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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 106
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Wir verlassen Manfredonia in der hohen Morgenfrühe des 17. Mai zu Wagen. Die pilgernde Menschheit hat sich ihre religiösen Mühen bequemer gemacht als die Väter in Vorzeiten. Über das ehemals nur zu Fuß oder zu Maultier erklimmbare Vorgebirge führt jetzt ein breiter durch den Alabasterkalk gehauener Fahrweg aufwärts bis in die Stadt des Erzengels. Man braucht etwa eine Stunde, um von Manfredonia unmittelbar an den Fuß des Kaps zu gelangen, und von dort noch zwei andere Stunden, um die Grotte selbst zu erreichen.

Der Weg führt erst durch die großartige Uferlandschaft des Golfs an einigen Olivengärten und Höfen vorbei, welche fast alle aus mittelalterlichen Türmen entstanden sind. Immer gewaltiger steigt das Kap vor uns auf; es drängt seine rötlichen Felsenmassen weit in das Meer hinein, welche umschiffend man zu der Reede von Viesti gelangen würde, wo im Altertum ein Tempel der Vesta stand. Hier stellt sich der Garganus durchaus als ein Vorgebirge dar, als der Sporn an der Stiefelform Italiens, wie man vulgärerweise zu sagen pflegt («lo sperone d'Italia»). Von Foggia oder von San Severo aus gesehen erscheint er nicht als Kap, sondern als ein lang hingestrecktes Gebirge, dessen Ausdehnung 37 Millien beträgt. Wenn er im abendlichen Purpur strahlt, möchte man ihn für eine einzige glühende Felsenmauer halten, welche Götter erbaut haben, um ein Paradies zu schützen.

Aber diese Masse ist ein ganzes System von Bergen und Tälern, 120 Millien im Umfang. Nach dem nördlichen Meere sinkt der Garganus allmählich zu flachen Ufern nieder, worin zwei Seen liegen, der Lago di Lesina und der Varano. Am ersteren fließt der Fortore vorüber in jenes Meer; er bildet die westliche Wasserscheide des Garganus und trennt Apulien von den Abruzzen. Nach Süden zu steigt das Gebirge über den Tavoliere in steilen Kalksteinwänden auf, und dort liegt ihm zu Füßen der See von San Giovanni Rotondo, während weiter unterwärts der Fluß Candelaro dem Maremmensee Pantano Salso zuströmt.

Im Norden und Süden umgibt demnach den Garganus ein weiter, von Sümpfen erfüllter Ufersaum; aber östlich lagert er sich als schroffes Kap ins Meer. Dort erreicht er auch seine höchste Höhe von 1800 Fuß im Monte Calvo oberhalb Sant' Angelo. Auf dieser Seite gibt es nur schmale Strandsäume und kleine Felsbuchten, und dort liegen zwei Hafenorte, Matinata, ein Dorf unter dem Monte Sant' Angelo mit einer kleinen Reede, und jenseits der Punta della Testa der kleine Hafen Viesti (Vestix oder Bestis im Mittelalter), der alte Sitz eines Bischofs. Im nördlichen Littoral liegen zwei andere Hafenorte, Peschici und Rhodi; im südlichen endlich der größte des Garganuslandes, Manfredonia.

Außer diesen Küstenplätzen enthält das Vorgebirge auf seinen südlichen und nördlichen Abhängen die kleinen Binnenorte S. Marco in Lamis, S. Nicandro, Monte Saraceno, Rignano, S. Giovanni Rotondo, Monte Sant'Angelo, Vico, Cagnano, Carpino und Ischitella.

Schon im Altertum war der Garganus durch seine herrliche Flora und seine finstern Pinien- und Eichenwälder berühmt («Querceta Gargani», beim Horaz). Sie sind heute stark gelichtet, bedecken aber noch immer weite Strecken des Gebirges, namentlich in seiner Mitte, wo sich der große Eichenwald befindet, Bosco delle Umbrie genannt. In den Tälern gibt es Ackerbau und Viehzucht, und die Abhänge sind meist terrassenförmig angebaut und mit Weinreben und Olivenbäumen bedeckt.

Ein kräftiges Volk von einfachen Sitten bewohnt dieses Gebirge. Seine Tracht ist eigenartig und malerisch, besonders die der Männer. Sie tragen einen weiten mantelartigen Rock von brauner Wolle mit Kapuze, welcher meist doch mit schwarzem Schafpelz gefüttert ist, einen roten Gürtel und eine phrygische Mütze von blauer Farbe. Diese Nationaltracht ist wahrhaft schön, und viele Apulier mit ihren gebräunten und edel geformten Gesichtern sehen darin recht vornehm aus, zumal wenn jene Kleidung von feinerem Stoffe ist. Wir sahen ihrer ganze Scharen den Weg entlang, da es Sonntag war.

Die Fahrstraße, welche die Seite des Kaps emporführt, ist so kühn und zugleich so bequem angelegt wie nur immer eine Straße über die Gebirgspässe der Schweiz. Sie zieht sich an schneeweißen Felsenwänden im Zickzack aufwärts, begleitet von Telegraphendrähten. Der Anblick dieser steht im schärfsten Gegensatz zu der mysteriösen Pilgerwelt des wilden Vorgebirgs und ihrer tausendjährigen Legende. Stellen diese einfachen Apparate, diese häßlichen Stangen und zusammengeknüpften Eisendrähte nicht ein Wunder der menschlichen Kultur dar, größer und wunderbarer als alle legendären Werke Sankt Michaels? Doch erzürnen wir den himmlischen Heros nicht, der den Typhon der Finsternis bezwungen hat. Diese Drähte stehen ja im Dienst des Lichts. Geister des Lichts, der Freiheit und des Friedens gleiten an ihnen als unsichtbare Blitze hin und her. Vielleicht kommt einst ein ferner Tag, wo der Cherub wieder über der Menschheit schwebend erscheint und sein Schwert in die Scheide steckt: dann wird die Finsternis bezwungen sein, dann werden keine Kriege mehr um ein paar elende Schollen Landes, um die blutigen Purpurfetzen von Herrschaft und die Seifenblase Ruhm auf Erden geführt werden.

Streckenweise sieht man noch die alte nicht fahrbare Straße, die wohl den Zeiten der Anjou oder noch früheren angehört. Sie ist jetzt nur ein Pfad für Maultiere und dient den Pilgern zur Abkürzung ihres Wegs.

Das Kap war von Wallfahrern belebt, die in Gruppen hinauf- oder herabstiegen; denn obwohl das große Fest des Erzengels am 8. Mai schon vorüber war, setzten sich doch die Wallfahrten durch den ganzen Monat fort. Viele gingen zu Fuß, die Pilgerstäbe mit dem Pinienzweige geschmückt, und dieses Zeichen haben die Waller sicherlich schon zur Zeit Ottos II. mit sich geführt. Andere ritten, truppweise, ohne alle Ordnung und begreiflicherweise auch ohne Gesang.

Je höher wir kamen, desto prachtvoller erschienen in der Tiefe der blaue Golf, das Ionische Meer und die paradiesischen Gefilde Apuliens mit zahllosen Städten. Es war ein Schauspiel von überwältigender Größe, aber wir konnten es nur halb genießen, denn der Wind wurde zum Sturm. Dabei durchdrang uns die Morgenkälte bis zur Unerträglichkeit. Wir erstarrten an Händen und Füßen. Es half uns nichts, daß wir aus dem Wagen stiegen und eine Strecke weit zu Fuß aufwärts gingen. So oft der Weg die Richtung nach Osten nahm, warf sich uns der Sturm heulend entgegen, und er zwang uns, wieder im Wagen Zuflucht zu suchen.

Mit steigender Ungeduld blickten wir zu unserem Ziele auf, zu der Stadt Sant' Angelo dort oben. Sie zeigte sich mit ihrem großen Gemeindehaus von roter Farbe, mit ihren weißen Häusern und grauen Türmen und Mauern in einer langen Linie über steilen Abgründen schwebend, aber es schien, daß wir uns derselben niemals näherten, sondern daß sie uns ewig unerreichbar blieb. Stieß uns Ketzer der Erzengel selbst von seinem Heiligtum zurück? So hatte er im Mittelalter mit einem häretischen Bischof getan, welcher, um seine Schuld zu sühnen, nach dem Garganus gepilgert war, aber ein ganzes Jahr sich vergebens anstrengte, den heiligen Berg zu ersteigen. Ich konnte indes meine Gefährten mit der Überzeugung trösten, daß wir nicht dasselbe Schicksal zu befürchten hätten. Denn ich bin stets ein großer Verehrer dieses guten Dämons gewesen. Vierzehn lange Jahre sah ich ihn täglich vor den Fenstern meiner Wohnung schweben, hoch über der Engelsburg und über Rom, auf strahlenden Flügeln von Erz, das breite Cherubschwert in die Scheide steckend. Nun besuche ich ihn auf seinem Berg Garganus, wie ich es längst gewollt hatte. Eine goldene Krone kann ich ihm nicht darbringen, aber diese Blätter will ich ihm als Pilgerspende weihen.

Endlich näherten wir uns der Hochfläche und waren unseres Zieles gewiß. Der Wind brauste dort oben über verwittertem Gestein in einer melancholischen und erhabenen Wildnis mit schauerlicher Gewalt. Wir sahen seitwärts vom Wege unter einem Felsen einen Pilger kauern, welcher ein Kind im Arm hielt und vor dem Sturm zu decken suchte, tröstend über das weinende Geschöpf gebeugt, mit dem Ausdruck väterlicher Liebe. Wie wird der Mann mit dem Kinde die Felsen herabkommen in diesem Sturm? Ein altes Lied fiel mir ein: «Ich komme vom Gebirge her, es heult der Sturm, es braust das Meer.» Es ist ein Gedicht Schmidts von Lübeck, voll von tiefsinnigem Unsinn; die Melodie Schuberts hat es unsterblich gemacht: «Im Geisterwald ruft es zurück: Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück!»

So erreichten wir, vor Frost bebend, die seltsame Stadt des Garganus, welche dem Erzengel ihre Entstehung und ihren Namen verdankt. Sie stand vor uns wie auf dem kalkigen Dache des Kaps hangend, in einer großartigen Öde hoch über dem Meer, eine Masse von bizarren weißen Häusern, welche zahllose sonderbar gestaltete Schornsteinknäufe emporstrecken, und überragt von einem hohen schwarzen Turm. Die Straßen stehen alle auf dem nackten Kalkboden; einige ziehen sich treppenartig die Felsen aufwärts, darüber finstere Gebüsche von Eichen schweben.

Als wir in die Stadt einzogen, vom Winde umheult und von weißem Kalkstaub umwirbelt, konnten wir uns einbilden, zu den Wohnungen fabelhafter Geschöpfe gekommen zu sein. Denn die ganze männliche Einwohnerschaft schien draußen versammelt zu sein, und sie sah aus wie ein Volk schweigend hin und her wandelnder schwarzer Dämonen. Der Kälte wegen hatte sich jeder Mann in den dunkeln Mantel gehüllt und die Kapuze über den Kopf gezogen, so daß sie alle zusammen den Kapuzinern oder Totenbrüdern ähnlich sahen. So wandelten sie stumm auf und ab, während die Glocken vom Heiligtum läuteten, welches wir noch nicht sahen.

Wir waren ungeduldig, dasselbe zu betreten, nachdem wir uns in einer höhlenartigen unsauberen Schenke erwärmt hatten. Der Weg zur Kapelle führte über den kleinen Stadtplatz, wo sich auf einer Säule die marmorne Figur des Erzengels erhebt, und diese wird als ein Werk der Pietät Michelangelos ausgegeben. Seitwärts steht ein großer schwarzer Turm von zwei Stockwerken, ein schöner Bau Jordans von Monte Sant'Angelo, des Architekten Karls von Anjou. Der Platz wimmelte von Volk; Pilger zogen nach dem Heiligtum, wo in der Grotte die Messe beginnen sollte. Der Wind brauste über und um uns: die eiserne Fahne auf dem Turm, ein beweglicher Sankt Michael, rasselte und schrillte in schauerlichen Tönen. Wie unter dem Geheul der Elementargeister stiegen wir in das geheimnisvolle Schattenreich hinab.

Die Grotte liegt tief im Schoß eines Felsens, dessen Wände von den heiligen Gebäuden bedeckt sind, während auf seinem Gipfel ein uraltes Eichengebüsch steht, an dessen Zweigen Pilger Steine aufzuhäufen pflegen.

Ein gotisches Portal, auf je zwei Säulen ruhend, bildet den obern Eingang zu den Heiligtümern in der Tiefe. In der Mitte seines Spitzbogens sitzt die Jungfrau mit dem Kinde zwischen S. Peter und Paul, eine edel durchgeführte Marmorgruppe. Die Inschrift des Portals scheint den Pilger, statt ihn zum Eintritt einzuladen, davon zurückzuschrecken, gerade als sei dies ein Allerheiligstes der Isis. «Terribilis Est Locus Iste. Hic Domus Dei Est Et Porta Celi.» Dieses Portal führt zu einer breiten steinernen Treppe von 25 Stufen, an deren Ende sich eine zweite gotische Pforte erhebt. Als wir die obere durchschritten hatten, lag jene große Treppe vor uns, eine in den lebenden Felsen gehauene Stufenleiter, überwölbt von gotischen Bogen und vom Tageslicht schwach beleuchtet, welches durch Öffnungen des Felsens selbst eindringt.

Wir traten erst seitwärts in mehrere Kammern, die von Käufern wimmelnden Kramläden dieses Sanktuarium, wo man Amulette, Medaillen, Rosenkränze, Pinienzweige, Haufen von Pilgermuscheln, die grellsten Bilder des Erzengels und namentlich seine Statuetten feilbot. Auf Tischen und Brettern längs den Wänden standen diese Figuren zu vielen Hunderten in verschiedener Größe. Sie sind aus dem weichen Marmor des Garganus gefertigt und zerlegbar. Die Flügel, den Kopf, die Krone, Schild und Schwert und das gelbe hölzerne Fußgestell kann man abnehmen und in ein Kästchen legen. Auf diese Weise brachte ich meinen Sankt Michael glücklich heim, und er steht jetzt wohlbehalten vor mir.

Kaum stiegen wir die Treppe abwärts, so warf sich uns ein Schwarm von Krüppeln und Bettlern schreiend entgegen und hinderte uns weiter vorzudringen. Ein Kirchendiener machte uns Luft, indem er uns zugleich seine Dienste als Virgil in dieser Unterwelt anbot.

Wir bemerkten an vielen Stellen auf den Stufen der Treppe, wie an den Wänden derselben, die Abbilder von Händen und Füßen eingemeißelt, was einen schauerlichen Eindruck machte. Es sind altherkömmliche Pilgerzeichen. Auch sahen wir die Wände überall mit Pilgernamen beschrieben und bekritzelt wie in den Katakomben Roms.

Aus dem untern Portal traten wir sodann in einen kleinen viereckigen Hof, wo wir uns wieder unter freiem Himmel befanden. Es ist der älteste Kirchhof der Pilger hier. An den Wänden desselben sind einige steinerne Grabmäler aufgerichtet, doch reicht deren keines über das 15. Jahrhundert hinauf.

Aus diesem Atrium gelangt man in eine Kirche, die mit ihrer Langseite vor der heiligen Grotte liegt. Ein romanisches Portal auf der östlichen Seite des Vorhofs öffnet und schließt den Zugang zu ihr mit Bronzetüren, welche der reiche Amalfitaner Pantaleon im Jahre 1076 zu Konstantinopel fertigen ließ. Sie enthalten auf 24 Feldern in Niello ausgelegte Figuren eines kindlich naiven, aber ausdrucksvollen Stils, samt und sonders Erscheinungen der Engel darstellend: die Vertreibung des Menschenpaares aus dem Paradiese, die Engel vor Abraham und Jakob, vor Daniel und Zacharias, die Befreiung Petri aus dem Kerker und ähnliche Szenen, bis auf die Erscheinung Sankt Michaels vor dem Bischof Laurentius in Sipontum. Über diesem Eingang stehen als Inschrift die legendären Worte, welche der Erzengel zu jenem Bischof geredet hatte: «Ubi saxa panduntur, ibi peccata hominum dimittuntur.» Sodann: «Haec est domus specialis, in qua noxialis quaeque actio diluitur.»

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