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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Jetzt aber treten wir mit einer gleich großen Teilnahme vor das Grabmal Galileo Galileis, des Fürsten Italiens im Reich der Astronomie und der Physik. Florenz beherbergte ihn elf Jahre lang bis zu seinem Tode, nachdem er in Rom den peinlichen Prozeß überstanden hatte und in jene Stadt verwiesen worden war. Glücklicher als Machiavelli entging er der Folter, denn so viele neue Untersuchungen haben das bewiesen. In Florenz wohnte er in anständiger Gefangenschaft auf dem schönen und lachenden Hügel von Arcetri, in der Villa eines Schülers, und noch heute hat das Landhaus die fromme Erinnerung an ihn bewahrt. Dort in der Nähe zeigt man auch den alten Turm del Gallo, von dessen Zinne Galilei den Himmel zu betrachten fortfuhr, solange ihm das Licht der Augen noch vergönnt war; trotz jener Mönche, welche in ihren Predigten so naiv und so witzig den Vers des Lucas gegen Galilei zum Grunde legten: Viri Galilei, quid statis aspicientes in coelum? (Galileische Männer, was steht ihr und gafft gen Himmel?) Man muß hier wohl an den Columbus denken, dessen Schicksal so viel Ähnlichkeit mit dem Galileis hat.

Das Monument Galileis ist zugleich auch das Ehrendenkmal eines noch größeren Mannes, der einer damals noch halb barbarischen Nation entsprungen war, des Kopernikus. Denn man kann nicht an Galilei denken, ohne den Kopernikus durch ihn gleichsam wie durch einen rühmlichen Titel zu ehren. Der rief zuerst zur Sonne: «Steh' still und beweg dich nicht!» Galilei sprach zur Erde: «Und du bewegst dich doch!» Jener Spruch aus dem Buch der Richter: «Sta sol, ne moveare», ist die Inschrift auf dem Monument des Kopernikus, welches ihm der Graf Stawinski in Krakau hat errichten lassen. Sie ist sehr schön und geistvoll gefunden, und sie sagt mehr als die schlechte Inschrift auf dem Sarkophag Galileis, welche einen so großen Mann mit so vielen kleinen Prädikaten überhäuft.

Der Sarkophag steht nicht in der Reihe der von uns schon genannten Grabmäler, sondern er ist der erste auf der andern Seite, wenn man die Kirche betritt. Das Denkmal ist keineswegs des Galilei würdig; eine geschmacklose Arbeit des 17. Jahrhunderts zeigt es alle die Mängel der berninischen Periode. Die Figuren der Geometrie und der Astronomie stehen auf dem Sarkophag mit ihren entsprechenden Attributen, über demselben erhebt sich sodann die Büste Galileis (von Foggini) oder vielmehr seine Halbfigur, denn er ist dargestellt, das Fernglas in der einen, die Weltkugel in der andern Hand. Sein Haupt ist sehr groß und robust, fast materiell grob in seinem Bau wie in den Zügen, und es würde beim ersten Blick schwerlich den Charakter eines sternkundigen Philosophen verraten. Ein patriarchalischer Bart gibt allein dem Antlitz jene mystische Würde, welche wir uns gewöhnt haben, als unzertrennlich von dem Begriff eines Sterndeuters, zumal des Mittelalters, zu denken. Es scheint überhaupt, als waren die alten Florentiner von kräftigerem und mehr irdischem Körperbau, als es ihre heutigen Nachkommen sind. Auch Machiavellis Kopf will dies bestätigen, aber er ist klarer und feiner geformt als jener Galileis, nur die Nase ist ein Weniges zu derb angelegt.

Galilei starb im Jahre 1642 an demselben Tage, da Newton geboren wurde. Mit Recht darf man in diesem Zusammentreffen die wundersame Fügung des Zufalls bewundern, welcher das Genie wie durch eine Seelenwanderung fortsetzt. So war auch Galilei zwei Tage vor dem Tode Michelangelos geboren, am 15. Februar des Jahres 1564. Eine schöne, aber seltene Verkettung der Geister. Denn das Genie ist ein Knotenpunkt in der organischen Entwicklung der Menschheit, wie an dem Rohr, dann geht's glatt weiter bis zu einem anderen Knotenpunkte und wie bei den Jahresringen. Wir sind hinter einem Knotenpunkte, in der scheinbaren Dekadenz.

Die Kirche Santa Croce enthält noch eine Menge anderer Grabmonumente zum Teil berühmter Namen aus der älteren, wie aus der neueren Zeit. Vortrefflich ist das Grabmal des Geschichtschreibers Lionardo Bruni von Arezzo, von Bernardo Rosselino, einem Bruder des ausgezeichneten Bildhauers Antonio. Wenn man nun dieses Monument aus dem 15. Jahrhundert mit den modernen Arbeiten eines Ricci, Pozzi, Fantachiotti und anderer Florentiner vergleicht, so muß man allerdings gestehen, daß die Skulptur von Florenz weit hinter jene alte edle toskanische Schule zurückgeschritten ist. Jenes Denkmal Lionardos ist nur ein einfacher Sarkophag, auf welchem der Kanzler schlummernd dargestellt ist, sein Buch, eine lateinisch geschriebene Geschichte von Florenz, auf der Brust haltend. Über dem Sarkophag hängt ein schönes Relief von Andrea Verrocchio, dem Lehrer des Lionardo da Vinci, die Madonna mit dem Kinde vorstellend. Die edle Schönheit des Stils an dem Sarge und an der Figur ist nicht minder angenehm zu betrachten als die erstaunlich fleißige und feine Ausführung in den saubersten Ornamenten und im Gewande. Diese liebevolle Behandlung in Marmor kommt ganz der Feinheit gleich, mit welcher die alten Maler jener Zeit, wie Benozzo Gozzoli, Gentile da Fabriano, Ghirlandajo, die Gewänder malten und verzierten.

Ebenso vortrefflich ist das Grabmal des Philosophen Marsuppini aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, ein Hauptwerk des Bildhauers Desiderio da Settignano, welcher neben den beiden Brüdern Rosselini einer der glänzendsten Schüler Donatellos war. Jenes Mausoleum nun gleicht in der Anlage wie in der Ausführung dem Werke des Bernardo.

Man vergleiche nur mit den Arbeiten jener trefflichen Meister das Denkmal des Vittorio Fossombroni aus dem Jahre 1550, um den bedeutenden Abstand der Zeiten zu erkennen. Hier steht die Büste auf einem Aufsatze von weißem Marmor, zwei kleine Genien halten zu den Seiten, der eine ein Wappenschild, der andere eine Rolle und ein Füllhorn. Die Idee ist so nüchtern, wie die Behandlung glatt und unkünstlerisch in den schwächlichsten Formen. Der monumentale Charakter verschwindet schon gänzlich.

Dasselbe gilt von dem Grabmal des Pompejus Signorini, Kanzlers Leopolds II., einem Werke jenes Ricci, welcher das Ehrendenkmal Dantes ausführte. Auch hier ist eine gleich große Schwere unidealer Formen, zumal der kolossalen Gestalt der Philosophie, welche wie der Genius des Materialismus unserer Tage aussieht.

Selbst Bartolini, dem talentvollsten Bildhauer der jüngsten toskanischen Schule, fehlt die Größe der Auffassung und die Würde. Eine seiner letzten Arbeiten, welche er nicht mehr vollenden konnte, weil ihn der Tod überraschte, ist das Monument des berühmten Architekten Leon Battista Alberti, welches in der Mitte des Hauptschiffes der Kirche neben dem Chor aufgestellt ist. Albertis Figur erhebt sich dort auf einem Postament von weißem Marmor, die Hand auf der Brust, neben ihm ein sitzender und ein stehender Genius mit der Fackel. Die Gruppe ist von so erstaunlicher Nüchternheit und von so ganz unplastischen Formen, daß man sie kaum Bartolini zutrauen möchte. Die Mittelfigur gleicht einem in der Wüste abgehagerten Johannes, und indem die beiden Genien noch über den Häuptern vergoldete Glorienreifen tragen, wird der schwächliche Charakter des Ganzen bis zur Frömmelei gesteigert. Alberti, ein Mann, welcher Florenz mit so vielen schönen Bauten zierte und der Kunstgeschichte durch seine Schriften so nützlich war, hätte wohl ein würdigeres Denkmal verdient. Diesem gegenüber steht die Monumentalfigur des Grafen Giovanni Vincenzo degli Alberti, Ministers unter Leopold. Sie ist bei weitem würdiger.

Wo es dagegen nicht auf Tiefe und Erhabenheit oder auf einen höheren idealen Charakter ankommt, sondern nur auf eine gewisse glatte Anmut der Form und den Reiz sentimentaler Empfindung, da haben diese modernen Künstler oft sehr Anerkennenswertes geleistet. Man sieht unter anderem von Stefano Ricci ein vortreffliches Denkmal des polnischen Malers Skotnicki in einer Seitenkapelle von Santa Croce. Es ist einfach und voll Liebreiz, eine Marmorsäule, welche die Urne trägt, und an welcher Palette und Lyra lehnen, weil der junge im Jahre 1808 verstorbene Künstler auch Musiker war. Zu den Füßen der Säule trauert die Gattin des Toten, eine weibliche Gestalt von angenehmen Formen. Hier gelang dem Bildhauer der sanfte Ausdruck von Schmerz und Pietät gar wohl. Das Monument teilt alle Vorzüge, welche Riccis «Genius der Unschuld» besitzt, eine zierliche, mädchenhafte Figur, eine Taube an der Brust haltend, aufgestellt im Palast Pitti.

In derselben Nebenkapelle befindet sich auch das Monument der Gräfin Stolberg-Albani. Santarelli und Fantachiotti, noch lebende Bildhauer, haben es gearbeitet. Stil und Weichheit der Formen, liebliche Anmut und Unschuld lassen hier die Schule Bartolinis und Riccis wiedererkennen. Die Genien des Todes und des Schlafes zur Seite des architektonisch reich verzierten Mausoleums sind besonders durch Grazie wohlgefällig, und nicht minder anmutig ist das treffliche Basrelief in der Mitte, welches den Glauben, die Liebe und die Hoffnung darstellt.

Noch viele Namen liest man auf den Denkmälern dieser reichen Kirche Santa Croce, unter anderen auch den Namen Bonaparte. Es liegen nämlich in einer Kapelle begraben die ehemalige Königin von Spanien und ihre Tochter, Charlotte Napoleon Bonaparte, dieselbe, von deren Hand das schöne Porträt herrührt, welches Madame Letitia in ihrem Alter vorstellt. Der ganz einfache Sarkophag der ersteren enthält nur die Inschrift: «Julie Clary Bonaparte née à Marseille le 26. Dec. 1777, morte à Florence le 7. avril 1845. La pieté de sa fille reconnaissante.» Der marmorne Sarkophag ist von Pampaloni gefertigt. Das ebenso schlichte Grabmal der Prinzessin trägt ihre Büste und die Inschrift: «Charlotte Napoléon Bonaparte digne de son nom», und das Datum der Geburt und des Todes. Sie starb im Jahre 1839. Ihr Grabmal ist das Werk Bartolinis. Ich habe schon an einem anderen Orte mitgeteilt, daß außer diesen jüngsten Bonaparte noch ältere Glieder dieser Familie in Florenz Grabmäler haben, nämlich in dem Klosterhof des Konvents von Santo Spirito, wo sich der Grabstein der alten Familie Bonaparte befindet, welche in San Miniato al Tedesco, einem Städtchen zwischen Florenz und Pisa, zu Hause war. Es ist das Grabmal des Benedetto, des Pietro, des Giovanni Bonaparte und ihrer Nachkommen.

Von allen übrigen Denkmälern der Kirche Santa Croce sei nur noch eins genannt, um des verdienstvollen Bartolini willen, welchen wir vorher haben tadeln müssen. Dies ist sein Mausoleum der Fürstin Sophia Czartoryski, Gräfin Zamoyski. Die edle Polin war eine Schwester jenes Adam Czartoryski, welcher in Paris ein polnisches Scheinkönigtum fortführt. Sie war am 25. September 1780 in Warschau geboren, später Gemahlin des Grafen Zamoyski, lebte sie sodann lange in einem römischen Kloster, um ihrer vorzüglichen Eigenschaften willen von der Welt angebetet, und von ihren zahlreichen Freunden wegen ihrer feinen Bildung hochgeachtet. Sie starb in Florenz am 27. Februar 1837. Bartolini hat in dem Monument der Fürstin sich als Künstler bewährt. Es ist ein einfacher Sarg von weißem Marmor, worauf die Familien-Wappenschilder abgebildet sind; über ihm auf einem leicht und zierlich gehaltenen Paradebette die schlummernde Gestalt der edlen Frau. Die Züge sind schön und von dem sanftesten Wohlwollen. Eine glückliche Harmonie ist über das ganze Werk verbreitet, welches den Betrachter anzieht und zum nachsinnenden Verweilen zwingt.

Vielleicht hat Bartolini kein besseres Werk geschaffen, und selbst seine von den Florentinern hoch gefeierte Charitas, eine Marmorgruppe im Saal Giovanni di San Giovanni im Palast Pitti, möchte ihm nachstehen. Sie gilt als sein Meisterwerk, und man würde diese Gruppe um ihrer lieblichen Formen und um des graziösen Stils willen preisen, wäre der Ausdruck nicht zu sentimental. Sie besteht aus drei Figuren, einer Mutter und zwei Kindern, von denen sie das eine im Arm hält, das andere zu ihrer Seite in dem Evangelium lesen lehrt.

Wir haben nun die wesentlichsten Monumente in den Kirchen betrachtet, und nach so langem Verweilen unter Toten mag es erheiternd sein, zum Garten Boboli hinaufzusteigen. Er erhebt sich terrassenförmig hinter dem Palast Pitti, herrlich durch seine Zypressen-, Platanen- und Lorbeerhaine, und reich an Blumen jeder Art. Die Mannigfaltigkeit der Baumgänge, der Lauben und Grotten, der Teiche und der Fontänen unterhält die Phantasie sehr angenehm. Denn auch diese Park-Arabesken im wunderlichen Geschmack der Franzosen haben ihren Reiz, wenn sie die Natur nicht allzusehr verunstalten. Freilich ist der dunkle Park von Pratolino, das schäferliche Arkadien, dessen Diana einst die schöne Bianca Capello war, dem Garten Boboli weit vorzuziehen, wenn man kühle Stille und ungestörtes Nachdenken liebt. Hier in Boboli ist alles heiter, sonnig, launenhaft grotesk und mythologisch. Am Eingange stehen die schlechten Statuen der beiden Fürsten Cosmus und Lorenzo.

Der Marmorfiguren gibt's unzählige in diesem Garten. Die ganze Mythologie lauscht aus den Büschen und tummelt sich um die Springbrunnen und Teiche. Einige Statuen schiebt man sogar dem Michelangelo zu, andere sind von Johann von Bologna, von Baccio Bandinelli, von Tacca und von anderen Meistern. Die Fontäne, welche Isolotto genannt wird, hat die trefflichsten Figuren aufzuweisen, nämlich die drei kolossalen Flüsse von Johann von Bologna, ein reiches und imponierendes Werk, welches durch die grünen Laubpartien in der Runde vortrefflich gehoben wird. In deren Nähe möchte noch eine Gruppe besondere Aufmerksamkeit verdienen. Sie stellt einen Gärtner dar, welcher aus einem Gefäß, das er auf der Schulter trägt, Wasser in eine Wanne gießt; ein Knabe faßt diese Wanne mit beiden Händen und vergnügt sich, den herabfallenden Wasserstrahl zu betrachten. Diese recht lebendige Gruppe ist eine Arbeit des Valerio und des Giovanni Cioli. Aber die meisten jener Figuren in Boboli wollen eben nur in Verbindung mit dem Garten gesehen sein.

Florenz

Florenz

Auf der Höhe des Parks steht die kolossale Abundantia von Johann von Bologna, aufgerichtet von Ferdinand II. und ein Sinnbild des glücklichen Florenz. Von hier aus ist das Gemälde der Stadt besonders schön. Diese bräunlichschwarze Häusermasse, die originellen und altertümlichen Gebäude, unter ihnen der seltsame Turm des Palazzo Vecchio, ferner Brunelleschis Domkuppel, Giottos Campanile, die finstern und burgähnlichen Paläste der Ghibellinenzeit, geben ein Bild von großem Charakter und von vollkommener Harmonie in einem Grundton tiefbrauner Farbe. Von dort oder von S. Miniato, oder von den Höhen des alten Fiesole muß man dies schöne Florenz betrachten; und dann wird man es schwer begreifen, wie in dieser düstern Gruppe von Mauern die herrlichsten Werke des Menschengeistes, Werke von mehr als tausend Künstlern, der Fleiß und die Freude von Jahrhunderten vereinigt werden konnten, oder wie endlich hier alle jenen großen Geister neben- und nacheinander Raum hatten, deren Statuen jetzt die Uffizien, Italien und die Welt verzieren.

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