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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 121
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Während von den griechischen Städten in Sizilien entweder noch herrliche Überreste von Tempeln und andern Monumenten erhalten sind, wie in Syrakus, in Agrigent und Segesta, oder staunenswürdige Trümmermassen ihre ehemalige Größe und Schönheit kundgeben, wie in Selinunt, hat ein mißgünstiges Schicksal die Städte Großgriechenlands, bis auf das eine Paestum, fast spurlos hinweggetilgt. Aus der Wildnis Metapontums ragen nur noch 15 Säulenstümpfe melancholisch auf; von der Pracht Krotons spricht nur noch eine einzige dorische Säule einsam am Meer; in Tarent erinnert nichts mehr an das Altertum, außer ein paar geringen Überbleibseln der Stadtmauern, eines Theaters und einiger im Mare piccolo versunkener Fundamente von Villen.

Ich will daher nicht den Untersuchungen der Tarentiner Archäologen folgen, um mit ihrer Hilfe den Umfang der alten Stadt herzustellen, die Lage ihrer zwei Hauptstraßen und ihrer beiden Tore, der Temenides und der Rinopyle zu bestimmen, und diejenige des Forums, des großen Museums oder der Akademie, des Prytaneums, worin das schöne Weihgeschenk des jüngeren Dionys stand, ein Kandelaber mit so viel Lampen als Tage im Jahr, oder der Bäder des Herkules, der Tempel des Neptun, des Merkur und anderer Götter; denn dies sind nur noch Namen ohne Anhalt an der Wirklichkeit, zumal für denjenigen, welcher das Lokal gar nicht kennt.

Schon zur Zeit Strabos war Tarent so zusammengeschwunden, das sich die Stadt auf ein kleines Gebiet um die Akropolis beschränkte. Er bemerkte dort namentlich das schöne Gymnasium und den großen Platz, worauf der Koloß des Zeus stand. Von der Akropolis zwischen diesem Forum und der «Mündung des Hafens» sagte er, daß sie nur noch wenige Überreste der vielen Weihgeschenke enthalte, welche sie im Altertum zierten; «denn die meisten zerstörten die Karthager, als sie die Stadt eroberten, die anderen raubten sodann die Römer, unter ihnen den ehernen Koloß des Herkules, welchen Fabius Maximus nach Rom brachte».

Die alte Akropolis hatte den Umfang einer ansehnlichen Stadt. Sie erhob sich zwischen beiden Meeren auf Tuffelsen und war eine kaum einnehmbare Festung. Auf ihrem Lokal steht das heutige Tarent.

Dieses beschreibt ein Dreieck, dessen Spitze an jener langen Brücke liegt, welche den Isthmus mit dem festen Lande verbindet. Diese Brücke von sechs Bogen dient zugleich als Kanal der byzantinischen Wasserleitung, welche zwölf Millien weit herkommt und die Stadt versorgt. Dort stehend überblickt man rechts den großen Golf, links das Mare piccolo mit den Fischerbarken und zahllosen aus dem Wasser ragenden schwarzen Pfählen, deren Zweck uns bald deutlich werden wird. Man hat also hier die Ansicht der Häfen Tarents und des Lebens in ihnen, und dieses ist auf die dürftigsten Verhältnisse herabgesunken. Ich sah kaum zehn Handelsschiffe in dem herrlichen Golf ankern, und zwei oder drei Fahrzeuge der italienischen Marine. Sie schienen nur da zu sein, um als Staffage in diesem hinreißend schönen, großen und erhabenen Seegemälde zu dienen.

Nach der Stadt zu sperrt die Brücke ein viereckiger Turmkoloß, der sich an Mauern und Bastionen über dem Wasser anlehnt. Dies ist die Zitadelle, welche Ramondello Orsini erbaut hat, den nördlichen Eingang zu decken. Sie umschließt zugleich nach der Meeresseite den einzigen großen Platz Tarents, Piazza di Fontana genannt, von dem Wasserbrunnen in ihrer Mitte, eine Anlage Karls V.

Dieser Platz ist der Mittelpunkt des ärmlichen Volkslebens. Die Hauptstraßen der Stadt münden hier. Weißübertünchte Häuser mit platten Dächern und Balkonen umschließen ihn, darunter einige schmutzige, dürftige Gasthäuser, Kaffeeschenken und Läden. Landvolk tummelt sich umher, Früchte und Gemüse verkaufend, halbnackte Menschen wie die Lazzaroni Neapels. Da der Blick auf das Meer hier nicht frei ist, möchte man glauben, sich in irgendeiner kleinen Landstadt des Südens zu befinden, wenn man nicht hin und her rennende Fischer sähe, welche in Körben Austern und Muscheln darbieten, und wenn nicht die Luft vom scharfen Geruch des Meeres ganz und gar durchdrungen wäre. Und nur mit wenigen Schritten gelangt man links vom Platz durch eine kleine Halle unmittelbar an den Rand des Mare piccolo, wo etwa zwölf Fischbänke stehen, ähnlich denen auf Santa Lucia in Neapel. Auch dieser kleine, schmutzige Fischmarkt ist ein Bild der Verkommenheit.

Drei Hauptstraßen führen vom Platz in die Stadt; die untere, die ehemalige Marina, jetzt sinnloserweise Garibaldi genannt, ist das unsaubere Fischerquartier am Mare piccolo, von welchem sie jedoch durch eine häßliche Mauer getrennt wird, und diese hat Ausgangspforten nach dem Wasser hin. Schmale, schmutzige Quergassen münden in diesen Kai; er endet an den Stadtmauern, welche landwärts Tarent umgeben und sich an das große Kastell schließen.

Die Festung ist byzantinischen Ursprungs; die Hohenstaufen und die Anjou erneuerten sie; die Aragonen, Karl V. und die Könige Spaniens bauten an ihr, wie das die Wappenschilder auf ihren Mauern lehren. Sie gleicht den Meerkastellen, die man sonst in Apulien sieht: ein Fünfeck mit fünf mächtigen Rundtürmen, zwischen beiden Meeren, welche ein kurzer schiffbarer Wasserkanal verbindet, so daß dadurch Tarent zur Insel wird.

Die Hauptstraße ist die mittlere, Strada Maggiore genannt. Sie führt ins Innere der Stadt und ist ihr Corso. Der enge Raum erlaubte hier keine breiten Straßenanlagen und nur hier und da einen kleinen Platz. Die Häuser, alle weiß übertüncht oder aus gelblichen Quadern aufgebaut, sind hoch und schmal, und zusammengedrängt. Ein Gewirr von Gassen, oft so eng und so still, wie die venezianischen, und sehr unreinlich, durchzieht diesen soliden Kern Tarents, die alte Akropolis. Das Pflaster ist durchweg sehr gut. Mächtige Klostergebäude ragen hie und da schloßartig hervor, nur durch die Masse, nicht durch Schönheit der Architektur auffallend, und dasselbe gilt von den Kirchen. Doch zeigen einige Paläste aus der guten Epoche der Renaissance, daß auch hier ein reicher städtischer Adel sich entwickelt hatte, so die Häuser Carfogli und Carducci. Die Carducci gelten als die älteste Familie Tarents; sonst ist der Adel hier meist spanischen Ursprungs. Überhaupt macht dieser Hauptteil der Stadt den Eindruck patrizischer Wohlhabenheit, obwohl ein Blick auf die Läden, welche die Untergeschosse der Häuser einnehmen, dartut, daß sich die Bedürfnisse der Einwohner nicht über diejenigen einer sehr mäßigen Provinzialstadt erheben.

Die Bevölkerung selbst schien mir regungslos und hoffnungslos verkommen, wie eingeschlafen auf der Jahrtausende alten kleinen Scholle zwischen den Meeren, wo sie samt ihrer Geschichte von der Welt vergessen ist und sich selbst vergaß. Syrakus hat heute ein stärkeres Bewußtsein von sich als Tarent. Denn dort lebt das Altertum noch in unverwüstlichen monumentalen Spuren fort, während es hier ganz verschwunden ist.

Nicht einmal das Mittelalter ist in Tarent durch außerordentliche Bauwerke vertreten. Aus den fünf Jahrhunderten der byzantinischen Herrschaft hat sich kein Denkmal, nicht einmal eine griechische Inschrift erhalten, und selbst an die Normannen und Hohenstaufen erinnert hier nichts mehr. Einige Kirchen sind alt, aber mehrfach erneuert, wie S. Domenico und der Dom.

Die Kathedrale ist Sankt Cataldus geweiht, dem modernen Hauptgott und Schutzpatron der Tarentiner, eine sehr alte Basilika, welche im Jahre 1070 unter dem Erzbischof Drogo begonnen und später im Jahre 1588 unter dem Papst Sixtus V. neu ausgebaut worden ist. Sie ist dreischiffig. 24 antike Säulen mit korinthischen Kapitälen, die schönen Reste irgendeines Tempels der alten Stadt, tragen die Rundbogen. Der Fußboden besteht aus weißem und schwarzem Marmor, die Decke aus vergoldetem Holzgetäfel. Über dem Hochaltar erhebt sich ein schönes Tabernakel aus rotem Marmor.

Der größte Stolz der Tarentiner ist die Sankt Cataldus geweihte Kapelle dieses Doms, ein Kuppelbau des 17. Jahrhunderts, mit prachtvollem buntem Marmorschmuck überladen und mit Heiligenfiguren in den Nischen geschmückt, zwar barock, aber in überreicher, das Auge blendender Fülle. Sie erinnert an die Kapellen in Santa Maria Maggiore zu Rom. Hier liegt Giacomo del Balzo begraben. Die Grabschrift sagt:

Hoc tuus Andriae Dux Franciscus Baucia proles
Exstruxit templum Jacobi tegit ossa Tarenti
Principis. Huic mater Caroli de stirpe secundi
Imperii titulis et Bauci sanguine claro.
Hie Romaniae et Despotus Achaias urbes
Subiecit bello.

Von außen stellt sich der Dom weder als ein schönes noch erhabenes Bauwerk dar; er ist weiß übertüncht wie der stumpfe Glockenturm neben ihm und wie der erzbischöfliche Palast zu seiner Seite. In dies mächtige, aber nicht durch seinen Stil ausgezeichnete Gebäude führt ein schönes Portal, durch welches man in einen großen Hof tritt. Dort sagt eine Inschrift, daß der Erzbischof Josephus Capycius Latro (Capocelatro) den Palast im Jahre 1786 von Grund aus erneuert hat.

Mit wenigen Schritten erreicht man von hier die neue Straße Vittorio Emanuele, welche die höchste Stelle der alten Akropolis bezeichnen mag. Sie besteht aus einer Reihe von Häusern hoch über dem Golf oder dem Mare grande. Eine Balustrade schließt sie gegen das steil niederfallende Felsenufer ab. Dies ist der schönste Spaziergang der Tarentiner in der Abendkühle. Wenn der strahlende Mond über dem Golfe schwebt, ist es ein hinreißendes Schauspiel, die unvergleichliche, von sanften Ufern umfaßte Meeresbucht zu betrachten. Auf ihren äußersten niedrigen Vorgebirgen und auf den kleinen Inseln leuchten Fanale. Im Hintergrunde weit landwärts stehen, im Duft verschleiert, die Gipfel der Gebirge Kalabriens.

Dieser schönen Straßenanlage, dem Belvedere Tarents, hat man durch Abreißen alter Häuser über den Stadtmauern Raum geschaffen. Sie ist die einzige Neuerung im Innern der Stadt; in ihrer Nähe ist auch der neue Munizipalpalast aufgeführt worden.

Die Einwohnerzahl Tarents, welche heute mehr als 30 000 beträgt, hat schon die Anlage eines neuen Viertels nötig gemacht. Dasselbe liegt jenseits der Brücke des Kastells. Eine Inschrift besagt dort, daß es am 12. April 1869 begonnen wurde. Man baut Straßen aus weißen Kalksteinquadern. Das Lokal ist eine Hochfläche zwischen beiden Meeren, mit der schönsten Aussicht namentlich auf das Mare piccolo, dessen liebliche Ufer zum Bau von Villen ganz besonders einladen. Es gibt deren hier einige, wie die Villa Santa Lucia, welche im Besitz des Generals Guglielmo Pepe gewesen ist. Hie und da erheben sich schlanke Palmen auf den Uferhöhen, und blühende Gärten steigen bis zum Saum des kleinen Meeres nieder, in märchenhafter Verlassenheit, daß sie Sehnsucht erwecken, dort zu wohnen, im beseligenden Hauch dieser ionischen Lüfte, fern vom Treiben der Welt und ihren häßlichen Leidenschaften.

Wandernd und dichtend an den Ufern dieses Mare piccolo, in welches sich der kleine Fluß Galesus (auch Eurotas genannt) ergießt, schrieb Horaz die bekannte Ode an Septimius nieder, worin er diesen glückseligen Winkel der Erde vor allen andern preist und sich zum Asyl wünscht, wenn ihm die mißgünstigen Parzen sein geliebtes Tibur verweigern.

Unde si Parcae prohibent iniquae,
Dulce pellitis ovibus Galaesi
Flumen et regnata petam Laconi
        Rura Phalanto.
Ille te mecum locus et beatae
Postulant arces; ibi tu calentem
Debita sparges lacrima favillam
        Vatis amici.

Doch will dies Glück die Parze mir beneiden,
So zieh ich nach Galäsus Uferrand,
An dem die edlen Seidenlämmer weiden
Und nach der Flur, die einst beherrscht Phalant.
Ja, jene sel'gen Hügel, jene Auen,
Sie rufen mich und dich. Dort mag dereinst
Die letzte Träne liebend niedertauen,
Die du des Dichterfreundes Asche weinst.

(H. Stadelmann)        

Das kleine Meer hat sechzehn Millien im Umfang. Es gleicht einem jener schönen Landseen, woran Italien noch reich ist. Wenn nicht seine immergrünen Ufer in langgedehnten, sanft aufschwellenden Linien sich hinzögen, hätte ich glauben können, an den See von Bracciano versetzt zu sein. Sein entzückender Spiegel leuchtet im Hochsommer oft so purpurn wie die Farbe, welche die Alten aus der Muschel zogen, die in seinen Tiefen ruht. Jetzt, im Mai, glänzte er von einem sanften Schmelz, einem durchsichtigen, unbeschreiblichen Blau, gleich dem Golfe draußen. Es sind Farbentöne von so idealer Schönheit, daß sie bald Ströme eines zerflossenen Himmels zu sein scheinen, bald Ströme von Musik, welche tönend dahinschweben, und die Seele dessen, der vom Ufer niederblickt, berauschen und durchglühen. Wie natürlich erscheint hier die wundervolle Sage von Arion auf dem Delphin, oder von Taras, dem Gründer Tarents; das lichtausatmende melodische Meer hat diese Dichtungen erzeugt.

Im Altertum war das kleine Meer von reichen Landsitzen und von üppigen Bädern umkränzt; Fabriken der Purpurfärberei standen an ihm, sodann Arsenale der Flotte. Denn in diesem ruhigen Seebecken ankerten die Kriegsschiffe der Tarentiner. Als Hannibal die tapfere römische Besatzung der Akropolis unter M. Livius vom Fluß Galesus aus, wo er lagerte, vergebens bedrängte, ließ er Kriegsschiffe aus dem Mare piccolo über Land nach dem Golf schaffen, was mit ungeheurer Mühe durch Maschinen und Walzen bewerkstelligt wurde.

Ein Blick auf diesen alten Hafen Tarents genügt, um zu erkennen, daß er die vorzüglichsten Eigenschaften einer Marinestation besitzt, noch mehr als jener Brindisis. Die italienische Regierung hat auch den Plan gefaßt, ihn zum Kriegshafen wieder einzurichten und dort Arsenale zu bauen.

Wir stiegen unterhalb der Villa Pepe in eine Barke. Ihr Führer war ein alter prächtiger Mann, einst Matrose der Marine, der sich in allen Weltteilen umhergetrieben hatte und jetzt seine Tage auf diesem Golf in Frieden beschloß. Die Barcarolen Tarents sind nicht jene lärmenden, fieberhaft aufgeregten, moskitoartig ihre Beute umschwärmenden Zudringlinge Neapels; sie sind die artigsten und bescheidensten Menschen, wie überhaupt das gesamte Tarentiner Volk von ausgesprochener Sanftmut zu sein scheint.

Wir fuhren an den stillen Gestaden entlang, über Trümmer antiker Bauten, welche unter der kristallhellen Woge deutlich sichtbar sind, wie jene der versunkenen Römervillen an den lieblichen Ufern des alten Antium. Man zieht hier aus der Flut noch oft Scherben antiker Vasen herauf; und Tarent war wie andere großgriechische Städte durch seine Vasenkunst berühmt. Das Ufer ist mit Staub von Korallen und mit zerbröckelten Muscheln fußhoch verschüttet. Der Barkenführer bot uns Hände voll von Stücken jener Purpurschnecken dar, die man «murex» nannte. Die Bereitung des Purpurs aus ihrem Saft hat das alte Tarent reich gemacht. Mit der in Purpur getränkten feinen Wolle der weißen Schafe, die am Galesus weideten, versorgte es einst Rom und Griechenland.

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