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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 117
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Ich hätte nun aber beinahe Karl V. vergessen. Und doch veranlaßte dieser Kaiser teilweise einen Umbau der Stadt, als er das Kastell baute und die Stadtmauern erneuerte. Diese Burg besteht in einem großen Quadrat ohne Türme, welches einige Höfe umschließt. Sie ist mehrfach umgewandelt worden. Im Innern liegt der Schloßpalast, ein mächtiges Gebäude im Renaissancestil, aus gelben Steinquadern, dessen Ursprung viel älter ist als die Zeit Karls V., wie das der stumpfe Turm mit gotischem Bausystem beweist. Ich nehme an, daß auf derselben Stelle bereits zur Zeit der Grafen eine Burg stand. Diese besaßen übrigens ihren Palast in der Stadt, von dem noch Überreste in der Via Nuova erhalten sind.

Die Bürgerschaft Lecces weihte dem großen Kaiser im Jahre 1548 einen Triumphbogen, welcher zugleich als Stadttor diente. Es ist ein prächtiger, 60 Fuß hoher Bau mit korinthischen Säulen und geschmückt mit dem Wappen Karls. Die pomphafte Inschrift lautet:

«Imperatori Caesari Carolo V Triumphatori Semper Augusto Primo Indico Secundo Gallico Tertio Africano Christianorum Rebellantium Domitori Turcarum Pavori Fugatrique Reipublicae Christianae Toto Orbe Factis Consiliisque Amplificatori Arcum Ex Auctoritate Fernandi Loffredi Turcis Et Caeteris Caroli Hostibus Omni Salentinorum Japigiumque Litore Propulsandis Praefecti Ordo Populusque Lyciensis Devotus Numini Majestatique Ejus Dedicavit.»

Aus diesem Tore, welches nach Neapel führt, gelangt man zu den Spaziergängen rings um die Stadtmauern. Zwei liebenswürdige Bürger Lecces, der Baron Francesco Casotti und Herr Romano, führten uns dort umher, und ihnen verdankten wir bei unserem viel zu kurzen Aufenthalt die Kenntnis des Sehenswürdigsten.

Lecce verdient in der Tat einen langen Besuch. Denn wie Tarent (welches ich viel besser kenne, da ich zweimal, im Jahre 1874 und 1875, mich dorthin begab) ist diese Stadt ein Mittelpunkt für geschichtliche und kulturgeschichtliche Studien über das alte Kalabrien.

Ich verdankte Herrn Casotti und den Schriften des Herzogs von Castromediano und De Simones in der Folge die Anregung zu einer eingehenderen Beschäftigung mit der salentinischen Literatur, namentlich in Beziehung auf die Geschichte des Landes, und darüber will ich einen kurzen Bericht geben. Er wird den Lesern, wie ich denke, willkommen sein, da es sich hier um ein uraltes und berühmtes Land handelt, welches noch mehr durch politische als geographische Ursachen seit langen Zeiten für uns gleichsam eine «terra incognita» geblieben ist.

 

Die kulturgeschichtliche Bedeutung des alten Kalabrien ist zunächst diese, daß es auf Grund seiner nach dem Orient hingewendeten Lage eine der ersten italienischen Landschaften war, wohin sich die überseeische Einwanderung kretischer, illyrischer und pelasgischer Stämme, und dann der Griechen gerichtet hat. In diesem äußersten Winkel Italiens entstand vielleicht die früheste, vorhellenische Kultur. Hier berührten sich auch und wirkten aufeinander die Sprachen der Osker, der Latiner und Griechen. Der Dichter Ennius rühmte sich aller drei Idiome mächtig zu sein, und gleich ihm waren Kalabresen auch Livius Andronicus und Pacuvius: alle drei merkwürdigerweise wenn nicht geradezu die Schöpfer der römischen Dichtersprache, so doch von wesentlichem Einfluß auf ihre Entwicklung. In gleicher Art hat dann wohl in der Zeit der Blüte großgriechischer Städte die wissenschaftliche und künstlerische Kultur von dieser Halbinsel aus ihre Einwirkung auf Rom ausgeübt.

Die drei Epochen des alten Kalabrien, die messapische, die griechische und die römische, kann man passend durch drei Städte bezeichnen, durch Oria, die uralte Königsburg der Messapier, durch Tarent und Brundusium.

Wir besitzen von der uns völlig dunklen messapischen Urzeit keine andern Urkunden mehr als die unentzifferten Reste der Sprache der Autochthonen des Landes. Die Entdeckung des messapischen Dialekts der Inschriften gehört schon dem 16. Jahrhundert an, denn die beiden namhaften kalabrischen Humanisten, Antonius Galateus und Quintus Marius Corradus, haben davon Kenntnis gehabt. Aber erst seit den Veröffentlichungen des Giambattista Tommasi aus Lecce (1830) sind diese fremdartigen Sprachreste zum Gegenstande wissenschaftlicher Behandlung gemacht worden.

Der Sprachschatz von einigen fünfzig messapischen Inschriften, welchen sodann Mommsen in seinem Werk über die unteritalienischen Dialekte (im Jahre 1850) zu sammeln vermochte, ist seither durch die fortgesetzten Nachforschungen der Antiquare Kalabriens auf 122 Nummern angewachsen. Denn so viele enthält die im Jahre 1871 zu Lecce gedruckte Schrift «Le Iscrizioni Messapiche raccolte dai Cav. Luigi Maggiulli e Duca Sigismondo Castromediano».

Die griechische Sprache verdrängte die messapische, und sie selbst starb im alten Kalabrien niemals ganz aus. Sie erhielt sich auch nach dem Untergange der römischen Herrschaft in Schulen, in der Kirche und selbst im bürgerlichen Gebrauch. Sie belebte sich dort wieder, als diese Provinz mit dem byzantinischen Reich verbunden wurde. Seit Leo dem Isaurier war der Ritus der Kirche dort zum großen Teile griechisch. Das Bistum Hydruntum wurde unter den Patriarchen von Konstantinopel gestellt. Die ältesten kalabrischen Klöster gehörten dem Orden der Basilianer an, und dieser stiftete im neunten Jahrhundert zu Nardò ein griechisches Gymnasium. Als eine der ältesten Klosterbibliotheken des Abendlandes, älter vielleicht als die von Cassiodorus im Coenobium Vivariense errichtete, galt die von Sankt Nikolaus bei Otranto. Sie war reich an griechischen Handschriften. Der Kardinal Bessarion hatte sich davon einen Teil angeeignet, und dieser verunglückte mit seiner Bibliothek in Venedig. Was noch in jenem Kloster von Manuskripten geblieben war, vernichteten die Türken, als sie im Jahre 1480 Otranto eroberten. Galateus spricht davon in seiner Schrift «De Situ Japygiae». Er selbst hatte einen griechischen Codex gerettet, welchen er dem Papste Julius II. verehrte, aber unglücklicherweise enthielt diese Handschrift nicht Wichtigeres als die Schenkung Konstantins.

Die griechischen Schulen in Otranto, in Galatina und Nardò überdauerten selbst den Untergang der byzantinischen Herrschaft in jenem Lande. In seiner Schrift «Scritti inediti e rari di diversi autori trovati nella Provincia d'Otranto» (Neapel 1865) hat Francesco Casotti dies durch griechische Dokumente der Bibliothek Nardò nachgewiesen, welche dem zwölften Jahrhundert angehören, also der Zeit, wo die Normannen Kalabrien beherrschten und wieder mit der römischen Kirche sich in Verbindung gesetzt hatten. Aus dem erzbischöflichen Archiv derselben Stadt Nardò stammt auch eine Reihe griechischer Urkunden, welche in dem von Francesco Trinchiera im Jahre 1865 herausgegebenen «Syllabus Graecarum membranarum» veröffentlicht worden sind. In den Prolegomenen dieses Werkes ist nachgewiesen, daß die griechische Sprache weder unter den Normannen und Hohenstaufen noch selbst unter den Anjou in beiden Kalabrien ausgestorben war. Diese Provinzen teilten sogar noch im Beginne der Renaissance die Kenntnis des Griechischen wiederum, wie in alten Zeiten, dem übrigen Italien mit; denn Barlaam, der Lehrer Petrarcas, und Pilatus, der Lehrer Boccaccios, waren Kalabresen.

Nachdem unter der byzantinischen Herrschaft lange Zeit Hydruntum der Mittelpunkt des Landes gewesen war, trat, wie ich schon bemerkt habe, seit der Eroberung Apuliens und Kalabriens durch die Normannen geschichtlich hervor die Stadt Lecce. Mit der Stiftung der dortigen Grafschaft begann die romanische Feudalepoche Kalabriens, die sich unter den Hohenstaufen, den Anjou und Brienne, den Enghien und Balzo-Orsini bis zu den Aragonen fortgesetzt hat.

Was nun die einheimischen Chronisten und Geschichtschreiber betrifft, aus welchen während jener sehr dunklen Periode und überhaupt während des Mittelalters die Kenntnis der Zustände des alten Kalabriens geschöpft werden kann, so sind sie leider außerordentlich gering an Zahl und auch an Wert. Neuere Sammelwerke salentinischer Autoren haben zwar die Annalen des Lupus Protospata von Bari, den Wilhelm von Apulien, und die Chronik des Anonymus Cassinensis in sich aufgenommen, aber diese Schriften und ihre Autoren, deren Lebensumstände wir nicht kennen, gehören nicht durchaus zur messapischen Halbinsel.

Die Ursachen jenes Mangels liegen auf der Hand: sie sind die jahrhundertelange Verkommenheit der Städte des Landes, welche kein selbständiges, politisch wichtiges Gemeindeleben entwickelten, die wiederholten Kriege und Plünderungen, und endlich der schnelle Wechsel der Feudalherrschaften bis auf das 13. Jahrhundert. Die bedeutendste Epoche Kalabriens gehört dem Altertum an; aber schon zur Zeit des Strabo, des Pomponius Mela und Plinius waren die dortigen Städte fast alle bis auf Brindisi und Tarent zerstört, und nie mehr sind sie zu neuer Blüte emporgekommen.

Seit dem Falle des römischen Reichs, von den Gotenkriegen und den Eroberungen der Langobarden bis zu den furchtbaren Raubzügen der Sarazenen, und weiter zu den Normannen herab, war dies offene, von allen Seiten zugänglicher im Innern von keinen Gebirgszügen gedeckte Land dem fortgesetzten Überfall von Feinden preisgegeben, unter deren Verheerungen die antiken Bauwerke und auch die historischen Urkunden zugrunde gingen. Zu seiner Zeit verglich Erchempert die Verödung Kalabriens mit der Wüste, welche die Erde nach der Sündflut darbot. In der späteren feudalen Epoche gewannen auch die dortigen Lehnsherrschaften keine geschichtliche und politische Festigkeit, welche stark genug gewesen wäre, um das Bedürfnis heimischer Geschichtschreibung zu erzeugen. Es gibt daher nur vereinzelte genealogische Arbeiten über die kalabrischen Geschlechter, aber keine lokale Geschichte weder des Fürstentums Tarent, noch der Grafschaft Lecce; und diese beiden feudalen Hälften des Landes sind es, welche bald getrennt, bald vereinigt seit dem Anfange des 12. Jahrhunderts bis zum Ende des 15. die ganze Geschichte jener Halbinsel umfassen.

Als im 15. Jahrhundert die Renaissance der Wissenschaften unter den Aragonen das Königreich Neapel ergriff, begann auch im alten Kalabrien ein wissenschaftliches Leben wieder wach zu werden. Es nahm seinen Ausgang von der Philologie schon deshalb, weil sich dort neben der lateinischen Sprache auch die griechische in den Schulen behauptet hatte, und von diesen war um jene Zeit die von Nardò sehr besucht und berühmt. Im folgenden Jahrhundert konnte sich Oria eines Latinisten ersten Ranges rühmen, des Q. Marius Corradus, welcher dem Kreise des Sadoleto, Bembo, Contarini, Aldus und Jovius angehörte und zu Oria im Jahre 1575 starb.

Der größte Ruhm der kalabrischen Halbinsel war und ist noch heute Antonius de Ferrariis, welcher im Jahre 1444 in Galatone bei Nardò geboren wurde und deshalb den Namen Galateus annahm. Dieser Latinist, Philosoph, Arzt, Rhetor, Kosmograph und Antiquar, der Freund des Pontanus, Sannazar und Summonte, des Valla und Platina, zierte als gelehrter Humanist sein Vaterland bis zum Jahre 1517, wo er in Lecce starb. Galateus hat kein Geschichtswerk verfaßt außer der von Muratori herausgegebenen Schrift «Über die Eroberung Otrantos durch die Türken im Jahre 1480», welche er ursprünglich lateinisch unter dem Titel «De Bello Hydruntino» geschrieben hat. Unter seinen zahlreichen Schriften und Abhandlungen ist die beste sein kleines Buch «De Situ Japygiae», welches zuerst in Basel im Jahre 1558 im Druck erschien. Diese in elegantem Latein verfaßte Beschreibung des alten Kalabrien macht heute keine Ansprüche auf den Wert antiquarischer oder historischer Forschung, aber sie ist ein national zu nennendes Büchlein und die wahrhaft grundlegende Arbeit der topographischen Literatur Kalabriens. Denn mit ihr begann das geschichtliche Bewußtsein dieser Provinz wieder zu erwachen.

Sie wirkte auf Nachfolger, welche entweder Monographien über einzelne Städte der messapischen Halbinsel geschrieben oder eine allgemeine Darstellung desselben Landes versucht haben. Dem Ende des 16. Jahrhunderts gehört die fleißige Arbeit des Tarentiners Johannes Juvenis «De antiquitate et varia fortuna Tarentinorum»; Grävius hat dieselbe nebst jener Schrift des Galateus im neunten Bande seines «Thesaurus» abgedruckt. Mit ihr regte sich auch die antiquarische und historische Erinnerung an Tarent wieder, und kaum ist eine andere berühmte Stadt des Altertums von der Wissenschaft so stiefmütterlich behandelt worden als die Vaterstadt des Archytas, des Freundes Platons, des Lysis, Lehrers des Epaminondas, und so vieler anderer Pythagoräer von Ruf. Dieselbe Vernachlässigung hat freilich das gesamte Großgriechenland erfahren, dessen Geschichte noch keine irgend befriedigende, geschweige denn umfassende Darstellung gefunden hat.

Das Werk des Juvenis ist, mit allen Mängeln seiner Zeit, die einzige nennenswerte Arbeit über Tarent. Später schrieb Ambrosio Merodio eine «Historia Tarentina raccolta da molti scrittori antichi e moderni, e fedelissimi manoscritti», welche abschriftlich in der Nationalbibliothek zu Neapel und anderswo vorhanden ist.

Nach Galateus hat sich erst im Anfange des 17. Jahrhunderts ein kalabrischer Arzt an ein Werk über die ganze Halbinsel gewagt. Es ist im Jahre 1855 zu Neapel gedruckt worden als «Descrizione, Origini e Successi della Provincia d'Otranto del Filosofo e Medico Girolamo Màrciano di Leverano con aggiunte del filosofo e medico Domenico Tommaso Albanese di Oria, prima edizione del manoscritto». Marcianos brauchbare Arbeit ist die umfassendste über jene Provinz, die es gibt; sie führt den Galateus aus und gibt eine übersichtliche Darstellung der geographischen, ethnographischen und geschichtlichen Verhältnisse des Landes nach den einzelnen Städten, aber sie ist eine unkritische Kompilation.

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