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Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
sendergerd.bouillon
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»Es ist eine Schmach, in diese Seilerei gehen zu müssen,« seufzte die Nonna zehnmal unterwegs. »Aber das Seil kostet fünfzehn Soldi und dieser kleine Teufel ist es uns schuldig.« Und so kamen wir in die Stadt und sahen dem Ignazio erst eine Weile zu. Er hatte seine Seilerei in der Gasse del Priore, die zur Piazza hinausläuft, hübsch ausgespannt und lief da an den langen, dünnen Fäden auf und ab, mit einem weißen Handschuh an der rechten Hand und unten oder oben am Ende drehte er ein Rad und die Fasern zopften sich zusammen, und er ging wieder herauf und hinunter und schliff das Gewirke zwischen den Fingern des Handschuhs und rauchte dazu eine lange Virginia. Vorne gegen die Piazza, wo wir warteten, war Sonne. Ich sehe es noch so deutlich . . .« Lätizia beschattete die Stirne, als wiederholte sich die Szene. Sie war jetzt in ihrem vollen Fabuliereifer und wahrhaft, sie besaß eine besondere Gabe, rasch und lebendig alles vorzustellen, was sie selber sah und fühlte. Ich hörte still zu.

»So deutlich!« wiederholte sie, »und hinten im Gäßchen war Schatten. Wenn er dann unten im Dunkel lief, dünkte er mich ein wahrer Unhold, häßlicher als ein Zwerg. Aber wenn er mit dem Seil in die Sonne, gegen uns hinaufglitt, immer die Zigarre mitten unter dem Schnurrbart und den hübschen weißen Handschuh an der rechten Hand, dann war es, der graue Strick werde Silber. Er floß einfach so aus seiner Hand. Welch kleine Hand! . . . Und er selber! . . . Dio, Dio, er war doch eigentlich der gleiche, häßliche, mit dem steckigen Haar und das Gesicht so klein und so voll Knochen! Ja, man sah es im Lichte nur noch besser, wie klein und wüst er war. Nicht einmal der blasse Schatten seines Bruders . . . Das sah ich alles. Aber sagt, was Ihr wollt, als er auf uns zukam, das Seil wie Silber zwischen dem Handschuh fließend . . . so . . . seht! . . . und mir zulächelte und sagte: »Ach, Lätizola . . . ich weiß, ich weiß, Gherardo ist ein Erzschelm, er hat dir das Seil verdorben . . . aber wir haben ihn schon zum Weinen gebracht . . .« da, Signore, mußte ich ihn immer anschauen. Seine Augen sind doch herrlich . . . sagt doch, sind sie es nicht?« . . .

»Das ist es ja, warum man ihn sogleich verehrt . . .«

»Noch heut' weiß ich nicht, was für eine Farbe sie haben, dunkelblau, dunkelgrau, schwarz und Gold und Silber, einerlei, er zog mir die Augen einfach weg, in seine Augen hinein, und so zog mich seine Stimme . . . wie sag' ich's nur . . . aus mir heraus zu ihm . . . Seht, so eine gute Seilerei treibt er. Ich mußte lachen und zitterte doch dabei. Die Großmutter behauptet heute noch, er habe mich behext. Sie stupfte mich. »Was für ein freches Gesindel,« lispelte sie, »so frech zu reden, statt sogleich fünfzehn Soldi herauszugeben« . . . Ich habe ihn nie gewagt zu fragen, aber ich wette, er hat es gehört. Rasch zog er den Strick um die Seilspindel, blickte auf den Boden und ging langsam, langsam zurück. So ist er im Schatten verschwunden. Mir ward ganz traurig zumute . . . Ich habe mich von der Großmutter losgezerrt und wäre ihm am liebsten nachgesprungen. Er weint, meinte ich, sicher weint er jetzt. – »Komm, gehen wir lieber,« verlangte da die Nonna, »fünfzehn Soldi, in Gottes Namen!« . . . »Nein,« sagte ich barsch, »ich will mein Seil . . . Dieser Ignazio ist gut und du bist eine garstige Nonna . . .« Und ich wartete, bis er wieder in die Sonne hinauskam. Da hatte er wieder das gleiche helle Gesicht, ganz voll Sonne, und da lachte er mich wieder an und fragte: »Signora Caterina Bosini, darf ich dem Kind ein neues Seil geben, ein viel besseres dazu? Nur noch einen Augenblick, sonst verstrubelt sich mir der Strang . . .« Die Großmutter brummte etwas, ich stampfte vor Freude. Als er unten das Rad festgepflockt hatte, sprang er in die Türe und kam eins zwei drei mit dem neuen Seil aus dem Laden. Er schwang es mir entgegen, so daß ich sah, wie biegsam und doch wie straff es den Bogen schlug. »Gefällt dir's? Gut!« . . . Er zog es in die Handgriffe, knüpfte die Enden und sagte: »Spring einmal!« Da nahm ich mich zusammen wie bei einem Examen und machte alle meine Künste über die Piazza. Ich galoppierte rundum, mit dem linken, mit dem rechten Fuß durch den Bogen hüpfend, rückwärts, seitwärts, und meinte, es sei noch immer nicht rund und hübsch genug, bis endlich die Nonna mich erhaschte und schrie: »Narr du, laß einmal das Theater da! Komm!« . . . Jetzt gehorchte ich gerne, aber schaute noch einmal zurück. Wollt Ihr's glauben, Ignazio stand noch am selben Fleck, klatschte und rief: »Brava, bravissima!«

Mit Gherardo kam ich nun oft zusammen. Es liefen ihm viele Mädchen nach, und er meinte, ich sei auch so eine, die an seinen schwarzen Augen verbrennen wolle. Ja, ich selber glaubte es. Ich war so dumm. Ich merkte nicht einmal, daß es der andere war, warum ich zu diesem da gelaufen bin, der mich doch immer Lachgans spitznamste. Lachgans, ist das etwa ein Kompliment? . . . Lache ich wirklich so schrecklich viel? sagt, Signore!«

»O, Signora, ein wenig schon, ein ganz klein wenig . . .«

Sie drohte, als wollte sie mir die Hand vor den Mund halten, und fuhr dann eifrig fort, als müßte eine drängende Arbeit fertig werden: »Je mehr man daheim die Serti verschimpfte, um so höher schätzte ich sie . . . apposta . . .«

»Ja, das glaub' ich, so ein rechthaberisches Köpfchen habt Ihr.«

»Gott sei Lob und Dank dafür!« gab sie zurück.

»Streiten wir nicht . . . Was geschah dann mit Ignazios weißem Handschuh?«

»Spottet nur, ich erzähl's dennoch fertig! So oft ich konnte, ging ich nun zur Seilerei und schaute zu. Sonst war ich nie einen Augenblick ruhig. Aber dieser Arbeit konnte ich zusehen, ohne einen Schuh zu bewegen.«

»Dieser Arbeit? Ihr wolltet wohl sagen, dem Arbeiter?«

»Beiden zusammen, Herr . . . aber der Arbeit auch. Ihr könnt nicht glauben, wie das schön war, wie zufrieden, wie sauber. Mich dünkt jetzt oft, man hätte da nichts als zusehen müssen und gleich auch Ordnung in seinen Strubelkopf bekommen. Ich war ein solcher Strubel!

Aber merket wohl, ich ging nur, wenn die Sonne schien und immer gegen vier Uhr, damit alles genau so wäre wie das erstemal und Ignazio wieder so hübsch aus dem Dunkel ans Licht kommen müßte . . . Und ich weiß nicht warum, aber einmal sang ich dazu im Takte, wie er auf und ab ging: Er geht aus der Nacht . . . er kommt in den Tag . . . Er geht aus der Nacht . . . er kommt in den Tag . . . Aber wenn er dann nahe kam und mich so tief anguckte, dann tat ich, als ob ich nicht gesungen und nicht einmal an ihn gedacht hätte. Doch er wußte es besser, lächelte gescheit und, wenn er vorne an der Spindel ankam, redete er jedesmal ein Wort zu mir. Ich wartete zuletzt auf diese Worte wie auf ein Wunder. Und immer schaute ich den Fäden in seiner Hand nach. – Welch eine schöne, kleine, sichere Hand war das . . .! Habt Ihr denn gar nie in eine Seilerei geschaut? . . . Aber das wäre doch nicht Ignazio. Seht, der ging neben den feinen Schnüren; er ließ sie durch die Finger fließen, er drillte und schliff sie und da ward aus vielem, vielem zuletzt immer Eins, ein weißes, feines Seil . . .«

»Und so hat er auch Euch mit Leib und Seele in sein Seil gedrillt und gedreht und gefangen und wehrlos gemacht . . . Armes Fräulein Lätizia!« spaßte ich.

Sie nickte zufrieden und überdachte etwas . . .

»Wenn ich nicht bei ihm war, so suchte ich doch überall, daß man von ihm rede. Und ich hörte nur Gutes. Sein Vater war doch etwas Ungebärdiges gewesen und auch die Mutter war auf Pianalpe so halb und halb verwildert. Als nun Ignazio aus der Gewerbeschule von Perugia kam und das Geschäft begann, hat er den Vater bald genug ans Seil genommen. Man hat zuerst gelacht, wenn der Alte mit den breiten Füßen und der Flinte an der Achsel . . . die ließ er nie, bis das königliche Verbot kam . . . an den Fäden auf und ab lief und hinter ihm die dicke Barbara mit der Spritzkanne . . . Man glaubte ja, diese zwei Vögel können nur noch oben bei den Steinhühnern leben . . . aber der Nazio! . . . o er hat . . . wie sagtet Ihr? . . . mich und sie und alles Norcia . . . ja, ich glaube er hat auch Euch in sein Seil gedreht und alles muß tanzen, wie er will . . .«

»Und ich denke, das ist ein braver, ein schöner Tanz.«

»Ein wenig langweilig,« seufzte mit drolliger Unaufrichtigkeit das hübsche Ding zwischen Mädchen und Frau . . . »Aber höret! . . . nein, es ist nichts . . . Steine sind ins Wasser gerollt . . .«

Auch ich hatte schon mehrmals sonderbare Geräusche durch den Nebel gehört. Es konnte ein unsichtbares Wasser, ein rutschendes Gestein, ein wildes Tier, ein erschreckter Raubvogel sein. Aber ich hätte geschworen, daß auch Musik damit lief, etwas von der silbernen Trompete Gherardos.

»Eilen wir, eilen wir,« bestimmte Lätizia, ohne daß ich wußte, ob damit die Erzählung oder unser Marsch gemeint war. »Die arge Großmutter schickte mich dann nach Spoleto in die Schule der grauen Suore . . .«

»Um noch hurtiger plaudern zu können?«

»Stört mich nicht immer, sonst hör' ich auf . . .«

»Um alles in der Welt, Frau Lätizia, redet weiter!«

»Um Nazio zu vergessen. Zwei Jahre war ich dort. Ich lernte fast nichts als Geschichtenlesen. Wißt Ihr, was wir Mädchen spielten? Seilerei! . . . Wir sammelten alle Schnüre und Fäden. Dann spannte ich sie und drillte und zwirnte von einem Fenster zum andern und wickelte meine Kameradinnen hinein. Den Faden zum Stricken oder zum Häkeln, o wie oft quirlte ich ihn auf und reichte ihn unter den Schulbänken der Lisa Tognola und der Reghina Barri und von da ging er rechts und links weiter und kam zu mir zurück und es gab ein gehöriges Netz und die Suora Amaryllis las uns das Paradiso von Dante vor und merkte nicht, daß wir statt bei Beatrice noch immer . . .«

»In der Unterwelt . . .«

»In der Seilerei des Ignazio Serti waren. So hielt er mich auch in Spoleto an seinen Fäden fest. Und es liegen doch viele Berge dazwischen. Als ich dann nach San Pellegrino zurückkam, sprang ich natürlich sofort wieder zu Nazio. Die Nonna wehrte entsetzlich ab . . . Ja so, das wißt Ihr nicht, daß ich eine Waise bin. Vater und Mutter sind bei der großen Epidemia gestorben, wo ich noch nicht einmal selber die Nase putzen konnte. Alles Geld hat die Großmutter, sie klopft darauf, sie regiert . . . Und sie drückte mich entsetzlich, daß ich in die alte Sippe der Sempieri hineinheiratete . . . Diesen Löffel von einem Giorgio sollte ich nehmen, der eine zu lange Zunge hat und Lisotto statt Risotto sagt.. – Nur weil er so reich ist, wie er dumm ist, soll ich ihn heiraten. Küß ihn, befahl die Nonna. Hihihi, ich knirschte mit den Zähnen . . . so!«

»Halt, halt, das kann ich nicht hören, Ihr verderbt . . .«

»O, ich habe Zähne wie Steine . . . Er konnte es auch nicht hören, er lief wie ein Hase davon. Seitdem haßte Nonna Caterina den Nazio noch viel mehr. Sie glaubte alles Unheimliche von den Klatschereien über die Serti. Wenn Gherardo wieder Birnen aus dem Garten des Canonico gestohlen oder eine Katze in die Sacristia gesperrt oder nach dem Ave noch einmal eine Glocke geläutet oder ein Mädchen in die Backe geküßt und gebissen hatte . . . o welche Streiche verübte der! . . . Die Nonna, wie sagt' ich? . . . Da rauschte sie großartig auf mich los: »Siehst du, sagt' ich's nicht? Geh doch, spring diesem Schandmenschen an den Hals« . . . Warte nur, cara Caterina, sobald ich achtzehn zähle, spring' ich schnell genug in die Via del Priore und falte die Hände und bettle: »Nimm mich, Ignazio!«

Lätizia wischte sich das feuchte Haar aus der Stirne und fuhr über die hübschen Buckeln, wie um sich rascher zu erinnern.

»Einmal bin ich . . .«

»Hei, Herrgott,« schrie ich, »was ist das?« Ein Schuß echote von Fels zu Fels, dumpf und dämmrig, aber doch unheimlich genug durch dieses stille, nun fast tropfende Nebelgrau.

Sie fuhr unwillig mit der Rechten auf. »Laßt mich schnell fertig machen. Seht Ihr nicht, daß wir gleich in die Sonne hinauskommen?« Sie zeigte auf das leise Rieseln. »Dort wartet Nazio.«

Also ein Jäger, beschwichtigte ich mich. Noch zu Weihnachten schießt und tötet man also hier. Aber, ich klopfte mir schnell auf die Brust . . . ich esse den Braten!

»Einmal bin ich dort an der Spindel gestanden, und als er nun wieder mit der Virginia im Mund und dem weißen Handschuh am Seil in den Sonnenschein herauskam, fragte er mich: »Was hast du da gesungen?«

»Nichts.«

»Ich hab' es fein verstanden . . . du sagst es ganz recht.«

»Ich geh aus dem Schatten . . .
Ich komm' an den Tag . . . das?«

fragte ich.

»Das! Ich höre mit beiden Ohren: jedesmal, wenn ich zu dir hinaufseile, komme ich an den Tag . . . du bist mein Morgen und Mittag und Feierabend, in somma, mein Tag! . . . Weißt du das etwa nicht? Tu nicht so unschuldig! . . . Und gehe ich weg von dir . . . so wird es Nacht, basta . . .« Flink drehte er sich um und raspelte an seinem schönen Geweb das Gäßchen hinunter.

Hundertmal schon fühlte ich, daß er so denke, und dennoch wurde mir vor Glück ganz elend, als er das sagte.

»So geh' nicht mehr weg,« sagte ich, als er wieder zurückseilte, und packte ihn am Handschuh . . . Himmel wie fest war die Hand darin.

»Ich muß. Komm du lieber mit, mein süßer Tag!« Das sagte er: »Mein süßer Tag!«

»Sogleich?«

»Sogleich!«

»Und da packte ich ihn auch noch an der andern Hand, an der ohne Handschuh, aber die zitterte jetzt. Und ich sah ihm gerade ins Gesicht und fragte: »Ist es wahr, daß dein Bisnonno im Zuchthaus gestorben ist?«

Er sagte ruhig: »Ja, das ist schon so.«

»Und daß ihr von Seeräubern herkommt?«

»Das wird am Ende auch so sein, betrachte nur meinen Gherardo!« Er lächelte dazu.

Ich wußte nichts mehr zu fragen.

»Wenn du bis zu Adam hinaufgehst,« sagte er dann lustig, »so findest du in jeder Familie einen, der im Gefängnis gesessen ist und sogar einen, den man gehängt oder geköpft hat . . .«

»O,« schrie ich Dumme.

»Aber auch einen, der heilig gewesen ist oder der seinem Volke zu essen gegeben oder ein Unglück vom Hals geschafft hat, so einen kleinen Joseph oder Moses, meinst du nicht? . . .« Und jetzt, wie spür' ich's doch bis heut, schüttelte er mich gewaltig an beiden Händen. Ich glaubte ihn zu packen, aber er hielt mich gepackt. Dann rief er: »Ich bin ich und du bist du und zwischen uns steht nur der Herrgott, und jetzt sag', was brauchen wir noch Tote und Lebendige?«

Und mitten im Gäßchen, wo die Piazza aufgeht, am hellen Tag, ob es dort Leute gab oder nicht, bin ich ihm um den Hals gefallen und habe gerufen, als müßten es alle Menschen wissen: »Du hast recht, Nazio, heiraten wir . . .«

»Wie gut, wie lieblich ist das!« entschlüpfte mir unwillkürlich. »Gebt mir die Hand! Ich muß eine so glückliche Hand drücken.«

Wir waren in der Spannung der Geschichte, ohne es zu merken, rascher gelaufen und jedenfalls ein tüchtiges Stück am Passe vorwärts gekommen. Schon eher hatten wir bemerkt, daß der Nebel dünner und es sonderbar licht vor uns wurde.

»Ah, bravo,« rief Lätizia ganz selig, »seht da!«

Aus einem Gewoge von weißem Rauch blitzte ein Sonnenstrahl herein. Aber gleich überschattete es ihn wieder.

»Ist das nicht Weihnacht?« fragte ich glücklich.

Sie verstand mich sofort. »Ja, das ist wahrhaft Weihnacht.«

Wir liefen, als könnte uns die Sonne davonrollen, rascher und rascher. Zwischenherein konnte Lätizia unter Prusten und Lachen doch nicht anders, als in abgerissenen Sätzchen erzählen, wie Nonna Caterina alle Hebel in Bewegung setzte, um eine »so schmutzige Heirat« zu hintertreiben. Lätizia mußte zum Arciprete, zum Sindaco, zum Waisenamt. Aber wenn sie begann, wie das alles mit dem Springseil angefangen und an Nazios schönen, weißen Seilen weitergewirkt und mit einem tapfern Knopf am Ende geschlossen habe, lächelten und nickten die grauen Häupter und segneten sie. Die Nonna verzweifelte fast. Sie weinte, kniete ab, drohte, fluchte, warf der Enkelin ganze Haufen alter Goldstücke in die Schürze und verriegelte sie wieder in den eisernen Koffer und saß darauf wie ein Drache ab: umsonst, Lätizia heiratete, nicht viel über siebzehnjährig, und fand alles, was sie bei Nazio ersehnt hatte. Sie half auch am Seil, verkaufte im Laden, hirtete in Pianalpe und wußte nie, ob die Monate oben am Paß oder unten in der Via del Priore schöner seien. Überall, wo Ignazio war, war es schön . . . »Nur auch ein wenig langweilig,« schmollte sie köstlich. »Seht, er ist zu gut und zu gut ist langweilig . . . Da ist es dann gerade recht, daß Gherardo manchmal einen Streich spielt.. – Wenn wir einmal genug Geld haben, muß er auf die Scuola forestale, er muß Förster werden, aber Capo forestale, Meister. Der Sindaco hat schon gesagt, daß man ihm gerne hilft. Er ist gescheit, er kennt jeden Baum, klettert wie ein Eichhorn und kann dann hier oben holdern und koldern wie ihm gefällt.«

Wir rannten jetzt förmlich, immer häufiger von einem blauen Auge des Apenninenhimmels oder einem Funken der Sonne getroffen. Wir versuchten, die lockern Fetzen Rauch mit den Händen wegzuwischen. Nun sahen wir schon vor uns ein weites Stück Straße wie ein goldener Fluß uns entgegenkommen. – Steinblöcke, Stauden, Kräuter glänzten wie entzündete Leuchter, die nahen Gestalten der Berge schwammen in violetten und rostgelben Massen hervor und standen an dieser hohen Straße niedrig, sozusagen Brust gegen Brust zu uns. Da, da war der letzte Schleier zerrissen, wir standen im schönsten Nachmittagssonnenschein der Paßhöhe, erschaudernd in der plötzlichen Wärme, und im Nu fingen unsere nebelnassen Kleider an zu tropfen und zu dampfen.

Über Lätizias Gesicht lief es wie feiner Tau. Ein Tröpfchen hing wie eine Perle an ihrem Näschen. Sie leuchtete und duftete, als käme sie aus einem frischen Bade. Wie ein Mädchen sah sie aus. Wohl, das Bad lieber Erinnerungen hatte sie so verjüngt.

Aber welche Welt stand da in der späten, tiefgelben Vergoldung des Tages weitum vor unsern Augen. In der Tiefe ganz vorne mußte das Tal des Tronto nach Ascoli hinunter führen. Wir sahen davon nur die jenseitigen bescheidenen Monti Girello und Ceruso, und was weit dahinter wie blauflimmernde Seide in den Himmel hinaufwehte, war das nicht das süße Gewässer der Adria, das offene Tor zum Orient?

Auf einmal fing etwas in mir zu wirken an, genau so, wie jedesmal, wenn ich auf einer Berghöhe die Offenbarungen der Weltweite . . . und auch der traulichen Weltenge! . . . erfahre; oder wenn ich, durch Winter und Weh ins Stüblein gefesselt, ein Reisebuch öffne und heroische Viertausenderschritte vernehme; oder wenn in meine brache Seele eine große Melodie, ein tiefer Vers ungerufen seine viel größere Seele schüttelt: die tausend Flügel meines Geistes lüften sich. O Seele, Seele, du liebes Ding, wie schön, daß du noch immer fliegen kannst! Fliege nur! Aber fliege mir nicht davon!

Links standen wir nahe an den Sibyllen. Der Monte Vettore, das Oberhaupt, erdrückte uns fast. Rechts neigte uns über ein Tal weg der Monte Sevo sein gnädiges Antlitz zu. Aber hinter ihm, noch südlicher, kam das ganz Große, die Aristokratie der Apenninen, die Gran Sasso-Gruppe. Ich kenne keinen ähnlichen Anblick. Trotzdem kann ich nicht sagen, was seinen besonderen Reiz ausmacht. Es sind gewölbte und stumpfe Formen zu sehen, aber kein Gletschergrün und keine herrische Geste gen Himmel. Dennoch steckt etwas unnahbar Düsteres, Machtvolles, fast Unerhörtes in dieser herzschlagslos stillen, zusammengepackten, dunkeln Gesellschaft, die uns den Mittag zu verriegeln droht, den lachenden Mittag Italiens. Ja, dort hört das Lachen auf. Dort haust keine Beata Risola, das ist die Welt des Aszeten bei Wasser und Wurzeln, der Tragödie eines Eremiten wie des Papstes CölestinPeter Morone, 1294, mit Gewalt aus der Wildnis gerissen und zum Papst gekrönt, resignierte im gleichen Jahr und starb als Gefangener 1296..

Jetzt standen diese Unholde bis zur halben Brust im frisch gefallenen Schnee des Dezembers. Aber sie wurden darob um keinen Deut traulicher. Ihr Herz blieb dunkel. Sie besaßen nicht den harten, majestätischen und dennoch festlichen Glanz unserer Viertausender. Es war vielmehr eine fremde, unvertraute, abenteuerliche Pracht in ihnen, etwas Unwahrscheinliches, Gespenstisches und doch so überzeugend Grandioses. Ich konnte mir die Gewalt ihrer Erscheinung nicht anders erklären, als weil sie in die Bläue der Meere rechts und links, in den Übermut dieses Himmels, in die Süßigkeit dieser Täler und Ebenen so wenig passen, wie ein schroffes Nein in lauter helle, lachende Ja paßt. Wenigstens von dieser Ferne aus! . . . In der Nähe, in ihrem eigenen Schatten, begreift man sie dann freilich bald, genau wie man den seltsamsten Menschen in seinem Heim und Rock und Stuhl gar schnell verstehen lernt.

»Schaut einmal zurück,« bat Lätizia, die sich über meine Schwärmerei langweilte. Ei, da waren wir ja aus einem unglaublich dicken, wüsten Nebelloch herausgekommen. Wer dächte, daß man da unten hatte atmen können. Über den Nebel, jenseits Norcia, tauchte die Kette der Spoletanerberge empor, mit dem prächtigen Monte Terminillo am südlichen Zipfel. Weiter nach Westen ging ein bläulicher Duft topfeben in alle Unendlichkeit hinaus. Darin versanken die Maremmen und das Tyrrhenische Meer wie ein Klümpchen Erde und ein Tropfen Wasser.

So erblickten wir nichts als Kuppen und Gipfel und gewundene lange Rücken und ferne ungewisse Meer- und Himmelsfarben. – Aber kein Haus, keine Landstraße, nicht einen Stein von einem Kirchturm, wo die gemütlichen Stunden schlagen, kein Wirtshaus, wo man gastlich in die Ecke zu einer warmen Minestra sitzt, kein Dorf, wo die Menschen sich aneinander erwärmen . . . oder auch aneinander erkälten . . . nichts dergleichen. Wir waren ganz allein mit der Sonne und den Bergen. Nur dann und wann unerwartet flog bei einem lauten Schlag des Steckens ein Schwarm Schneehühner auf, strich niedrig über die Trift und verschwand wieder lautlos im verhöckerten Boden.

Die Straße ging jetzt fast gerade und dort vorne war nun allerdings etwas Menschliches und kam uns winkend entgegen: Ignazio mit Mutter Barbara. He ho! tönte es uns schwach entgegen . . . he ho! antwortete Lätizia durchdringend wie ein Murmeltierpfiff . . . Sie kommen, sie kommen!

»So erzählt mir noch schnell den Rest,« bat ich.

»Es ist nichts mehr zu sagen. An der Hochzeit saßen wir am Tisch ohne Nonna und Biszia. Sie lieben mich immer noch, das ist keine Frage. Sie haben ja sonst niemand. Aber sie lieben mich wie Katzen, sie wollen mich für sich allein . . . Ich sollte geduldig bei ihnen hocken, in einer Schachtel etwa, und mich wie eines von ihren Goldstücken da angucken und streicheln lassen . . . Ja, ja, so ist es, wie ein Goldstück, und nur für sie glänzen, o Christo santo! . . . Es schmerzt sie, daß ich mich von ihnen getrennt habe; sie passen auf wie Katzen, wenn ich einmal an ihrem Haus vorbeigehe . . . Aber das Geld haben sie noch lieber. Und Ignazio hassen sie mehr, als sie mich lieben . . . auch das! Und so können sie absolut nicht in den Himmel.«

»Wer Euch nicht über alles liebt, kommt also nicht in den Himmel,« scherzte ich.

»Bin ich denn nicht gut, sehr gut?« fragte sie, ihre hellblaue Schürze ausbreitend, als wäre das ihre Seele, und forderte mich mit mädchenhafter Unschuld heraus, doch einen Flecken daran zu entdecken.

»Dem Nazio ist das alles ganz gleich,« tadelte sie. – »Aber mich plagt es furchtbar, daß man so schlecht gegen uns sein kann. Das Geld bekommen wir ja sicher einmal. Aber ich möchte es jetzt, oder doch die Hälfte. Wir würden dann ein schöneres Hans bekommen, das von Davide Ascorre an der Piazza, mit dem Balkon und dem großen Gitter an der Türe. Es wäre so hübsch, abends auf dem Altan die Blumen zu spritzen, und dem Arciprete auf die Piazza hinunter zu antworten: La riverisco, Reverendo, che bella sera! . . . Wenn Davide es nur nicht früher verkaufen kann! . . . Wir haben gehofft, daß Caterina nach und nach weicher werde, wenn sie sieht, wie glücklich Nazio mich gemacht hat. Aber das reizte sie nur noch. Gift und Galle speit sie gegen ihn . . . Oh, das war letztes Jahr ein Spaß, beim Erdbeben. Wir liefen nach San Pellegrino. Die ganze Nacht beteten wir im Garten neben dem Hause miteinander. Ihr habt ja gesehen, es ist das größte und nobelste Haus, aber auch das gebrechlichste. Nazio und ich und einige Paternoster lang sogar Gherardo knieten neben den Frauen und stützten sie. Immer wieder nahm die Großmutter meine Hand und flehte: Hilf beten, Kind! . . . Noch ein Paternoster, daß die Casa nicht zusammenfällt! . . . Noch ein Paternoster, daß unser . . . Tesoro . . . nicht geraubt wird . . . Denkt Euch, Signore, sie ließen ihn im Versteck und wollten ihn lieber verschütten, als von den Bauern suchen und herausholen lassen. Wahrhaft schäm' ich mich, das zu sagen . . . So haben wir also gebetet, und die Alten weinten, und Nazio lispelte mir ins Ohr: Das ist die Gnade . . . O, ich wußte es besser. Als alles gut vorbeigegangen war, nur daß ein paar Risse mehr im alten Hause waren, blieb auch alles beim Alten, der Geiz, der Haß, die harten Köpfe. Nein, lieber Signore, diese Sibyllen bleiben Stein, und Steine werden keine in den Himmel spediert . . .«

Hart und spöttisch kräuselte sie die Lippen, dann hüpfte sie, ohne mich weiter zu beachten, der alten Barbara und Ignazio entgegen.

Mir blieb noch ein Weilchen, über das Gehörte nachzudenken. Was wollte ich noch von diesem schönen Tag? Ich hatte ein rundes Stück Leben genossen. Warum sollte ich nun noch bei diesen Leutchen einkehren und übernachten? Gewiß hatten sie kaum genug Bequemlichkeit für sich selbst. Nein, ich beschloß wie bei einem schmackhaften Essen, wo ich gerade gekostet, was mir gut tat, nun vom gastlichen Tische aufzustehen, mich herzlich zu bedanken und weiterzuziehen.

Die kleine, runde, redselige Frau Barbara begrüßte mich schon wie einen Bekannten. Sie trug einen Henkelkorb am Arm mit wildem Honig. Den wird sie in die Casa Bosini bringen. Es ist der einzige süße Zusammenhang, den die beiden Familien noch behalten, wilder Berghonig, und eigentlich ist auch der eher bitter als süß, aber wie man hier schwört, hundertjährig machend. Die Mutter Serti sammelt ihn sommers in den Wäldern auf der Südostseite des Passes und verkauft das Töpfchen ziemlich teuer. Die Bosini tunken den Finger hinein, klagen, er sei heuer etwas fade, wägen vier Pfund davon ab und zahlen mit den widerstrebenden, dürren Zählfingern die entsetzliche Summe.

»Geh' diesmal lieber nicht,« bat die Tochter. »Sie werden grausig erbost sein wegen dem Concerto.«

»Doch, Mutter, geh' nur,« ermunterte Ignazio und klopfte die Asche von der bedenklich kurzen Virginia. »Dieser Topf sieht gar lieb aus. Sieh' ihn einmal an, Lätizia; gelb wie die Sonne . . .«

»Die werden ja doch nicht heller davon.«

»Aber doch einen Augenblick süß,« spaßte er. »Und man weiß nicht, was in einem süßen Augenblick geschehen kann. Denk du nur zurück, damals bei der Spindel . . . ›ich geh' aus dem Dunkel und‹ . . .«

Sie schlug ihm zierlich mit der Hand auf den Schnurrbart.

»Immer noch spielen sie wie Kinder,« sagte die Mutter zu mir und schüttelte glücklich den grauen Kopf. Sie wandte sich zum Abschied.

»Aber, Signora Barbara, Ihr könnt doch nicht so allein den dicken Nebel hinunter,« rief ich besorgt.

»Gherardo wartet doch,« erwiderte Lätizia.

»Gherardo?«

»Er ist doch beim Feuer geblieben. Dann ist er mit uns . . .«

»Mit uns . . . aber Frau Lätizia, ich bitt' schön.«

»So hundert Schritte hinter uns. Er geht lieber für sich allein, er kann dann machen, was er will . . . mit der Pistole und mit der Trompete . . . He ho! . . . he ho!« schrie sie rückwärts gewendet und die Hände wie ein Schallrohr vor dem Munde.

Wahrhaftig, irgendwo aus der Tiefe tönte sehr bald die bekannte wilde Trompete herauf.

»Da sitzt er wohl auf einem schwierigen Felsblock und bohrt Löcher in den Nebel,« scherzte Ignazio. »Er ist ein heilloser Kerl. Hast du nicht gesehen, wie er dem großen Gianni Wein in den Dudelsack goß? Aber die Mutter würde er lieber nach Norcia hinunter tragen als nur am Arme führen . . . Mammina, er muß bald nach Perugia, überlegt es mal . . .«

Sie wehrte schmerzlich mit der Hand ab. Aus der Tiefe der Straße musizierte es wieder und wieder. Und bei Gott, dieses grausame Trompetchen konnte jetzt auch zärtlich reden: »Kommst du bald, Mütterchen?« schien es zu fragen und versicherte dann: »Ich bin da! . . . keine Angst, ich warte schon! . . . He!« trillerte es, »soll ich dich nicht auf den Buckel heben und mal mit dir in die weite Welt hinaus traben? . . .«

Schließlich trippelte Frau Barbara mit dem bittersüßen Honighafen und ihren bittersüßen Hoffnungen straßab dem geliebten Schlingel entgegen. Der junge Mensch dort unten mit den abenteuerlichen Augen und den zerbissenen, hitzigen Lippen hatte also auch Güte in sich. Soweit die Sonne scheint, kann nichts, gar nichts völlig gefrieren.

Herzlich, obwohl es mich hier einladend genug dünkte, empfahl ich mich bei der Hütte Pianalpe von den jungen Eheleuten. Der Schnee von den Kämmen reichte ziemlich weit die Halden hinunter. Aber in der Paßniederung hatte ihn die Sonne geschmolzen, und mich dünkte, als wolle schon lenzliches Gras aus dem nassen Alpboden stoßen. Ein krüppeliges Gehölze zierte den nächsten Hang, ein Stall gefüllt mit Heu lag daneben, und eine Menge Schafe und Ziegen tummelten sich weit zerstreut in der Sonne. An der Hütte war eine kleine Käserei oder Molkerei angebaut. Ob und warum man hier mit dem Vieh überwintert, statt mit Tier und Futter ins wärmere Tal zu fahren, das fragte ich mich nicht und weiß ich heute noch nicht. Ich konnte mir beim Anblick der sonnigen Zufriedenheit, die hier um Heim und Habe spielte, gar nichts anderes vorstellen, als daß es so und gerade so sein müsse.

Lätizia band das Kopftuch los, Ignazio zündete mit dem letzten Streichholz seinen Zigarrenstummel an; dann eilten sie der kleinen Türe zu, indem sie mir winkten, doch mit hineinzukommen. »Übernachtet bei uns,« sagte Ignazio kurz und bündig, da er glaubte, ich zaudere aus eitler Höflichkeit. »Wir haben genug Platz.«

Als ich aber ehrlich erklärte, daß ich gerne den prächtigen Sonnenschein benütze, um noch ein Stück des Passes, vielleicht bis Arquata hinunter zu pilgern, wünschten die beiden Serti mir ebenso kurz und bündig Glück zur weiteren Weihnachtsfahrt. »Möge dir das Christkind begegnen,« sagten sie nach der alten Berglersitte, sich zu Weihnachten zu begrüßen. Nie ward mir ein besseres Abschiedswort gesagt.

Dann traten sie in die Hütte, winkten noch einmal von der Schwelle und schlossen die Türe fest zu. Im Rücken war auch schon das Mütterchen im Nebel verschwunden, die Silbertrompete schwieg, ich war wieder allein und begriff, daß sich soeben die Deckel über einem lebendig-schönen Histörchen geschlossen hatten, das man in keiner Sprache gerecht erzählen kann.

*

Und die Sibyllen? . . .

Ich wanderte damals nach Ascoli und von da nach Chieti hinunter, wie ein guter Wind mich etwa von einem Tag zum andern vorwärts trieb, bis es plötzlich hohe Zeit war, mich wieder in meine alte kleine Heimat über dem Gotthard einzukapseln. Und so verlor ich die steinernen Frauen ganz aus dem Auge.

Meine Leser möchten wohl gerne glauben, jene Ballade vor dem Bosinihause oder doch jenes Honiggeschirr habe endlich die Sibyllen von San Pellegrino erschüttert. O nein, so romantisch ist meine Novelle nicht. Es ging viel gewöhnlicher zu. Jene Erschütterung, die da nötig war, kam von einem der zahlreichen, ganz ordinären Erdbeben, die hier zuhause sind und ihr Gastrecht so brutal mißbrauchen.

Es war freilich ein sehr starkes Gerumpel, wovon ich einige Jahre nach jener Reise in unseren Zeitungen las. Gerade das Gebiet des mittleren Apennin zwischen der Hauptkette und den Vorgebirgen ward am schwersten betroffen. König und Königin und der Ministerpräsident besuchten und trösteten auch das Cornotal. Aber die Namen San Pellegrino oder gar Norcia las ich nicht unter den zerstörten Ortschaften. Es trifft die Norcianer immer nur so ein bißchen von der Seite, mehr wie ein gelinder Rippenstoß oder eine Ohrfeige des Vaters Pluto. Sie sind zu stark und zu schlau, um sich völlig bodigen zu lassen.

So sehr ich es wünschte, es gelang mir seitdem nicht mehr, das sibyllinische Städtchen zu betreten. Aber zuverlässige Freunde aus Perugia gingen dorthin, und ich gab ihnen Brief und Weisung mit und erhielt nun auch kurze Berichte. Darnach hätten jene Erdstöße doch recht bedrohlich gewirtschaftet. In San Pellegrino, das direkt unter einer Erdbebenlinie stehe, wurden mehrere Gebäude ernstlich beschädigt, doch nur der baufällige Palazzo Bosini mußte zum vornherein aufgegeben werden. Zum Unglück war damals die Großtante Lätizias gerade etwas unpäßlich. Bei achtundsiebzig Jahren unpäßlich sein, ist kein Spaß. Der Schrecken des unterirdischen Gewitters von drei Uhr morgens bis in den Mittag setzte der Greisin so zu, daß sie schwer erkrankte. Die Nonna geriet außer sich. Was hatte sie Lebendes als ihre Schwester auf Erden?

Wie schon einmal, kamen Ignazio und Lätizia noch bei Nacht mit ihren Seilergesellen, um die erste Hilfe zu bieten. Diesmal holten sie die beiden Damen, die fast nicht von ihren Ruinen wegzubringen waren, Ruinen sie selbst, kurzerhand nach Norcia. In ihrer Verwirrung hatte Caterina die Schürze mit dem unnötigsten Schnickschnack gefüllt, wie zerbrochenen Vasen, alten Seidenresten und Garnituren und am Arm trug sie den seit zwanzig Jahren leeren Vogelkäfig. Man logierte sie ohne viel Umschweife ins Sertihäuschen, das schmal und niedrig außerhalb der Porta Romana bereits in den Wiesen des Corno steht.

Zuerst muß es widerhaarig zugegangen sein. – Die Frauen wollten in den Albergo, aber der Albergo wollte die Schwerkranke um kein Geld. Auch kein anderes Haus öffnete den beiden übel Gelittenen die Türe.

Nach zwei Wochen starb die Tante. Lätizia und Ignazio hatten abwechselnd Tag und Nacht an ihrem Bett gewacht und ihr das Leben zu lindern versucht. Denn die Nonna, die anfänglich niemand zuließ, nickte vor Schwäche jeden Augenblick ein.

Vielleicht in diesen langen Nachtstunden, beim flackernden Kerzenlicht . . . das elektrische war gründlich zerstört . . . und den fliehenden Atemzügen, vielleicht beim geduldigen Abtrocknen der mit Angstschweiß bedeckten, harten Sibyllenstirne, vielleicht beim Einlöffeln des Honigwassers in den ausgedörrten Mund, beim milden Zulächeln und der grundgütigen Baßstimme Ignazios, wenn er etwa mit drei vier Worten Mut zusprach, vielleicht als Lätizia der Tante in einer leichtern Stunde die Geschichte der Beata Risola erzählte und dabei, so viel sie nur konnte, die Fabel auf ihre eigene Mühle leitete, während Nonna Caterina in der Fensternische saß, die Augen schloß, zu schlafen vorgab, aber diesmal mit gespitzten Ohren und einem Gewissen, das auch anfing, feinhörig zu werden, diesen lange nicht mehr vernommenen, fröhlichen, sorglosen Lebensklängen zuhörte, vielleicht durch all das tauten die Sibyllen nach und nach auf. Ganz bestimmt hat man mir das eine versichert, daß Ignazio die sieben Bußpsalmen, an die niemand, der sie kennt, und noch weniger, wer sie in seiner Ohnmacht einmal vorbeten hörte, ohne heilige Rührung denkt . . . daß Ignazio diese biblischen Gebete auswendig weiß und wundervoll vorbetet. Jeden Abend und bei jedem Erstickungsanfall der Alten las er sie am Bett knieend mit der ganzen Wärme seiner Seele vor. Und diese Stimme aus dem hoffenden Altertum, aus den Fluren Hebrons und den Hallen Jerusalems, diese Stimmen aus einer anderen Welt, rüttelten wohl das Herz der Kranken am meisten auf. Sie schwieg. Aber wer weiß, was sie dachte, erkannte, bereute, gelobte. Eine erleuchtete Stunde kann hundert Jahre Finsternis besiegen. Kurz und gut, die Zia starb in den Armen Ignazios . . .

Von nun an senkte die Großmutter ihr weißes Haupt, wenn der junge Mann an ihr vorüberging. Sie geht nun ins einundachtzigste Jahr, redet fast nichts, nur mit sich selber, wenn sie sich allein glaubt, geht nie mehr über die Schwelle, läßt sich wie ein Säugling besorgen, hält immer noch den Beutel im Sack, aber sagt, ohne ein Auge zu öffnen, immer häufiger »So langt doch zu und nehmt heraus, was es braucht« . . . Verzeiht mir! hat sie nie gesagt und nie: Ich bereue! . . . Aber oft sickern ihr im Schlafe, wo sie sich nicht beherrschen kann, Tränen aus den Augen. Am Tage ist sie milde, sitzt am Fenster, schaut oft zur Uhr und bewegt beständig die Lippen. Sie redet ohne Zweifel mit ihrer verstorbenen Schwester und sehnt sich stündlich nach ihr.

Droben von den sibyllinischen Gipfeln lacht die tiefgelbe Abruzzensonne ins Städtchen hinunter. In der Via del Priore fließen die Seile durch den kleinen Handschuh des Ignazio und leichte Virginiawolken kräuseln beständig in die Luft. Hinter ihm klappert in lauten Zoccoli Lätizia mit der Gießkanne und bespritzt das Gezwirnte und Gezopfte vorsichtig. Und hinter ihr, mit beiden Patschhänden in Mutters Rock verkrampft, stämpfelt linkisch ein junges, kohlschwarzes Sibyllchen . . .

Sie haben jetzt eine neue helle Glocke, Risola benamst, an die Ladentür gehängt und die schellt unaufhörlich. Denn alle Welt braucht Seile, Schnüre, Fäden, um das gebrechliche Glück und Leben besser zu binden und mit einem Knoten, wie Ignazio ihn schlingt, fest zu knüpfen. Wenn das Geschäft so weiter geht, können sie das Haus des Davide Ascorre an der Piazza bald kaufen, und Lätizia wird am Abend auf dem Balkon die Geranien begießen, während Ignazio seine Zigarre schmaucht und man dem Arciprete auf den Platz hinunter gnädig den Gruß erwidert: »La riverisco, Reverendo! che bella sera!«

Welch' schöner Abend? O nein, welch' schöner langer Mittag noch, ihr lieben jungen Begleiter auf dem Sibyllinen-Passe!

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