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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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San Marco in Florenz

Das Dominikanerkloster San Marco in Florenz hat außer seinem historischen Interesse noch ein künstlerisches im hohen Grade. Das erste verdankt es Savonarola, das andere zwei vorzüglichen Meistern in der Malerei, Fra Beato Angelico von Fiesole und Fra Bartolommeo. Der Platz, auf welchem es liegt, ist auch noch heute wie zu den Zeiten Lorenzos von Medici einer der Sammelpunkte des florentiner Kunstlebens, der dritte neben den Uffizien und dem Palast Pitti; denn dort vereinigt sich die reiche Galerie der Akademie der schönen Künste mit der berühmten Schule der Kupferstecher.

Zur Zeit Lorenzos stand in der Gegend von San Marco jener Garten der Medici, in welchem sich die erste Sammlung von Antiken fand, unter der Aufsicht des alten Bildhauers Bertoldo. Es versammelten sich dort die hervorragendsten Talente von Florenz, alles, was in Künsten oder Wissenschaften aufstrebte oder bereits groß war und die Gunst des Lorenzo genoß. Wie die Maler in die Kapelle Brancacci gingen, um nach Masaccios Fresken zeichnen zu lernen, so kamen die Bildhauer in den Garten Medici, um die Antiken zu studieren und mit Angelo Poliziano, mit Pico von Mirandola und Marsilius Ficinus geistreiche Reden zu führen. Aus diesem Garten des heidnischen Apoll sah man oftmals Lorenzo, den Perikles von Florenz, in das Kloster von San Mirco gehen, um sich dort in eine der Zellen einzuschließen und des süßen Heidentums sich zu entnüchtern. Da wurde das geistreiche Gespräch über die Weltseele Platons mit einer heuchlerischen Betrachtung über die Nachfolge Christi vertauscht. Savonarola aber hielt sich murrend in seiner Zelle und kam nicht zum Vorschein, wenn ihn Lorenzo rief.

Das Kloster war den Mediceern wert; sie hatten es eigentlich geschaffen. Seine Geschichte ist in Kürze diese: Dominicus, der Gründer des Dominikanerordens, schickte im Jahre 1220 zwölf Schüler seiner Stiftung nach Toskana, von ihnen wurden Konvente errichtet, deren angesehenstes das von Fiesole, der alten Mutterstadt von Florenz, war. Von diesem stammt wiederum das Dominikanerkloster von San Marco. Ehedem war San Marco von Mönchen eines anderen Ordens, Silvestrianern, im Jahre 1299 gegründet worden, aber zur Zeit der großen florentiner Pest in Verfall geraten. Die Mönche waren durch die Seuche dezimiert, und was verschont geblieben, hob an dem Herrn zu danken mit Schmausen und allerlei leiblicher Kurzweil. Die Demoralisation des Klosters pflanzte sich fort, und so kamen jene alten Mönche in üblen Geruch, was zur Folge hatte, daß sie aus ihrem warmen Nest verjagt wurden. Nach San Marco zogen jetzt Dominikaner von Fiesole, und zwar auf Veranlassen des Cosimo de' Medici, welcher kurz zuvor aus seiner venezianischen Verbannung heimgekehrt war. Cosimo nämlich rief aus Fiesole den berühmten Prior Antonius, einen sehr heiligen Mann, ja den größten Heiligen jener Zeit. Antonin war der Sohn des florentinischen Advokaten Niccolo Pierozzi und im Jahr 1389 geboren. Schon in seinem sechzehnten Jahre war er in den Orden der Dominikaner von Fiesole getreten, und geraume Zeit danach Prior geworden. Cosimo nun bewog ihn, nach San Marco überzusiedeln, was auch im Jahre 1436 geschah, nachdem der Architekt Michelozzo mit dem Neubau des alten Klosters der Silvestrianer beauftragt worden war. Michelozzo riß fast das ganze Kloster nieder bis auf das Refektorium und die Kirche, und führte einen stattlichen Bau auf. Für Cosimo aber wurden gleichfalls zwei Zellen gebaut als für einen Mönch, und man sieht sie noch heute wie die Zelle des Savonarola um der historischen Merkwürdigkeit willen. «In dieser Einsamkeit», so sagt der Padre Marchese, «ließ Antonius Pierozzi mit der Freiheit eines Freundes und mit dem Ansehen eines heiligen Lebens den ehrgeizigen Alten jene Wahrheiten hören, welche die Schmeichelei den Mächtigen immer verschweigt, und sicher ist es dem Heiligen zu danken, wenn Cosimo von Medici nicht ein gemeiner Despot wurde.»

Im Jahre 1442 wurde der Bau des Konvents beendigt, und Cosimo gründete die berühmte Bibliothek von San Marco. Antonius aber wurde drei Jahre später Erzbischof von Florenz. Er starb, von aller Welt wegen seiner Tugenden bewundert, und nachdem er sich um die Reform des Klerus eifrig bemüht hatte, schon im Jahre 1459. Man kann ihn wenigstens von der Seite der Reform als den Vorgänger Savonarolas ansehen.

Zwei weite und ansehnliche Klosterhöfe, Architekturen Michelozzos, zieren San Marco. Ihre Lünetten sind größtenteils al fresco gemalt und enthalten Darstellungen aus dem Leben des heiligen Antonius von Gherardini, Dantini, Poccetti und von andern Malern. Doch sind diese Malereien nicht von Belang. Der größte Reichtum des Klosters besteht in den Wandmalereien des berühmten Fiesole, des ältesten Meisters aus der religiösen Schule des Giotto, eines der Liebenswürdigsten der florentinischen Malerei. Fast alle Zellen des Konvents, der Kapitelsaal, die Korridore und einige Lünetten in den Klosterhöfen enthalten Gemälde von seiner Hand, deren einige weder durch die Zeit noch durch das Restaurieren verdorben sind. Sie werden von den Dominikanern mit eifersüchtiger Liebe gehütet.

Mit Fra Angelico begannen nun die merkwürdigen Reaktionen, welche das im Reformieren so eifrige Kloster gegen den modernen Geist der klassisch-italienischen Malerei unternommen hat. Seine Lebensgeschichte ist aus Vasari bekannt. Besser und einsichtiger hat sie der Padre Vincenzo Marchese beschrieben, ein gelehrter Dominikaner von San Marco und warmer Apologet Savonarolas. Dieser Mann wurde wegen seiner Schriften, hauptsächlich wegen seiner «Nicht herausgegebenen Briefe des Fra Girolamo Savonarola und Dokumente denselben betreffend», von einigen inquisitionslustigen Brüdern seines Ordens des Liberalismus angeklagt, und da man Miene machte ihn nach Rom zu schicken, ging er im Jahre 1851 nach Genua. Seine Schriften zeugen von Bildung und gesundem Urteil. Sein Feld ist die Geschichte des Dominikanerordens und besonders in Beziehung auf die Künste, worin er gründliche Studien gemacht hat. Er steht an der Spitze der Gesellschaft, welche die neue Ausgabe des Vasari in der «Raccolta artistica» besorgt. Marcheses Hauptwerk erschien im Jahre 1845. Es sind «Die Merkwürdigkeiten der ausgezeichneten Maler, Bildhauer und Architekten der Dominikaner mit Beifügung einiger Schriften, welche die schönen Künste betreffen.» Zu diesem Werk gab wahrscheinlich der Dominikaner Razzi Veranlassung, einer der ältesten Verfasser einer Geschichte Savonarolas aus dem 16. Jahrhundert. Denn schon Razzi schrieb eine Geschichte der berühmten Dominikaner, welche am Ende auch das Leben einiger Maler, Bildhauer und Baumeister dieses Ordens enthält. Marchese scheint diese Idee wieder aufgenommen und selbständig ausgeführt zu haben. In der Art der Behandlung erkennt man den Einfluß Vasaris. Die Lebensbeschreibungen, welche er dort gibt, beginnen mit Fra Ristoro und Fra Sisto, berühmten Architekten des 13. Jahrhunderts, welche die schöne Dominikanerkirche von Santa Maria Novella in Florenz erbauten. Am ausführlichsten hat er das Leben der Maler Fra Angelico und Fra Bartolommeo beschrieben, und diese Partien sind von gutem Verdienst und übertreffen weit den Vasari. Das Werk schließt endlich mit einem Kapitel über das Unternehmen Savonarolas, die Künste zu reformieren.

Im Zusammenhang damit steht jenes Prachtwerk der florentinischen Kupferstecherei, unter der Leitung Perfettis begonnen: «San Marco, Konvent der Väter des Predigerordens in Florenz, illustriert und gestochen, hauptsächlich in den Malereien des Beato Giovanni Angelico mit dem Leben desselben Malers und einem historischen Abriß desselben Konvents vom Padre Vincenzo Marchese, Dominikaner» (Florenz, auf Kosten der Artistischen Gesellschaft, 1850).

Hier betrachtet Marchese als Mönch und als Feind alles Unedlen und Weltlichen in der Kunst Fra Angelico wie einen Propheten, welchem die große Aufgabe gestellt war, durch seinen Pinsel die absterbende religiöse Malerei wiedererstehen zu lassen. Durch seine Gemälde sollte Angelico dieselbe moralische Reform des Menschengeschlechts erzielen, welche Antonin Pierozzi und Fra Girolamo Savonarola durch ihre Schriften und ihr öffentliches Wirken bezweckt haben.

Man weiß nicht genau, wo Fra Angelico geboren war. Marchese meint, er sei bei dem Castell Vicchio in der Provinz des Nugello zu Hause gewesen, einige Millien von Vespignano, dem Vaterlande Giottos. Er nimmt als Geburtsjahr das Jahr 1387 an. Sein Name war Guido. Zuerst lernte er in Florenz in Miniatur malen, wie sein Bruder Fra Benedetto, welcher in dieser Malerei vorzüglich geschickt war. Sehr bald entwickelte sich bei ihm eine entschieden religiöse Richtung, welche sich im Gegensatz zu den realistischen Bestrebungen der Florentiner Kunst immer mehr ausbildete. Marchese vergleicht ihn gar zu kühn mit Thales, der durch die Inspiration seiner Verse und Rhythmen dem Lykurg den Weg zu seiner Gesetzgebung bahnte; denn so habe Fiesole dem Antonin Pierozzi, seinem Freunde, durch seine Bilder den Weg zur moralischen Reform gebahnt. Im Jahre 1407 traten beide Brüder in den Dominikanerorden von Fiesole und lebten hier einige Zeit, bis der päpstliche Zwiespalt auch diesen Orden ergriff. Guido oder Fra Giovanni, wie er nun hieß, wanderte von Fiesole nach Foligno und nach Cortona, wo er vieles in der Richtung des Giotto, des Spinello und des Simon von Siena malte. Nach etwa vierjähriger Abwesenheit kehrte er indes nach Fiesole zurück.

Dann wurde er im Jahre 1436 nach dem neugegründeten Kloster von San Marco gerufen, um dieses mit seinen Malereien auszuschmücken. «Das geschah», sagt Marchese, «in derselben Zeit, als Masaccio die Kapellen in der Kirche del Carmine malte, als Brunelleschi die Domkuppel baute, Ghiberti die Türen des Battisteriums fertigte, und Donatello und Luca della Robbia miteinander in der Bildhauerkunst wetteiferten.»

Weil nun dem Fra Giovanni, obwohl er im Malen bereits eine große Fertigkeit erlangt hatte, noch Zeichnung, Perspektive und die Ausbildung im Helldunkel fehlten, studierte auch er zuerst die Malereien des Masaccio und lernte von dem genialen Künstler, der um vieles jünger war als er selbst.

Fra Angelico: Die Darstellung im Tempel

Fra Angelico: Die Darstellung im Tempel San Marco, Florenz

In diese Zeit fällt das große Wandgemälde, welches Fra Angelico in dem Kapitelsaal von San Marco malte. Dieses Gemälde ist von hoher Schönheit und eines der herrlichsten, die im 15. Jahrhundert überhaupt gemalt worden sind. Es ist Angelicos Meisterwerk und die letzte Blüte der Schule Giottos, welche durch ihre echt tragische Einfalt oft bewundernswürdig groß ist. Der Gegenstand ist die Passion und zu beiden Seiten verehrende Heilige. Ganz trefflich ist die Kunst der Individualisierung in den Figuren, besonders der beiden Schächer. Der Kopf Christi hat etwas gelitten, und seine Züge sind nicht mehr ganz kenntlich. Seine Gestalt ist übrigens streng in dem noch traditionellen Charakter Giottos gehalten. Zu Füßen des Kreuzes steht nach der linken Seite hin eine Gruppe von der ergreifendsten tragischen Erhabenheit: die Mutter, die in Ohnmacht fallen will, die Arme und das Haupt willenlos herabhängend; Magdalena kniet vor ihr und faßt sie mit beiden Armen um die Brust, die blonden Haare lang aufgelöst über den Rücken. Johannes und eine der Frauen unterstützen Maria zu den Seiten. Diese ganz einfache Gruppe ist von gewaltiger Wirkung, und schwer möchte der höchste tragische Affekt schöner dargestellt werden können, als es hier geschah. Das Erhabene wirkt hier unmittelbar durch die Größe der Natur in der feierlichsten Stille. Man findet weder beim Perugino noch beim Francia, Meistern, welche durch tragische Einfalt ihre Nachfolger weit überragen, eine gleiche Hoheit. Die Alten sind überhaupt darin nicht mehr zu erreichen. Ihre naiv große Auffassung des Seelenlebens ist ihr bleibender Ruhm; sie sind episch und volkstümlich, die spätern musikalisch und dramatisch. Die Darstellung der Leidenschaften wird immer reicher, aber auch heftiger, einseitiger und bis zur Übertreibung egoistisch. Die übrigen Figuren auf Angelicos Wandgemälde sind auch bedeutend; ganz naiv und verbindungslos zu beiden Seiten aufgestellt, wirken sie, ohne jegliche Szenerie von Staffage oder Landschaft nach Art der Alten, allein durch den persönlichen Ausdruck. Es sind Heilige, welche die Passion verehren, Kirchenväter und Bischöfe oder Stifter von Orden, wie Dominicus, St. Bernard, Franciscus, der Bischof Ambrosius, Thomas von Aquino, der heilige Augustin. Die Behandlung ist zart und sehr einfach, die Farbe ungemein geistig, wie das der Charakter des Angelico ist.

Obwohl Fra Angelico noch viele treffliche Gemälde ausgeführt hat, so hat er in keinem mehr eine solche Größe und eine solche Kraft erreicht denn diese fehlt seinen Empfindungen, welche durch die große Zartheit bisweilen schon unangenehm wirken. In der Accademia delle belle arti, welche eine sehr beträchtliche Anzahl von Bildern Fiesoles besitzt, gelten zwei als die vorzüglichsten: Die Kreuzesabnahme und Das jüngste Gericht. Jene ist herrlich durch die Tiefe des Gefühls und die Lieblichkeit der Farben, dieses aber ist eine weniger bedeutende Komposition. Am schwächsten ist Angelico in der Darstellung der Höhe, denn seine Natur war zu kindlich, als daß er zu diabolische Gestalten hätte schaffen können. Seine wunderlichen Teufel erregen daher nur Lachen und nicht Grauen. Er stellte die Hölle in sieben Abteilungen dar nach dem Dante und malte auch in der Tiefe den Lucifer, welcher mit seinen drei Rachen den Judas, den Brutus und den Cassius zerreißt. Auch Angelico malte noch unter dem Einfluß Dantes, des Genossen Giottos und des Giotto der Poesie.

Die «Göttliche Komödie» hat überhaupt alle Maler von Giotto an begeistert; ihr Einfluß auf die Malerei ist sehr groß gewesen. Sie entzündete die Phantasie der Künstler und erfüllte sie mit erhabnen Anschauungen und dichterischen Gedanken, selbst ihre Gemälde waren schon in den Kompositionen des Danteschen Gedichts vorgezeichnet, und jene Szenen der «Hölle», des «Fegefeuers» und des ganz in Licht und Farben gedichteten «Paradieses» durften nur wirklich in Farben übertragen werden, um höchst wirksame Bilder zu sein. Ich möchte behaupten, daß ohne Dantes «Göttliche Komödie» die religiöse Malerei Italiens weder so schnell noch zu solcher Höhe sich hätte entwickeln können. Die Herrschaft dieses Gedichts über die Malerkunst dauerte das ganze 14. und 15. Jahrhundert hindurch, solange als die religiöse Malerei blühte. Auch Michelangelo, der enthusiastische Bewunderer Dantes, richtet sich nach ihm, wie vor ihm Luca Signorelli in seinem jüngsten Gericht im Dom zu Orvieto, welches schon Fra Angelico dort zu malen angefangen hatte. Man findet Darstellungen nach Dante von vielen Meistern und in vielen Kirchen, wie namentlich die Hölle und das Paradies des Orcagna, höchst interessante große Wandgemälde der Kapelle Strozzi, in der Kirche Santa Maria Novella von Florenz. Nächst der «Göttlichen Komödie» haben aber auch die «Triumphe» des Petrarca einen großen Einfluß auf die Malerei gehabt, das zeigt unter vielen andern Bildern derselbe Orcagna in seinem phantasievollen Triumph des Todes, einem großen Wandgemälde im Campo Santo zu Pisa.

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