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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 120
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Ich will von den geschichtlichen Schicksalen Tarents in kurzen Zügen eine Anschauung geben, denn das wird doch immer die Hauptsache für denjenigen sein, welcher dies Schattenbild vergangener Größe vor Augen hat. Aber selbst die alte Geschichte der Stadt ist nur ein Schatten für uns; sie besteht nur in Fragmenten wie diejenige des gesamten Großgriechenlands, das heißt der hellenischen Kolonien in Italien. Keine einzige von ihnen steht deutlich vor uns als eine historische Persönlichkeit, deren Leben sich in einer Folge von bürgerlichen und politischen Entwicklungen faßbar darstellte, wie dasjenige von Athen, Sparta, Korinth, Theben, und selbst von kleineren hellenischen Orten.

Die griechischen Pflanzstädte an den Küsten Italiens erscheinen noch in viel höherem Maße, als es mit den sizilischen der Fall war, aus dem Mittelpunkt der hellenischen Handlung weit westwärts vorgerückte, halbverlorene Posten unter italischen Barbaren, den uns rätselhaft gebliebenen Messapiern und Japygen, den wilden Lucanern und Bruttiern, mit denen sie fortdauernd in heißen Kämpfen lagen.

Sie übten trotzdem einen nicht geringen Kultureinfluß auf diese einheimischen Stämme aus; sie machten aus den südlichen Landschaften ein zweites Hellas, worin Handel und Künste, Gewerbe und Wissenschaften ein paar Jahrhunderte lang in Blüte standen, und wo Philosophen und Staatsmänner weltberühmte Schulen stifteten. Eine große Kulturbewegung, deren Mächtigkeit wir nicht mehr im Zusammenhange mit anderen Strömen des griechischen und italiotischen Geistes ganz zu erkennen vermögen, pulsierte den Küsten des Ionischen Meeres entlang, in Städten, die vereinzelt blieben, die es nie zu einer Eidgenossenschaft brachten, welche sich einander heftig befehdeten und selbst zerstörten, und endlich in dieser Vereinzelung zugrunde gingen.

Der Ursprung Tarents ist in Göttersagen verhüllt. Taras, ein Sohn des Neptun und einer Nymphe des Landes, ein Bruder des Messapus, gründete die Stadt, tausend Jahre vor Rom. Man sieht diesen Halbgott auf den schönen tarentiner Münzen abgebildet, wie Arion reitend auf einem Delphin, eine Krone auf dem Haupt, einen Dreizack in der Hand, in der anderen einen Schild, oder eine Traube, oder eine Victoria, einen Polyp, eine Schnecke, ein Seepferd. Auf dem Delphin reitend ist er auch auf den Münzen der Brundusier abgebildet.

Neptun war der Hauptgott der alten Tarentiner, und neben ihm der weltumwandernde libysche Herakles, von welchem die Legende erzählt, daß er die Stadt beherrscht habe. Sie nannte sich deshalb die herakleische, und so hieß auch der Golf selbst. Eins der berühmtesten Kunstwerke Tarents war der eherne Koloß des Herakles, ein angebliches Werk des Lysippus.

So verhüllt die Sage die Gründung der Stadt durch vorhellenische, wahrscheinlich kretische Einwanderer, bis ihre geschichtliche Zeit mit der spartanischen Kolonie beginnt, welche sich im achten Jahrhundert dort niederließ. Auch sie ist in Mythen gehüllt. Phalantus führte die lakonischen Parthenier nach Tarent und wurde der zweite Gründer dieser Stadt.

Ihr Wachstum, ihre Verfassung und Geschichte bedeckt für Jahrhunderte ein undurchdringliches Dunkel. Es scheint, daß aus einem Königtum, nach dem Muster Spartas und den Einrichtungen Lykurgs, unter heftigen Kämpfen sich ein demokratischer Staat ausbildete. Die Tarentiner wurden mächtig zur See, und ihre Kraft entwickelte sich in Kriegen mit den benachbarten italischen Völkern wie mit den andern großgriechischen Pflanzstädten, zumal mit Metapontum und Sybaris, achäischen Orten. Ihre eigene Kolonie war Herakleia.

Im sechsten Jahrhundert trat die Stadt in den pythagoräischen Bund ein; die Schule des großen Philosophen von Samos und Kroton reformierte auch sie; die Einrichtung ihres Staates wurde aristokratisch. Die pythagoräische Weisheit blühte dort in zahlreichen Schulen fort und erzeugte eine Reihe von Staatsmännern und Talenten in jeder Wissenschaft und Kunst, namentlich berühmte Ärzte und Mathematiker. Unter ihnen glänzte als der größeste der Tarentiner der Pythagoräer Archytas, der Freund des Platon, ein von den Alten hoch bewunderter Mann, der weiseste Führer der Republik, der genialste Mathematiker, und zugleich ein kriegsgewaltiger Feldherr. Nach ihm machten sich berühmt der Tarentiner Lysis, der Lehrer des Epaminondas, die Philosophen Aristoxenus, Philolaus und Euritus, der Mathematiker Nikomachus, der Feldherr Dinon, die Dichter Kleanthes und Leonidas, Rinthon, der Erfinder der Tragikomödie, der Komiker Skiras, die Musiker Nikokles und Eumenus.

Die glücklichste Entfaltung Tarents fällt in die perikleische Zeit, und sie dauerte bis zum verhängnisvollen Zusammenstoß mit den Römern fort. Die Stadt schmückte sich mit schönen Tempeln, Thermen, Gymnasien und Museen, und mit den edelsten Werken hellenischer Kunst. Ihr Reichtum gab dem von Syrakus nichts nach. Ihr Handel an allen Küsten des Mittelmeeres, ihre Fabriken, namentlich die Purpurfärbereien, der Fischfang in dem von Muscheln wimmelnden Golf und die Fülle der Landesprodukte auf den von der Natur überschwenglich gesegneten Fluren erzeugten einen solchen Lebensüberfluß, daß die Üppigkeit der Tarentiner sprichwörtlich wurde, wie die der Sybariten. Sie brachte dann naturgemäß den Verfall der pythagoräischen Einrichtungen und der staatlichen Kraft hervor.

Strabo sagt (c. 280): «Einstmals waren die Tarentiner gar gewaltig, da sie sich demokratisch regierten. Sie besagen die stärkste Flotte, ein Landheer von 30 000 Mann, 3000 Reiter, 1000 Reiterobersten. Sie hatten die Grundsätze der pythagoräischen Philosophie angenommen; in ihr aber ragte ganz besonders Archytas hervor, welcher lange Zeit das Haupt der Stadt war. Später wurde ihre Schwelgerei wegen des Überflusses so groß, daß ihr Jahr mehr Festtage als Arbeitstage zählte. Infolgedessen verfiel ihr Staatswesen. Ein Zeichen davon war schon dies, daß sie Fremde zu ihren Heerführern machten. Denn gegen die Messapier und Lucaner sandten sie den König der Molosser Alexandros aus; sodann bedienten sie sich des Archidamos, eines Sohnes des Agesilaos, später des Kleonymos und Agathokles, endlich des Pyrrhus, zur Zeit als sie mit den Römern in Krieg gerieten.»

Die Kämpfe Roms mit den Samniten brachten diese erobernde Macht den Städten Großgriechenlands immer näher und näher. Der Übermut der verweichlichten Tarentiner zog endlich das Strafgericht herbei. Der Pöbel mißhandelte einen römischen Abgesandten öffentlich im Theater: der Krieg ward erklärt, und der herbeigerufene König von Epirus kam nach Tarent, im Jahre 280. In diesem Heldenkampf des Pyrrhus mit den ihm ebenbürtigen Römern Fabricius und Curius Dentatus endete die Selbständigkeit Tarents, im Jahre 272. Die prächtige Stadt wurde den Römern untertan. Im Triumph führte man in Rom die ersten Spolien Tarents auf.

Sechzig Jahre später, im zweiten Punischen Kriege, suchten die Tarentiner das römische Joch abzuwerfen. Denn Hannibal bemächtigte sich mit ihrem Einverständnis der Stadt, aber die römische Besatzung behauptete mannhaft die Akropolis zwei Jahre lang, bis sie Fabius Maximus im Jahre 209 entsetzte. Der Eroberer Tarents überließ die Stadt seinem Heer zur Plünderung. Dreißigtausend Einwohner wurden in die Sklaverei verkauft, und der nach Rom entführte Raub an Gold und Purpur, an Statuen und Gemälden jeder Art konnte der Beute aus Syrakus an Wert gleich geschätzt werden. Von Bildsäulen, welche damals nach Rom geführt wurden, erregte das größte Aufsehen der bronzene Koloß des Herakles; man stellte ihn später auf dem Kapitol neben der Reiterfigur des Fabius Maximus auf. Ein zweiter Koloß, der des Zeus, der größte der Welt nach dem von Rhodus, konnte nicht fortgeschafft werden und blieb in Tarent zurück.

Fabius Maximus betrachtete die Kunstwerke der Stadt nur mit Gleichgültigkeit, und schwerlich hatte er den Blick des Kenners dafür; als man ihn fragte, was mit den Götterbildern geschehen solle, sagte dieser rauhe Held: «Laßt sie den Tarentinern, denn sie zürnen ihnen, weil sie von ihnen beleidigt sind.» Viele Statuen blieben dort zurück, eine der berühmtesten stellte erst Cäsar in seiner Kurie über dem Altar auf. Es war jene geflügelte Victoria von Erz auf der Weltkugel, mit dem Lorbeerkranz in der Hand, die das Sinnbild des römischen Staates wurde, und noch in der Zeit des Falles des Römertums, am Ende des vierten Jahrhunderts nach Christus, in den Tagen des edeln Symmachus und seines Gegners Ambrosius war sie der berühmte Gegenstand des erbitterten Kampfes der heidnischen Aristokratie im römischen Senat mit der christlichen Partei.

Seit jenem Jahre 209 hörte das politische Leben Tarents auf, welches eine römische Kolonie wurde. Aber während der langen Römerherrschaft behauptete die Stadt ihre griechische Sprache und Bildung, und diese wirkte auf die Römer selbst bildend ein. Schon bei der ersten Eroberung im Jahre 272 war ein Tarentiner Andronicus als Kriegssklave nach Rom gekommen, wo er die Odyssee ins Lateinische übersetzte, griechische Komödien in derselben Sprache nachahmte und den Geschmack an der griechischen Bildung unter den Römern verbreitete. Diese Bemühungen setzte nach ihm der Kalabrese Ennius fort, der Freund der Scipionen, und auch dessen Neffe Pacuvius aus Brundusium, der im Jahre 130 in Tarent starb, glänzte als lateinischer Dramatiker.

Die römischen Dichter, zumal Virgil und Horaz, liebten den Aufenthalt in der schönen griechisch gebildeten Stadt, an den sanften Ufern des Golfs und der Flüsse Galesus und Taras. Sie alle gaben ihr den Zunamen die «weichliche», oder die «bekränzte» oder «unkriegerische». In der siebenten Epistel an Mäcenas sagt Horaz:

                            mihi iam non regia Roma,
Sed vacuum Tibur placet aut imbelle Tarentum

Nicht mehr das königliche Rom, das stille Tibur
Oder das unkriegerische Tarent hat meinen Beifall.

Juvenal nennt sie in der sechsten Satire sogar:

atque coronatum et petulans madidumque Tarentum

das bekränzte, üppige und wasserreiche Tarent.

Die Stadt teilte die Schicksale der anderen Städte Süditaliens während des Bestandes des römischen Reiches und nach dessen Fall. Sie dauerte, in immer geringeren Verhältnissen, als ein Hafen- und Handelsplatz, wie Brundusium fort. Ihre antike Pracht verfiel in sich selbst, und noch ehe neue Kriegsstürme sie ganz zerstörten, wurden viele ihrer Tempel durch den Fanatismus der Anhänger der christlichen Religion zertrümmert. In den letzten Zeiten des Reichs war Tarent nur noch ein Haufen von Ruinen und die Bevölkerung bereits auf das Gebiet der Akropolis beschränkt.

Die Goten unter Totila eroberten und befestigten die Stadt, dann fiel sie in die Gewalt der Byzantiner zurück. Es wohnte in ihr ein griechischer Befehlshaber.

Aus dem Dunkel, in welches sie gesunken war, tauchte sie im Jahre 663 wieder auf, denn in ihrem Hafen landete der byzantinische Kaiser Konstans, um von dort aus gegen Benevent zu ziehen und die Langobarden zu vertreiben, was ihm nicht glückte. Vielmehr eroberte ihr Herzog Romuald im Jahre 668 Tarent.

Die Byzantiner entrissen die Stadt den Langobarden wieder, aber neue Verwüstungen brachen über das unglückliche Kalabrien herein. Zweimal hintereinander, in den Jahren 845 und 864 überfielen und zerstörten die Sarazenen Tarent. Endlich baute der Kaiser Nikephoros im Jahre 967 die Stadt aus den Trümmern wieder auf, und von dieser Zeit etwa kann man die Entstehung des neuen Tarent rechnen. Zu seinem Aufbau wurden ohne Frage die Reste der antiken Monumente verbraucht, so viel sich deren noch erhalten hatten.

Bis 1080 blieb sodann Tarent byzantinisch, wegen seiner ausgezeichneten Lage und Festigkeit noch immer einer der wichtigsten Kriegshäfen des griechischen Reichs in Unteritalien. Dann eroberte es der Normanne Robert Guiscard. Er machte Tarent zu einem Fürstentum, und dies erhielt sein Heldensohn Boemund. Hundert Jahre blieb darauf die Stadt im Besitze der normannischen Fürsten, bis sie durch deren Erben, den Kaiser Heinrich VI. an die Hohenstaufen kam.

Friedrich II. verlieh sie seinem Sohne Manfred. Dann kam sie an Karl von Anjou. Karl II. schenkte im Jahre 1292 dies Fürstentum seinem Sohne Philipp, welcher durch seine dritte Gemahlin Catarina, die Tochter des Kaisers Balduin, den Kaisertitel von Konstantinopel erhielt. Schon in dessen Enkel Philipp II., der im Jahre 1368 starb, endete der Mannesstamm der Herzöge von Tarent aus dem Hause Anjou.

Seine Erbin und Schwester Margareta, Witwe des Königs Eduard von Schottland, vermählte sich mit Francesco del Balzo, dem Herzoge von Andria. Durch sie kam auch das Fürstentum Tarent an jenes Haus der Balzi, und zunächst an Giacomo del Balzo, ihren und Francescos Sohn. Dieser starb im Jahre 1383 zu Tarent, wo ihm sein Vater im Dom S. Cataldo das noch dauernde Mausoleum errichtete.

In den Verwirrungen jener Zeit, als das Königreich Neapel durch feudale und dynastische Revolutionen erschüttert wurde, ging das Fürstentum Tarent von den Balzi auf die Orsini über. Ramondello, ein Sohn Roberts und der Maria del Balzo, gewann dasselbe am Ende des 14. Jahrhunderts; sein Haus nannte sich Balzo-Orsini. Er vermählte sich mit der Erbin der Grafschaft Lecce, der schönen Maria von Enghien, und vereinigte durch diese Ehe den größten Teil der Terra d'Otranto; so wurde er der mächtigste Feudalherr des Königreichs. Als er im Jahre 1405 zu Lecce gestorben war, suchte der König Ladislaus von Neapel dies große Lehen an sich zu ziehen. Er schloß mit Maria einen Vertrag: sie übergab ihm Tarent und sich selbst. So wurde sie Königin Neapels. Ihr und Ramondellos Sohn Gianantonio Balzo-Orsini war der letzte Fürst Tarents aus diesem berühmten Hause. Er starb ohne legitime Erben zu Altamura im Jahre 1463, worauf seine Länder und unermeßlichen Schätze vom Könige Neapels Ferdinand von Aragon, seinem nahen Verwandten, zur Krone eingezogen wurden.

Seither blieb Tarent beim Hause Aragon, bis es mit dem gesamten Königreich in die Gewalt Spaniens kam. Consalvo belagerte im Jahre 1501 die feste Stadt und in ihr den letzten Aragonen, den jungen Don Ferdinando, den Sohn des unglücklichen Federigo II.; nachdem der Prinz unter der Bedingung freien Abzuges sich ergeben hatte, nahm ihn der berühmte Feldherr verräterisch gefangen und schickte ihn nach Spanien. So erlosch in Tarent die Herrschaft des Hauses Aragon.

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