Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 108
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
Schließen

Navigation:

Andria

1874/1875

Eine gute Stunde von den Häfen Trani und Barletta entfernt liegt Andria, eine volkreiche ackerbautreibende Stadt Apuliens, in der Terra di Bari. Der Kaiser Friedrich II. liebte sie vor vielen andern Städten; in ihrer Nähe erbaute er das schönste seiner Jagdschlösser, Castel del Monte. Dieses zu sehen – denn von allen hohenstaufischen Denkmälern Süditaliens ist es das am besten erhaltene – war der hauptsächlichste Zweck meines zweimaligen Aufenthalts in Andria. Aber auch dieser Ort selbst ist merkwürdig und seine Geschichte ein nicht unbedeutender Teil der Feudalgeschichte Neapels überhaupt. Ich will daher etwas davon sagen.

Die Städte Apuliens, eines Landes von uralter zum Teil hellenischer Ansiedelung, suchen alle mit verzeihlichem Stolz ihren Ursprung im mythischen Zeitalter. Derselbe Heros Diomedes, von welchem Benevent sein Gemeindewappen herleitet, soll auch Andria erbaut haben.

Der Geschichtschreiber dieser Stadt, Riccardo d'Urso (er veröffentlichte seine Geschichte im Jahre 1842 zu Neapel), glaubt, daß sie der von Strabo genannte Ort Netium sei; aber Netium oder Natiolum würde richtiger auf der Stelle von Giovinazzo zu suchen sein. Kurz und gut, weder das hellenische noch das römische Altertum weiß etwas von Andria.

Später läßt man hier auch den heiligen Petrus auftreten. Sankt Petrus ist der Legende nach ein großer Gründer gewesen; er ist der christliche Diomedes, der mythische Heros der Bistümer; denn wie viele deren hat dieser eine Apostelfürst nicht gegründet, anfangend mit Rom! Auch in Andria soll er die erste Kirche gestiftet haben. Der Schutzpatron dieser Stadt ist Sankt Riccardus. Um nun auch diesem Heiligen ein möglichst hohes Alter zu geben, läßt man ihn im Jahre 492 aus England nach Andria kommen. Jedoch die geschichtliche Reihe der dortigen Bischöfe kann erst im 13. Jahrhundert begonnen werden. Richard ist ein normannischer Name. Erst in normannischer Zeit tritt Andria als Stadt auf. Sie war, aller Wahrscheinlichkeit nach, eine Gründung der Normannen, welche Apulien den Griechen und den Langobarden Benevents entrissen und in diesem Lande ihre Grafschaften einrichteten.

Als ihr erster Graf und ihr mutmaßlicher Erbauer wird der Normanne Petrus um das Jahr 1042 oder 1046 genannt. Er war Herr im nahen Trani. Mit ihm und seinem Sohne, Richard von Andria, beginnt die Geschichte dieser Stadt als Lehngrafschaft unter der Oberhoheit der Herzöge Apuliens.

150 Jahre lang saß hier ein normannisches Dynastengeschlecht, bis Apulien in den erblichen Besitz der Hohenstaufen kam. Roger war der letzte dieser Grafen, ein Anhänger des Kaisers Heinrich VI., in dessen Kriegen um den Besitz Süditaliens er seinen Untergang fand.

Nach dem Tode Heinrichs bemächtigte sich der Papst vorübergehend dieser Landschaft, bis Friedrich II. dort Herr wurde. Sein Lieblingsland war das sonnige Apulien mit seiner entzückenden Meeresweite und der breiten Küste, die sich von den Bergen niedersenkt, bedeckt mit Olivenhainen und Mandelgärten und meerwärts eingefaßt von einem Kranz schöner Städte und Hafenplätze. Er baute dort seine Residenzen und Jagdschlösser, Foggia, Castel Fiorentino, Castel del Monte und die Sarazenenburg Lucera.

Im Dom Andrias ließ der große Kaiser seine beiden Frauen begraben, Jolantha von Jerusalem, welche ihm hier im Jahre 1228 Konrad geboren hatte und bald darauf starb, und Isabella von England, die am 1. Dezember 1241 zu Foggia starb. Schon diese Tatsache beweist, daß er Andria ganz besonders auszeichnete; denn ohne dies würde er seine Gemahlinnen entweder im Dom zu Foggia oder in der herrlichsten und schönsten Kathedrale Apuliens, im Dom zu Trani, bestattet haben.

Die Bürger Andrias, so viele ihrer mit der Vergangenheit ihrer Vaterstadt bekannt sind, rühmen sich noch heute ihrer Bevorzugung durch den größten Kaiser des Mittelalters. Als viele Städte Apuliens während Friedrichs Abwesenheit in Jerusalem von ihm zum Papst abgefallen waren, blieb jene ihm treu. Sobald der Kaiser heimgekehrt war, schickte ihm die Bürgerschaft fünf edle Jünglinge als Geiseln, welche ihn mit folgenden Versen begrüßten:

Rex felix Federice veni, dux noster amatus,
Est tuus adventus nobis super omnia gratus:
Obses quinque tene, nostri pignamin' amoris,
Esse tecum volumus omnibus diebus et horis.

Friedrich, glücklicher König, dein Kommen wollen wir preisen.
Nimm fünf der Geiseln, die unsre Liebe beweisen.
Mit dir wollen wir sein zu allen Tagen und Stunden,
Dir, geliebtester Fürst, zu allen Zeiten verbunden.

Der Kaiser dankte den Andrianern durch ein Privilegium, und er beantwortete jenen Glückwunsch durch diese Artigkeit:

Andria felix nostris affixa midullis,
Absit quod Federicus sit tui muneris iners.
Andria vale felix, omnisque gravaminis expers.

Heil Dir, Andria, glückliche Stadt,
Die unserm Herzen innig verbunden sich hat,
Stets wird Friedrich den Wert solcher Treue erkennen.
Andria Heil! Mögst glücklich du immer dich nennen.

Die erste Zeile dieser Verse (worin man «felix» in «fidelis» verwandelt hat) steht noch auf einem der Stadttore geschrieben, und die Beneventer sind nicht stolzer auf den Triumphbogen Trajans, als es die Andrianer auf jene (erneuerte) Inschrift sind.

Dem Kaiser Friedrich werden noch mehr Epigramme auf Städte Apuliens zugeschrieben; man kann sie noch heute mehr oder weniger entstellt aus dem Munde gebildeter Leute hören. Sie alle sind satirische Mottos und sollen sich auf jenen Abfall der Städte im Jahre 1229 beziehen. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß ein und das andere Epigramm wirklich von Friedrich II. herrührt. So soll er Bari mit Versen bestraft haben, welche er auf eins der Tore der Stadt schreiben ließ, und so gehen dort im Lande Sprüche des Kaisers auf Barletta, Trani, Molfetta usw. um. Das stärkste oder gröbste ist Bitonto zugefallen:

Gens Bitontina tot capita asinina.

Du Bitontinisches Geschlecht,
Dir stehn die Eselsköpfe recht.

Nach dem Tode Friedrichs II. fiel indes Andria, erbittert durch die Steuerlast, welche es zu tragen hatte, von seinem Sohne Manfred ab, dem Baliven Apuliens für den König Konrad. Manfred zog mit Truppen gegen Andria, verzieh aber der Stadt, welche sich sofort unterwarf, und seither blieb sie den Hohenstaufen unerschütterlich treu.

Auf seinem italienischen Zuge besuchte sie, seinen Geburtsort, König Konrad; er regierte so behauptete man, eine kurze Zeit zu Castel de Monte. Öfters mag daselbst auch Manfred gewesen sein, nachdem er die Krone beider Sizilien erlangt hatte. Gleich seinem Vater hielt er am liebsten Hof in den Städten Apuliens. In Trani war es, wo er seine zweite Gemahlin empfing, die schöne Helena, Tochter des Despoten von Epirus. Der Fall Manfreds bei Benevent gab Apulien in die Gewalt Karls von Anjou, und so wechselte auch die Grafschaft Andria ihren Herrn. Der neue König Siziliens machte sie zur Krondomäne, vereinigte sie mit dem Fürstentum Altamura und verlieh sie seinem zweitgeborenen Sohne Philipp zu Lehen. Nach dessen baldigem Tode gab er dieselbe dem Sohne seines erstgeborener Karl, dem Raimondo Berlingieri.

Seither wanderte der Besitz Andrias im Hause Anjou von Hand zu Hand. Denn schon Karl II. entzog die Grafschaft seinem Sohne, um sie als Mitgift seiner jüngsten Tochter Beatrix zu schenken, welche sich im Jahre 1305 mit Azzo von Este, dem Markgrafen von Ferrara, vermählte. Sie wurde Witwe im Jahre 1308 und brachte Andria ihrem zweiten Gemahl als Heiratsgut, dem Beltrando del Balzo. So wurde das Haus der Balzo, bald eins der berühmtesten und mächtigsten Feudalgeschlechter im Königreich Sizilien, in den Besitz Andrias gesetzt, in welchem es bis gegen das Ende des 15. Jahrhunderts geblieben ist.

Die Balzi (Baux) leiteten ihren Stammbaum lächerlicherweise von Baldassar ab, einem der drei Weihnachtskönige aus dem Morgenlande. Sie führten deshalb in ihrem Wappen einen silbernen Stern mit 16 Strahlen im roten Felde. Sie stammten aus der Provence und waren mit Karl von Anjou auf seinem Eroberungszuge nach Neapel eingewandert. Hugo de Baux hatte sich bei Benevent hervorgetan; wir besitzen noch ein Bruchstück seines eigenen Schlachtberichts. Als später, nach dem Einzuge in Neapel, der Schatz Manfreds vor Karl von Anjou gebracht wurde, übertrug dieser König jenem Ritter die Teilung der Beute. Hugo lachte und sprach: «Was ist da lange zu teilen?» und indem er mit dem Fuß drei Striche durch den Haufen Goldes machte, sagte er zum König: «Sire, dies ist für Euch, dies für die Königin, Eure Gemahlin, und der Rest ist für Eure tapfern Ritter.» Karl belehnte ihn mit der Grafschaft Avellino und Montescaglioso, und dieses Hugo Sohn war jener Beltrando del Balzo, Gemahl Beatrices, Graf zu Andria und Stammvater eines großen dem Königshause blutsverwandten Geschlechts, dessen Geschichte auch ein wesentlicher Teil derjenigen des Hauses Anjou in Neapel ist.

Die Balzi nahmen ihren Sitz in Andria, wo sie im Palast neben dem Dom wohnten. Dort ward auch Beatrix, die Tochter Karls II. und die Schwester des berühmten Königs Robert, im Jahre 1330 begraben. Ihr Denkmal ist untergegangen, nur die stolze Inschrift liest man noch in der Kathedrale Andrias, wo sie neben dem Chor eingemauert ist:

Rex Mihi Pater Erat, Fratresque Robertus,
    Loysiusque Sacer, Regia Mater Erat,
Bertrandi Thalamos Non Dedignata Beatrix,
    A Quo Deducta Est Baucia Magna Domus.
Si Tangunt Animos Haec Nomina Clara Meorum,
    Esto Memor Cineri Dicere Pauca: Vale.

König war mein Vater und meine Brüder Robert
    und der fromme Ludwig,
Königin war auch meine Mutter Beatrix,
    nicht unwürdig des Beltrando Thalamos,
    des Stammvaters des großen Hauses der Balzi.
Wem diese berühmten Namen der Meinen das Herz rühren,
    der rufe wenigstens meiner Asche ein Lebewohl zu.

Beltrando hatte von Beatrice Anjou nur eine Tochter Maria, welche sich im Jahre 1327 mit Humbert, dem Dauphin von Vienne, vermählte. Sie war die Erbin Andrias, aber sie trat ihrem Vater diese Grafschaft für die Summe von 30 000 Unzen Goldes ab, so daß sie beim Hause der Balzo verblieb. Beltrando vermählte sich wieder im Jahre 1331 mit Margareta, der Witwe des Grafen Louis von Flandern, und deren Sohn Francesco del Balzo setzte später den Stamm fort.

Dieses mächtige Geschlecht hatte schon damals die Geschicke Neapels in seiner Hand. Nach der Ermordung des jungen Andreas von Ungarn durch seine Gemahlin, die Königin Johanna, war es Beltrando, welcher dieser schönen Verbrecherin den Thron rettete. Als Großjustitiar des Königreichs Neapel vom Papst mit der Untersuchung des Frevels beauftragt, sprach er seine Nichte frei. Er flüchtete, wie diese, nach Avignon, während der von Rachlust entbrannte Ungarnkönig Ludwig in Apulien einzog. Damals, im Jahre 1350, wurde auch Andria von den Ungarn geplündert und halb zerstört.

Beltrando hatte die Ehe Johannas mit ihrem Geliebten und Vetter, dem Prinzen Ludwig von Tarent, gutgeheißen und seinen eigenen Sohn Francesco mit Margherita, der Schwester dieses neuen Königs, vermählt. Andria wurde bei dieser Gelegenheit zum Herzogtum erhoben, und es war überhaupt das erste Herzogtum im Königreich Neapel. Die Balzi selbst standen dem Thron zu nahe, um nicht den ehrgeizigen Gedanken zu fassen, ihn einst einzunehmen. Doch dies gelang ihnen nicht. Als der mächtigste Mann nach dem König starb Beltrando zu Neapel im Jahre 1357. Dort liegt er in San Domenico Maggiore begraben.

Zu noch mehr Größe stieg sein Sohn Francesco auf. Durch seine zweite Ehe mit Donna Sueva Orsini traten die Balzi Andrias in die innigste Verbindung mit diesem im Königreich Neapel gewaltigen Hause. Francesco entzweite sich mit der Königin Johanna, welche ihn aus seinen Staaten vertrieb. Er ging nach Avignon, später nach Rom, wo er den Papst Urban VI. bewog, Karl von Durazzo als Kronprätendenten Neapels aufzustellen. So wurde er das wesentliche Werkzeug zum Sturze Johannas I.

Sein Sohn Giacomo del Balzo erhielt die Hand der Prinzessin Agnes, der Erbtochter Philipps Anjou von Tarent; so war er dessen Erbe, Herzog Tarents, des größten Kronlehens des Hauses Anjou, mit dem zugleich der Kaisertitel von Byzanz verbunden war. Im Dome zu Tarent sieht man noch das Mausoleum, welches Francesco del Balzo diesem seinem berühmten Sohn im Jahre 1383 errichtet hat. Er selbst starb im Jahre 1420.

Sein Geschlecht dauerte in Andria, in Tarent und Neapel fort (hier haben die Balzi zu Santa Chiara eine Gruftkapelle) unter vielen Stürmen und Revolutionen des Königreichs, und in dessen Geschichte gibt es kaum ein Blatt, worin man nicht diesen großen Herren begegnete. Sie und ihre Feinde, die Sanseverini, waren die mächtigsten Dynasten des Landes. In den Kämpfen zwischen den Häusern Anjou und Aragon standen die Balzi Andrias auf der Seite des letzteren, mit welchem sie selbst verschwägert waren. Sie blühten noch im 15. Jahrhundert unter Francesco II., der im Jahre 1482 starb und in S. Domenico zu Andria begraben liegt. Dann gingen sie plötzlich unter.

Der Letzte ihres Stammes war dieses Francesco Sohn, Pirro, Herzog von Andria und Fürst von Altamura, welches er gekauft hatte. Zu seinem Unglück nahm er Anteil an der berüchtigten Verschwörung der Barone gegen Ferdinand I. von Aragon. Der König ließ ihn im Jahre 1487 mit vielen anderen Großen umbringen.

Pirro hatte nur Töchter zurückgelassen, von denen Isabella sich mit Federigo von Aragon vermählt hatte. Dieser nachmalige unglückliche letzte König Neapels aus dem Hause Aragon war ein Sohn Ferdinands I. An ihn fiel das Herzogtum Andria.

 << Kapitel 107  Kapitel 109 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.