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Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
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Weihnachten in den sibyllinischen Bergen

Als ich vor Jahren in der uralten, kleinen Stadt Norcia weilte, befiel mich gegen die letzten Wochen des Dezembers ein seltsames, ich möchte gerne sagen urschweizerisches Weihnachtssehnen. Es gab da recht hohe Berge mit kühnen Pässen, Nebel schwamm um die Gipfel, ab und zu hatte es über Nacht ziemlich weit hinunter geschneit, und die dünn bekleideten Kirchleute rieben sich die roten Hände auf der Piazza Sertorio warm und bewunderten ihren großen Mitbürger Sankt Benedikt, der in allen Zugwinden unerschütterlich auf dem Sockel steht und über Frost und Glut der Jahrhunderte erhaben ist. Man konnte sich unschwer auf den Dorfplatz von Altdorf oder Schwyz zwischen Samichlaus und Christkindtag denken.

Nur wenn dann die apenninische Mittagssonne den sibyllinischen Bergen die Wolkenmützen abreißt und wunderlich warm aufs Pflaster scheint, wenn die nächsten Abhänge dann aufgleißen vor Frische und oben der Schnee naß wird und von den Kuppen schmilzt, besonders aber, wenn man den alten und jungen Leuten von Norcia ins Gesicht schaut, in dieses niemals winterliche Antlitz, in diese Augen, die von Ofen, Kaffeesummen und weihnachtlichen Stubenheimlichkeiten keine Ahnung haben, die stets mit dem gleichen, fast nüchternen Sonnenglanz ins Jahr und Leben schauen: dann weiß man auf einmal, daß es hier das doch nicht gibt, was wir Winterpoesie und vor allem, was wir Weihnachtszauber nennen, und so heimisch man sich bei ihnen fühlt und so gar nicht anders man sich die Norcianer wünscht, ein richtiges nordalpines Herz vermißt hier um Weihnachten etwas, ohne es recht benamsen zu können. Es bekommt Heimweh nach Schnee, dicken Kappen und Strümpfen, Schlitten, schwerem Abendnebel, Eisblumen, krachenden Ofenscheiten und dem süßen Näherkommen des Christkindes mit Tannenbaum und Krippe, mit Muttergottes und Sankt Joseph und den lieben bethlehemitischen Tieren.

So erging es mir und ich sann und grübelte, wie ich meiner kleinen Schweizerseele die Weihnachtswoche nordischer und damit heimatlicher und herzlicher gestalten könnte. Mit einer Bergtour auf eine der grauen Sibyllen? Das hieße den Menschen entlaufen. Aber gerade Menschen brauchte ich zur Weihnachtsstimmung.

Da fiel mein Blick auf die Landkarte, eine alte, weit ausgesponnene, aber gewiß ungenaue Zeichnung des Bezirkes, die an meiner Zimmerwand hing und an der ich oft in müßigen Stunden mit dem Finger durch die Täler und über die Zinnen wanderte, die blaue Adria oder sonst etwas Blaues suchend. Eine dicke rote Schleife war besonders deutlich durch das Hochgebirge gemalt. Sie ringelte sich wie eine Schlange empor, lief dann bäuchlings übers Joch und schnörkelte sich auf der andern Seite zu den Ufern des Meeres hinunter. Wie wäre es, wenn ich diese Straße versuchte? Man rühmt sie in allen Tönen, aber man kennt sie nicht. Menschennester liegen genug daran, Wohnungen von Sennen trifft man bis zur Paßhöhe, und mir wurde gesagt, daß gerade zwischen Weihnachten und Dreikönigen das Hirtenblut dort oben beweglicher werde und, wie einst ihre Ahnen in Juda, auch die Schaf- und Ziegenhirten im Gebirge hier nach etwas Wunderbarem ausgehen. Sie ziehen ihre urweltlichen Pfeifen und Dudelsäcke hervor, machen ihre geflickten Gewänder durch neue rote und blaue Flicken noch bunter und eilen zueinander ans Feuer oder machen bandenweise Musik unter einem alten Baume oder kommen ins Städtchen hinunter und bringen harte, kleine Geißkäse und betteln dafür einen besondern Festtagspreis. Also werde ich auf der ganzen Reise von einem Feste umgeben sein. Frisch auf die Sohlen!

Soll ich allein gehen? Das ist eine alte, nie fertig gelöste Frage. Wie oft war es schön zu zweit, noch schöner zu dritt! Aber doch auch gar oft hat das tapfere Alleingehen und das Rechnen auf den Zufall, der unerschöpflich für Gesellschaft sorgt, und war es auch oft nur für eine nachtrippelnde Ziege oder eine Grille oder eine Bergschwalbe, mir die besten Wegfreuden verschafft. Und es liegt in meiner Weihnachtsstimmung, daß ich zwar Menschen rechts und links sehen muß, aber so zu tiefst ins Stüblein meiner Seele niemand als das Weihnachtskind möchte eintreten lassen. So stopfte ich denn Tee, Zucker, hartes Maisbrot, den Kochapparat und zwei kleine, gemütvolle Bücher in den Rucksack, hing die Feldflasche um, zeichnete mir rasch eine rohe Skizze des Reisegebietes von der Wandkarte ab und zog dann, von neugierigen und halbspöttischen Augen dutzendweis verfolgt, meine liebe Straße südwärts.

Ich will keinen Klubbericht schreiben. Ich werde also weiter keine Geographie schildern, wie es zuerst gen Mittag, dann in mächtigen Schleifen östlich bergauf geht, die sibyllischen Häupter zur Seite, an welchen Weilern man vorbeikommt, wie viele Kilometer man bis zur Paßhöhe zählt, wie das Panorama sich wandelt und weitet und welche Abkürzungen und Unterkünfte da dienlich sind. Ich will nur meine Erlebnisse auf dieser weihnächtlichen Bergstraße berichten und die Schneehäupter und die beiden Meere werden sich schon von selbst zu Gaste loben und, wo es ihnen behagt, mit ihren silberblauen Augen in meine Kapitel hineingucken. Nicht die Natur, der Mensch, der vielfältige, liebe, wunderliche, bittersüße und doch alles in allem so unschätzbare Mensch wurde auch diesmal wie noch immer die Hauptsache.

Als ich bei blasser Wintersonne über den Platz maschierte, sagte ich ein fröhliches Lebewohl den Geistern, die ihn beherrschen, dem Heiden Sertorius und dem heiligen Benediktus. Zwei Personen, ein junger Mann und ein Mädchen, gingen mir mit Stecken und Rückenkorb in jenem apenninischen Schritt voraus, der leicht und doch so stramm und entschlossen ist, wie es sich eben für die Mitbürger eines Sertorius und Benediktus geziemt. Jener war ein großer, eigensinniger Feldherr, den weder Feind, noch Strapaze, nur der Dolch des Meuchlers endlich hinterrücks besiegen konnte. Auch das Genie hat keine Augen im Rücken – und möchte keine haben. – Benedikt aber, der andere Sohn dieser Stadt, hat im Getümmel der Völkerwanderung so viel Gold zu Staub und so viel Staub zu Gold werden sehen, daß ihn ein gigantischer Ekel vor der Materie erfaßte, er allem entsagte, zu Gott in die Einsamkeit floh und hier in der Wildnis eine neue Kultur erfand, jenen Orden, der unsere nordischen Länder urbar und gesittet machte, so weit nämlich die Erde sich urbar und der Mensch sich gesittet machen läßt. Wer von beiden war wohl gelehriger? Ich werde rot und philosophiere lieber nicht weiter. – Aber die Norcianer, das ist wahr, haben einen guten Schritt. Sie vermögen durch die ganze Welt zu laufen, ich habe meine saure Mühe, auch nur jenem Paar vor mir nahe zu bleiben. Und doch sieht das Mädchen überaus zierlich und leichtgebaut aus und hängt ihnen die Gerla schwer über die Achseln den Rücken hinunter.

Aber die Norcianer haben auch gute Nerven. Vorgestern machte ein Erdbeben die Stadt wie eine Wage auf und ab schwanken. Mir fiel die Kerze vom Nachttischchen. Aber schon gestern saß wieder alles plaudernd und Zigaretten rauchend unter den Türen und krämerte und faulenzte sich durch den Tag, als ob sie Himmel und Erde und ihr Schicksal festgenagelt hätten, nicht bloß so ein jämmerliches Wachskerzlein. Und gegen einen Sulla und einen Pompeius und Verräter rechts und Verräter links braucht es gute Nerven, um immer noch wie der alte Sertorius breit lachen, gut essen und mit den Soldaten Ballspiele zur Entfettung machen zu können.

Unter solchen Betrachtungen hatte ich plötzlich mein Vortrüpplein aus den Augen verloren. Ach so, es war in einen Seitenpfad geschwenkt. »Ist das eine lohnende Abkürzung?« rief ich frischweg. Sie nickten und warteten freundlich. Nach kurzem Woher und Wohin wußte ich gleich, daß auch diese Zwei fast bis zur Paßhöhe zogen. Dort sollten sie die Eltern des jungen Mannes ablösen. Von Mariä Geburt bis Weihnachten bleiben die Alten oben beim Vieh. Dann bis Ostern hirtet die junge Sippe dort. Die übrige Zeit wechseln sie ab, wie es etwa paßt. Der junge Ignazio Togliozzi hier betreibt in Norcia noch eine Seilerei mit seinem Bruder Stefano.

Er war ein schmächtiger Bursche mit aufrechtem rötlichem Haar, einem steifen rötlichen Schnurrbart, einer gequetschten Nase und kleinen grünen Mäuseaugen. Er rauchte gemächlich an einer Virginia und zeigte mit seinen zwei- oder dreiundzwanzig Jahren ein geradezu häßliches und schon halbvertrocknetes Gesicht. Aber sobald wir miteinander ins Gespräch kamen, obwohl er sich immer kurz und wortarm äußerte, blühten in diesem ausgedörrten Antlitz die zwei eingesunkenen Äuglein genau so lenzhaft auf, wie hier ringsum im Ried eine Art gelber Schwertlilien aufflammten und alle Leblosigkeit vergessen machten. Das magere Gesicht sagte mit jedem gespannten Knochen und jeder lederigen Falte: das Leben ist wohl hart, das Tagwerk gefühllos, man muß sein wie ein Stein, um auszuhalten . . . Aber die frischen, feuchten Augen fügten sogleich bei: jedoch gibt es etwas, was stärker ist als jede Steinhärte und Lebenshärte: die Liebe und die Milde. Und wie er nun ab und zu seiner Genossin das verschobene Geräte auf dem Rücken ordnete und sie unauffällig an den besseren Stellen des Hügelweges gehen ließ und mit einer merkwürdig tiefen, weichen Stimme und einer gewissen süßen Schonung im Ton ihr mehrmals wiederholte: »Langsamer, Hübsche, so wirst du bald müde,« – und wie er lächelnd zur immer näheren Riesenflanke des Hochgebirges wies: »Lache nur, meine Gemse, es kommt bald steil genug, auch für dich, Lätizia,« – da umgab ihn ein solcher Duft und Glanz von Vornehmheit, Zartheit und herzlicher Rücksicht, daß ich die spitzen Backenknochen, den langen, roten Hals, die graue Quetschnase und das borstige rote Haar gar nicht mehr sah, sondern von dieser innigen Baßstimme und diesen ergreifenden Augen ganz benommen, nicht anders als möglichst nahe bei ihm zu gehen suchte und – man lache nur – jedesmal eine abergläubische Freude spürte, wenn ich meinen bleichen Schatten auf dem Sträßchen in den seinigen werfen konnte, der viel schärfer und klarer dahinfuhr.

Aber da störte mich gar bald sein Frauchen. Es zählte gewiß noch nicht zwanzig Jahre, schien jedoch weit mehr als Ignazio nach außen gekehrt, weltfroh und lebensmutig zu sein. Viel flinker als der steife Gemahl hatte sie mich in einen Klatsch verwickelt. Sie war klein und beweglich wie ein Schulmädchen der mittleren Bänke, hüpfte immer einige Schritte voraus, wenn sie sprach, und fuhr sich aufgeregt ins geblähte blonde Haar. Im apfelrunden Gesicht schwammen ihre Augen wie zwei bläulich glitzernde Seelein, ohne Tiefe und Traurigkeit, voll Lichter und Mückentanz. Es war nicht leicht zu begreifen, wie dieses Gesicht mit den saftigen, lustigen Lippen und der kecken Kindernase, dieser duftige Apfel mit der Holzbirne dort sich zusammenkuppeln und verwachsen konnte an einen, wie ich sogleich fühlte, so starken und gesunden Zweig. Doch ja, seine Augen, seine Stimme, seine Güte! Mir ahnte, ich stehe vor einer rührenden Menschengeschichte, sowie ich diese beiden Gesichter mitsammen verglich.

Wir kamen an San Pellegrino vorbei, wo aus den Häusern bäuerliches Volk unser Paar besonders freundlich grüßte. Aber aus dem breitesten Hause mit einem großen Doppeltor traten zwei alte, zum Verwechseln ähnliche Frauen hervor und umarmten und überküßten Lätizia trotz ihres Sträubens mit einer auffallenden Heftigkeit, beinahe Wildheit. Man hörte nur wenige, abgebrochene Worte. Ignazio stand geduldig abseits und schien die Hühner im Sträßchen zu zählen. Die Greisinnen warfen noch einen scheuen Blick über die Gasse und flohen dann wie Gestalten der Nacht in den dunklen Gang zurück. –

Als die Türe zufiel und der Riegel von innen vorgeschoben war, fuhr ich mir über die Stirne, als müßte ich einen Traum wegwischen, so sonderbar und rasch war das gekommen und verschwunden.

Bevor es nun steil in die Hänge hinauf ging, machten wir bei einem Steinklotz einen kleinen Halt. Meine Gespanen stellten ihre Rückenlasten ab. Das tue jeder hier. Während Lätizia mir erzählte, sie sei in San Pellegrino geboren und jene Matronen seien ihre Großmutter und Großtante gewesen, und indem sie auf mein Lächeln über die stürmische Liebkosung auf offener Straße sogleich ein trotziges Gesicht schnitt und gestand, jawohl, man habe sie geküßt, ob ich gesehen habe, wie vielmal und sogar unters Kinn, aber sie gebe keinen Soldo dafür: ordnete ihr Gatte die zwei Bürden und, da er mich zuschauen sah, zwinkerte er pfiffig mit den Augen und legte den Finger auf den Mund. Nun erst bemerkte ich, was für eine feine Hand er besaß, aber was für ein noch viel feineres Herz. – Denn sachte, sachte nahm er einen Hammer, zwei Gewichtsteine und ein Beil aus der Gerla seiner Frau und versorgte alles ohne Geräusch unter der Decke seines eigenen Korbes.

Ich erwiderte Lätizia, das sei aber gar nicht brav, gegen großmütterliche Küsse so unempfindlich zu tun. »Wißt Ihr,« entgegnete sie hurtig, »was ich vor zwei Jahren an der Hochzeit geschworen habe? Bevor ihr nicht meinen Nazio küßt, auf beide Backen und zuletzt mitten auf den Mund, bevor ihr das nicht herzhaft tut, während ich zuschaue und klatsche, so lange ist mir euer Mund wie Salz und ich putze mich davon ab wie von – wie von Ruß. Ich küsse dafür meinen Nazio, da hab' ich genug. Aber sie, die Alten, was haben sie noch? Dürfen sie noch warten? – Können sie nicht schon morgen zusammenfallen und sind Staub? – Hätten sie doch einmal meinen lieben Mann geküßt.«

Ignazio hustete verlegen. Sein Weiblein plauderte ihm da zu lose vom Schnabel. Er hatte das nicht gern. – »Su! Su!« sagte er. »Gehen wir!«

Der vom Regen ausgewaschene Pfad lief nun so steil bergan, daß wir nicht mehr schwatzen mochten. Ignazio freilich zündete die erstickte Zigarre wieder an und rauchte langsam weiter. Der Wetterskerl, welche Lungen mußte der haben!

Wir stapften hintereinander, und ich hatte Zeit, das immer mächtigere Bild ringsum zu betrachten. Die jetzt so bleiche und schläfrige Ebene von Norcia, einst ein schöner See zwischen den Bergen, lag schon tief unter uns. Rechts und links wuchsen die Ketten gewaltig in die Höhe. Stückweise kletterte Waldung mit, dann kam Gebüsch, dürres und grünes miteinander, und, wo etwa ein neuzeitlicher Bergler nach den Rezepten seiner vier Semester Scuola Agricola wirtschaftete, zwischenhinein das Wunder einer kleinen Wiese mit einem eingeschalten Gewässerchen. Allein zwischen den Ränften zeigte sich bald der nackte, unbarmherzige Stein und versuchte schon kleine Klüfte und Wüsteneien zu formen, ward aber eine gute Weile immer wieder durch wildes Gras und Zwerggehölz überwunden. Sehnsüchtig blickte ich nach jeder Krümmung des Weges gegen Süden. Wann, wann wird die gewaltige Gruppe des Gran Sasso d'Italia erscheinen, wann das erste Aufblitzen eines Meeres? O einstweilen gibt es nichts, als rechts unten eine Schlucht und links, fast am Ellbogen, die ungeheure Brust des Berges, an dem wir seitlings emporklimmen, immer breiter, immer höher, immer härter, die uralte Brust der letzten der Sibyllen, die ihre Kinder nicht mehr mit Milch säugt, auch keine Orakel mehr spendet, sondern wie eine Greisin, die lange gelehrt und lange gewarnt hat, endlich über die Nutzlosigkeit ihrer Aufgabe eingeschlafen ist und die Länder und Menschen zu Füßen ihrer Dummheit überläßt.

Ja, ja, überlegte ich, wir steigen die Berge hinauf, die Berge hinunter und haben nichts von ihnen gelernt, nicht einen Löffel voll Ernst, Gelassenheit und Schweigenkönnen. Gleich stürzen wir uns wieder in das nichtige Tausenderlei des Alltags hinein, wir unverbesserten Berg-, aber nicht Höhensteiger! Sei still, flüsterte dann aber etwas in mir, und spitze scharf das Ohr deiner Seele. Diesmal vielleicht kehrst du ein wenig besser vom Berge heim.

Die Sonne ging nach und nach spurlos verloren, der Himmel war unmerklich von einem trüben Blau in ein gleichmäßiges, mildes, gemütliches Grau übergegangen. Mir war, als würde die Welt dadurch enger, gleichsam stubenhafter und als gehörten wir drei Wanderer nun noch viel näher zusammen. Auch die junge Frau spürte das. Sie drehte sich oft nach mir um und nickte mit ihrer niedrigen Stirne und den darunter schwimmenden Augen fröhlich zu. Es litt sie nicht zu schweigen. Bald begann sie mit ihrem Nazio zu reden, der kaum antwortete, dann sprach sie mit sich selber und es klang, als plaudere ein Göfchen mit seiner Puppe. Zuletzt, als der Saumweg ein bißchen bequemer in die Schräge lief, ließ sie mich näher kommen und fragte, ob ich ein Prussiano sei. »Nein, ein Schweizer,« erklärte ich. – »Aber dabei doch ein Prussiano!« hielt sie fest. – »So wenig als Ihr!« – »He, he, Ihr redet doch die Lingua prussiana.« Sie ließ sich erst belehren, als ich ihr dartat, daß der Preuße mit dem Rücken hoch oben am kalten Meer, der Schweizer mit den Knien schon unten am warmen Ofen Italiens sitze, daß jener im flachen Sand, dieser in den Bergen wie der Norcianer stecke, jener unter großen Herren, dieser frei als Gleicher unter Gleichen steheDie Episode fällt ins Jahr 1896.. »Aber,« zögerte sie noch, und zwei weiße, eigensinnige Höckerchen schwollen in der Stirne auf, »aber, ich weiß doch nicht, es . . .« »Nun,« rief ich schlecht und recht, »der Schweizer geht mit Kühen, der Preuße mit Kanonen und Pickelhauben, der Schweizer ißt Käse, der Preuße ißt Pulverbohnen, der Schweizer raucht die Tabakpfeife, der Preuße – –« »Capisco, capisco,« lachte die Muntere, und die Buckel, die ihr so gut anstanden, verschwanden spurlos.

»Siete un Svizzero prussiano, non un Prussiano prussiano.«

Lätizia konnte nicht stumm bleiben. Wie eine Brunnenröhre rauschte es aus ihrem vollen Munde. Warum ich so lange in Norcia sei, ob mir San Benedetto auch gefalle – und was ich von seiner Schwester Santa Scolastica sage? Sie kenne vierzehn Bilder von ihr, zwei in der alten Kathedrale, drei – sie zählte an den Fingern – im Municipio, eines in den Arkaden der Prefettura, dann das schiefgehängte in San Benedetto, weiter das mit der roten Wolke in – –

»Wir glauben es schon, Lätizia,« bat Ignazio und blies ihr spaßend ein Virginiawölklein ins Gesicht. –

». . . In der Loggia des Giuseppe Pedrini« – schloß sie. Nun gut, vierzehn! Und welche ich wohl glaube, daß ihr am meisten gefalle? Keine! Sie schnitt mit den flachen Händen durch die Luft. Gar keine! Überall mache die Nonne ein saures Gesicht.

»Ist die Erde denn so sauer? Du, Nazio, sag einmal, ist sie trotz allen Großmüttern so sauer?« – Schelmisch stupfte sie ihn mit dem gebogenen Zeigefinger ins Genick. – Er schüttelte zufrieden den Kopf. – – »Nein, nicht einmal hier,« eiferte sie, »wo man bei jedem Schritt schwitzt und über die Steine stolpert. – Und ist etwa der Himmel sauer? Ich danke schön. – Warum also ein saures Gesicht? Die Heiligen müssen lachen. Und darum gefällt mir die Geschichte von der Santa Risolina di –«

»Lätizia!« rief Ignazio leise.

»Erzählt mir das!« bat ich neugierig. »Ich bin versessen auf solche Legenden.«

»Die Santa Risolina di Castelletto,« beharrte die Frau.

»O du mit deiner Santa Risolina!« wandte Ignazio ein. »Es ist doch fast eine zu grobe Geschichte.«

»Gar nicht, Ignazio, gar nicht! Aber ich will warten, bis wir zur Cappelletta kommen. Dort rasten wir.« Sie hüpfte dem Gemahl voraus eine furchtbar steile Rampe empor. »Wie leicht dünkt mich heute die Gerla,« jubelte sie zu uns herunter. »Ich könnte dir noch die Hälfte abnehmen, Nazio. Bei der Cappelletta tu' ich's auf Ehre, ob du willst oder nicht –«

Ich war entzückt und zitterte, dieses unglaubliche Idyll, an dem mir ganz allein die greuliche Virginia nicht behagte, sei eine Vision und zerplatze, sobald ich mir die Stirne reibe und nüchtern werde. Denn so köstliche Gesellschaft ich oft unterwegs gefunden habe, gar bald blickten doch allerhand Menschlichkeiten durch, die meinigen, die deinigen, die seinigen, vielleicht bei einem Schluck Wasser, einem Brocken Zucker, einer Schnitte Brot, die man teilte, vielleicht bei einem Stück Mensch, über den man als gemeinsamen Bekannten plauderte. – Aber hier hatte ich bis jetzt nichts als Güte und Frohmut entdeckt, so daß mir warm davon wurde bis in die Zehen. Sicher, Weihnachten warf seine goldensten Kerzen auf diese zwei Menschenscheitel.

Nach einer heillosen Strapaze – ich glaube, wir machten die Abkürzung einer Abkürzung – langten wir mit heißen Schläfen auf einem Absatz an, wo ein Bildstöcklein mitten in Brombeerstauden stand. Der Ausblick war offen. Aus dem Gelände grüßte der wasserarme Corno mit dunkeln Augen herauf. In der mittäglichen duftigen Dämmerung begannen sich die kolossalen Glieder des Gran Sasso gen Himmel zu recken.

»Da sitzen wir ein Paternoster lang,« befahl Lätizia, den Korb abstellend, zog eine Kerze aus der Tasche, zündete sie an und holte aus einer Felsritze das rostige Schlüsselchen hervor, womit man das Gitter vor der Nische aufschloß. Nun steckte sie das Licht in einen durchbohrten Stein, so daß ich hinten im Dunkel eine verblichene Holztafel sah, worauf fast nichts mehr als zwei runde Augen mit lachendgelben Sternen zu erkennen waren. Man bemerkte sogleich, daß diese zwei Augen als das Wichtigste öfter frisch mit Zitronenfarbe erneuert worden waren, während man die übrige Figur seit Jahrzehnten als Nebensache hatte verwittern lassen. Doch halt, was ist das? Unten, wo die Füße der goldäugigen Lacherin vermutet wurden, glänzten noch zwei Augen aus dem Dunkel heraus. Aber das waren Augen rot wie Blut mit einem schwarzen, verzweifelten Klecks in der Mitte. Der Teufel ohne Zweifel.

»Also das ist so,« sprudelte Lätizia übervollen Mundes und preßte mich am Arm – »die Santa Risola –«

»Die Beata Maria di Castelletto, ich bitt' dich,« korrigierte Ignazio milde, die Hände über dem Korbdeckel faltend und voll Ergebenheit, nun wohl lange zuhören zu müssen.

»Aber Nazio, wir sagen hier doch immer die heilige Risola –«

»Du, du, sonst niemand.«

»Hört ihn nicht, er macht mir alles schwer, der Signor Preciso et Esatto,« klagte das Weiblein ungeduldig. – »Das Fräulein Risola lachte nun einmal gern. Und es verstand das Lachen wie niemand. – Man wußte nicht, läuten die Glocken zu Rom oder fängt die Sonne zu singen an. Alle hörten es gern und wurden besser dabei; nur die Duckmäuser nicht,« spottete sie zu Nazio hinüber mit einem Blick, der sagte: Da hast du's, aber du bist doch keiner! – »Doch da geschah – es ist schon vierzehnhundert Jahre seitdem – etwas Unerhörtes. Die Engel im Himmel wurden neidisch, weil sie, auch wenn sie noch so sehr den Hals reckten, absolut nicht so glashell lachen konnten wie das Fräulein unten in Castelletto –. Gebet acht, Signore, ich erzähle es, wie es mir selbst siebenmal erzählt worden ist und wie ich es sogar einmal im Theater dort unten deklamieren mußte – verkleidet –,« sie stockte und errötete lieblich.

»Und mit einem Heiligenschein aus Goldpapier um den Zopf und immer lachend,« half der Mann nach, »aber wirklich, das hast du damals gut gespielt.«

»Sie haben alle geklatscht. – Und so erzähl' ich's jetzt auswendig,« entschuldigte sich Lätizia, als möchte ich denken, daß sie zu hübsch und vornehm für ihren bäuerlichen Mund spreche. Aber was konnte für diesen Mund zu hübsch und vornehm sein?

Mich stach es, ich müsse etwas Gutes sagen, und da widerfuhr mir wie so oft, daß es der ungeschickteste Einfall für den feinen Augenblick war. Ich griff zur Feldflasche mit Tee und fragte: »Wollen wir nicht dazu etwas essen und trinken? Bei dieser Aussicht und bei so einem Geschichtlein!« – Aber die letzten Worte erstarben mir. »Grazie,« sagte der Mann höflich, »wir haben in Norcia gefrühstückt.« – Lätizia aber tat, als ob sie nichts gehört hätte, und fuhr eifrig fort:

»Und so bildeten die Engel eine Verschwörung gegen die Santa von Castelletto. Sie warteten bis Weihnachten, wo das Jesuskind ein armes Windelzeug anziehen, einen magern Esel besteigen und in die kalte Welt hinunter muß. So, sagten sie, so, allerheiligster König, also du willst wieder gehen und frieren und weinen im Stroh und willst dich wieder von Herodes plagen lassen und wieder schwitzen und predigen und zuletzt lange Nägel durch Hände und Füße bekommen – inwährend diese Maria di Castelletto lachen und immer lachen darf. Herrgöttlein, was sollen die andern Menschen denken? Das ist doch kein Paradies da unten! S' ist eitel Hochmut, so zu lachen. Wie wird sich der Schwarze freuen. Hast du nicht selber gepredigt, wer Tränen säe, werde Freuden ernten? Und wer Lachen säet, wie das?«

»Lätizia,« mahnte Ignazio milde und hörte doch mit seinen wundervoll strahlenden Augen wie verzaubert zu, »so – so unanständig können doch die Engel –«

»St! st! Bist du frommer als die Legende, he? – Und sie gaben nicht nach, diese schlimmen Vögel des Himmels und pfiffen und schüttelten den Schopf und schlugen die Flügel zusammen und wieder weit auf, bis das Christkind fragte: »Was soll ich denn tun? Ihr könnt ein solches Lachen so wenig verbieten, als der Sonne zu leuchten, und dem Wasser zu fließen.«

»Machen wir es so,« rieten die Gefiederten. »Du gehst, o heiliger Herr, zuerst in Norcia herum zu allen andern Leuten, ehe du zum Fräulein nach Castelletto hinaus eilst. Inzwischen suchen unser drei oder vier das Jüngferchen heim und probieren, ob wir diese heillose Närrin nicht doch noch ernst machen können, so wie es sich geziemt, wenn der Heiland es besucht. Erlaube uns, daß wir auch, wenn alles nichts nützt, noch den schwarzen Hund mitnehmen –«

»Den schwarzen –? ah ja, ich verstehe,« entfuhr mir.

»Den Teufel – wenn er recht grob bellt und knurrt – wer weiß, sie ist doch immerhin ein Geschöpf mit Rock und Zöpfen, – denkt Euch,« schmollte die Erzählerin, »als ob die Hosen mutig machen, die Ho–s–en,« dehnte sie schelmisch zum Gatten hinüber das Wort. »Übrigens, wenn Ihr bei uns bleibt, Signor Svizzero, morgen trage ich auch Hosen –«

Ignazio schüttelte lächelnd seinen roten Strudelkopf zu mir: »Da ist nichts zu machen!«

»Kurz und gut, das Santissimo Bambino, schlauer als die schlauesten Cherubime, sagte zu allem Ja und Amen. Und um Natale herum spazierten sie hinunter und vor dem Städtlein am Flusse trennten sie sich. Und die vier Engel wuschen sich noch im Corno das Gesicht und die Hände und Füße, um ja recht rein und frostig vor das heiße Jüngferchen zu treten.«

»Das vom Füßebaden hast du sonst nie erzählt,« gab Nazio hinzu, »ich glaube, du fabelst uns allerlei hinein.« Man merkte dem süßen Basse nicht an, tadle oder lobe er mehr.

»Auf Ehr und Seligkeit, nicht eine Silbe,« schwor Lätizia feierlich. »Und als sie sich dem Schlößchen näherten, wo die Signorina Marietta mit ihren Mägden und Knechten hauste, da hörten die Engel schon von weitem aus allen Fenstern und Türen dieses melodische Lachen. Und der jüngste von den vier Engeln, der zu seinen irdischen Lebzeiten nicht ungern die Polka oder Mazurka getanzt hatte, verlor den Mut, machte ein Kreuz und schnappte davon. Ihr lacht, Signore! Aber exakt so steht es im Legendenbuch.«

»Die Santa hat mich schon angesteckt, seht . . . aber, auf Ehre, ich glaube Euch jedes Wort!«

»Will's hoffen . . . wo war ich . . . ach ja, weit hinten trottete der schwarze Hund, wisset, so eine Bulldogge mit einem Maul wie eine Türe und einer Nase wie ein Schornstein und wunderte sich, als der Engel an ihm vorbeiflog, ihm eins übers Ohr hieb und gebot: So spute dich doch, du Luder und Laster, es geht um deine Ehre; oder wir stutzen dir Schwanz und Schnauze, daß kein Kind dich mehr respektiert.«

Die andern drei kamen ans Tor. Sie sahen den Gang und Hof voll von glücklichen Gesichtern und Lichtern und Liedern und zuhinterst, wo es am hellsten und lautesten zuging, kniete Marietta und machte kleine erschrockene Kinder, die an ihr hingen, lachen, indem sie ihre Backen streichelte, ihnen Sterne ins Haar und Zimmetplätzchen zwischen die Zähne steckte, ihnen alte Melodien dreimal zu schnell vorsang, sie über den Kopf schwang und im Kreisel drehte und hin und her die Jungen zu den Alten und die Alten zu den Jungen mit allen Armen voll Geschenken schickte, so daß ein wahrer Markt von Fröhlichkeit und hundertstimmigem Gelächter im Schlosse war. Die Kleinen lachten wie silberne Pfeifchen an den Enden des Orgelbaues; aber die große, braunstirnige Marietta mit dem unruhigen Haar und den ewigen Zappelfüßen, die lachte wie die große mittlere Pfeife, tief und süß und alles regierend, so daß Wände und Säulen und Portale und das gesamte Haus mitlachte, eigentlich mittanzte.

Da schauderte es auch den zweitjüngsten Engel, der einst Musikdirektor in Perugia gewesen, sich längst gegen alle Hopser der Welt gefeit glaubte, schauderte ihn den ganzen Rückenflaum hinauf. Er nieste und sagte: »Kameraden und Heiligkeiten, erlaubet, ich habe mein Nastuch vergessen –« und schwang sich schnöde davon. Aber dem Trottelhund da hinten schlug er in seinem Verdruß rechts und links über die Schnauze und drohte: »Mach' deine Sache gut, sonst setzen wir dich morgen schon ab und du bist die längste Zeit Teufel gewesen.«

Dem Untier war nicht recht geheuer. Es legte sich faul und unwirsch vor die Schwelle. Auch die beiden übrig und tapfer gebliebenen Engel wagten sich nun nicht mehr im klaren, offenen Himmelskostüm in den ausgelassenen Trubel hinein. Sie verwandelten ihr schneeweißes Gefieder in ein Bettelkleid, das dunkel und elend wie zerzauste Krähenfedern um ihre Leiber zottelte. Dann warfen sie noch einen griesgrämigen Schleier über; denn ihre schönen Gesichter auch noch wüst zu machen, dazu haben die Engel keine Macht. So trat die Maskerade ins Castelletto, ging streng durch alles Lachen hindurch und bettelte Marietta mit ausgestreckten Händen und mit heisern Stimmen an: »Gib auch uns, du Überlustige, ein Almosen!«

Das Fräulein sah die sonderbaren Gäste fest an und ließ vor Lachen alle fünfzig Zähne –«

»Lätizia, zweiunddreißig, und das im besten Falle.«

»So stör' mich doch nicht immer! . . . ließ alle ihre weißen Zähne aufspringen. Geh' doch, Nazio, Langweiliger, und zähle nach in San Vittore! Dort nämlich ruht ihr Gebein in schönen Seiden unter Glas. Das Haupt ist noch ganz und alle, ich sag' Euch, Signor Svizzero, alle Zähne stecken noch drin . . . Das war noch eine Gesunde! Da sage mir einer, das Lachen sei nicht gesund!«

»Schon gut, Lätizia, . . . lache nur immer,« half Ignazio.

»Da nehmt«, bat Santa Marietta und reichte jeder Frau ein aus Honigmehl gebackenes Christkind, wie Ihr solche jetzt in allen Bäckereien bei uns seht. Aber die Fremdlinge widersprachen ernst. Das schicke sich nicht wohl und sei auch zu süß für arme Sünder . . . ›O, nichts kann zu süß sein zum heitern Geben und heitern Nehmen, ganz sonderlich heut' abend, wo der reiche heilige Christ kommt,‹ versicherte Santa Risola. ›Dann nehmt wenigstens so einen Fuchspelz, Ihr friert ja! . . . oder ein Paar hirschlederne Sandalen, um weicher auf Euren Straßen zu gehen. – Vielleicht aber sackt Ihr lieber einige Münzen ein, um Euch zu kaufen, was Euch heimlich am liebsten ist. Greifet zu, nehmt!‹ . . . Und jedesmal, wenn sie etwas Schmackhaftes und Würdiges bot, lachte sie so herzlich, daß ihr die fünfz . . . wie viele schon Ignazio?«

»Zweiunddreißig, liebe Plaudertasche, und nur im . . .«

»Die zweiunddreißig Zähne klingelten, und jedesmal musizierte der Saal mit, aber auch jedesmal wiesen die Frauen die Gabe zurück, indem sie behaupteten, es wäre sträflich, sich mit solchen Eitelkeiten zu beladen; sie wollen andere Geschenke. Und in das Konzert husteten ihre Stimmen wie zwei mißtönige, rostige Baßpfeifen, wisset, die fast keine Luft mehr haben.

›Was kann ich denn geben?‹ fragte das Mägdlein neugierig.

›Euer Lachen,‹ platzten da die vermummten Engel heraus.

›Gebet uns Euer Lachen!‹

›Mein Lachen?‹ fragte das Fräulein ungläubig. ›Ihr seid Spaßvögel, das merk' ich!‹ Und sie jubelte einen Triller in die Höhe, als ob zehntausend Lerchen gen Himmel flögen.

›Es ist kein Scherz, Marietta, bestimmt kein Scherz!‹

›Aber wozu denn mein Lachen? Was tut Ihr damit?‹

›Wir wollen es gut einpacken und versiegeln und in die Ewigkeit hinüber schicken. Dorthin paßt es besser und dort wartet es auf Euch. Sobald Ihr zum Paradiesestor hereingehüpft seid, sollt Ihr es wieder haben und über Euere Lippen spielen . : .‹ Wir wollen, dachten sie hinzu, dann schon sorgen, daß Santa Cäcilia ein paar Pfeifenlöcher zustopft . . . ›Hier, mit Verlaub, in diesem Tal der Dornen und Bußen, ist es eine Verschwendung, ein Ärgernis. Drum gebet es her und, wenn Ihr uns ein Extravergnügen machen wollt, so weinet lieber ein bißchen.‹

Marietta hörte und staunte und traute keinem ihrer hübschen, kleinen Ohren. Dann aber brach sie in einen solchen seligen Sturm von Lachen aus, daß es die Verkleideten wie im Winde schüttelte, ihnen die Gewänder zerzauste und sie vor Schwindel sich setzen mußten. Und wie wenn eine Eiche mit Stamm und Krone im Winde rauschet und schwanket, dann auch die Äste bis ins letzte Laub mitrauschen und mitschwingen müssen, so lachte groß und klein, lachte das ganze Kastell von den Ratten im Keller bis zu den Fledermäusen über dem Giebel. Es war ein Erdbeben von Fröhlichkeit. Den Frauen schwanden beinahe die Sinne.

›Ach,‹ rief die Risola dann, nachdem der ärgste Stoß verpufft war, ›was seid Ihr für zwei arme, alte, geschlagene Geschöpfe! Merket wohl, Ihr habt das Beste verloren, was uns Gott zur Sonne hinzugetan hat, das Lachen. Wie kann ich Euch nur helfen?‹

›Beinahe glaub' ich,‹ fuhr sie fort, ›Ihr seid zwei von den Sibyllen, die dort oben auf den Gräten versteinert sitzen und müßt auf Weihnachten herunterkommen und Eure Armut zeigen, Ihr armen, armen Heidinnen! Jetzt begreife ich, daß Ihr nicht lachen könnt! Woher solltet Ihr's nehmen? Wenn nur schon das Christkind da wäre! . . . aber immer geht es zuerst nach Norcia und kommt dann über Cerreto zu mir ins Castelletto. Es könnte Euer verrostetes und vergötztes Wesen mit einem einzigen Sonnenschein seiner Äuglein in Lust verwandeln . . . Hingegen ich unwissende Magd, was soll ich tun . . . Kinder, kommt, küßt diese armen Heidenmenschen da, sie können euch nichts zuleid tun, streichelt und wärmt sie und spielt ihnen einen lachenden Psalm vor, den achten oder dreiunddreißigten etwa, und tanzet inwährend, und ich will einen feurigen Takt dazu schlagen . . . vielleicht hilft das alles zusammen ein wenig.‹«

». . . Ihr könnt Euch denken, wie es die heiligen Engel des Himmels wurmte, für Heiden angesehen und bedauert zu werden. Und als nun der erste Spuk um sie losging, da versuchten sie, die Augen zu schließen, aber es war nichts zu machen. Die Kinder hopsten um sie herum, zupften ihnen am Krähengefieder . . .«

»Hm, hm!« brummte Ignazio.

»Ich will sagen, an dem Fetzenkleid, kniffen sie über den Schleier weg in die Nase, zogen am Ohrläppchen, flüsterten ihnen einen Witz ins Ohr und, ob sie wollten oder nicht, die düstern Frauen mußten immer wieder aufschauen und zuhören. Die Engel sind ja selber alle musikalisch und fast jeder spielt ein Instrument. Sie konnten gar nicht anders als aufpassen, was gesungen wurde und ob es richtig im Takte gehe und die Noten nicht zu hoch oder zu tief hinunterschweifen. Und ohne es zu merken, begannen sie gewohnheitsmäßig ihre Glieder zu rühren und immer bestimmter im Rhythmus auf und ab zu wiegen. Das merkte Marietta flink, und mit ihren schönen schlanken Armen schlug sie den Dreiviertelstakt so mächtig, daß man wie verhext vom Scheitel bis zur Zehe ihr auf und ab und rechts und links folgen mußte. Als dann noch gar der heitere Psalm von Jerusalem und seinen goldenen Türmen erscholl und hundert Kindermäulchen die Chöre der Engel rühmten und ihre Treue priesen und ihren Flug bald wie von Adlern, bald wie von Schwalben besangen und als sie die kleinen Arme spannten, um ihr himmlisches Schweben nachzuahmen, da war es um die Maskerade geschehen. Sie mußten sich erheben und sich sachte drehen und neigen und verbeugen, wie in einem Konzert vor dem Dreieinigen . . . Nur aus Anstand, sagten sie sich, nur aus Gewohnheit! Aber es war die Gewohnheit des Herzens, nicht bloß der Beine . . . Und wie sie so mittanzten und bald auch mitsangen und nach und nach auch großartig mitlachten, da staunte das ganze Castelletto. Denn so federleicht und voll Grazie hatte man noch niemals tanzen sehen. Aber was noch wunderbarer war, indem sie so festierten, fingen ihre Kleider an heller zu werden, taubenweiße Federn wuchsen hervor und bald merkten alle, daß das nicht Sibyllen vom Berge, sondern Engel vom hohen Himmel waren . . .«

Lätizia erzählte jetzt so rasch, daß ihr die Wangen bebten von Eifer. Auswendig redete sie, davon zeugte jeder Satz, aber auch inwendig mit der ganzen Lustigkeit ihrer zwanzig Jahre. Ignazio rauchte und horchte mit geschlossenen Augen. Ich ließ die Beine bequem über eine Felsplatte hinunterhangen, sah über die hitzige Erzählerin weg in die Tiefen und Höhen der winterlichen Abruzzen hinaus, genoß in schweren Schlücken diesen goldenen Legendenwein und wußte sehr gut, daß dies einer der wenigen reinen und seligen Augenblicke meines Lebens sei.

»Inzwischen fror und langweilte sich der Hund vor dem Portale ganz entsetzlich. Es roch so gut von Kuchen aus dem Innern! Warum riefen ihn die Engel nicht verabredetermaßen herein, daß er wenigstens die Leute erschrecke und dieser lachenden Tollheit im Hause das Haar sträuben mache? . . . Schließlich hielt er es nicht mehr so allein aus und trampelte langsam in den Festraum. Potz, Feuer und Schwefel, da tanzten ja die Engel mit Marietta in der Mitte so zierlich über den Marmorboden, die Knie biegend und die Flügel weitend, daß er sich beinahe für diese verweltlichten Geister schämte. Und nicht genug, so oft sie sich an ihm vorbeischwangen, versetzten sie ihm lachend einen Fußtritt. Die Falschen! Aber das hätte er, der alte Fuchs, doch eigentlich wissen müssen, daß sich mit solcher Compagnie, man denke, mit Engeln, kein gemeinsames und sauberes Geschäft abschließen lasse. Da hat er nun den Spott und Schaden . . .

Ihm schwoll der Kropf vor Ärger. Nein, so billig soll man ihn nicht foppen. Probier er es also auf eigene Rechnung. Er begann zu knurren und leise zu bellen und geifernd die Zähne zu fletschen.

›Ein verlaufener Hund! er hat Hunger, ihn friert!‹ rief es mitleidig durcheinander. ›Heut' abend, wo der Welt die größte Liebe geschah, darf kein Mensch, aber auch kein Tier leiden. Gebt ihm zu fressen.‹ Und Marietta sprang herzu und streichelte seinen Pelz und warf ihm von ihrem lachenden Atem in die Schnauze. Er nahm ihr keinen Bissen ab, versuchte vielmehr zu schnappen und zu beißen, aber sonderbar, er hockte da wie gebannt und konnte nur die roten, wütenden Augen rollen.

›Jagt ihn hinaus!‹ befahlen jetzt die Engel, ›jagt ihn eilends hinaus, er will uns das Spiel verderben, das Lachen vergiften, der abscheuliche Köter.‹ Aber Santa Marietta hob den Finger und sagte lustig: ›Sei brav, Schwarzli, und wenn du nicht tanzen kannst, so mach' wenigstens das Männchen . . . eins – zwei –drei – hop!‹ Und wahrhaftig, der Satan konnte nicht anders, es zwang ihn durch alle Knochen, er mußte auf die Hinterbeine stehen und die Vordertatzen geduldig nebeneinander in Achtungsstellung halten. Die kluge Risola, die Engel und Teufel bändigte, hatte gleich erraten, was unter jenem Balg stecke, und so nahm sie einem Hirtenbuben, der Johannes den Täufer vorstellte, das Fähnlein weg, worauf sie mit geschickter Nadel den Spruch gestickt hatte: »Sehet, das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt!« und zwang es dem Teufel in die Klauen. Die Bestie schleuderte schwefelgelbe Funken aus den Augen und zitterte und schwitzte und stellte das Haar zu Berg; aber sie konnte nicht anders, als auch noch geduldig das Banner ihres großen Feindes tragen. O wie lachten die goldenen Augen der Marietta auf die höllenroten des Teufels hinunter, gerade so wie da im Gemälde!« . . .

So erzählte das Frauelein drollig und mollig und ruhte dann in einer kurzen Pause sozusagen auf meinem gespannten, entzückten Gesicht zufrieden aus.

Es kam dann zum guten Legendenschluß das Santissimo Bambino, der Hund verduftete wie eine Null, und alles löste sich in einen Himmel auf Erden auf. Aber ziemlich spät, als das Christkind und die Engel schon die Kapuzen stülpten und weiter wollten, klopften noch harte und dennoch sehr zaghafte Knöchel ans Tor. Kaum zu glauben, nun keuchten die wirklichen, sieben oder neun, Sibyllen herein, gebückt, zahnlos, verwittert und baten mit Stimmen aus andern Jahrtausenden um ein Viertelstündchen Wärme an den Weihnachtskerzen. Ehrwürdig neigten sie das Haupt vor dem Kinde der neuen Welt und schwiegen dann, und niemand wußte, was das stumme Zucken ihrer Lippen bedeuten wollte. Aber um der demütigen Greisinnen willen blieb das Christkind noch eine gute Weile länger im Castelletto, als sein Reiseplan erlaubte, und als sie wieder im Schatten ihres Gebirges verschwanden, begleitete sie ein Kußhändchen des heiligen Christ in ihre trostlosen Steinwüsten hinauf . . .

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