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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 103
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Paschalis II. besuchte Sipontum, als er im Jahre 1117 ein Konzil in Benevent hielt, und damals weihte er jene Kathedrale ein. Mehrmals werden Stadt und Hafen im 12. Jahrhundert erwähnt. Dort schiffte sich im Jahre 1177 der große Papst Alexander III. ein, als er sich zu dem berühmten Kongreß nach Venedig begab, um mit dem Kaiser Barbarossa Frieden zu schließen. Es scheint, daß der Hafen Sipontos damals, als Stapelplatz der ganzen Provinz, Porto di Capitanata hieß. Er dauerte als solcher fort, obwohl die Stadt bereits verfallen war, zumal infolge eines heftigen Erdbebens im Jahre 1223. Denn in demselben Hafen landete noch der Hohenstaufe Konrad IV. am 8. Januar 1252 auf seinem Königszuge nach Süditalien, und hier empfing ihn sein Halbbruder Manfred, ihm neidlos die Herrschaft Apuliens und anderer Provinzen übergebend, welche er mit Klugheit und Kraft von Lucera aus erobert und beruhigt hatte.

Drei Jahre später warf eine zweites Erdbeben Siponto vollends zu Boden, und Manfred, nach Konrads Tode Erbe und Herr jenes Landes, beschloß alsbald den Bau einer neuen Stadt auf einer gesünderen und auch gegen die Seeräuber mehr geschätzten Stelle, zwei Millien von den Trümmern Sipontums entfernt, näher am Berg Garganus, und unmittelbar am großen Golf. Er selbst entwarf den Plan dazu; den Bau leitete als Vorstand sein Verwandter Malecta. Die neue Stadt, für welche man die Trümmer der alten verwendete, nannte er Manfredonia.

Im Jahre 1256 begonnen, war sie schon nach zwei Jahren so weit vorgeschritten, daß der sipotinische Erzbischof Ruggiero d'Anglona mit seinem Klerus in die neue Kathedrale einziehen konnte. Diese war dem Bischof S. Laurentius von Sipontum geweiht, und auf sie gingen die Rechte und Titel des alten Erzbistums über. Der Bau der Stadtmauern aus massiven Quadern, des Kastells und anderer Teile beanspruchte freilich eine längere Zeit, so daß Manfredonia noch nicht vollendet war, als der König selbst bei Benevent den Heldentod fand. Die Anjou vollendeten die Stadt und ihre Befestigung.

Weil das Bild, welches man sich von Dingen wie von Menschen macht, ehe man diese wirklich vor sich hat, niemals der Wirklichkeit entspricht, so mußte ich auch die eingebildete Vorstellung von Manfredonia erst auslöschen. Denn statt einer altertümlichen, hochbetürmten und von der Zeit geschwärzten Stadt sah ich vor mir einen kleinen, freundlichen, weiß übertünchten Hafenort mit wenigen Türmen und mit zum Teil eingerissenen Stadtmauern. Sie steht hart am Meer auf dem ganz flachen gegen den Garganus hin leise ansteigenden Ufer, dessen Boden Kalkstein ist. Überall wuchert hier die Kaktusfeige; die ummauerten Gärten rings um Manfredonia sind von ihr angefüllt, und dies macht auf dem zutage liegenden dürren Felsboden einen sehr südlichen Eindruck. Die große wilde Uferlandschaft, von nur spärlicher Oliven- und Gartenkultur belebt, erinnert überhaupt an sizilianische Gegenden. Die Masse des Garganus, welcher hier, nur wenige Millien entfernt, die Form eines kolossalen Vorgebirges hat, schließt das schöne Halbrund des Golfs und verleiht dieser einsamen Küste eine feierliche Erhabenheit.

Wir fuhren in die jetzt offene Stadt und ihre Hauptstraße ein, welche ehemals die Porta di Foggia schloß. Dieses alte Tor ist im Jahre 1860 abgetragen worden, und noch heute liegen dort die Stadtmauern halb in Trümmern, was gleich von vornherein den Eindruck verlumpten Wesens macht.

Das erste, was mir in die Augen fiel, war, zu meiner nicht geringen Freude, der Name der Hauptstraße selbst: «Corso Manfredi». Die wackere Bürgerschaft hat demnach die Erinnerung an den Gründer ihrer Stadt dankbar bewahrt, und ihr geschichtlicher Sinn vermochte dem Mißbrauch der gegenwärtigen Mode zu widerstehen. Denn Bürger von solchem Sinne muß es im Gemeinderate Manfredonias geben, sonst würde die Hauptstraße der Stadt sicherlich zum Corso Vittorio Emanuele umgetauft worden sein.

Seit der letzten Umwälzung Italiens ist es leider zu einer förmlichen Manie geworden, die Straßennamen in Städten gewaltsam zu ändern und nach den Hauptpersonen oder den wichtigsten Ereignissen der jüngsten Geschichte zu bezeichnen. Alle Ehre dem Patriotismus, aber auch dieser hat seine vernünftigen Grenzen. Die alten Namen der Straßen sind ebenso viele Überschriften von Kapiteln der Geschichte der Städte, und darum soll man sie achten und festhalten wie historische Denkmäler der Vergangenheit. Nun aber sind die Städte in ganz Italien, von den Alpen bis zum südlichen Meer, mit denselben modernen Straßennamen versehen worden, welche mit der Örtlichkeit selbst nichts zu tun haben. Wäre ich der König dieses Landes, oder Garibaldi, oder der Kronprinz, so würde ich es mir verbitten, meinen Namen so zu mißbrauchen. Bis zum Überdruß und Ekel erfüllt mich schon dieses Einerlei der Straßennamen. In welcher italienischen Stadt man auch sei, so wird man sich darauf gefaßt machen, einem Corso Vittorio Emanuele, oder Garibaldi, oder Umberto zu begegnen, und die ewig wiederholten Schlachtennamen Magenta, Solferino, Castelfidardo, Montebello, Marsala an den Straßenecken zu lesen, oder, was noch widerlicher ist, den ganz abstrakten und nichtssagenden Begriffen Piazza del Plebiscito, Independenza und Unita zu begegnen.

In Trani fand ich das neue im Bau begriffene Viertel mit allen diesen Namen bezeichnet – das mag hier hingehen, weil es eben ein neues und noch geschichtsloses Quartier ist, wie jenes nach denselben Namen benannte neue Stadtviertel Roms, welches gegenwärtig auf dem Lokal des prätorianischen Lagers entsteht. Aber was hat in Tarent Garibaldi zu tun, wo der alte Kai am Mare piccolo jetzt seinen Namen trägt? So ist auch in Andria der alte Platz Catuma zur Piazza Vittorio Emanuele umgetauft worden; so hat man selbst in Neapel den seit drei Jahrhunderten geschichtlich gewordenen Namen der weltberühmten Hauptstraße Toledo in Roma umgeändert, und man will das sich sträubende Volk zwingen, diese Gewaltsamkeit anzuerkennen. Im Gegensatz zu solchem Unverstand freute es mich nicht wenig, auf vielen Straßen Baris lokalgeschichtliche Namen zu lesen: Via Melo, Via Argiro, Calefati, Roberto di Bari. Sie brachten mir sofort die wesentlichsten Züge aus der Geschichte dieser merkwürdigen Stadt entgegen. Es ist überhaupt das erste, worauf ich in einer mir unbekannten Stadt achte, ihre Straßennamen zu lesen und sie mir aufzuschreiben.

Als wir in Manfredonia einfuhren, ungewiß ob und wo wir eine Herberge finden würden, stürzte uns ein Schwarm von braunen, halbnackten und verwildert aussehenden Menschen entgegen, mit heftigen Gebärden und Ausrufen, ein jeder sich erbietend, unsere Sachen zu tragen und uns in ein Gasthaus zu bringen. Der Anblick dieser Burschen, welche man ohne weiteres für Galeoten eines Bagno hätte halten können, machte den übelsten Eindruck auf uns; ich erinnerte mich dabei alles dessen, was man mir von der Wildnis des Gargano-Landes erzählt hatte, welches von Banditen erfüllt und deshalb nicht ohne Gefahr zu durchstreifen sei. In der Folge, und nachdem wir uns von jenen Zudringlichen befreit hatten, fanden wir eine ruhige und stille Bevölkerung, sowohl in der Hafenstadt als auf dem Vorgebirge.

Wir erhielten auch eine recht gute Wohnung in dem größten Gasthaus der Stadt im «Corso Manfredi» – wenn man eine sehr bescheiden eingerichtete Herberge mit vielen Schlafkammern so nennen will. Der Wirt, ein ehemaliger Schneider, schien nicht wenig stolz auf sein Hotel (ursprünglich ein Kloster) zu sein, er führte uns in den Zimmern umher, deren es wenigstens zwanzig gab, was denn doch auf einen gewissen Grad von Verkehr schließen ließ. Wir bestellten unseren Tisch, und ehe dieser gerichtet war, durchstreiften wir die Stadt Manfredonia.

Sie zählt etwa 8000 Einwohner, erscheint aber wie ein Ort von höchstens 5000 Seelen. Sie liegt ganz eben, ist in einem Viereck gebaut und nach der Landseite zu noch von einem Teil der alten Mauern umgeben. Sie hat vier oder fünf parallele Hauptstraßen, welche von Querstraßen durchschnitten werden. Die Namen der ansehnlichsten, außer dem Corso Manfredi, sind Via Grazie, Cristallina, Cisterne, S. Matteo, Tribuna, Castello. Das Straßenpflaster aus regelmäßig geschnittenem Kalkstein ist durchweg gut, im Corso Manfredi sogar vorzüglich zu nennen. Das ganz moderne Aussehen Manfredonias überraschte mich sehr. Aber die Geschichte der Stadt erklärt dasselbe.

Die Türken überfielen und verbrannten sie im Jahre 1620; seither wurde sie neu aufgebaut. Man findet deshalb nichts Altertümliches, nichts Gotisches hier, nichts, was aus der Zeit Manfreds und der Anjou stammte, mit Ausnahme einiger Kirchen, des Restes der Mauern und des Kastells. Wenn man wenige Gebäude von palastähnlicher Anlage abrechnet, zumal Klöster, so besteht alles übrige aus kleinen weiß übertünchten Häusern mit platten Dächern und offenen Logen, in jenem arabisch aussehenden Stil, wie man ihn an den Golfen von Salerno und Neapel sieht. Die Wandflächen sind auch hier nach der Straße zu von nur wenigen Fenstern durchbrochen, welche bisweilen die wunderliche Form eines Blattes haben. Über vielen Haustüren ist eine Nische angebracht, in der eine kleine Figur des Erzengels Michael steht, aus dem alabasterähnlichen Stein von Gargano gefertigt. Der künstlerische oder moralische Reflex der S. Michael-Legende ist also schon hier fühlbar, und wahrscheinlich steht das ganze große Gebiet des Garganus als das Erzengelland unter der Herrschaft dieser einen Figur; ich bemerkte dieselbe geflügelte Puppe mit Schwert und Schild sogar schon über mancher Haustür in Foggia und fand sie dann auch überall an den Meierhöfen, an denen wir längs der Straße bis Manfredonia vorüberkamen.

Ungefähr in der Mitte der Stadt erhebt sich der Dom, ein mittelmäßiger Bau mit einer kleinen Kuppel; innen ganz modern und ohne Schiffe. Zu seiner Seite steht ein schöner kleiner Glockenturm mit einem kuppelartigen Aufsatz, aus Quadern eines gelben Kalksteines errichtet. Diese Kathedrale wurde nach der Zerstörung durch die Türken vom Kardinal Orsini neu aufgebaut; sie enthält daher keine Monumente, denn alle Denkmäler des alten Doms gingen im Jahre 1620 mitsamt dem Archiv unter. Daneben steht der große Palast, welchen die Erzbischöfe Tolomeo Galli und Domenico Ginnasi seit dem Jahre 1565 erbauten: ein stattliches, aber nüchternes Gebäude, an welchem mir nichts anderes bemerkenswert erschien, als im Hof einige Marmortrümmer vom alten Sipontum und zwei schöne korinthische Säulenkapitäle, die am Eingange aufgestellt sind.

Die Klöster in Manfredonia sind aufgehoben, oder es bestehen, wie im übrigen Italien, nur solche öffentlich fort, welche Unterrichtsanstalten sind. Wir sahen kaum drei oder vier Mönche. Das ehemalige Dominikanerkloster, ein großes gelb übertünchtes Gebäude mit offener Loge im obersten Stockwerk, hängt mit der Kirche des gleichen Ordens zusammen, und diese ist eine der ältesten der Stadt, wie ihr romanisches Portal beweist. Davor liegt ein mit einem Garten gezierter Platz. Das Kloster selbst dient jetzt zum Sitz des Munizipiums. Manfredonia hat übrigens niemals ein selbständiges Gemeindeleben gehabt: es war eine königliche Stadt und zuweilen ein baronales Lehen. So hatte einst dasselbe die Königin Johanna II. dem berühmten Condottiere Sforza verliehen.

Am äußersten Ende des Corso Manfredi steht hart am Meer das angiovinische Kastell, ein gemauertes Viereck mit stumpfen Türmen, anderen Festungswerken in den adriatischen Seestädten ähnlich und wie solche halb verfallen.

Karl I. hatte diese Burg, deren ursprüngliche Anlage wohl schon dem König Manfred angehörte, errichten lassen durch seinen Architekten, den Meister Jordan von Monte Sant'Angelo auf dem Garganus, welcher auch die vorzüglichen Mauern der Stadt erbaute.

Der Besieger Manfreds wollte den Namen Manfredonia unterdrücken, um hier die Erinnerung an die hohenstaufische Dynastie auszulöschen; die Stadt wurde demnach amtlicherweise Siponto Novello genannt. Aber das Volk hielt den Namen Manfredonia fest, wahrscheinlich anfangs aus Pietät gegen den Gründer der Stadt, dann aber hauptsächlich deshalb, weil dieser Name wohlklingend und leicht auszusprechen ist. Diese erfreuliche Tatsache beweist, daß die willkürliche und gewaltsame Veränderung geschichtlicher Namen nicht immer durchgesetzt werden kann. Heute ist übrigens die Erinnerung oder die Vorstellung von dem, was der König Manfred gewesen ist, aus dem Bewußtsein des Volkes meist hinweggeschwunden; das zeigt mir die Erklärung, welche irgendein Mann in unserem Wirtshause vom Namen seiner Vaterstadt mit der Zuversicht eines Pedanten zu geben wußte. «Manfredonia», so sagte er, «kommt her von Manfredi, der war ein Regent, und von Onia, das war dieses Regenten Weib, daher heißt die Stadt Manfredonia.»

Das Kastell widerstand den Stürmen des Marschalls Lautrec, als er seinen berühmten Feldzug gegen Neapel machte, aber nicht dem Angriff der Türken. Heute ist es ganz zwecklos, denn wenige Schüsse würden es auf den Boden werfen.

Es deckte zu seiner Zeit den Hafen, und dieser ist zum Teil versandet. Man verbessert gegenwärtig und vergrößert den von Manfred herrührenden Molo, auf dessen Spitze ein Leuchtturm steht. Der herrliche Golf ist unbelebt; kein größeres Fahrzeug ankert in ihm. Selbst der Verkehr mit den gegenüberliegenden Küsten Dalmatiens scheint nur sehr mittelmäßig zu sein. Ab und zu legen die Dampfschiffe der Linie Ancona-Neapel an, und bisweilen halten hier italienische Kriegsfahrzeuge ihre Übungen. So groß ist die Verlassenheit des Hafens, daß ich, an ihm entlang gehend, mir einbilden konnte, mich auf irgendeiner vereinsamten Reede einer Insel im Mittelmeer zu befinden. Die italienische Regierung hat den Plan, eine Eisenbahn von Foggia nach Manfredonia zu bauen, um dadurch diese Stadt zu beleben. Ein Blick auf die Lage ihres Hafens zeigt dessen große Vorzüge vor anderen Häfen der adriatischen Küste, denn der Golf hier ist durchaus der größte von allen und bietet den sichersten Ankerplatz dar. Er dringt tief in das Land und wird nordwärts vom Garganus gedeckt. Zugleich ist sein Ufergebiet die natürliche Öffnung des ganzen nördlichen Apulien, wo also wie von selbst der Stapelplatz für die Ausfuhr der Erzeugnisse des Landes entstehen mußte. Gleichwohl hat sich kein solcher von entsprechender Bedeutung dort gebildet, weder im Altertum noch im Mittelalter. Denn das griechische Sipontum hat niemals eine Bedeutung gehabt wie Tarent, Metapontum, Heraclea, Sybaris und andere Städte; noch hat dasselbe, oder das spätere Manfredonia, jemals das Leben von Barletta, Bari, Brindisi und Otranto erreicht.

Die Ursache dieser auffallenden Tatsache muß wohl in Nachteilen derselben Lage Manfredonias liegen, welche jene Vorteile mindern, die ihr der Golf gewährt. Die Stadt hat kein fruchtbares Hinterland; rings um sie her liegt die apulische Weidetrift, eine Einöde durch alle Jahrhunderte; Sümpfe und Lagunen breiten sich um die untere Seite des Golfes aus, in welchem wohl hie und da ein kleiner Fluß, aber kein lebendiger Strom fällt, während nordwärts die Landschaft von der riesigen Felsenmauer des Garganus abgesperrt wird. Die Eisenbahn von Foggia wird in Manfredonia immer wie in einem Sack endigen und nicht mit jener wetteifern können, welche die Produkte Apuliens und der angrenzenden Provinzen in einer oder in zwei Stunden nach den Stapelplätzen von Barletta, Trani und Bari führt; Bari namentlich mit seinem reichen Kulturland um sich her, wo die Erzeugung von Wein und Öl seit zehn Jahren einen großen Aufschwung genommen hat, und mit seinen zwei Häfen, wird Manfredonia stets am Aufblühen verhindern.

Wenn man diese stillen Straßen der kleinen Seestadt durchwandert, zeigt sich überall Dürftigkeit. Wir fanden nur die bescheidensten Läden, aber keine Spur von Wohlhabenheit und von Ausdehnung der Bedürfnisse. Das Volk erschien uns durchaus ländlich. Es lebt hier in einer der erhabensten Szenerien der adriatischen Küste, im beständigen Anblick des majestätischen Kaps und des Meeres, von der Welt ganz abgeschieden, in ursprünglichen idyllischen Zuständen, welche im wesentlichen noch dieselben sind wie zur Zeit der Anjou und Aragon. Denn ewig berührt es sich hier mit den gleichen Vorgängen in drei Richtungen, mit dem, was ihnen der Golf, der Tavoliere und endlich der heilige Pilgerberg bringt. Manfredonia lebt von einigem Ackerbau, von Viehzucht und der Fischerei. Weinbau gibt es nicht im Flachlande. Der Wein kommt von Barletta oder von einigen Orten auf den Abhängen des Garganus. Man nennt diesen im allgemeinen «Vino di Montagna». Er ist von vorzüglicher Güte.

Der Wirt setzte uns solchen Garganuswein von Carbonara vor, welchen wir vortrefflich fanden, dem Muskatwein ähnlich und mit jenem Grundgeschmack von Erdigkeit. Überhaupt nahmen wir im Corso Manfredi ein heiteres und treffliches Mahl ein, so am Abend wie am folgenden Tage. Sein Hauptbestand waren die Fische des Golfs, köstlich «alla marinara» zubereitet, wie wir sie nicht besser in Tarent genossen haben. Auf unsere Nachfrage nach frischer Butter, welche wir der Viehzucht im nahen Tavoliere wegen voraussetzten, brachte man uns solche in einem großen irdenen Gefäß. Sie hatte Kugelgestalt und eine fast blau zu nennende Farbe. Es war Schafbutter, für uns völlig ungenießbar, was den wackern Wirt in Erstaunen setzte, da er versicherte, daß sie vollkommen frisch und von ausgesuchter Beschaffenheit sei.

Nach einem guten Nachtlager bestiegen wir sodann in der Morgenfrühe den Wagen, um auf den Pilgerberg Garganus hinaufzufahren, und wir sahen mit nicht geringer Spannung den seltsamen Mysterien entgegen, welche wir in diesem dreizehn Jahrhunderte alten Heiligtum des Erzengels vorfinden sollten.

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