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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 101
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Aber wohl, dieses römisch-jesuitische Papsttum ist noch sehr stark durch die Tradition, durch das bewundernswürdige System der Einheit und durch die große Zahl der ihm Ergebenen und Gehörigen. Seine Kraft ist eine politisch-soziale Kraft. Es ist der traditionelle Einheitspunkt für eine dogmatische Ansicht der Weltverfassung und für die große Menge der Menschen, die sich dazu bekennt. Es sammelt um sich her alle Anhänger des in seinen alten Formen vergehenden Christentums, alles Konservative und Legitime, alles was sein Ideal im Autoritätsglauben der Vergangenheit sucht. Ihm gegenüber steht die andere Verfassungspartei, die von der Selbstbestimmung des Einzelnen ausgeht, dessen politische Gemeinde der moderne, sich frei entwickelnde konfessionslose Staat ist.

An die Stelle der Guelfen und Ghibellinen sind so heutzutage die Kirche und der Staat überhaupt getreten, oder in bezug auf Deutschland die römische absolute Papstkirche und das moderne nationale Reich.

Das Deutsche Reich ist trotz Rom und den Jesuiten in der protestantischen Dynastie der Hohenzollern hergestellt worden, und auf dem festen Boden dieses erst heute national geeinigten Deutschlands kann der neue Kaiser mächtiger dastehen, als es die größten Hohenstaufen und selbst Karl V. gewesen sind. Er ist es gerade deshalb, weil das Dogma von der römischen Weltherrschaft im Deutschen Reiche für immer erloschen ist. Dieses Dogma lebt aber noch fort im römisch-jesuitischen Papsttum, und dasselbe auch hier für immer auszulöschen, darin besteht zum Teil der Kampf unserer Gegenwart, der neuen Welt mit der alten Welt.

Ehemals hatten die Ghibellinen diese Aufgabe übernommen, aber nicht durchgeführt, denn sie beanspruchten das Prinzip der Universalmonarchie für sich selbst, und die Hohenstaufen gingen unter, weil sie das fremde Italien zur praktischen Basis für ein weltgebietendes Kaisertum machen wollten. «Italien ist mein Erbteil!» dies war das Wort Friedrichs II. Dasselbe aber sagte der Papst von sich. Rom, der Kirchenstaat, Italien waren seit den Zeiten der fabelhaften Schenkung Konstantins die von den Päpsten erstrebte, mehr oder weniger erlangte und behauptete Grundlage für ihre Weltherrschaft, und man muß sagen, daß diese Grundlage für sie mindestens eine nähere und natürlichere war, als sie es für die deutschen Kaiser sein konnte. Die Päpste des Mittelalters wußten, daß ihre Weltmonarchie ohne Italien unmöglich war. Nun, diese Grundlage ist ihnen für immer entrissen worden: sie fiel im Jahre 1870; die Ghibellinen haben sie doch vernichtet, die Hohenzollern haben den Kirchenstaat für immer zerstört.

Auf der Burg Lucera erwog ich die Entwicklung dieses großen Weltprozesses, und ich grüßte freudevoll den Schatten des unsterblichen Hohenstaufen, den selbst noch Dante, obwohl das Kaisertum und seine Weltmonarchie vergötternd und Feind der weltlichen Priesterherrschaft, aber ein frommer Katholik, als Heiden und Sarazen in den Flammen-Sarkophag der Ketzerhölle zu versenken wagte.

Wie würde Friedrich II. staunen, gewahrte er heute Rom, wo jener unchristliche weltliche Priesterthron, welchen umzustürzen ihm nicht gelingen konnte, jetzt endlich am Boden liegt, und wo der Papst im Vatikan sich verschlossen hält, heute von den Mächten der Zeit so verlassen, wie es einst Friedrich war: ein freiwilliger Gefangener und doch zugleich auch der wirkliche Gefangene der neuen Zeit selbst, welche ihn dorthin verbannt hat. Wenige Schritte aber von diesem Papst entfernt sitzt als König Italiens ruhig auf dem Thron in Rom, der Stammfürst des kleinen Savoyens, von allen Staaten und Völkern der Welt darob beglückwünscht und freudig anerkannt.

Auch nach dem Tode Friedrichs II. blieben die Sarazenen in Lucera dem Hause der Schwaben unerschütterlich treu, während der Papst eilte, diesem Apulien zu entreißen. Manfred verdankte es nur ihnen, wenn er sich auf den Thron seines Vaters zu schwingen vermochte. Seine glänzende Heldenlaufbahn begann er ganz eigentlich in dieser Burg Lucera. Er rettete sich hierher im November 1254 auf seiner kühnen Flucht von Acerra durch die Gebirge Samniums. Am Tore angelangt, gab er sich den Moslem zu erkennen, und diese trugen ihn mit Frohlocken in die Burg und riefen ihn zu ihrem Herrn aus. So faßte er hier zuerst festen Fuß. Dann vertrieb er die Feinde aus dem nahen Foggia und aus Troja, wo der Kardinallegat Guglielmo Fieschi die Flucht ergriff und nach Neapel zum Papst entrann.

Nichts erbitterte diesen so sehr als die Fortdauer der Sarazenenkolonie Luceras; vergebens waren die Bekehrungsversuche der Kirche, vergebens die an Manfred gestellte Forderung, diese Mohammedaner nach Afrika fortzuschaffen. Er ehrte in ihnen seine treuesten Bundesgenossen und Krieger. Wie sein Vater umgab er sich mit Sarazenen; den Sultan von Lucera nannten ihn die Priester und Karl von Anjou.

Auf dem Schlachtfelde bei Benevent kämpften diese Araber tapfer, und dort fielen sie auch zu Tausenden. Ehe der König Manfred dem Anjou entgegenzog, hatte er sein junges schönes Weib Helena von Epirus und seine Kinder den sarazenischen Wachen in der Burg Lucera zur Obhut anvertraut. Und es war hier, wo die Unglückselige erfuhr, daß ihr Gemahl bei Benevent gefallen sei. In tiefer Verzweiflung raffte sie sich mit ihren Kindern auf und floh nach Trani, um sich dort einzuschiffen und nach Epirus zu retten. Aber der Kastellan der dortigen Burg lieferte diese Opfer den nachsetzenden Verfolgern aus.

Die Sarazenen Luceras schlossen in ihrer Bestürzung mit dem siegreichen Usurpator einen Vertrag, wodurch ihnen gestattet wurde, als seine Untertanen mit den Einrichtungen und Gesetzen fortzuleben, die ihnen die Hohenstaufen gegeben hatten. Aber schon im Jahre 1267 pflanzten sie wieder die Fahne des Hauses Schwaben auf den Zinnen ihrer Burg, als der junge Konradin sich zum Zuge nach Italien anschickte. Lucera war damals der Sammelplatz und Stützpunkt der Ghibellinen Süditaliens und die größte Sorge des Papstes wie Karls von Anjou.

Auf das dringende Begehren jenes hatte dieser eine Armee zur Belagerung der Sarazenenburg abgeschickt, welche jedoch alle Stürme siegreich abschlug. Er kehrte dann in Person aus Toskana im April 1268 nach Apulien zurück, um Lucera zu unterwerfen, wie das der Papst forderte; allein er hob die Belagerung wieder auf und zog Konradin entgegen, sobald dieser letzte der Hohenstaufen auf der valerischen Straße zum Lago Fucino herabkam.

Die Schlacht bei Sgurgola entschied das Schicksal des Unglücklichen, und nach seinem Fall wurde Lucera von neuem belagert. Die Sarazenen verteidigten sich mit verzweifeltem Mut, bis sie am 28. August 1269, ein Jahr nach der Niederlage Konradins, der Hunger zur Ergebung zwang. Ihre Anzahl war zusammengeschwunden, doch behaupteten sie sich in Lucera auch jetzt, wennschon ihrer Freiheit beraubt. Sie erhoben sich sogar noch einmal wider den verhaßten Anjou, den Vasallen des Papstes, im Jahre 1271, und sie stellten sogar einen falschen Konradin in Lucera auf. Nochmals zur Unterwerfung gezwungen und grausam bestraft, blieben sie gleichwohl in ihrer Zitadelle wohnen. Denn auch der Anjou erkannte die Wichtigkeit dieser Kolonie tapferer Krieger: er baute die Burg noch fester aus. Ein großer Teil der heute noch stehenden Mauern und Türme rührt geradezu von Karl I. her; eine große Zahl von Dekreten dieses Königs bezieht sich auf den Ausbau der Festung Lucera, wo auch der königliche Schatz verwahrt lag.

Seit jener Zeit, wo die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Ghibellinen entschwunden war, während die unglücklichen Kinder Manfreds in den tiefsten Kerkerverliesen begraben lagen, traten die Sarazenen aus Selbsterhaltung in die Dienste der Anjou, welche sich ihrer geradeso bedienten, wie es die Hohenstaufen getan hatten. Karl II. gebrauchte sie im Kriege der Sizilianischen Vesper, wo sie unter dem Kreuzbanner und unter den Augen päpstlicher Legaten gegen Aragon kämpften.

Indes forderte der Papst mit Entschiedenheit die Ausrottung dieser Heiden, und Karl II. fügte sich endlich in sein Gebot. Ohne andere Veranlassung ließ er die Burg Lucera überfallen und die Sarazenen darin niederhauen. Was verschont ward und übrigblieb, mußte das Christentum annehmen. Die Moscheen wurden dem Erdboden gleichgemacht, die christliche Kathedrale ward neu erbaut, und selbst der uralte Name Lucera wurde in den von S. Maria verwandelt. Doch dieser behauptete sich nicht.

So erlosch die Sarazenenstadt im Jahre 1300, nachdem sie fast 80 Jahre gedauert hatte. Schon um 1525 fand Leandro Alberti die Zitadelle Lucera in Trümmern und von Vieh bewohnt. Ihre Geschichte verdiente doch wohl von einem gründlichen Kenner des Arabischen besonders behandelt zu werden. Wenn sie auch an sich von geringer Bedeutung ist, so würde sie doch immer ein anziehende Kapitel in dem Leben der Sarazenen Siziliens bilden. Es ist deshalb zu bedauern, daß Michele Amari seine ursprüngliche Absicht nicht ausführte. Als er sein gründliches Werk über die Muselmanen Siziliens begann, war ihm das Staatsarchiv Neapels noch nicht vollkommen zugänglich, und dort liegen, wie er selbst in der Einleitung zu jenem versichert, in den Registern des Hauses Anjou viele hundert Urkunden, welche sich auf die Sarazenen Luceras beziehen. Für einen Mann von so seltener Arbeitskraft, wie Amari sie besitzt, würde es auch heute nicht zu spät sein, aus jenen Urkunden eine Geschichte der Araber Luceras zusammenzustellen.

Blickt man von den Mauern dieser Burg rings um sich in die schönen Landschaften Apuliens, über welchen ein blauer Äther glanzvoll schwebt, so hat man in Wahrheit ein unvergleichliches Theater von Ereignissen um sich her, welches die Geschichte Süditaliens wie in einem Spiegel zurückstrahlt. Römer, Karthager – denn tief unten sieht man die Gefilde der Hannibalschlacht von Cannae – Goten, Langobarden, Sarazenen, Byzantiner und Normannen, die Kreuzfahrer, welche zuerst von jenen Küsten ihren Lauf nahmen, die Hohenstaufen, die Anjou, die Aragonier, die Spanier und Franzosen: alle diese Erscheinungen ziehen hier am Blick vorüber.

Der Horizont rings umher ist wundervoll. Nordwärts steht die purpurne Gebirgskette des Garganus: das Meer strahlt links von ihm aus der Ferne, und die Eilande Tremiti tauchen aus einem silbernen Spiegel auf. Ostwärts über Foggia hinweg dehnt sich Apulia Plana bis zum Golf von Manfredonia hin, in weiten sonnigen Flächen ausgebreitet. Gegen Westen und Süden steigen die Apenninen Benevents und die Berge von Campobasso und Bojano in schönen Reihen auf. Dort tritt auch ein grüner Höhenzug, gegen die Landschaft Luceras vor, und auf ihm stellt sich deutlich Troja dar.

Der klassische Name dieser Stadt entführt uns weit hinweg zu homerischen Küsten und Zeitaltern, aber ihre Gründung fällt in den Beginn des 11. Jahrhunderts. Troja ist eine der Städte, welche die Byzantiner in Apulien gebaut haben. Der Katapan Bugianus gründete sie in jener Zeit, wo sich der von den Griechen unterdrückte Langobarden-Stamm jenes Landes erhoben hatte, und schon im Jahre 1022 war das junge Troja ein so fester Ort, daß ihn der Kaiser Heinrich II. auf seinem Zuge nach Süditalien belagern und stürmen mußte. Heute zählt die Stadt 6000 Einwohner. Sie ist besonders merkwürdig durch ihre altertümliche Kathedrale.

Rückkehrend vom Kastell besuchten wir einige Kirchen: Sant Antonio Abbate, ehemals das Besitztum des deutschen Ritterordens, welcher in der Hohenstaufenzeit reiche Güter in Apulien erwarb, S. Domenico und den Dom.

Diese Kathedrale ist ein Werk der Anjou. Denn da der alte bischöfliche Dom der Stadt in Trümmern lag (mit ihnen hatten die Sarazenen Friedrichs ihre Moschee gebaut), so beschloß der Nachfolger Karls von Anjou im Jahre 1300, S. Maria von Grund auf neu zu errichten. Sie wurde schon zwei Jahre später eingeweiht, obwohl sie noch nicht vollendet war. Diese Kirche ist neben dem Kastell das ehrwürdigste Monument der Stadt und ihr achitektonischer Mittelpunkt, ein gotischer Bau von drei Schiffen, in mäßigen Verhältnissen, einfach und würdevoll. Die Fassade hat einen stumpfwinkeligen Giebel mit großer Fensterrose und drei gotische Portale von schwärzlichem Kalktuff. An sie lehnt sich der nicht hohe Turm, welchen ein achteckiger Aufsatz krönt.

Im Innern suchte ich vergebens nach Denkmälern und Inschriften vergangener Zeit; überall in Italien verschwinden solche aus den Kirchen. Nur im Baptisterium steht noch die marmorne Statue des königlichen Erbauers, eines jungen Mannes von anmutigem Gesicht. Er hält die Arme gekreuzt auf der Brust, und seine Füße treten, wunderlich genug, auf zwei sich krümmende Hunde. Auf dem Postament steht in moderner Schrift geschrieben: «Carolus II. Andeavensis A. S. MCCC. Templum Deo et Deiparae Dicavit». Der Sarkophag, zu welchem diese Grabfigur ursprünglich gehört hat, ist leider verschwunden.

Unser Führer im Kastell, jener junge Priester, brachte uns auch nach der Gemeindebibliothek, welche im Stadthaus aufgestellt ist. Dort nimmt sie zwei saubere Zimmer ein. Man zeigte mir hier unter anderm eine Reihe von Manuskripten, moderne Kompilationen von Urkunden, die sich auf die Geschichte Luceras beziehen. Diese selbst ist noch nicht ausreichend geschrieben worden. Im Jahre 1861 erschien zwar in der Druckerei des Salvatore Scepi in Lucera die Geschichte dieser Stadt von Giambattista d'Ameli Baron v. Bineto und Meledugno, aber dieses Buch genügt in keiner Weise den Forderungen der Wissenschaft. Wir fanden im Bibliothekzimmer nur einen einzigen Leser, woraus ich indes keine üblen Schlüsse auf die städtischen Studien ziehen will. Sehr lebhaft werden diese freilich nicht sein, obschon das Lyzeum Luceras in gutem Rufe steht.

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