wieder auf und drängte nun den Islam zurück. Er verlosch mit der Zeit in den Städten; er lebte am längsten im Innern der Insel, wo sich alles hartnäckig Sarazenische in die Berge rettete und fast 150 Jahre lang behauptete. Die Normannen blieben aus politischen Gründen gegen die Araber tolerant, und nirgend haben sich Christentum und Islam so gut miteinander vertragen. Die Eroberer, an Zahl gering, verschwanden fast in der sarazenischen Bevölkerung, die deshalb durch Milde mußte gewonnen werden. Arabische Künste und Wissenschaften wurden aufgenommen, in arabischem Stil wurde gebaut, eine arabische Färbung nahm selbst der christliche Hof an, der sich mit sarazenischen Leibwachen und Eunuchen umgab und in sarazenischen seidenen Gewändern einherging. Als Mohammed-Ibn-Djobair von Valencia gegen das Ende des 12. Jahrhunderts das blühende Sizilien bereiste, pries er den König Wilhelm um seine Liebe zum Islam. «Der König», so berichtet der Reisende, «liest und schreibt arabisch; sein Harem besteht aus muselmännischen Frauen. Seine Pagen und Eunuchen sind heimliche Muselmänner.» Die Frauen Palermos fand der Reisende schön, üppig und ganz sarazenisch gekleidet, und wenn er sie an festlichen Tagen in den Kirchen sah, in goldgelber Seide, mit eleganten Mantillen, in farbigen Schleiern, mit goldenen Ketten und Ohrgehängen, geschminkt und balsamduftend wie Frauen des Orients, so erinnerte er sich der Verse des Poeten: «Fürwahr, wenn man eines schönen Tags in die Moschee tritt, so findet man dort Gazellen und Antilopen.» Die arabische Sprache wurde erlernt und im Gebrauch beibehalten, selbst in Diplomen, selbst in Inschriften auf christlichen Kirchen, wo man noch heute auf Mosaiken und Säulen die Schriftzüge des Koran findet, die nicht Araber, sondern Christen, Bischöfe, Könige, Erbauer der Kirchen dort angewendet haben.

Die Normannen fanden in Sizilien folgende Sprachen vor: die griechische der alten Hellenen und der Byzantiner, die lateinische von den Römern her, im Volksmunde aber die «Lingua Volgare», die bald zur italienischen Schriftsprache ward; endlich die hebräische und die arabische Sprache. Alle diese Mundarten waren im Gebrauch des Volks; daher findet man sie alle vier in Diplomen angewendet, in der ersten normannischen Zeit am häufigsten die griechische mit gleichzeitiger Übersetzung ins Arabische.

Mit dem Falle Palermos ging es an die Teilung der Insel. Robert Guiscard nahm für sich die schöne Hauptstadt und halb Sizilien, Roger die andere Hälfte, ihr tapferer Neffe Serlo erhielt große Baronien, Tancred, ein anderer Neffe, wurde Graf von Syrakus. Robert nannte sich Herzog von Sizilien, Roger Graf, und reichlich wurden nun Erzbistümer und Feudalherrschaften gegründet. Aber noch war die Insel nicht ganz unterworfen, denn erst im Jahr 1088 ergab sich Syrakus, 1091 Agrigent, sodann Castro Giovanni und zuletzt Noto und Butera.

Nun blieben bis zum Jahr 1127 die Herzogtümer Apulien und Sizilien in genannter Verwaltung, bis dort der Zweig Robert Guiscards ausging und des Grafen Roger Sohn auch das Land jenseits des Faro erbte. Dies war Roger II., der größte Mann aus dem Normannengeschlecht. Sein tapferer Vater, welcher Sizilien erobert hatte, war im Jahr 1101 gestorben, und nachdem der ältere Sohn Simon fünf Jahre lang Graf gewesen, folgte ihm Roger noch minderjährig, unter der Leitung seiner Mutter Adelasia und des Admirals Georg Antiochenus. Roger erhob das Normannenreich zum höchsten Glanz, und alle diejenige Kraft und Geistesgröße, welche ein emporgekommenes Herrscherhaus auszuzeichnen pflegen, vereinigten sich in seiner gewaltigen Natur. Er erbte 1127 das Herzogtum Apulien. Dies schreckte den Papst, den deutschen und den griechischen Kaiser; aber gegen sie alle und die Fürsten von Salerno, von Capua, Neapel, Avellino und viele andere kämpfte Roger nicht allein mit Glück, sondern er zwang auch den Papst, ihn mit Apulien zu belehnen, und setzte sich endlich die Königskrone auf. Er durfte das nicht ohne die Zustimmung des Parlaments, der Barone und der hohen Geistlichkeit, wie sich überhaupt aus dem Verhältnis der normannischen Eroberer zu dem schon vorhandenen und dem neuen Adel mit Notwendigkeit eine gewisse Adelskonstitution ergeben mußte. Das Parlament kam in Salerno zusammen und gab dem Fürsten die Krone, doch wurde er in der Kathedrale von Palermo gekrönt, am Weihnachtstag des Jahres 1130. So entstand das Königreich beider Sizilien.

Roger richtete nun seine Monarchie ein; den Baronen gegenüber mußte er ihr Glanz, Würde und Sicherheit geben. Daher schuf er die sieben Kronämter, den Connetabel und Großadmiral, den Großkanzler, Großrichter und Oberkämmerer, den Protonotar und den Großmarschall und bildete aus ihnen sein Kabinett. Er umgab sich mit orientalischem Zeremoniell und ließ seinen Palast von Eunuchen und sarazenischen Garden bewachen, auf die er zählen konnte. Seine ganze Regierung war Kampf und Krieg. Er bändigte alle seine innern und äußern Feinde; den griechischen Kaiser, welcher seine Rechte auf Sizilien nicht aufgeben konnte, schreckte er vor Konstantinopel selbst; er nahm Korinth, Athen und Theben. Von dort führte er viele in der Seidenweberei geschickte Griechen nach Palermo, und so kam diese Kunst überhaupt nach dem Westen. In Rogers Fabriken wurde auch das berühmte Pallium gefertigt, welches später die deutschen Kaiser bei ihrer Krönung trugen. Roger eroberte Malta; 150 Schiffe schickte er gegen Afrika aus und bestrafte dasselbe Reich Kairewan, welches einst Sizilien unterjocht hatte. Wunderbar schnell hatte sich die normannische Kraft unter ihm entfaltet. Er starb am 26. Februar 1154 in einem Alter von 59 Jahren. Ihn zeichneten große Eigenschaften aus, Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit, ein bezwingender Verstand. Von Körper war er schön, von Manieren gewandt und höfischer Sitte zugetan. Gegen die Araber bewies er sich duldsam; ihre Kunst und Wissenschaft ehrte er. Unter andern nahm er auch Edris Edscherif, welcher aus Afrika vertrieben worden war, freundlich an seinem Hofe auf, und dieser gelehrte Araber machte für ihn einen silbernen Erdglobus, auf welchem alle bekannten Länder verzeichnet und arabisch benannt waren. Das Werk wog 800 Mark. Zugleich verfaßte Edris eine Geographie, die allgemein das Buch Rogers genannt wurde; ein Auszug davon ist unter dem Titel Geographie von Nubien (Geographia Nubiense) bekannt und mehrmals in Rom, in Paris, im Jahr 1790 noch in Palermo herausgegeben worden.

Rogers Devise auf seiner Schwertklinge spricht ganz seinen Geist aus: «Apulus et Calaber, Siculus mihi servit et Afer.»

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