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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 124
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Beide Schlösser liegen außerhalb der Porta nuova auf dem Weg nach Monreale. Die Cuba (das heißt Bogen und Wölbung) dient schon seit Jahren zur Reiterkaserne und ist sehr in Ruinen gegangen, so daß von der innern Anlage wenig übrigblieb. Das Äußere ist ein regelmäßiges Viereck von wohlgefügten Quadern, in schönen Verhältnissen, durch Bogen und Fenster gegliedert, die zum Teil blind nach arabischer Weise nur zum Ornamente dienen. Auf der Kranzspitze des Gebäudes sieht man noch eine arabische Inschrift, die nicht mehr entziffert werden kann. Das Innere ist vollkommen wüst und zum Teil schon in späterer Zeit umgestaltet; nur in dem Mittelraum, der einst von einer Kuppel überwölbt gewesen, sieht man noch malerische Überreste von Bogenwölbungen und prächtigen Arabesken in Stuck.

Boccaccio verlegte in diesen herrlichen Palast die Szene seiner fünften Novelle des sechsten Tags, und der Geschichtschreiber Fazello schildert seine Pracht. Er entnahm die Beschreibung der Cuba aus älteren Schriftstellern, denn schon im 16. Jahrhundert war das Schloß verfallen. «Mit dem Palast», so sagt er, «hing außerhalb der Stadtmauern gegen Westen ein Pomarium von ungefähr 2000 Schritten Umfang zusammen, Park genannt, das heißt königlicher Zirkus. Hier prangten die lieblichsten Gärten von allerlei Bäumen und immerdar von Wasser benetzt. Hier und dort gab es Gebüsche, die von Lorbeer und Myrte dufteten. Drinnen erstreckte sich vom Eingang bis zum Ausgang ein sehr langer Portikus mit vielen offenen runden Pavillons zur Ergötzung des Königs, von denen einer noch heute unversehrt geblieben ist. In der Mitte befand sich ein großer Fischteich, aus antiken großen Quadersteinen von bewundernswürdiger Dicke aufgebaut, worin lebendige Fische eingeschlossen waren. Er ist bis heute unzerstört, nur fehlen die Fische und das Wasser. Darüber erhob sich, wie auch noch heute der prachtvolle Lustpalast der Könige mit sarazenischer Schrift auf dem Gipfel, für die ich bis jetzt keinen Erklärer habe finden können. Auf der einen Seite dieses Gartens wurden wilde Tiere fast jeder Gattung zur Lust und Ergötzung des Palasts gehalten. Aber all das ist heute zerfallen und von Wein- und Gemüsegärten der Privatleute eingenommen. Nur läßt sich der Umfang des Pomariums genau erkennen, weil der größte Teil der Mauern beinahe unversehrt geblieben ist. Wie ehemals nennen die Palermitaner auch heute diesen Ort auf sarazenisch Cuba.»

Wie zur Zeit Fazellos besteht also auch jetzt noch der Palast in seinen Grundbestandteilen, und im Garten lassen sich noch die Umfassungsmauer und die Reste des Fischteiches erkennen. Aber dies ist alles, was von der Cuba sich erhielt.

Die Zisa war ein noch größeres und prächtigeres Lustschloß sarazenischer Emire. Eine spanische Familie, Sandoval, welche in den Besitz des Gebäudes kam, hat es durch Umbauten vielfach verändert, aber dadurch eben vor dem gänzlichen Verfall geschützt, so daß sich von seiner ursprünglichen Anlage mehr erhalten hat als in der Cuba. Auch hier derselbe Stil: ein großer Würfel von einfachen, schönen Verhältnissen, aus Kalksteinquadern aufgeführt, durch Gesimse, Bogen und Fenster in drei Teile gegliedert.

Wilhelm der Böse hat die Zisa restaurieren und wahrscheinlich erweitern lassen, denn die Angabe des Romuald von Salerno, dieser König habe einen Palast Lisa gebaut, kann sich nur auf einen Umbau der Zisa beziehen. «Zu dieser Zeit», sagt Romuald, «ließ der König Wilhelm bei Palermo einen hohen Palast mit bewundernswürdiger Kunst erbauen; er nannte ihn Lisa, umgab ihn mit schönen Gärten und lieblichem Grün und machte ihn durch verschiedene Wasserleitungen und Fischteiche äußerst ergötzlich.» Die Zisa war indes arabischen Ursprungs, obwohl sie durch König Wilhelm viele Veränderungen erfuhr.

Ihr ganz modernisiertes Innere enthält viele Säle und Gemächer, die nichts mehr von sarazenischem Charakter zeigen. Nur die Vorhalle hat noch zum Teil die altertümliche Weise bewahrt. Hier zeigen sich Nischen und von Säulen getragene Bogen in der Wand, in deren einem ein Springbrunnen über Marmorstufen fließt, von Moos und Schlingpflanzen schön umgrünt. Der sarazenische Bogen über dem Quell ist durch Ornamente von ineinandergezogenen und durchknoteten Spitzbogen phantastisch geschmückt. Bunte Freskomalereien und Mosaiken, Palmen und Olivenzweige, Bogenschützen und Pfauen, sind Zusätze der Normannen. Ebenso ist die kufische Inschrift an der Wand normannischen Ursprungs, wie der Orientalist Morso in seinem «Palermo Antico» und de Sacy es nachgewiesen haben, und nur die nicht mehr leserliche Schrift auf dem Gipfel des Palastes rührt von den Arabern her. Die Quelle floß aus der Vorhalle in einen prächtigen Fischteich, der noch im Jahre 1626 erhalten war und von dem Bologneser Mönch Leandro Alberti in seiner Beschreibung Italiens und der umliegenden Inseln geschildert wird. Er lag nahe vor dem großen Portal, ein Viereck von 50 Fuß in der Länge, umgeben von netzförmigem Gemäuer. In der Mitte stand ein schönes Gebäude, in welches man über eine kleine Brücke von Stein gelangte; hier befand sich ein kleiner Saal von 12 Fuß Länge und 6 Fuß Breite, im Kreuz gewölbt, mit zwei Fenstern, aus denen man die Fische im Wasser schwimmen sah. «Von dort», so sagt Alberti, «kam man in ein schönes Frauengemach mit drei Fenstern, in deren Mitte je eine kleine Säule vom feinsten Marmor zwei Bogen trug.»

Mehrere Treppen führten zu den Obergeschossen des Palasts, wo viele gewölbte Säle mit arabischen Bogenfenstern und Säulen und innen ein offener Raum mit Pavillons lagen. Der ganze Bau war mit Zinnen versehen. Die Pracht der Säle, ihre von Mosaik glänzenden Wände, die Arbeit der in buntem Marmor und Porphyr ausgelegten Fußböden muß schön und reich gewesen sein. Aber schon Alberti fand die Zisa so sehr verfallen, daß er sich bitter darüber beklagt: «In Wahrheit, ich glaube, daß kein edles Herz diese Gebäude, wie sie nun teils zerstört und teils vom Einsturz bedroht sind, ohne schweres Herzeleid ansehen kann.» Welche schwelgerische Gartenlust muß dort zur Zeit der Emire, der Normannen und Friedrichs geherrscht haben, unter diesem seligen Himmel, in diesen rosigen Nächten, in einer wahrhaft paradiesischen Natur, die bis ans Meer und an den Fuß der Berge ihre blüten- und goldfruchtbedeckten Gärten rings verbreitet! Ich habe wohl nie einen so hinreißenden Anblick genossen als den von dem platten Dach dieses Sarazenenschlosses auf das Rundgemälde von Palermo, seine Ebene, seine Küsten und Berge. Es ist eine Schönheit, die alles übertrifft, was man sich vorstellen mag, und die ausschweifendste Phantasie reicht nicht an die Zauber dieser Feenwelt. Es ist hier alles in einem mäßigen Rahmen überschaulich zusammengefaßt; denn um die ganze Conca d'Oro, die goldene Muschel von Palermo, stehen diese flimmernden Berge, braun und ernst, köstlich gefaltet, wie von dorischem Meißel ausgeschlagen; zu ihren bronzenen Füßen grüne Orangenhaine und Lusthäuser in Gärten; die hochgetürmte und gekuppelte Stadt am Meer hin; das Meer in die Ferne hinein, silberbläulich und lichtausatmend, und dort mächtig hingelagert der zackige, dunkelhäuptige Pellegrino, jenseits aber das funkelnde Kap Zaffarana mit seinen Türmen und schön ausgeschnittenen Vorsprüngen und silberweiße Bergspitzen darüber hinaus durch die Lichtnebel blinkend, ein feiner, ätherischer Duftschleier über der ganzen stillen Natur wonnig verbreitet. Es ist Land, Licht, Luft und Meer des Orients, und blickt man von der Zisa in die Gärten hinunter, so möchte man wähnen, es sollten nun daraus hervorkommen schöne, arabische Mädchen mit Mandolinenschall und langbärtige Emire im roten Kaftan, mit gelben Schuhen. Man könnte hier wahrlich zum Leben ausreichen mit der Weisheit des Koran und der des Hafis.

Der christliche Religionseifer, besonders in der spätern Zeit der spanischen Herrschaft, mag die Lustschlösser der Sarazenen grundsätzlich dem Verfall überlassen haben. Aber von den Normannenfürsten wissen wir, daß sie, von der Schönheit der sarazenischen Paläste und Gartenanlagen angelockt, in ihrem Geschmack weiterbauten. Schon Roger baute sich solche Lustschlösser, die Favara, Mimnermus und andere ergötzliche Orte, wie Ugo Falcando, der Zeitgenosse der letzten Normannenfürsten, erzählt. Besonders waren es schöne Fontänen und Fischteiche, die man nach morgenländischer Art anlegte, und ausdrücklich wird auch von Friedrich II., dem Freunde des Orients, angeführt, daß er mehrere kostbare Fischteiche geschaffen habe. Der große Wasserreichtum Palermos, das seit alten Zeiten durch viele Aquädukte versorgt wird, machte solche Anlagen leicht. Wie sehr sie beliebt waren, zeigt uns schon die genaue Beschreibung von dem Fischteich der Zisa, welche Leonardo Alberti macht, und auch der Jude Benjamin von Tudela erzählt in seinem kurzen Bericht über Palermo mehr von dem Fischteich Albehira als von jeder andern Merkwürdigkeit der Stadt. Er reiste im Jahre 1172, zur Zeit Wilhelms des Guten, nach Sizilien, um dort die jüdischen Gemeinden kennenzulernen. Seine Beschreibung der Albehira ist diese: «Drinnen in der Stadt sprudelt die größte von allen Quellen; sie ist von einer Mauer umgeben und bildet einen Fischteich, den die Araber Albehira nennen; verschiedene Arten lebendiger Fische sind darin eingeschlossen. Auf dem Teich fahren königliche Barken, die von Gold und Silber oder Malerei glänzen. In ihnen fährt der König mit seinen Damen oft zur Lust umher. In den königlichen Gärten liegt auch ein großes Schloß, dessen Wände mit Gold und Silber bedeckt sind, während der Fußboden aus den verschiedensten Marmorarten zusammengesetzt ist und musivische Figuren von allen Dingen der Welt enthält. Es gibt nirgendwo Gebäude, die den Palästen dieser Stadt gleichkämen.»

Man weiß nicht, wo die Albehira lag. Morso sucht zu beweisen, daß Benjamin das sogenannte «Mar-Dolce» gemeint habe. So heißen nämlich heute die Trümmer des im sarazenischen Charakter gebauten Schlosses Favara, welche außerhalb der Stadt seitwärts vom malerischen Kloster di Gesù und unter der Grotte liegen, die durch ihre Knochenfossile berühmt ist. Man nennt dies zertrümmerte Schloß «Mar-Dolce», weil sich ihm gegenüber ein altes Wasserbecken befindet. Aber auf arabisch hieß es Casr Djîafar. Die Trümmer lassen genau den Stil der Zisa und Cuba erkennen.

Es gibt noch ein viertes sarazenisches Lustschloß außerhalb Palermos, Ainsenin, vom Volk «Torre del diavolo» genannt. Seine Ruinen liegen in dem malerischen Tal der Guadagna, das vom Oretos durchflossen und vom Berg Grifone überragt wird.

Dies sind die letzten Denkmäler sarazenischer Bauten, welche in Palermo noch heute die Epoche der Araber im Gedächtnis erhalten. Mit der spanischen Herrschaft verschwand jener graziöse Baustil; auch hörten die letzten lebendigen Traditionen des Islam schon mit Friedrich II. auf, als er im Jahre 1220 alle noch in Sizilien wohnenden Araber nach Nocera in Apulien gebracht hatte. Denn während seiner Abwesenheit hatten sie unter der Führung ihres Häuptlings Mirabet ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen versucht. Seither verschwanden ihre Sprache und ihre Sitte aus dem Leben des sizilischen Volks, und eine andere Nationalität, die spanische, machte sich auf der Insel geltend. Die Spuren des Islam wurden vertilgt.

Erst mit dem vorigen Jahrhundert, wo nach der Entdeckung Pompejis überall in Italien die Liebe zu den Antiquitäten wieder erwachte, hat man sich auch dem sarazenischen Altertum Siziliens mit Eifer zugewandt. Die Inschriften in Kirchen und Palästen führten auf das Studium der arabischen Sprache, ein Lehrstuhl wurde für sie in Palermo gestiftet. Doch geschah dies nicht ohne einen lächerlichen Betrug, welcher bewies, wie völlig die Kunde des Arabischen auf jener Insel verschwunden war, wo auch christliche Könige Arabisch zu sprechen gewußt hatten. Der Malteser Giuseppe Vella, welcher nach Palermo gekommen war, hatte sich das Ansehen eines großen Arabisten gegeben und dort einen Codex gefälscht, der vielerlei Korrespondenzen der Araber Siziliens enthalten sollte. Der Betrüger brachte die gelehrte Welt Europas durch seine Entdeckungen in Bewegung, bis er entlarvt und vom Katheder ins Gefängnis geführt wurde.

Unterdessen hatten sich auch Sizilianer dem Studium des Arabischen zugewendet, wie Airoldi, Rosario di Gregorio und Morso, besonders der letztere, welcher Vellas Nachfolger auf dem Katheder wurde und in Verbindung mit den großen Orientalisten Tychsen, Silvestre de Sacy, Hammer und Frähn für die Erklärung der kufischen Inschriften in Palermo tätig gewesen ist. Wirkliche Resultate für die Geschichte der sizilischen Araber gingen daraus hervor, wie Gregorios «Rerum Arabicarum, quae ad historiam Siculam spectant, ampla collectio» (Panormi 1790) und Martoranas «Notizie storiche dei saraceni siciliani» (Palermo 1833); endlich hat die mohammedanische Geschichte und Literatur der Insel ihren ausgezeichneten Bearbeiter an Michele Amari gefunden, von dessen Geschichte der Muselmanen in Sizilien die zwei ersten Bände erschienen sind.

Mit der Pflege des arabischen Altertums erwachte zugleich auch die Liebe für den sarazenisch-normannischen Stil. Wie dieser gegenwärtig wieder auf das lebhafteste in die Erinnerung des Volks gekommen ist, erkennt man schon im Toledo Palermos an vielen Verkaufsläden, welche sich im arabischen Geschmack graziös eingerichtet haben und an manchen Lustbauten der Großen. Der Geschmack sizilischer Paläste und Villen ist wegen seiner ausschweifenden Bizarrerie mit Recht in aller Welt verrufen gewesen. Während die edelsten Muster von Prachtbauten vor Augen standen, während vor den Toren Palermos die Cuba und die Zisa, in der Stadt selbst mancher normannische und spätere Bau, wie der Palast des Tribunals, die Architekten belehren konnte, daß sich großartige Massen mit Einfachheit und Anmut der Gliederung und der Ornamente wohl vereinigen, haben sie es vorgezogen, die Paläste mit barockem Unsinn auszustatten, wie der Prinz Pallagonia in seiner Villa, oder haben sie selbst das Chinesische aufgenommen, wie in der Villa Favorita.

In der Stadt selbst baut der Marchese Foccella einen schönen Palast im arabisch-normannischen Charakter aus. Freilich ist er von Spielerei nicht frei, wie alle diese nachgeahmten Bauten eines untergegangenen Stils, von denen wir bei Stuttgart an der Wilhelma ein Beispiel haben. Er steht auf dem reizenden Platz Teresa unmittelbar am Griechentor, das ihn durchbricht. Große Summen sind bereits darauf verwendet und der Bau der Vollendung nahe. Die Außenseite ist von Bogenfenstern mit buntem Glas durchbrochen, welche durch kleine gewundene Säulen getrennt werden; die Säle im Innern reich und mannigfach, besonders der arabische in der Mitte, dessen Wände in bunten Arabesken und hellen Farben von Rot, Blau, Gold, Schwarz und Weiß verziert und mit dem edelsten Gestein inkrustiert sind. Die gewölbte Decke glänzt von phantastischem Schmuck; der Fußboden ist aus den köstlichsten Steinarten zusammengesetzt, die zugleich eine Anschauung vom geologischen Reichtum der Insel geben, da nur sizilianische Steine dazu verwendet sind. Es fehlt nicht die plätschernde Fontäne, um die Täuschung einer Alhambra vollständig zu machen. Andere Gemächer hat der reiche Marchese in römischem und pompejanischem Sinn eingerichtet und den patriotischen Beweis gegeben, daß sizilianische Künstler auch in der Freskomalerei Gutes zu leisten vermögen, denn alle diese Nachahmungen alter Wandmalerei sind Werke einheimischer Maler.

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