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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 115
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Lecce

1875

Lecce ist die Hauptstadt der Provinz Terra d' Otranto; und diese ist ein durch das Alter seiner Kultur und seiner Geschichte höchst merkwürdiges Land. Es umfaßt die südliche Halbinsel Süditaliens am Ionischen Meer. Noch heutigentags liegt es wie am Ende der Welt und wird nicht häufig von Reisenden besucht.

In der alten Geographie trug diese Halbinsel verschiedene Namen: Japygia, Peucetia, Messapia, Calabria, auch Salentina, von einem kretischen Volksstamm, welcher das südliche Ende der Halbinsel bis zum Japygium Promontorium bewohnte. Der Name der Salentiner hat sich seltsamerweise noch heute als Gesamtbegriff für die Provinz behauptet, deren Geschichte und Literatur fortdauernd als salentinische bezeichnet werden. Nur für die Sprache der vorgriechischen Urbevölkerung hat man den Namen der messapischen beibehalten.

Die im Altertum für diese Halbinsel gewöhnlich gebrauchte Bezeichnung war «Calabria»; sie erhielt sich bis gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung; denn erst infolge des Eindringens der Langobarden, welche unter dem Herzog Romuald von Benevent im Jahre 668 Brindisi und Tarent eroberten, übertrugen die Byzantiner den Titel des Thema Kalabrien auf die südwestliche oder bruttische Halbinsel, deren Hauptstadt Regium (Reggio) wurde. So erhielt eben dieser Teil Großgriechenlands, das Vaterland berühmter Philosophen und Staatsmänner, den Namen Calabria, während er dort verschwand. Er ging dort, wie es scheint, schon in der Zeit der Langobarden im Gesamtnamen Apulia unter, welcher sich auf den größten Teil der östlichen Hälfte Süditaliens überhaupt ausgedehnt hat. Weil aber unter der byzantinischen Herrschaft die Stadt Hydruntum, das heutige Otranto, der Haupthandelsplatz und Sitz der kaiserlichen Verwaltungsbehörden geworden war, so entstand für das alte ehemalige Kalabrien schon frühe der provinzielle Begriff der Terra d' Otranto.

Wenn man von oberhalb Brindisi bis zum Golf von Tarent eine Linie herabzieht, so daß diese Stadt noch von ihr umfaßt wird, so begrenzt dieselbe nach Apulien hin jene Halbinsel. Ihre äußerste Spitze ist das Promontorium Japygium, das heutige Kap Santa Maria di Leuca. Dieses fast ganz flache Land zählt etwa 500 000 Einwohner und zerfällt in die vier Distrikte: Lecce, Brindisi, Gallipoli und Tarent.

Ich werde kaum irren, wenn ich voraussetze, daß die allermeisten Leser dieser Blätter kaum eine dunkle geographische oder geschichtliche Vorstellung von Lecce haben, und daß sie in einige Verlegenheit geraten, wenn ich ihnen andere uralte Städte dieses Landes nenne, wie Ostuni, Galatone, Nardo, Gallipoli, Oria, Manduria, Francavilla. Denn sind sie aufrichtig, so werden sie bekennen, daß sie davon geradesoviel wissen wie von irgendwelchen Orten in einer Provinz Kleinasiens.

Das alte Kalabrien hat sich seit vier Jahrhunderten gleichsam aus der Geschichte der Welt verloren und mit einem mythischen Dunkel bedeckt, aus dem höchstens nur zwei Gestalten sichtbar hervorragten, Brindisi, das alte Brundusium, welches die größten Namen der römischen Geschichte niemals haben sterben lassen, und Tarent, auf dem der unzerstörliche Zauber der hellenischen Welt ruht. Alles übrige, selbst die Normannenstadt Lecce nicht ausgenommen, ist in so tiefe Vergessenheit gefallen, daß noch in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts ein unermüdlicher Wanderer, der treffliche Heinrich Wilhelm Schulz, für uns Deutsche fast den Ruhm eines Entdeckers beanspruchen konnte, als er dieses Halbinselland durchforschte und dort verschollene Denkmäler der Kunst des Mittelalters auffand.

Das Land selbst hat dieses Dunkel nicht verschuldet. Es ist keineswegs wild und innerlich verschlossen wie das heutige, von hohen Gebirgen und tiefen Schluchten durchzogene Kalabrien, sondern wird nach vielen Richtungen hin von Straßen durchschnitten. Es hat zahlreiche Städte, und seine uralten Häfen Brindisi, Tarent, Otranto und Gallipoli haben, wenn auch sehr herabgekommen, doch niemals aufgehört, Überfahrtsorte nach Griechenland und dem Orient zu sein oder am Mittelmeerhandel sich zu beteiligen.

Noch weniger hat das dortige Volk das Bewußtsein seiner im Altertum großen, im Mittelalter nicht geringen Bedeutung verloren. Man wird kaum eine seiner Städte finden, welche nicht ihre gedruckte Chronik oder antiquarische Beschreibung besäße. Diese einheimische Literatur füllt heute einige Schränke der Bibliothek in Lecce aus. Sie begann bereits am Anfange des 16. Jahrhunderts, wo ein Humanist aus Galatone, Antonius de Ferrariis oder Galateus, der Freund des Sannazar und Pontanus, sein Vaterland in einer Schrift beschrieben hat, welche «De Situ Japygiae» heißt. Aber die gesamte Literatur des Landes ist kaum über ihre provinziellen Grenzen gedrungen. Auch der angesehenste neue Dichter, welchen die messapische Halbinsel, die Heimat des Ennius, hervorgebracht hat, ist im übrigen Italien unbekannt geblieben. Das war Ascanio Grandi, Verfasser des epischen Gedichtes «Tancred», womit er dem Ruhme Tassos nacheifern wollte. Er starb zu Lecce im Jahre 1634.

Lecce also, nicht Hydruntum, ist die bürgerliche Hauptstadt dieses Landes. Obwohl heute keine Ruinen des Altertums mehr von ihrer antiken Geschichte Kunde geben, so ist sie doch unzweifelhaft uralten Ursprungs. Sogenannte pelasgische Einwanderer, die über Meer gekommen waren, gründeten sie, gleich vielen andern Städten Apuliens und Kalabriens. Ihr fabelhafter Erbauer wird Malennius genannt.

Der ursprüngliche Name Lecces war Syrbar oder Sybaris, wie jener der berühmten Stadt am Golf von Tarent. Sie vertauschte denselben später mit Lupia oder Lupiae, unter welchem sie zur Römerzeit bestand. Dort war es, wo der junge Oktavian von Apollonia her landete, nachdem er die Ermordung Cäsars erfahren hatte. Noch heute schreibt sich von diesem Namen das Stadtwappen Lecces her: ein Wolf, der unter einer Steineiche steht. Lupia verwandelte sich sodann in Lycium, wie die Stadt zur Normannenzeit hieß, und endlich in Lecce.

Geschichtliche Berühmtheit erlangte dieser Ort erst durch die Normannen, nachdem der große Robert Guiscard Apulien und Kalabrien der Herrschaft des griechischen Kaisers entrissen hatte. Im Jahre 1063 eroberte er Tarent, fünf Jahre später Otranto. Seinem tapfern Bruder Goffred übergab er die Stadt Lecce als Grafschaft, und von diesem ersten dortigen Herrn aus dem Hause Hauteville stammte die Dynastie der Grafen von Lecce, welche bis auf den Kaiser Heinrich VI. dort regiert hat.

Der Untergang dieses alten Grafenhauses ist mit demjenigen des normannischen Königreichs in Sizilien enge verknüpft, und zwar durch die bekannte romantische Verbindung der schönen Sibilla, der Tochter des Grafen Robert von Lecce, mit Roger, dem Sohne des Königs Roger II. von Sizilien. Der Sprößling des heimlichen Liebesbundes war der letzte Normannenkönig, jener Tancred, Graf von Lecce, welchem seine Landsleute im Jahre 1189 die Krone Siziliens gaben. Der tapfere Bastard starb nach nicht immer unglücklichen Kämpfen mit Heinrich VI., dem Erben Siziliens durch seine Gemahlin Constanza, im Jahre 1194. Seinen Sohn Roger, welchen er im Jahre 1191 mit Irene, der Tochter des griechischen Kaisers Isaak Angelus, vermählte und in Brindisi krönen ließ, hatte er sterben sehen, und der Kummer um diesen Verlust raubte ihm das Leben.

Seine Ansprüche auf das Reich beider Sizilien hinterließ er seinem zweitgeborenen Sohne Wilhelm unter der Vormundschaft seiner Mutter Sibilla, vom Haus der Grafen von Acerra. Diese Königinwitwe ergab sich im Schlosse zu Palermo Heinrich VI. unter der Bedingung, daß ihr Sohn Wilhelm die Grafschaft Lecce und das Fürstentum Tarent zu erblichem Lehn erhielt. Aber der Kaiser brach sein Wort, als er in der schrecklichen Weihnachtsnacht des Jahres 1194 unter dem Vorwand einer angezettelten Rebellion die normannischen Barone umbringen ließ; er schickte Sibilla mit ihrem Sohne und drei Töchtern in die Kerker der Festung Hohenems.

Glücklicher als die Witwe des letzten Normannenkönigs Tancred war jene seines Sohnes Roger: denn Irene vermählte sich im Beginne des Jahres 1195 mit Heinrichs Bruder Philipp, dem spätern Könige der Römer. Der letzte Erbprinz der Normannenhauses, Wilhelm, ging in Deutschland kläglich zugrunde; aber die Ansprüche seines Hauses auf Lecce vererbte seine von dort nach Frankreich entlassene Mutter Sibilla ihrem Schwiegersohn Gauthier von Brienne, dem Gemahl ihrer Tochter Albiria.

So geschah es, daß jenes französische Geschlecht Brienne, nach dem Fall der Hohenstaufen, unter den Anjou die Grafschaft Lecce wirklich in Besitz nahm und sie bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts behauptete. Durch Erbschaft kam Lecce sodann an das französische Haus Enghien, durch dieses an die Balzo-Orsini und endlich im Jahre 1463 an das aragonische Königshaus Neapel.

So bildet die Geschichte der Stadt einen wesentlichen Teil der Feudalgeschichte des Königreichs Neapel überhaupt; in Beziehung auf das gesamte alte Kalabrien, die Provinz Otranto, ist sie das wichtigste Glied neben dem Fürstentum Tarent. Sie selbst hat als bürgerliche Gemeinde keine eigene Bedeutung gehabt. Wenn noch in den barbarischen Zeiten des Verfalls jeder politischen Selbständigkeit dieser äußersten Landschaft Großgriechenlands Städte wie Brindisi, Gallipoli und Tarent durch ihre Häfen sich immerhin eine gewisse bevorzugte Stellung sichern konnten, so vermochte das Lecce dadurch nicht. Denn diese Stadt liegt nicht, wie jene am Meer, sondern mehrere Meilen von ihm entfernt. Ihr alter Hafen, welchen der Kaiser Hadrian erbaut hatte und der noch im 15. Jahrhundert brauchbar war, ist schon seit lange gänzlich verlassen und zu einer kleinen Zollstation herabgesunken. Und trotzdem ist Lecce geradezu eine der ansehnlichsten und, wenigstens dem Anscheine nach, wohlhabendsten Städte des ehemaligen Königreichs Neapel. Sie muß also diese Bevorzugung besonderen Verhältnissen verdanken, die ihrer Vergangenheit angehören. In Wahrheit verschwindet selbst Tarent, trotz seiner ausgezeichneten Lage an zwei Meeren, trotz seines Hafens ohnegleichen, trotz der Fruchtbarkeit seiner Gefilde und der Bedeutung, welche es lange Zeit im Mittelalter als Sitz eines sehr mächtigen und ausgedehnten Feudalfürstentums gehabt hat, hinter der Stadt Lecce; während die beiden andern berühmten Städte des Landes, Otranto und Brindisi, nur noch dürftige Schattenbilder ihrer Vergangenheit sind.

Ich war ganz erstaunt, als ich Lecce betrat. Ich hatte von ihr sagen gehört, daß sie der sauberste Ort des Königreichs Neapel sei, nächst der großen Hauptstadt selbst, und dies Urteil, welches übrigens schon im Jahre 1767 ein Besucher jenes Landes, der Baron Riedesel, ausgesprochen hat, bestätige ich.

Die Stadt mag heute über 23 000 Einwohner haben; da sie zur Zeit jenes Reisenden deren 15 000 zählte, so hat sie in mehr als hundert Jahren nur den geringen Zuwachs von 8000 Menschen erlangt; diese Ziffern lehren mehr als jedes andere Verhältnis den langen Stillstand des Lebens in diesem Lande, welches seine Bevölkerung weder durch wachsenden Ackerbau, noch durch industrielle Tätigkeit zu steigern vermocht hat. Die Villen, Baumgänge und Anlagen um die wohlgefügten Stadtmauern her, manche schöne Straßen und Plätze, gut gepflastert, mit vielen geschmückten Palästen und Gebäuden besetzt, durch Kirchen und Klöster eines an Ornamenten überreichen Stils ausgezeichnet, verleihen Lecce ein wenn auch täuschendes Ansehen von stattlichem Reichtum und heiterer Grazie, welche durchaus italienisch ist, aber orientalisch erscheint, weil sie mit Prunk überladen ist.

Die Architektur Lecces hat ihre wesentliche moderne Blüte in und nach der Epoche Karls V. entfaltet. Die meisten Klöster und Paläste sind Bauten des 16. und 17. Jahrhunderts. Ihr Material ist ein Kalkstein von schöner goldgelber Farbe. Dieser leicht zu bearbeitende Stein bot sich zugleich dem Bildhauer als ein vorzüglicher Stoff zur Dekoration von Außenflächen der Gebäude dar. Ich sah nirgendwo einen gleichen Reichtum solchen Schmucks an Fassaden wie hier. Obwohl die Kunst hier fast durchweg in Manier und Überfülle geraten ist, und das Spiel südlicher Phantasie oft ins Barocke fällt, so hat dies doch der Stadt das gleichmäßige Wesen einer Epoche aufgedrückt, und so ist ein harmonisches Ganze hervorgebracht worden. Man kann Lecce das Florenz der Rokokozeit nennen. In ganz Italien ist in dieser Kunstrichtung ihresgleichen nicht zu finden. Dieses barocke Wesen hat sich hier, durch den Anhauch des nie verlöschten antiken Formgefühls und unter dem Einfluß des Himmels dieser glücklichen Zone, doch zu einer gewissen Idealität verklärt. Schon der erste Anblick zeigt, daß die Stadt unter besonders günstigen Verhältnissen mehr als eine Kunstblüte erlebt hat. Nach den Angaben einheimischer Kenner entfaltete sich dieselbe zuerst unter den normannischen Grafen. Ihre Periode, so sagt ein Autor der Gegenwart (Herr Francesco Casotti), war die Zeit, wo Lecce und die gesamte Grafschaft, sowohl in bezug auf die Künste als in jeder andern Hinsicht die höchste Stufe erreichte, während das französische Haus der Brienne, welches auf jene Grafen in der Herrschaft Lecces folgte, wegen beständiger Kriege und namentlich wegen seiner Tätigkeit in Griechenland und dem Orient nichts Nennenswertes geschaffen hat.

Ohne Zweifel wetteiferten die normannischen Grafen mit ihren königlichen Vettern in Sizilien an Prachtliebe, aber leider sind ihre Bauten in Lecce wie außerhalb der Stadt bis auf wenige Reste untergegangen. Die Kirchen, welche sie gegründet hatten, wurden zerstört oder umgebaut, wie der Dom der Stadt, welchen schon der erste Graf Goffred begonnen hatte, und die Kirche der Trinità, in welcher sich die Grüfte einiger der letzten Mitglieder des Grafenhauses befunden haben.

Die zweite Kunstblüte begann etwa zwei Jahrhunderte später unter der Herrschaft des Hauses Enghien und der prachtliebenden Orsini del Balzo, deren Monumente in der ganzen Provinz Otranto noch zahlreich sind. Die dritte endlich, welche der Stadt ihr wesentliches Gepräge gab, gehört dem 16. und 17. Jahrhundert an. Dies besteht, wie ich schon bemerkt habe, in der Entfaltung eines ungewöhnlichen Reichtums architektonischen Schmuckes, der oft die Grenze des Schönen überschreitet, und bunt, zopfig, schwerfällig und überladen wird.

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