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Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
sendergerd.bouillon
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Wenn ich das jetzt aus der Erinnerung niederschreibe, so weiß ich sehr gut, wie wenig überzeugend, wie schwächlich es aus diesen Zeilen widerhallt. Damals aber beim Bildstock hoch über dem Cornotale, im Umkreis der höchsten Apenninen und im Zauber der grauen Weihnachtsluft, damals zwischen Fels und Strauch, in einer Stille, die nicht mehr stiller sein konnte, bei einer Erzählerin, die nicht mehr erzählte, sondern die Geschichte mit den Händen und Füßen und Augen, von tausenderlei Lachen umflattert, uns vorspielte und vorlebte, damals erschütterte mich dieses kecke Heiligenkapitel und mir schien, die Legende selber sei aus dem verblaßten Bilde gestiegen und habe auf diesem wildschönen Felsplätzchen hier ein zweites Mal zu wirken begonnen. Aus allen Tiefen glotzten die entsetzten Teufelsaugen empor, aus allen Höhen lachten ihnen die sterngelben Augen der Santa Marietta entgegen und warfen sie in den Abgrund zurück. Durch das gewaltige Schweigen der Landschaft hörte ich ein leises, siegreiches Lächeln gehen. Das Tal, die Flüßchen, die Wälder und Felsen, das ungeheure Gebirge, Himmel und Erde, alles, alles lachte, als gäbe es nie mehr etwas anderes als Friede und Freude den Menschen auf Erden.

»Wir müssen weiter,« verlangte da plötzlich Ignazio. Er sagte es mit seiner gewohnten Milde. Aber in die große Legendenstille fiel dieses so kluge und notwendige Wort dennoch merkwürdig unheilig. Als ob er das fühlte, lächelte er mich verlegen an, gleichsam um Verzeihung bittend, halfterte dann sich und Lätizia die Gerla über die Achseln, sog kräftig an der Virginia und marschierte voran. Die harte und doch auch gute Wirklichkeit trat wieder in ihr Recht.

Ein paar zähe Schweizerburschen könnten den Collo di Arquata, so heißt der Paß, eigentlich wohl an einem einzigen langen Reisetag bis nach Ascoli abhetzen, also bis ans Gelände des Adriatischen Meeres. Wer aber zur Unterhaltung der Seele wandert, eilt nicht; und ebensowenig, wer solche Lasten trägt wie Lätizia und Ignazio.

Bis zur Paßhöhe sind es bequem vier Stunden. Von da steigt man ins saftige Trontotal hinab und kann sich auf halbem Weg entscheiden, ob man wirklich links mit dem lustigen Flüßchen bis ans Meer wandern oder ob man dem Bergwasser entgegen reisen will, dem steilen Monte Sevo entlang, so viel als möglich, rat' ich, auf traulichen Nebenpfaden, und so bald auf, bald ab, oft in Wald und Busch, bis man in die stolze und doch so gnädige Abruzzenstadt Aquila niedersteigt.

Ich aber wollte gen Ascoli hinabsteigen und für heute nur so weit pilgern, als der Zufall oder die lieben Gespanen oder der Weihnachtsstern es fügte, den ich sozusagen über unsern Häuptern vorausschweben sah.

Ignazio rauchte, Lätizia rupfte unablässig Stauden aus dem Gestein oder schleuderte kleine Kiesel mit den Schuhspitzen über den Weg. Sie hatte sich mit der Legende noch nicht ausgetobt. Mein Herz aber saß immer noch in Castelletto und fragte sich kindisch, wie eigentlich der Hund so mir nichts dir nichts verschwinden durfte und ob wohl die Engel auf dem Heimwege mit dem Christkind nicht ein bißchen kleinlaut geworden und eine arge Spötterei des kleinen Gottes geduldig einstecken mußten.

»Ich war,« fuhr mich da mitten im Sinnen Lätizia heftig an, »entsetzlich zufrieden, als Ihr mit uns kamet. Denn mit Nazio kann man unterwegs nicht reden. Er sagt ja und raucht, sagt nein und raucht, und das ist langweilig. Aber jetzt schweigt auch Ihr. He, erzählt mir nun auch eine Novelletta!« . . .

»Auf Eure? Das wäre wie Wasser in süße Milch schütten. Hört lieber, was mir am Schlusse Eurer Geschichte so gut gefällt . . . daß die Sibyllen kommen, diese armen, alten Damen der Vorzeit, die nichts von allem haben, was wir Gutes besitzen, die kahl und saftlos sind wie die Häupter ihrer Berge da oben . . . Und doch, mit den Füßen stehen sie noch wie diese Berge in der grünen quellenden Menschlichkeit. Wenn sie nur jede Weihnacht an die Krippe kommen dürfen, die Hände am Herzen Gottes ein wenig wärmen, etwas Weihnachtskuchen essen und einen Schluck Weihnachtswein trinken, dann halten sie es wieder für ein Jahr aus . . . denn sie sind zäh gebaut . . . Ja, ich bin so kühn und glaube, sie könnten nach und nach wieder jung werden, Menschen wie wir, wer weiß,« ließ ich mich mehr und mehr fortreißen, ohne Lätizias geringe Aufmerksamkeit zu beachten, »wer weiß, vielleicht sind sie gar nicht mehr Heidinnen, nachdem sie von Apoll und Venus so lange nichts mehr gehört haben, vielleicht sind sie in einem Winkel ihrer Seele schon gläubige Christinnen . . . dann aber, sagt selbst, wenn das Christkind sie in Castelletto einließ, wird es schon nicht anders dürfen, als sie auch in die ewigen Kastelle des Himmels aufzunehmen.«

Da widersprach mir Lätizia beinahe barsch. »Die Sibyllen sind sehr böse Weiber, das wissen wir hier besser als ihr Fremdlinge aus . . . Prussia! . . . Sie schütteln den wüsten Nebel aus ihren grauen Röcken, sie spucken den Hagel über unser Obst, sie blitzen und donnern aus ihren kleinen falschen Augen, sagt man. Wie viel Übles haben sie nur schon unsern Hirten zugefügt. Sie verhexen das Vieh oder verschütten die Alpen oder treiben sonst dumme Späße mit uns armen Bergleuten . . .«

»O, das ist Aberglaube, liebe Frau, die Natur, die Natur . . .«

»Schön, die Natur!« ereiferte sie sich. »Wenn sie uns in der Silvesternacht alle Fensterläden aushängen, he, Ihr? . . . und die Milch am Aschermittwoch rot und bitter machen? was sagt Ihr? . . . und den Ziegen die Bärte glatt abschneiden und den Schafen ein verdammtes Zeichen, das niemand lesen kann, so schlecht ist es, in die Wolle brennen, he? . . . Und . . . und . . .« rauschte es über ihre genetzten vollen Lippen, »wenn sie uns in der Allerheiligennacht in der verriegelten Stube . . . in der ver . . . rie . . . gel . . . ten Stube die Bilder der Madonna und Santa Scolastica verkehrt an die Wand hängen und greuliche Spinngewebe um den Kruzifix hängen, mit Spinnen, sag' ich Euch, die Augen haben wie Flintenkugeln und die auch, wenn man sie mit dem Scheit totschlägt, knallen wie ein Flintenschuß und kohlenschwarzes Blut verspritzen . . . wenn es Euch trifft, könnt Ihr monatelang daran doktern . . . was sagt Ihr dazu? Hab' ich es etwa nicht selbsteigen gesehen?«

Zerknirscht senkte ich den Kopf vor solchen Zeugnissen.

»Ja, in Castelletto, so zwischen Gott und Teufel gestellt, wie durften sie anders als sehr, sehr bescheiden tun? Aber ich frage: Sind sie niedergekniet? haben sie dem Santissimo die Füße geküßt? . . . nichts, gar nichts! . . . höflich, ja, und stolz taten sie wie . . . wie . . . arme Aristokraten . . . o ja, ganz recht sag' ich . . . wie die Signora di Piantalto mit ihrem Gecken, dem Lontino Teobaldo in der Villa gerade vor dem Städtchen . . . das sind nämlich unsere hohen, feinen Aristokraten . . . oder wie die Mortoni in Sanluce und wie . . . wie die . . .« sie errötete, »die . . . die Sib . . . kurz, die Sibyllen kommen nicht in den Himmel,« entschied sie.

»Wie wer noch?« fragte ich. »Redet aus!«

»Nichts da! einfach alle Sibyllen, alle!«

»Ich weiß aber doch, wen Ihr noch aus dem Himmel riegelt.«

Die niedrige Stirne der Frau wurde rot. Sie schmiß einen Stein gewaltig über den Ranft in den Abgrund hinunter.

»Lätizia,« warnte Ignazio gemütlich, »paß auf, da unten können Ziegen am Bache sein oder sogar Hirtenbuben, man weiß nie.«

»Warum nicht gar,« zürnte sie, aber widerstand doch, den nächsten bequemen Stein in die Tiefe zu bugsieren. »Sagt mir doch, wen ich meine? . . .«

»Eure Großmutter und Großtante,« versetzte ich fest. »Hab' ich doch selber, nehmt es mir nicht übel, als sie so schwarz und steinalt aus dem Hause sprangen und wieder so schwarz und alt darin verschwanden, an Sibyllen denken müssen; nur daß Sibyllen gewöhnlich nicht mehr küssen,« fügte ich unartig hinzu.

Sie warf schmollend die Lippen auf. »Hör', Nazio, jetzt machen wir in Zukunft lieber den Umweg hinter Marino Benzis Stall, so hört das einmal auf!«

»Warum?« widersprach Ignazio. »Wenn sie doch so dick Freude haben, dich wieder einmal zu liebkosen . . . di carezzare sagte er ganz arglos.

»Gut, gut,« rief sie immer böser werdend, »wenn es dich so wenig kümmert, wer mich küßt . . .«

»Aber, Carina,« er hob den hübschen Zeigefinger, »soll ich etwa eifersüchtig werden wegen zwei alten Frauen? . . . Probier es einmal ein Junger! . . . er komm' mal nahe . . . ho, Frauchen, ich will dir zeigen, ob ich nicht aufpasse . . .«

Weich sagte er das. Es quoll, wie alles, was er sprach, nicht aus dem Munde, sondern aus irgendeiner milden Orgeltiefe seiner Seele hervor. Aber diesmal spielte diese Orgel um einen Ton höher und schärfer. Eine unverwüstliche Klarheit schaute aus seinen tiefen, kleinen Augen.

Es entstand ein seltsames Stillschweigen.

»Nicht wahr, Signora,« unterbrach ich gerne, »ich habe es erraten? Und nun glaub' ich fest, auch Euren Sibyllen lächelt das Christkind. Wem sollte es nicht lächeln? Habt Ihr nicht selbst erzählt, daß man in Castelletto »Friede den Menschen auf Erden« gesungen hat?«

»Aber,« fiel die kleine Frau rasch ein, »es heißt: »Die eines guten Willens sind.« Und die Hexen von San . . .«

»Lätizia!« bat Ignazio schier lustig.

»Die Hexen von San Pellegrino haben keinen guten Willen. Sie hassen Nazio . . . und sie liegen wie Hühner auf dem Geld, als ob es Junge gäbe . . . hihihi,« klingelte sie munter über den komischen Einfall. »Ihre Küsse, wißt, kosten nichts, nicht einmal ein Kupferstück. Das kann man schon ausgeben.«

Sie schnob aus ihrer kleinen Nase wie eine Katze. »Wenn Ihr alles wüßtet . . .«

»Lätizia,« bat ihr Gemahl, »lassen wir das! 's ist einmal so und hat gar keinen Zweck, sich damit noch zu ärgern. Seien wir froh, daß wir es trotz allem so schön haben . . . daß . . .«

»Wenn du wenigstens ein bißchen zornig sein könntest,« grollte sie drollig. »Wenn du schimpfen und die Faust diesen Geizhälsinnen vor die Schnupftabaknase halten könntest! Vielleicht nützte das. Aber dir ist alles gleich. Du lachst und nickst und sagst: Geduld, Geduld! . . .

O, wir passen gar nicht zusammen, gar nicht.« Aber indem sie das beteuerte, erhaschte sie seine Hand, umklammerte und preßte sie an ihre auf- und abwogende Brust . . . »Wenn du nur rauchen kannst, Böser, ganz Böser du!«

»Das mußt du jetzt auch einmal probieren, wenn wir etwa im Pianhüttlein sitzen, rings im Schnee, und den ganzen Tag finster haben und gar nicht wissen, was machen . . .«

»Ach was!«

»Es ist aber doch so,« wandte sich Ignazio zu mir. »Das Rauchen hat mich so ruhig gemacht. Früher hab' ich alles überstürzt; seit ich rauche, nicht mehr . . .«

»Dann hast du schon in den Windeln geraucht,« spottete sie herzlich, »an der Virginia statt am Succhino gelutscht!«

»Lach' mich nur aus, du ganz und gar unheilige Risola! Aber es ist doch so, wenn ich rauche, arbeite ich.«

»Arbeiten?« fragte ich verwundert.

»Mich dünkt, mit dem Rauch da ist es wie mit dem Denken. Ich muß zuerst stoßen und blasen, bis das Wölklein kommt . . . seht, so! da schwebt eines! . . . und muß den Rauch fliegen sehen . . . Ja, fast verfliegen sehen, bis ich ihn recht kenne und davon einen . . . ach wie . . . so einen Genuß davon bis ins Herze hinunter bekomme . . . 's ist nicht das gleiche, wenn ich ihn auf der Zunge oder in der Nase behalte . . . er muß einfach noch hinaus und mir ein Bild vormachen und zer . . . zer . . . zerkräuseln . . . verdunsten . . . dann erst fängt es an inwendig zu wirken . . . Und so ist es mit dem Denken bei mir. Erst wenn ich alles so rund und lebendig wie das Räuchlein ausgedacht und ausstudiert habe . . . erst wenn . . . mag ich davon reden . . . Ach, ich kann es nicht erklären . . . ich habe nicht deine Zunge, Lätizia,« er warf die Hände trostlos von sich. »Und so wart' ich dann, bis ich's genau gesehen habe und bis ich's kurz und recht sagen kann . . . das heißt, ich sage dann das meiste gar nicht mehr . . . es ist dann eben oft kein guter Tabak und kein guter Rauch gewesen . . . ist nur so ver . . . verpufft . . . ja so verpufft . . . Es hätte gar nichts genützt, das zu sagen . . . So aber lernt man warten, schweigen, Geduld haben . . . man, ach, was fas'le ich da, man wird einfach ruhiger . . . und zufriedener beim Rauchen, und drum, Lätizia, mußt du's auch einmal versuchen . . .«

Ich konnte mir das frische Mäulchen Lätizias mit einer Virginia gar nicht vorstellen. »Verhüte Gott, daß Euch das ernst ist,« beschwor ich. »Lätizia wird schon ruhiger ohne Zigarre. Jetzt ist sie eben selber noch so eine hübsche, junge, funkensprühende und wölkleinblasende Zigarette . . .«

»O Signore, das hat mir noch niemand gesagt . . . eine Zigarette, ich . . . so rauch' mich doch, Nazio, statt die alte Virginia da . . .«

»Da könnte ich mich wohl gehörig brennen, potz Blitz . . . diese Virginia ist viel weniger gefährlich.«

Lätizia stand still und hielt sich die Hüften vor Lachen.

Doch mir lag viel daran, das Gespräch bei den Sibyllen zu behalten. »Darin aber,« wandte ich mich an Ignazio, »habt Ihr sicher recht, wenn Ihr dem Ruhigsein und dem Geduldigsein mehr Kraft zutraut als der Gewalt. – Menschen und gar steinerne Menschen wie die Sibyllen kann man nur mit Milde gewinnen. Schaut einmal da hinunter, Frau Lätizia, was glaubt Ihr, wieviel Regen und wieviel noch weichere Sonne hat es gebraucht, bis die Felsenrinde geborsten ist und die Schlucht aufging und das offene, ehrliche Herz der Erde zeigte? Und es gibt Menschen, die haben solche Felsen ums Herz gebaut. Da braucht es auch Sonne, milden Regen, Güte, Lächeln, Jasagenkönnen, kurz alles, was Euer Mann besitzt. Oder zeigt mir einen andern Hammer und Bohrer, der da öffnete! Habt Ihr einen im Sack?«

Lätizia nickte und schüttelte den Rückenkorb. Ignazio erschrak. Aber sie merkte nichts und rief lebhaft: »Ich wußte schon, daß Ihr beide einander helfet. Sobald es gegen eine Frau geht, steht Ihr Männer hurtig zusammen. Aber wenn Ihr tausend wäret, so hab' ich doch recht und bleib dabei: Die Sibyllen von San Pellegrino kommen nicht in den Himmel.«

Mich kitzelte die Neugier immer stärker, was für eine bittere Geschichte wohl die Frau hier, die doch so hübsch wie Apfelblüte und so gut wie Apfelfrucht war, zu einem solchen Gallapfel gegen ihre Verwandten gemacht habe. Daß Großmütter eine verwegene Heirat nicht segnen und ihren Schwiegerenkel nicht umarmen wollen, kommt doch öfter vor. Deswegen schmecken Hochzeitskuchen immer noch gut. Nein, dahinter mußte ein tieferer Grund stecken.

In der sogenannten guten Gesellschaft hätte ich eine solche Neugier natürlich verbergen müssen. Es wäre unanständig gewesen, weiter zu fragen. Hinter dem Rücken der Leute durfte ich freilich nachher, so frech ich wollte, der Sache nachspionieren, nur nicht fragen wie ein Bruder den Bruder fragt. Das ist der Anstand, eine unehrliche Mauer zwischen Mensch und Mensch. Gottlob, auf der italienischen Erde und besonders in einsamen Gegenden, welche die Fremdensaison noch nicht verseucht hat, gibt es noch wenig von diesem gemachten und dafür mehr vom natürlichen Anstand. Hier ist man noch viel menschlicher und brüderlicher als anderswo. Sehr bald wird man vertraut, sagt sich du, bricht mit apostolischer Einfalt das gleiche Brot und schöpft aus der gleichen Schüssel. Sehr bald schlägt man den gleichen Mantel über beide Schultern und unter diesem gemeinsamen Dach geht dann ebenso rasch das eine Herz zum andern hinüber spazieren und offenbart ihm sein Heißes und Kaltes. Neugier wird da Tugend, Fragen Wohltat, Antworten Erleichterung. Meine Genossen gehörten sicher schon zur gebildetern und wohlhabendern Gesellschaft Norcias. Dennoch wußte ich bestimmt, daß auch sie noch diese schöne Unverdorbenheit und Freiheit vom Anstand bewahrten, daß wir in unserm Plaudern schon nahe genug gekommen, daß ich fragen durfte, daß wenigstens Lätizia darauf wartete. Aber ich, ich selbst steckte noch zu steif in eben diesem blöden mondänen Anstand, als daß ich geradeswegs gebeten hätte: Liebe gute Mitmenschen, erzählt mir euren Spaß und euren Verdruß. Es ist ja auch der meinige!

Und so gingen wir denn unter gleichgültigen Worten, wie man sie redet, wenn etwas viel Wichtigeres auf der Zunge harrt, etwas langweilig weiter.

Aus den Schluchten oder vielmehr hinter den Sätteln und Jochen des Gebirges südöstlich flog plötzlich langsam ein dünner, weißer Fetzen hoch und wehte uns entgegen. Noch einer und wieder einer. Wir wußten sogleich, was das zu bedeuten hatte: einen Nachmittag voll Nebel. Schon nach wenigen Minuten guckte über den Einschnitt des Monte Sevo etwas Helles, Rundes herein, wie der Kopf eines ungeheuren Schafes. Dann folgte der Nacken, der mächtige Pelz wälzte sich hinunter, schob sich zu uns herüber, und in kurzer Zeit waren die Berge von der kolossalen Wolle dieses Widders völlig aufgeschluckt. Gut so! dachte ich. Wenn wir recht im Nebel stecken, dann wag' ich's und frage doch.

Aber jetzt kamen wir in eine Art Bergfalte hinein. Der Himmel ward schmal, die Aussicht gesperrt, Felsen wuchsen empor, unsere Schritte hallten ganz anders als vorher. Eine stattliche Schlucht schloß uns ein. In der Tiefe murmelte etwas wie Wasser oder Wind oder sonst eine milde Musik. Dort deckte der Nebel schon allen Grund. Nun flog er auch an uns heran und umwirbelte uns von allen Seiten, lautlos, feucht, von Erdgeruch und Legendengrau geschwängert, mild und gemütlich, als rauche Frau Erde ihre behaglichste Nachmittagspfeife. Wir mußten zusammenrücken, um uns deutlich zu verstehen und besser ins Gesicht zu sehen. Nur eines war noch gemütlicher als dieser große Nebel, der kleine Nebel aus der immer wieder geduldig angezündeten Virginia Ignazios.

Das sonderbare Musizieren wurde nun lebhafter, Ignazio lächelte zufrieden in den Nebel hinein, Lätizia klapperte rascher auf ihren Holzsohlen . . . was gibt es? Manchmal näherte sich etwas Dunkles rechts oder links oder geradeswegs von vorne. Wallte der Nebel ein wenig auseinander, so war das Bergwand und immer nur Bergwand. Aber nun zeigte sich etwas Weißeres als der Nebel unter uns, kam zu uns herauf, fing uns auf: die große schöne Paßstraße. Und was war nun das? Der Nebel rötete sich, es duftete von Kastanien . . . ach, Züricher Nebel, dunkler Dezember, die Forchstraße hinunter zum Kreuzplatz, die Bretterbude, der Tschingg, Marroni, heiße Marroni! . . .

Nein, das war mehr. Da lagen in feuchten, lehmbraunen Jacken und umwickelten Hosen sieben oder acht Männer, die sich gewiß durch den ganzen Advent nie gewaschen hatten. Ein Kessel hing über dem Reisigfeuer. Auf hölzerne Teller schmissen sie die eigelbe Polenta und aus ledernen Schläuchen, wie mir schien, tranken sie den Wein dazu und zwischenhinein scharrte man Kastanien aus den Gluten und warf sie einander zu. Der Älteste mit einem verworrenen, wahrhaften Abruzzenbarte klimperte ernst auf einer Schlagzither, gab, als wir nahetraten, ein Zeichen und im sagenhaften Gemisch von Lagerrauch und Nebel und den dazwischen hüpfenden Funken tanzte nun eine Musik aus Pfeifen, Dudelsäcken und Zithern empor, die mich an die Urzeiten der Nomaden erinnerte, so fremd und doch so menschlich scholl es, sehnsüchtig und blutig, einmal schwermütig wie die Nacht und dann wieder blitzend von jeder Frechheit des Tages. Besonders ein Silbertrompetlein, das ein unbärtiger Junge mit gewaltigem Geloder der schwarzen Augen und mit zernagten, brandigen Lippen blies, blendete geradezu. Mochten die Säcke brummen so tief sie wollten, dieses freche Metall trillerte so hoch und grell über alles Schwere hinaus, daß einem die Ohren vom Jubel wehtaten.

Die Musikanten begrüßten Ignazio mit einem würdigen Nicken ihrer Instrumente, ohne jedoch das Stück abzubrechen. Dieser setzte sich denn auch wie ihresgleichen zwischen sie, ließ die Virginia am Feuer anglimmen und lauschte glücklich ins Spiel hinein. Lätizia und ich kauerten uns neben ihn. »Wären wir nicht so früh von Norcia aufgebrochen,« vertraute sie mir, »dann hätten wir die Bande schon am Kapellchen getroffen. Dort machen sie wieder Halt. Dann hört man sie bis in die Stadt hinunter.«

»O dort hörte ich eine andere Musik, die war mir noch viel lieber . . . Gute Frau Lätizia,« wagte ich jetzt in ihr vom Feuer wie eine Rose erglühendes Gesicht zu betteln, »erzählt mir jetzt nach dem Lachen der Risola auch den Zorn oder Kummer der Lätizia! Denn glaubet mir, so ein Erzählen macht leicht, und vielleicht kann ich Euch dann zum Troste etwas Ähnliches aus meinem Norden berichten, wo es viel kälter ist als hier und wo dennoch die kälteste Gletschersibylle nicht bis ans Ende der Liebe widerstehen kann. Erzählt doch, erzählt!«

»Wartet doch!« befahl sie; denn ein Hirte neben uns bot der Frau und mir gerade auf einem rohen, verschmierten Brett von der Mahlzeit. Es schmeckte uns vorzüglich. Hiernach ging wieder das Musizieren los, aber nun bloß mit der Schlagzither und dem weichen, dumpfen Getöse eines einzigen Dudelsackes. Mitten drin stand ein fünfzigjähriger Mann auf, mit einem rothaarigen runden Römerkopf, einer straffen Haut und scharfen, schlauen Augen. Lätizia klatschte ihm vertraulich zu. Mir schien, ich kenne ihn auch, als er die Backenknochen beim Pathos seiner Verse immer schärfer spannte und aus tiefen kleinen Augen einen seltsamen braunen Glanz über sein Lied goß. Es war etwas Uraltes, mit verschollenen mundartlichen Ausdrücken aus diesen Alpen gefärbt und mit Neuem und augenblicklich Erfundenem aufgeputzt. So konnte ich das Wörtliche nicht gut verstehen. Aber der Sinn der zahlreichen Strophen war, daß hier einmal zwei Banditen Alfonso und Alfonsino hausten, mit einer Seele, »kalt und leer wie Wasser,« und viel Blutiges verübten. Niemand konnte sie bändigen, »kein Buch, kein Beil.« Die ganze Landschaft seufzte unter ihrer Bosheit »wie unter zwei tiefen Wolken, die Eisen und Tod regnen.« Der Papst bannte, der König ächtete sie. Sie putzten darob nicht einmal die Nase.

Da stiegen die Sibyllen zu ihnen nieder und warnten sie . . . Hier kreischten drei Holzpfeifen in die Musik . . . Die Briganten jedoch lachten sie aus . . . das war das Trompetchen des Jungen, das jetzt höhnisch hineinschäkerte . . . Man gab den Greisinnen etwas vom Raub zu essen, warf ihnen einigen gestohlenen Plunder um und jagte sie dann mit ungalanten Püffen zur Höhle hinaus. Was wollt ihr Bettlerinnen? spottete es ihnen nach. Könntet ihr lieber selbst noch ein wenig räubern! Ihr Habenichtse tätet es gerne genug, wenn euch nicht der Mut und die Krallen stumpf geworden wären!

Nun kam Sertorius, der General di Roma e di Spagna. Im Liede hieß er der Gran Serit senza denti. Der zürnte heillos und wollte die Alfonsi stracks Ordnung lehren. He, schweig du, Patron und Schutzengel aller Banditen! gab man zurück. Hast du nicht zuerst diese Berge mit Blut gewaschen und mit Menschenknochen möbliert? Alter Serit, der Wolf wird erst Missionär, wenn ihm die Zähne ausgerissen sind . . . Aber ausgerissen . . . ausgebissen . . .!

Jetzt wehte eine andere Luft. San Benedetto nahte. Er predigte und schüttelte gewaltig den Mantel dazu, und es flogen Schwerter und Flammen wie Schneeflocken daraus. Nicht einmal das erschreckte das Paar. Geh, verlangten sie, verschneckle dich in deine Zelle und bete für uns. Piu non permettemm . . .

Da, da . . . der glutäugige Jüngling trompetete wieder . . . kam endlich das Santissimo Bambino ganz allein und ohne Angst in die Höhle getrippelt und trug nur ein Hemd, und das war zerrissen, so daß man einen großen roten Flecken sah, wo das Herz ist. So etwas hatten die Alfonsi noch nie gesehen Sie spürten, da kam etwas Unwiderstehliches, und wollten eilends davon laufen. Aber der Sohn kehrte sich in einem Schauder von Neugier um. »Schau nicht zurück,« flehte der Alte, »es hext . . .« Aber Alfonsino konnte schon nicht mehr vom göttlichen Gesichtlein wegblicken. Und er fragte: »Kind, seliges, wer hat dir so weh getan?« . . . »Zwei Räuber!« . . . Der Junge wild: »Wo regieren sie?« . . . »In diesen Bergen!« . . . »Was? ein Kind anfallen, ein so zartes, so armes . . . Wir wollen sie züchtigen, Vater . . . wir sind nicht Mörder an Kindern . . . nur an den fetten und satten Großhansen . . . Aber nein, wie du blutest, Kind! . . . Vater, gib Pulver, an die Wunde zu streichen, das tut gut . . . und nimm meinen Gurt, sie zu verbinden . . .« Und der Sohn riß den Vater vor das Kind auf die Knie und sie bliesen Pulvermehl über das wunde Herz und salbten Öl darauf und verbanden es ordentlich und machten alles leise, leise, so grob auch ihre Hände waren, und fragten nochmals: »Wer sind die Elenden? noch heute schlagen wir sie tot! und wie heißest du, daß wir es ihnen in die Fratze schreien, wessentwegen sie in die Hölle fahren . . .?« – »Christ vom Himmel bin ich und Alfonso und Alfonsino Grandi sind meine Mörder,« antwortete es so lieb, als sänge es das hübscheste Lied . . . Das traf! Sie fielen nieder und küßten seine Füße und weinten und baten um eine Strafe, groß und schwer wie das Gebirge. Und sieh' da, wie sie die Augen erheben, ist das Christkind verschwunden und . . . echt balladenhaft und echt räuberisch . . . am Boden lag der dicke, schwere Gürtel, in pures Gold verwandelt, und das Pulverhorn mit Edelsteinen gefüllt. Und so zogen sie fort und wurden reich und gut . . . ricchi ed onesti . . . noch ein hübsches Leben lang . . .

Wie trefflich hatte der Mann gesungen! Das Christkind und den Sohn Alfonsino gaben zwei andere. Jener aber spielte die größte Rolle und improvisierte viele Kleinigkeiten hinein, ich glaube jedesmal dann, wenn er an seinem Schnurrbart, der vom Nebel taute, so sonderbar zupfte und der Frau Lätizia bedeutsam zulächelte. Die Schlußverse sangen alle mitsammen und es hallte in den wundervollen italienischen Pässen von Fels zu Fels:

        Bendi, cheil saunt e bel
Col suo gris mantel!

oder

Ai, che i nom' sapremm
Tutsch dü maccelleremm
O, daß wir die Namen wüßten, alle beide würden wir schlachten . . . Dialekt, den ich hier nach dem Ohr und der Erinnerung sehr plump wiedergebe. . . .

Es folgten andere Sänge zwischen Polenta und Spoletanerwein. Einmal sprang der knabenhafte Trompeter ans Feuer und tanzte mit seinen Samthosen und bebänderten Waden dicht um die Flammen. Wilde, heidnische Weisen stieß er in einer Art Trunkenheit aus dem Silber. Gewaltig loderten die Augen aus dem schmutziggelben Gesicht. Manchmal riß er die Musik jäh ab, stand wie ein Verzückter da, die bartlosen, zernagten Lippen weit offen, und starrte über alle Köpfe hin, die ihm ziemlich gleichgültig schienen, durch den weiten Nebel in irgend eine Eroberung der Welt hinaus. Wenn der aus den Bergen in die Menschenstädte zieht, der wird musizieren und tanzen machen, daß es stieben wird. Wie die andern trug er um sein kastanienbraunes Haar eine Kordel, an welcher der Weihnachtsstern niederbaumelte. Aber man dachte hier wahrhaft nicht an etwas Christliches, sondern eher an einen Sohn der Sibyllen, an einen rauhen, dionysischen Schlingel . . . Lätizia zupfte ihn manchmal scherzhaft am Kittel, damit er wieder zu sich käme und weiter tanzte.

»Wer ist das?« fragte ich.

»Mein Schwager Gherardo.«

»Ja . . . a . . .?« staunte ich, »der Bruder Eures Ignazio?«

»Und warum nicht?« fragte sie ergötzt. Noch mehr, der Sänger sei ihr Schwiegervater Odo. Fast jede Weihnacht gehen sie mit der Bande, da sie ja den gleichen Weg haben, ein Stück mit, nicht professionsmäßig, nur so aus Spielmannsfreude . . . Ganz gewiß würde uns nun bald auch die Schwiegermutter begegnen.

Mich fror fast bei dieser Kunde. Ich hatte an ein warmes Zusammenhocken dieser Familie geglaubt, an heiße Hände und inniges Ade, und stattdem gingen diese Eltern und Kinder jedes einzeln, man grüßte sich kaum und traf und schied sich sozusagen mit der brutalen Nüchternheit der Straße. Ich Voreiliger!

Ohne klaren Grund war ich ganz verstimmt und wollte jedenfalls nicht weiter in diese Familie dringen, durch die eine so kalte Straße lief. Als wir auseinandergingen, der Vater wirklich ohne Gruß mit der Bande bergab zog, während Gherardo noch am Feuer sitzen blieb und uns gleichgültig den Rücken drehte, da rechnete ich, das Schönste meines Weihnachtsmarsches sei verlebt. Aber ich durfte ja damit schon reichlich zufrieden sein.

Nur der Häuptling Lazaro mit der Zither und dem Abruzzenbart hatte uns allen die Hände geschüttelt und zu Ignazio gesagt: »So, jetzt geht es zur Cappelletta und dann wird noch in San Pellegrino vor Euren guten Freunden gesungen. Sollen wir grüßen?« Gutmütig klopfte er dem Ignazio auf die Achsel.

»Spielt Ihr wirklich in San Pellegrino?« fragte ich hastig.

»Vor dem Hause der Bosini . . . das ist alte Sitte . . . ma piano, piano . . . daß es nicht wie die Stadt Jericho zusammenfällt.«

Jetzt packte ich ihn fest am Arm und sagte zugleich zu ihm und Lätizia: »Dann bitt' ich, singt den Sibyllen die Ballade deutlich . . . versteht Ihr, recht deutlich ins Fenster hinein!«

Der Abruzzenbart lachte schlau. Lätizia nickte. Sie merkten bereits die Schelmerei.

»Nicht wahr, Frau Lätizia, sie sollen vor Euern Verwandten einmal nicht von zwei Räubern, sondern von zwei alten Sibyllen singen, die sich gar nicht bekehren wollten trotz Sertorio und San Benedetto, bis das Christkind kam. Das müßt Ihr hübsch improvisieren, deutlich, aber nicht giftig. Ihr zeiget, wie die Sibyllen zuerst die Gesichter verhüllen und sich die Ohren zuhalten, dann aber doch das blutige Herz nicht übersehen können und merken, warum es so blutet . . . bis die steinernen Damen schmelzen, niederknieen, bereuen und gut werden – wie die Alfonsi! O, Ihr wisset das besser als ich.«

Lätizia klatschte kindlichfroh in die Hände, aber sah scheu zurück, ob Ignazio nichts höre. »Dafür sollt Ihr die Fischnetze und die Heuseile und die Kordeln umsonst bekommen, so viele Meter Ihr wollt.«

Dem Alten zuckte es abenteuerlich durch alle Falten und Fältlein des Gesichtes. Wie gerne machten sie so was.

»Aber nicht reizen, nicht plagen,« bat ich, »und deutlich singen: »Und da wurden sie weich und gut.«

Die Truppe verschwand im Nebel, auch ihre Instrumente hörte man bald nicht mehr.

Lätizia beruhigte mich. »Gherardo und der Vater Odo gehen nicht nach San Pellegrino. Die arbeiten noch heute in der Seilerei . . . Aber das war geschickt, was Ihr da erfunden habt,« plauderte sie zufrieden weiter. »Ich möchte dabei sein. Wisset, meine Großmutter ist sonst sehr fromm. Sie glaubt alle Legenden . . . Es ist gar nicht so sicher, daß sie sich ärgert . . . vielleicht, wer weiß . . . o der Lazaro wird seine Sache schon recht machen . . .«

»Aber wenn er zu deutlich wird, daß man merkt, auf wen es zielt . . .«

»Das soll man doch! . . . ach, ich glaubte, Ihr wisset, weil es Euch zuerst einfiel . . . gerade darum tun sie's doch, das ist ein alter, alter Brauch. Sie spielen zuerst Weihnachtslieder, so heilig wie in der Kirche, beim Sindaco, beim Arciprete, vor der Casa der Piantalto; dann werden sie lustig wie im Wirtshaus und singen ihnen noch allerlei Witze ins Haus. So necken sie den Teobaldo wegen seinem goldenen Bein . . .«

»Goldenen Bein?«

»Um der Steuer zu entwischen, hat Frau Piantalto alle Wertpapiere dem Jungen in die Wadenstrümpfe gewickelt . . . Aber, Signore, wenn die Musikanten jemand hassen, wie den früheren Sindaco, dann wird es schlimm. Dann versteckt man sich in den Keller und stopft Watte ins Ohr. Sindaco Buonveglio ist fast gestorben vor Schande . . . He du, Nazio, Nazio,« rief sie mächtig, »warum springst du uns voraus? Wir können nicht so schnell laufen.«

War es der Wein oder die schwere Polenta, statt leichter marschierten Lätizia und ich viel mühsamer, obwohl die Straße nun glatt und gemach anstieg.

Ignazio kehrte sich um und rief aus dem Nebel zurück: »Geht nur ganz gemütlich, ich lauf' der Mutter unterweil' entgegen.«

Lätizia folgte ihm mit zärtlichen Blicken, bis die letzte Spur in der grauen Luft versank. Dann gab sie ihrem Apfelköpfchen einen entschiedenen Ruck und sagte ganz unerwartet:

»So, jetzt will ich Euch alles schnell erzählen, bevor Nazio wieder mit uns geht. 's ist aber gar nichts Besonderes.«

Lätizia salbte die Lippen mit der Zunge und begann, ehe ich ein Wort fand:

»Die Serti, wie wir das ganze Geschlecht Ignazios nennen, sind nicht aus unserem Land; aus Dalmazia, sagt man, wo die Banditen wie Gras wachsen. Es heißt sogar, sie seien Seeräuber gewesen. Plötzlich ist so einer im Gebirge hier erschienen, ein Wilderer oder noch schlimmer. Er hat eine Frau gestohlen da herum in einer Alpe. Aber sie hat sich stehlen lassen.« Die Erzählerin lachte mutwillig. »Ist das noch gestohlen? . . . Drüben in Ascoli haben sie geheiratet. Man weiß noch, daß der Pfarrer Clemente hieß. Wenn etwas schief geht, sagt man jetzt immer bei uns: geh zum Don Clemente! . . . Jener Serti kam nach Perugia ins Zuchthaus. Seine Frau und Kinder ließ er hier. Seitdem sind die Serti fest in die sibyllinischen Berge gewachsen. Und immer sind es Menschen gewesen, die Staub und Lärm machten. Einmal vertaten sie einen Sack voll Geld in Norcia, einmal bettelten sie von Tür zu Tür. Und doch hatte man sie gern. Ich weiß nicht warum. Ja, überall hatte man sie gern.«

»Darum, sie plagten wohl niemand als etwa sich selbst,« wollte ich tiefsinnig erklären.

»Vielleicht darum . . . basta! . . . Meinen Schwiegervater habt Ihr nun eben gesehen. Auch ihm merkt man noch das Vagabundenblut an. Er wurde Forestale, nicht der Meister, so ein Gehilfe. Da verlautete bald, er verkaufe heimlich Gemeindeholz, er schlafe tags und wildere nachts. Bei einem Haar wäre er auch ins Gefängnis gewandert. Aber auch ihn haben alle gern. Den Menschen und den Tieren können die Serti nichts zuleid tun. Gherardo vielleicht, doch der ist überhaupt ein besonderer . . . Die Serti wollen nur lustig leben, so wie es ihnen gefällt . . . Odo heiratete nun ein armes, braves Mädchen aus San Pellegrino. Seitdem wurde er viel ordentlicher. Bald hatte er etwas Geld erspart, ein wenig Vieh und das Stück Alpweide gekauft, wohin wir jetzt gehen. Sommer und Winter waren sie dort oben und sind ein bißchen verwildert dabei, das ist wahr, sogar auch Barbara, so heißt meine Schwiegermutter. Denkt Euch, wenn der Mond scheint, kann sie wie die Gemsen gar nicht schlafen. Und dann gerade wäre es am günstigsten, auf Rehe, Füchse, Dachse zu jagen. Nun erzählt man . . . ich selbst hab' es ja nie gesehen . . . an solchen Abenden tropfe er zur Cena immer einige starke Kräutertropfen in ihren Wein. Dann schlafe Barbara wie ein Murmeltier und er jage unterdessen über Stock und Stein. Doch wenn die Frau um die Sechse erwacht, liegt er neben ihr und schnarcht und sagt: Du Arme, hast gewiß wieder kein Auge zutun können. Wenn ich dir nur die Hälfte von meinem Bärenschlaf geben könnte . . . So spaßen die Serti. Gherardo, der Euch so schlecht gefiel, den solltet Ihr erst hören. Er spaßt Euch Sonne und Mond vom Himmel herunter . . .

Ich sah die Serti fast nie, aber ich hörte so viel von ihnen erzählen, daß ich sie schon darum gern hatte. Nur dachte ich, ich würde den Gherardo eher lieben . . .« Hier wurde sie ein wenig verlegen und sah mich prüfend an.

»Frau Lätizia, was sinnt Ihr? Ich bin gut zweimal älter, Ihr könntet mir fast Großvater sagen. Scheut Ihr Euch vor so einem alten Burschen . . .?«

»Gar nicht, gar nicht, auch die Svizzeri in den Bergen werden es nicht anders machen als wir.«

»Selbstverständlich, wir beten zu Gott, essen Brot und Käse und lieben exakt wie hier zu Land.«

»Ja, den Gherardo habe ich leise verehrt. Er war dreizehnjährig, als ich ihn zuerst sah, nur anderthalb Jahre jünger als ich. Ist er nicht schön? Niemand hat solches Haar zu solchen Augen. Und daß er wild ist, gefällt mir gerade . . .«

Drohend hob ich den Finger.

»Davvero, er gefiel mir, obwohl er mir das Springseil zerrissen hat.«

»Seid Ihr denn . . .«

»Fragt jetzt nicht, höret. Die Leute sagen, alles Dalmatinerblut habe der Jüngere bekommen und alles brave Norcianerblut der Ältere. Da stellte ich mir einen halben Engel vor. Er ist dann in die Stadt gekommen und hat eine Bottega eröffnet, eine Seilerei. Und da weiß ich sehr gut, wie die Großmutter eben wegen jenem Springseil mit mir zum Laden Ignazios ging. Sie schimpfte unterwegs erbärmlich, welche Schande es sei, in jenes ehrlose Diebs- und Galgenloch zu gehen, zu diesem Zuchthäuslerpack. Sie gehörte noch zu den paar alten Familien, die alle Beisässen haßten und es den Eingewanderten zuschrieben, daß die Zeiten immer schlechter und die Dinge fürs Leben immer teurer wurden. Und nun erst die Serti mit ihrer unsaubern Vergangenheit! Übrigens, ich sag' es Euch offen, so wohl man diese Burschen auch leiden mochte, eine nähere Freundschaft mit ihrer Familie, etwa Pate sein oder gar Hochzeiterin, das hätte doch niemand gewünscht. Erst seit Ignazio konnte das kommen. Von nun an, Signore, ist es eine Ehre, eine Serti zu sein . . . Ich habe angefangen, ich! . . .« Stolz blähten sich ihre kindlichen Lippen.

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