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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 100
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Heute stehen von diesem großartigen Bau nur die Umfassungsmauern, und kaum erkennt man von den kaiserlichen Gemächern im Palast mehr als den Plan eines Hauptsaals. Hie und da sieht man Reste von Treppen in der Front und von verschütteten Kammern. Drinnen ist alles leer und öde; der ganze große Bau dient schon seit vier Jahrhunderten als Hürde für Ziegen und Schafe.

Friedrich II. erbaute die Burg im Jahre 1233, nachdem er den verzweifelten Aufstand der Sarazenen in Sizilien unterdrückt hatte. Wenn er ein Fanatiker gewesen wäre, wie Ferdinand der Katholische oder wie Philipp von Spanien, so würde auch er diese Mohammedaner entweder nach Afrika zurückgetrieben oder zur Ehre Gottes samt und sonders umgebracht haben. Aber statt dies zu tun, verpflanzte er die tapfern, fleißigen und kunstfertigen Kinder des Orients auf das Festland nach Apulien.

Ihre Überführung dorthin geschah zu wiederholten Malen. Der Kaiser gab ihnen einige Städte zur Wohnung, wie Lucera, Girofalco und Acerenza. Sehnsüchtige Liebe zu ihrer schönen Heimat, der sie gewaltsam entrissen worden waren, trieb diese Sarazenen, heimlich nach Sizilien zu entweichen. Hierauf vereinigte Friedrich, um dieses ihr Entrinnen zu verhindern, alle Mohammedaner aus den Orten Apuliens in dem einen Lucera. Dies geschah im Jahre 1239. Die letzten Sarazenen Siziliens wurden noch im Jahre 1245 ebendorthin gebracht. So entstand die Kolonie Lucera Saracenorum. Nur aus Irrtum verwandelte man den Namen Lucera in Nucera, wo niemals Araber gewesen sind.

In Apulien fanden sich diese Fremdlinge auf einem Boden, welchen ihre Stammesgenossen schon vor Jahrhunderten betreten und teilweise beherrscht hatten, als nämlich noch ein arabischer Sultan in Bari wohnte und das Garganusland von Sarazenen besetzt war. Sie richteten sich fortan in Lucera bleibend ein, erst widerwillig und voll Haß gegen den Kaiser, welchen sie nur als den Usurpator und Tyrannen des rechtmäßigen Besitztums ihrer Vorfahren, des schönen Siziliens betrachten mochten, dann mit orientalischer Resignation in das Fatum, endlich mit wahrhaftiger Liebe und Treue zu ihrem Sultan, dem großen Kaiser, dem erbitterten Feinde des Papstes, dem freisinnigen Freunde des Morgenlandes und seiner gebildeten Herrscher. So ward Lucera das Grabmal der Araber Siziliens, deren Geschichte hier ihr Ende nahm.

Diese alte Stadt war um die Zeit der Ansiedlung der Sarazenen im tiefsten Verfall, obwohl ein Bischof fortfuhr in ihr neben der Kathedrale zu wohnen. Ihre christliche Einwohnerzahl konnte nur sehr gering und den heidnischen Eindringlingen gegenüber nur machtlos sein. Trotzdem trennte Friedrich anfangs beide Volks- und Glaubensgemeinden voneinander; er legte neben der alten die neue Stadt Lucera an, das befestigte Sarazenenquartier, zu dessen Bau die damals noch zahlreichen Trümmer des Altertums das Material hergaben.

Amari, der Geschichtschreiber des mohammedanischen Siziliens, ist der Ansicht, daß es arabische Ingenieure waren, welche diese Burg erbauten. Doch das läßt sich nicht beweisen und ist auch wenig wahrscheinlich, da Friedrich II. über so viele einheimische Architekten zu verfügen hatte.

In der Zitadelle muß man sich die Waffenplätze und Kasernen der sarazenischen Krieger denken, die Arsenale und Fabriken mancher Art, wie auch die Moscheen. Sodann werden sich auch außerhalb Wohnungen des arabischen Volks vorstadtartig ausgebreitet haben. Diese bürgerlich von dem Kadi Luceras regierte Kolonie war zahlreich, auch wenn die zeitgenössischen Angaben, daß sie 60 000 Seelen gezählt habe, übertrieben sind. Sie blühte unter dem Schutze des Kaisers so sehr auf, daß sie eine nicht geringe Gewerbetätigkeit entwickelte. Denn die Araber hatten aus ihrer sizilischen Heimat eine reiche Industrie mit sich gebracht; es gab in Lucera Fabriken von Waffen, von Webereien und ausgezeichneten Tischlerarbeiten. Der Kaiser legte Gestüte arabischer Pferde an, und man züchtete Kamele. Er hatte daselbst auch Menagerien wilder Tiere, welche er aus Afrika herbeibringen ließ; namentlich wurden Leoparden zur Jagd abgerichtet. Der Burgpalast Friedrichs war sicherlich mit orientalischem Luxus eingerichtet, denn die Formen des kaiserlichen Hofes in Apulien blieben so gut sarazenisch, wie es jene der Normannenkönige in Palermo gewesen waren. Man will noch heute die Stelle in Lucera zeigen, wo der wohlversorgte und von Eunuchen bewachte Harem des Kaisers stand. Er zierte seine Kolonie auf jede Weise und gedachte ihrer selbst auf seinen fernen Kriegszügen. Als er im Jahre 1243 vom Albanergebirge aus Rom belagerte, nahm er aus der Grotta Ferrata zwei antike Figuren von Bronze mit sich, um sie in Lucera aufzustellen, und auch aus Neapel ließ er Statuen dorthin bringen.

Von Foggia her wird der Kaiser öfter nach Lucera gekommen sein, um die Fortschritte seiner arabischen Kolonie zu sehen und in dem schönen Schlosse zu wohnen, wo sich auch seine Schatzkammer befand. Zwar ergibt sich aus seinen Regesten, welche Huillard-Bréholles herausgegeben hat, seine Anwesenheit in Lucera nur für den April 1231, den April 1240 und den November 1246; aber desto häufiger sind die Daten seiner Residenz im nahen Foggia.

Die Gründung dieser Sarazenenburg mitten in Apulien war begreiflicherweise ein Dorn im Auge des Papstes. In früheren Jahrhunderten hatte die römische Kirche und hatten die germanischen Kaiser nur mit der größten Anstrengung den Raubzügen der Araber in Italien ein Ende gemacht und ihre festen Burgen in Campanien zerstört; jetzt war es der Kaiser selbst, der diese Heiden in das Herz Italiens verpflanzte, um sich ihrer wider die Kirche oder den Papst zu bedienen. Von Lucera her nahmen seine erbitterten Gegner wesentlich alle die Beschuldigungen und Anklagen, welche sie gegen den großen Kaiser als einen gottlosen Heiden und Feind Christi schleuderten. Der Papst erhob vor der ganzen Welt ein Geschrei, daß Friedrich die christliche Religion absichtlich zerstöre und das Heidentum in eine alte bischöfliche Stadt Italiens verpflanze. Die Araber scheinen in der Tat sich manche Gewaltsamkeiten gegen die christliche Bevölkerung in Lucera und den umliegenden Landschaften erlaubt zu haben; sie zerstörten sogar, so meldete man nach Rom, die Kathedrale des Ortes, und überhaupt mußten sie sich desselben ganz bemächtigt haben, so daß die christliche Gemeinde fast verschwand.

Nie besaß ein Monarch dankbarere und treuere Untertanen als Friedrich II. an den Sarazenen Luceras hatte. Sie waren seine Prätorianer, seine Zuaven und Turkos. Ihre leichte Reiterei, welche mit Speeren und vergifteten Pfeilen kämpfte, bildete allein den stehenden Teil seines Heeres. Die große Sarazenenkaserne hier war das immer gerüstete Arsenal für seinen Kampf mit dem Papsttum. Diese Moslem plünderten und verbrannten auf manchem Kriegszuge christliche Bistümer und Klöster, und gegen sie half kein päpstlicher Bannstrahl.

Unablässig forderte die Kirche die Bekehrung dieses furchtbaren Heidenvolkes, und Friedrich ließ sogar Franziskaner-Missionare in Lucera zu, wo er mit ironischem Lächeln Bischöfe an derselben Tafel mit vornehmen und verdienten Sarazenen speisen ließ. Aber er zwang seine treuesten Krieger nicht, ihren Glauben zu ändern, denn ihr Übertritt zum Christentum würde ihre Waffen im Kampfe mit dem Papst abgestumpft haben. Friedrich ehrte vielmehr die Religion dieser Araber, deren Kultus er vielleicht weniger götzendienerisch fand als den römischen, und sicherlich der Staatsgewalt minder feindlich.

«O glückliches Asien, o glückliche Monarchen des Orients, denen die Erfindungen der Päpste keinen Kummer machen», so schrieb einmal Friedrich II. seinem Schwiegersohn Vatazes. – «O glücklicher Saladin», so rief auch später der König Philipp von Frankreich aus, «weil er nichts von den Päpsten zu leiden hat.» Jahrhunderte sind seit jenen Zeiten dahingegangen, und trotzdem könnte derselbe Ausruf noch am heutigen Tage gehört werden, aus dem Munde nämlich des deutschen Kaisers.

An große Zeiten erinnert dieses Sarazenenschloß Lucera. Berührt man seine Mauern mit dem Zauberstabe der Phantasie, so beleben sie sich von historischen Gestalten einer der merkwürdigsten Epochen Europas überhaupt. Dort umherkletternd bei einem heftigen Winde, der uns von den Zinnen herabzuwerfen drohte, waren wir drei Gefährten auch die Repräsentanten des neuen Deutschlands und Italiens. Ich gedachte mit Vergnügen, daß mein italienischer Freund ein Sohn desselben Capua ist, aus welchem der geniale Piero delle Vigne stammte, während mein Bruder die großen deutschen Schlachten in Frankreich mitgeschlagen hatte, welche dem Guelfentum in der Welt den Todesstoß gegeben und das weltliche Reich der Päpste für immer zerstört haben.

Aber mit uns ging ein junger Priester Luceras, der sich uns zufällig angeschlossen hatte und unsern Führer machte. Wenn ich auf seine Gestalt blickte, erschien er mir, trotz seiner liebenswürdigen Zuvorkommenheit, als der Repräsentant des Lagers der wutentbrannten Feinde Friedrichs II. und als der dunkle Schatten, welcher neben der Freiheit des Geistes einherschreitet und noch lange neben ihr wandern wird.

Auf einmal entführte mich die Phantasie vom Kastell Lucera über die sonnigen Berge Apuliens hinweg nach einer Bergruine im fernen Deutschland, nach dem Hohenstaufen im sagenreichen Schwabenland, und ich durchmaß mit Verwunderung die weiten Wege der Geschichte, welche das Heldengeschlecht Friedrichs von Büren aus der schwäbischen Stammburg in das apulische Land geführt, und jene auch mit der Burg Lucera in Verbindung gesetzt haben.

Nur wenige Stunden Wegs trennen den Hohenstaufen vom Hohenzollern, aber die Geschichte des Deutschen Reichs brauchte sechs volle Jahrhunderte, um diese Strecke zurückzulegen. Im Jahre 1870 langte sie dort an. Da stand das Deutsche Reich in der Dynastie der Hohenzollern neu gegründet, und die Fortsetzung der Mission der Hohenstaufen wurde auf jene übertragen. Derselbe Kampf, welchen die Schwabenkaiser mit Rom gekämpft haben, ist alsbald mit gleicher Leidenschaft wieder entbrannt, und Deutschland, kaum zu einem nationalen Reich erstanden, ist wiederum gespalten in die Parteien der Guelfen und Ghibellinen, in Anhänger des Reiches und der Kirche. Diese Tatsache erscheint erstaunlich, doch sie befremdet nur diejenigen, welcher die Zusammenhänge des geschichtlichen Prozesses nicht kennt. Die beklagenswerte Renaissance dieses Streites erschwert die ruhige Ordnung des deutschen Nationalreiches, welches offene oder maskierte Feinde umlauern, aber sie ist eine geschichtliche Notwendigkeit. Vielleicht wird es Deutschland nicht beschieden sein, ein friedliches nationales Glück auf lange zu erreichen, wie es England nach dem Abschlusse seiner Revolutionen darzustellen vermocht hat. Denn die deutsche Nation ist durch das reformatorische Prinzip dazu berufen, die Gegensätze auszutragen, auf welchen die Entwicklung des inneren Lebens Europas beruht. Dieses Prinzip hat bei ihr seinen Sitz und Mittelpunkt genommen, wenn nicht geradezu auf Grund ihrer geistigen Eigenart, so doch sicherlich auf Grund der ihr seit Karl dem Großen und den Ottonen für lange Jahrhunderte zugeteilten Reichsgewalt, wodurch das deutsche Volk eben so lange in Kampf mit der Papstgewalt und dem römischen Christentum geraten mußte.

Die Strömung der Geister in Europa scheint einen ewigen Kreislauf zu beschreiben, innerhalb dessen Reich und Kirche, Kaiser und Papst, noch immer denselben Standpunkt halten, wie zur Zeit Friedrichs II. und Gregors IX. In Wahrheit, es liegen in unserer Kultur alte organische Grundgedanken fest, um welche sich dieselbe noch bewegt, obwohl die politische und die kirchliche Verfassung der Welt sich vielfach verändert haben. Der deutsche Kaiser, welcher heute das hierarchische Prinzip des Nachfolgers Gregors IX. und Innocenz des IV. bekämpft, steht nicht mehr wie der geniale Friedrich II. von der Zeit unbegriffen und vereinsamt da. Der hartnäckige Feind, den er bestreitet, gebietet nicht mehr über die unermeßlichen Mittel und die vielen Bundesgenossen wie damals, wo die Kirche seit Gregor VII. und Innocenz III. die Idealmacht der Welt, ihr allgemeiner geistiger Organismus war, wo die Theologie die unumschränkte Herrschaft im Reiche des Wissens führte, wo die neuen Orden der Franziskaner und Dominikaner die ganze menschliche Gesellschaft mit fieberhafter Glaubensglut erfüllten, und wo selbst noch die Kreuzzüge als höchste politische Aufgabe der Fürsten und Völker galten. Dieser römischen Kirche, einer die Welt umfassenden Zaubermacht, welche über alle jene Elemente gebot und obenein den demokratischen und nationalen Geist Italiens zu ihrem Bundesgenossen hatte, mußte sich der große Hohenstaufe entgegenstellen, allein auf sein Genie gestützt und nicht einmal getragen von Deutschland, seiner naturgemäßen Basis. Man stelle sich vor, wie schwer und furchtbar der Kampf mit Rom für diesen Kaiser sein mußte, wenn die Schwierigkeiten des kirchlichen Streites, in welchem sich heute sein mächtiger Nachfolger im Deutschen Reiche befindet, noch immer groß erscheinen.

Denn die römische Kirche von heute ist nur noch eine entseelte Maschinerie im Vergleich zu der alles Leben durchströmenden Macht, die sie im Zeitalter der Hohenstaufen war. Die deutsche Reformation, für welche das ghibellinische Prinzip Friedrichs II. die Voraussetzung gewesen ist, hat ihr mehr entzogen als ein großes Länder- und Völkergebiet. Sie hat sie innerlich verarmen gemacht. Alles, was ehemals ihre Größe bildete, die Wissenschaft, die humanen und fortbildenden Ideen jeder Richtung sind das Eigentum der Reformation geworden. Alles, was die europäische Menschheit seit drei Jahrhunderten geistig entwickelt und vorwärts treibt, ist die Wirkung des reformatorischen Prinzips allein.

Das römische Papsttum, in welchem sich jetzt die katholische Kirche vollkommen zentralisiert hat, ist als Weltmacht und Führer der Kultur erloschen, und kein die Menschheit begeisternder und mit sich fortreißender, kein prophetischer und zukunftsvoller Gedanke kann irgend mehr im Vatikan entdeckt werden. Der Glaube hat seine Macht verloren: die Wissenschaft und die Kritik zersetzen täglich mehr das historische und dogmatische Christentum. Was ist heute die Bedeutung der Theologie im Vergleich zu den Zeiten des Thomas von Aquino? Die geistlichen Orden, durch welche ehemals das Papsttum seine Gewalt über die Völker Europas wesentlich errang, sind geschwunden; der letzte in der Reihe, der Orden Jesu, irrt zum Teil verbannt und im Exil. Wenn man den Ideengehalt der jesuitischen Doktrin mit den Regeln jener Franziskaner vergleicht, so wird man sehen, daß seinen Kern nicht mehr die christliche Religion, sondern die römische Politik bildet. Es ist das Programm der päpstlichen Absolutie. Kann das Prinzip der Infallibilität des Papstes, der Ertötung der Vernunft in der Kirche und der Knechtung des Gedankens überhaupt als eine Idee begriffen werden, die die Menschheit begeistern muß, weil sie ihr das hohe Ziel ihrer Entwicklung in der Zukunft vor Augen stellt? Nur mit Lächeln wird man diese Frage anhören und beantworten.

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