Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Federer >

Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Und wirklich fing er von der Stunde an, seine großartigen Sünden aus dem irdischen Kunstrahmen herauszunehmen und gegen die gewaltige Reinheit und Einfalt des Himmels zu stellen. Was da vorhin geglänzt hatte, verlor sogleich die Farbe und sah mitten in so viel heiligem Licht und Blau völlig schwarz aus. Es war wohl immer ein heillos saftiges Abenteuer, mitunter wohl eine kurzweilige und brillante Notwehr, aber auch sehr oft nur ein süßer Mutwillen und herzlicher Streich der Rache gewesen, daß er mordete. Von allem Appetit und Wohlgeschmack jener Untaten blieb jetzt, je länger er die Sache prüfte, nichts übrig als Asche oder als ein weiter, kalter grauer Winter, über den die Rache Gottes wie eine blutige Sonne aufging.

Was habe ich von allen gelungenen Triumphen? nicht mehr als vom Flintenschuß vorhin. Nichts als Tod. Dies war der unausweichliche Schluß seines Sinnens. Es wurde ihm in den folgenden Tagen immer klarer, daß er über den Tod, ob nun Töten oder Sterben, nie nachgedacht hatte. Das wurmte ihn jetzt. Da lag ja nun doch der Irrtum und die Schuld seines ganzen, statt auf einen Thron oder in eine berühmte Werkstatt, ins Zuchthaus und unter das Beil mündenden, verlorenen Lebens. Das machte ihn aufs tiefste niedergeschlagen.

Da suchte ihn Rufa mit dem Gegenteil zu ermutigen. Sie redete vom Geborenwerden und Leben. Sie ließ ihr Wachsendes unter der Brust schon in die Sonne hüpfen, malte seine Bäcklein purpurn, zündete ihm die Augen an, stiefelte seine Füßchen zu einem losen Getrippel über Knie und Rücken des Vaters. Auch ließ sie das zahnlose Mäulchen schon allerlei Plapperzeug versuchen. Aber je mehr sie das Gefängnis mit Kinderschimmer beleuchtete, um so unheimlicher schien dem Brigone der finstere Tod aus den Ecken zu dräuen, und je heller sie die Wiege machte, desto schwärzer kamen ihm nun die Särge vor, die er so vielen gehobelt hatte. Was wog eine Wiege gegen ein Dutzend Särge? Jetzt, wo Rufa so eine Geburt wie einen kleinen Stern aufgehen ließ, sah er rings um dieses Licht die Nacht des Todes sich nur um so dunkler und unendlicher ausbreiten.

Einmal sagte Rufa: »Ach, unser Kleines wird zwar in einem Kerker geboren und bekommt nur Stroh unter sich und ein Stallaternchen neben sich wie das heilige Christkind. Aber es wird sich schon durchhauen. Solche Menschlein werden immer recht stark. Bis dahin wollen wir es nachts immer zwischen uns zwei hineinbetten und am Tage auch möglichst in der Mitte behalten, daß es nicht friere und sich sicher fühle. Keine Mücke soll ihm wehtun.«

»Die paar Stunden, die wir das können! Aber dann?«

»Dann, Alonz, gibt es andere brave Menschen genug, die unserem Vögelchen das Nest warm halten. Es hat immer solche.«

»Aber auch solche, die es erschießen mögen,« entgegnete Alonz, und in dieser Sekunde, wo er eine Flinte gegen sein eigenes Fleisch gerichtet sah, erkannte er erst, wie unbezahlbar das Leben aller Menschen war, die er vernichtet hatte, selbst des Feiglings von Riccone und des Verräters Guglio, die er beide hinter Visso kalt niedergedolcht hatte. Der unsagbare Wunsch, daß sein Kind lebe und erhalten bleibe, umfaßte nun auch alle übrigen Leben der Welt, und die Sorge, es könnte ein Stäubchen ans Leben seines Sprößlings gehen und ihn beseitigen, wuchs sich nun aus zu einer Angst und einem Abscheu vor allem Unfug gegen Leib und Leben der Menschheit. Er fühlte nun, was seine Opfer und ihre Angehörigen gefühlt hatten. Er, der einst über den Untergang der Welt gelacht hatte, bangte jetzt vor jedem Menschen, der dieses wüste, tolle Lachen noch in sich bewahrt hatte, und seine ganze Seele wollte nichts anderes: als daß alles, alles auf Erden seinen langen guten Tag zu Ende lebte. Sein Kind wurde ihm so zur ganzen Menschheit und seines Kindes Dasein zur Gegenwart und Zukunft der Welt: Cristo santo, und wenn nun da doch einer käme und das Gewehr höbe und schösse wie er . . .

Immer ehrlicher begriff Alonz seine Schuld, und immer demütiger wurde er. Sein eigenes Leben schloß er von allem übrigen Leben aus. Ihn sollte man nur vom Baum der Menschheit schneiden. Er verdiente keine Minute länger daran zu hangen und zu schmarotzen. Gerne wollte er bluten und sühnen. Unser Herrgott war ja doch nicht grausam, sondern ließ einen Sprossen aus ihm wachsen, damit er die Verderbnis des Vaters gutmache und das alte Brigoneleben in einer neuen, edeln Weise weiterlebe.

So geschah die Umkehr Alonzens bedächtig Schritt für Schritt. Als er seine Sünden in aller Breite und Tiefe mit seinen kühlen Augen bemessen und mit seinem großen Verstand erwogen hatte, lehnte sich auch sein tüchtiges Herz nicht länger dagegen auf, vor dem alten, milden Kapuzinerpater Baldassare Perostola niederzuknien und in einer langen Beichte die schweren Steine seiner Vergangenheit vom Gewissen zu laden und sich gewissermaßen freie Luft zu schaffen. Danach nahm er das heilige Sakrament der Hostie und betete und wurde ein Christ unter Christen. Doch bemerkte man bei dieser ganzen Bekehrung nichts Weibisches und Krankhaftes. Alonz beichtete so laut, wie er ein Soldatenlied sang, so daß man alle Türen schließen mußte, und er trug überhaupt seine Sache mit unserem Herrgott aufrecht und gerade aus, wie ein Ritter, der das Turnier verspielt hat und nun das Knie vor dem Sieger beugen und sein Schwert übers Knie zerbrechen lassen muß. So ein zerbrochenes Eisen glänzt oft herrlicher als ein ungebrauchtes, schartenloses, ganzes Schwert.

»Das sage nicht ich,« entschuldigte sich Thieco aus dem Dunkel hervor und blies die verglimmenden Kohlen ein bißchen an. »Das sagt diese Storia. Gottlob, sie erlöscht nun auch bald.«

»Nun also!« bat ich. »Ein Stück weit klang's ja nun wirklich eher wie eine fromme Betrachtung, und das ist, ich kann mir nicht helfen, für meinen Geschmack in einem Geschichtlein immer ungefähr das, was eine zu mürbe Stelle in einem soliden Apfel. Beides schmeckt mir nicht. Sachen und Taten sollen erbauen, nicht ihre süßliche Meditation. Aber ich denke, nun beißen wir wieder in einen fermen epischen Schnitz dieses doch ganz prächtigen Nursierapfels. Mach' fertig, ehe das Feuer ganz ausgeht.«

Thieco schielte mich spöttisch an. Was dozierte ich da? Dann erzählte er rasch:

»Als die Zeit der Wiege schon nahe rückte, fragte Alonz eines Tages sein Weib, wie das Kind denn eigentlich genannt werden solle.

»Alonz, wie du!« antwortete sie so bestimmt, als könnte es nur ein Bub und nur ein Alonzblut sein.

»Nicht, nicht!« wehrte er ab. »Ist es ein Knabe, so soll er Innozenz heißen, daß alles weiß, wir hätten alle Schuld mit uns hinüber genommen und er stehe diesseits so sauber da wie ein junger Stern. Aber wenn es ein Zöpflein ist, so soll es Angiolina heißen und uns wie ein zünftiges, herzhaftes Engelchen immer ein wenig mit seinen Flügeln zudecken, so oft es da drüben . . . im Finstern . . . im Zorn Gottes . . . ein bißchen gefährlich wird. Nicht wahr, das soll es?«

»Ja,« lächelte Rufa und wurde über diese drollig-heilige jenseitige Vorstellung ihres Gemahls so aufgeräumt, daß sie für ein Zeitchen die Schmerzen an den Füßen vergaß.

Um diese Tage herum dichtete Brigone das Lied: »Spätzlein, wenn du aus dem Fittich,« und den Sang vom roten Blut.«

»Bitte, sag' sie her,« unterbrach ich den Erzähler flink.

»Ich weiß sie nicht auswendig.«

»Besinne dich doch!«

»Ich weiß nur, daß es immer am Ende der Strophe heißt: Niente di piu rosso che sangue Es ist übrigens ein trauriges Lied. Wie Nacht! Via!«

Der Lümmel log mich bestimmt an. Er kannte diese Lieder alle. Aber er wollte sie nicht deklamieren, er schämte sich. »Und dann,« bat ich.

»Das Spätzleinlied, wie man es jetzt immer heißt und wie bei uns es jedes Kind so gut wie das Paternoster kennt . . .«

»Siehst du, Thieco, siehst du!«

»Unterbrich mich jetzt nicht mehr, sonst hör' ich auf,« bemerkte nun Thieco verdrossen. Sofort nahm ich die gefügigste Miene an.

»Also das Spätzleinlied hatte Rufa wie viele andere zum Gitter hinausgeworfen. Da war es denn eifrig stadtauf und stadtab kopiert und in allen Stuben gesungen worden. Aber an einem ganz stillen Nachmittag im Februar, wo unser ganzes Land den Atem anhält, um den ersten Schritt des Frühlings nicht zu überhören, und als Rufa neben Alonz im Garten saß, ebenso still und ebenso lauschend auf ihren kleinen Frühling unter dem Busen, da hörten sie deutlich außerhalb der hohen Burgmauer eine verwitterte, aber immer noch beseelte Stimme zum Zupfen der Gitarre singen:

»Spätzlein, wenn du aus dem Fittich
Deiner lieben Mutter springst . . .«

Tieferschrocken bog Brigone den Kopf vor. Wahrhaft, seine stillen, frommen Verse! Wer führte da sein Stillschweigen durch die Gasse und lärmte seine geheimste Seele über den Markt aus?

»Una moneta per grazia di Dio, soltanto un quattrino, Vossignoria!«Eine kleine Münze, um Gottes willen, nur einen Quattrino, Herrschaften! rief der Musikant, indem er eine ungehörige Pause ins Lied legte.

»O Herrschaften, ich bin ein alter Krüppel ohne Haus und ohne eine gute Seele . . . ich . . .«

»Weiter!« gebot eine junge befehlshaberische Stimme. Rufa errötete. Das war Carlino di Lossa.

»Warte, meiner Schelm, ich bitt' dich,
Eh' du eigen baust und singst . . .«

»O Euere Herrlichkeit, nur einen Quattrino! Ich bin ein alter Krüppel ohne Haus und ohne . . .«

»Singe erst!« schnitt jenes Herrenstimmlein die Bettelei ab. Man hörte Leute ringsum stillestehen. »Ja, singe!« riefen ein paar Mädchen unbarmherzig. »Das ist schön. Alonz Brigone hat das gemacht. Singe!« – Da begann der greise Musikant, während die Buben mit weichem Umbrierpfiff und die Jüngferchen mit süßem Gesumme sekundierten und zwischenhinein etliche Kupfermünzen in den Teller kesselten:

»Eh' du eigen baust und singst,
Warte, bis das Mütterlein
Schlief für alle Nächte ein!
Uccellino mio!«

Ins Klatschen und Bravorufen leierte der Alte sein Lamento. Aber die verwöhnte junge Gebieterstimme wußte sich in allem Gelärm durchzusetzen und forderte so mild, wie ein solcher Mund nur fordern konnte: »Da capo, Cecco, dann kriegst du ein Silber! Hier, sieh!«

Sogleich wiederholte Cecco ohne Stocken:

»Spätzlein, wenn du aus dem Fittich
Deiner lieben Mutter springst,
Warte, kleiner Schelm, ich bitt' dich,
Eh' du eigen baust und singst,
Warte bis dein Mütterlein
Schlief für alle Nächte ein!
Uccellino mio!«

Darauf klapperten viele Münzen in den Teller, die meisten mit dem trockenen, stumpfen Schall ärmlichen Kupfers, aber eine mit dem süßen Geläute des Silbers.

Der Rummel ging die Straße hinunter. Von weitem scholl es dann wieder: Warte, kleiner Schelm, ich bitt' dich . . . una moneta . . . ohne Haus und liebe Seele . . . Uccellino mio . . . mein Vögelchen . . .

Rufa hatte bänglich ihren Gemahl betrachtet. Zuerst machte er ein wildes Gesicht und fuhr sich siebenmal durch den gesträubten Bart. Dann stimmte ihn das Gejammer des Sängers milder und der Tanz der Münzen lockte ihm fast ein Lächeln aus den Augen. Aber die Stimme des jungen Herrn machte ihn handkehrum wieder wütend. Er schoß auf und pflanzte sich fast wie ein Drohmann vor Rufa auf. Aber sogleich zog sie ihn, noch ehe der Donner losbrechen konnte, wieder zu sich nieder und sagte mit witziger und gütiger Überredungskunst:

»Ich habe kein Haus und keine liebe Seele . . . hast du das gehört? Der arme Mensch! Aber jetzt hat er Geld bekommen, ziemlich viel, meine ich, und er wird mit deinem Lied noch immer mehr einnehmen, bis er sich ein Mägdlein dingen und eine Stube mieten kann. Cecco, das weißt du doch, lebt wie ein Hund im Loch. Zitto, zitto . . . das ist noch nicht alles. Dieses Gedicht hilft noch hundert anderen Menschen. Wie manchem unserer Strubelköpfe, die sonst schon mit sechzehn Jahren ins Gebirg' zum Wildern stürmen, singt die Mutter oder das Schwesterchen dein Lied, und da wirft er den Schafpelz wieder ab und hockt nieder und bleibt noch einen Tag und noch einen. Alonz, was ist ein Tag wert, ein Tag länger Mutter- und Vatersein!«

Er hatte den Kopf schütteln wollen, aber mußte jetzt einfach nicken: das ist so.

»Siehst du, Lieber, was diese einzige Kanzone nützt. Sogar mein unfeiner Vetter ist weich geworden und hat Silber geschenkt, obwohl er den Bettlern früher in den Blechteller spuckte und dazu immer leere Kasse hat. So viel vermag ein Lied. Aber du hast noch viele, und auch diese andern singt man. Alle habe ich zum Fenster hinausfliegen lassen wie Amseln, und die singen jetzt durchs ganze Land. Sie alle sind deine Kinder. Wir haben gemeint, du habest nur eines zu geben. Siehst du wie viele! Jedes Lied ist ein Leben und macht wie ein Neugeborenes ein wenig Lärm und ein wenig Freude unter den Menschen und hebt da eine Knie auf und stützt dort einen müden Kopf und macht viele trübe Gesichter lachen und zündet in manchem dunkeln Haus ein kleines Licht an, daß es wieder für eine Weile munter in der Stube ist. O siehst du, Alonz! so viele Lieder, so viele neue Leben!«

Alonz ergriff zitternd Rufas Hand und küßte sie wortlos.

»Bist du jetzt noch böse? So achte doch: den Innozenz oder die Angiolina wollen wir doch auch nicht mit uns ins Grab nehmen. Der Welt schenken wir das Kind für einen Getöt . . . für einen Toten. Und deine andern Kinder sollen auch in die Welt marschieren und fechten und froh und gutmachen, was wir übel getan. Sie sind alles Unschuldige und Engelchen. Jedes für einen Toten! So machst du viel mehr Leben als du einst Tod gemacht hast. Wir bleiben nichts schuldig, grazia a Dio, dir wird man noch schuldig bleiben. Sing' also und laß' singen, Alonz!«

Sie gab ihm nun den Kuß auf den schönen Liedermund zurück, und im selben Augenblick spielte auf dem Birnbaumwipfel wieder eine Bergmeise: tio . . . tirlirlirli . . . tio . . . tio . . . o . . . o, gerade als sagte sie, wir haben dir unsern Toten verziehen. Aber sing' dafür und laß singen . . . tio . . . tirlirlirli . . . . . . i . . .!«

»Gott, wie schön ist das!« konnte ich mich nicht enthalten, in die heilige Sache hineinzuflüstern. Aber Thieco sprach ungerührt: »Willst du jetzt nicht schlafen? Das Feuer ist erloschen.«

»Nicht um alle neun Sibyllen . . .«

»Zwölf!« verbesserte Thieco.

»Einerlei, aber um alles nicht lasse ich mir den Schluß entgehen. Berichte nur weiter, indes ich die Glut anblase!«

Ich warf noch einiges Reisig in die letzten roten Kohlen, blies ein paarmal drein und schon leckten die gelben Flammenzünglein durch das Geäst, daß es knisterte und unsere erkalteten Kniee wieder warm machte. Da brannte Thieco auch unverweilt den letzten Span dieser feurigen Abruzzenlegende ab.

»Immer mütterlicher wurde indessen das Aussehen Rufas. Aus ihren Augen schienen schon zwei Seelen zu gucken, ihre milde und die neugierige kleine Kinderseele Innozenzens oder Angiolinas. Doch fühlte sie sich bei diesem geheimen Doppelleben oft unwohl, und ihre Füße fingen im Frühling mehr an zu schwellen und bitterer zu schmerzen als je. Umsonst verbarg sie mit zahllosen unschuldigen Kniffen das Leiden vor dem Gatten. Er merkte es doch, und als ihr einst im halben Schlaf ein leises Wimmern entfuhr, da löste Alonz, ohne auf ihren Widerstand zu achten, die Fußbinden und sah, wie scharf die Nägel ihr ins Fleisch stachen, und daß, wenn man sie nur sorglich aus dem Geschwulst schnitte, auch die Qual aufhören müßte. Denn, erklärte er ihr spaßig, nur von diesen bösen Krallen komme das Brennen und Zucken und Stechen. Er müsse sie dem Kätzlein abschneiden, dann werde es wieder ein gesundes, zahmes Schoßtierchen sein, wie er's brauche.

Darauf mußte Rufa die kranken Füße in warmem Wasser baden, bis die Hornhaut weich wurde. Und nun band er sich ein Tuch um, kniete vor sie hin und schnitt ihr so langsam und so geschickt wie ein Krankenwart die spießigen Nägel und das wilde Fleisch von den Zehen. Zuerst sträubte sie sich übermäßig, aber sie ward bald ruhiger, und als der Schmerz fast augenblicklich von Glied zu Glied abnahm, blühte allmählich im Anschauen ihres knienden Herrn und Helden, besonders wie er die zierliche Schere in seiner Riesenfaust zu diesem Zofendienst handhabte, ein scharmantes Lächeln der Schalkheit über ihrem Gesicht auf. Sie strich ihm das Haar ans der Stirne, zopfte es ein bißchen und fragte mit leiser Schelmerei: »Alonz, nun kannst du mir einmal nicht entschlüpfen. Jetzt sollst du mir dein erstes Lied vorsagen, das man ja nirgends recht zu hören bekommt, weil es so wild wie ein Raubvogel sei und gar nicht eingefangen werden könne. Nun bist du ja sein Falkner. Zeig' mir deinen ersten Falken!«

»Niemals!« gab er blitzschnell zurück und neigte sich tiefer, um sein Erröten zu verstecken. »Dem Vogel ist der Schnabel gründlich zusammengewachsen.«

»Das glaub' ich nicht. Ein solcher Schnabel wird nie stumm. Alonz, ich bitt' dich innig, laß ihn pfeifen!«

»Was soll's denn eigentlich sein?« wich der bedrängte Riese aus. ›Meine Burg braucht nicht Tore und Riegel,‹ etwa das?«

»Nein, Alonz, das weißt du recht gut, daß ich ein anderes meine.«

»Oder der Lupolino . . .

Beiß, Wölfchen du, nicht Hasen allein,
Beiß auch deine schönen langen Zähne
Dem Gräflein Carlino von Lossene
Ins hasenhafteste Fleisch hinein!

Die Strophe hat deinen Vetter beinahe umgebracht!«

»Pfui, pfui, gar nicht das! . . . Es fing an: ›Se io sapessi‹ und hat den Namen ›Senza‹. So viel weiß ich.«

»Das? O das ist ein dummes Lied! Ich mag keine Silbe mehr davon wissen.«

»Aber früher hast du dieses Senzalied doch deinen Gespanen vorgesungen, so oft sie es nur hören wollten.«

»Das war früher: also ist's vorbei!«

»Ein gutes Lied ist nie vorbei!«

»Es ist kein gutes.«

»So ist's ein stolzes. Auch ein stolzes verliert seinen Schnabel nie.«

»Laß mich, liebes, arges Wesplein!«

Da schmollte sie: »Bin ich dir also zu wenig? Nun so vergiß nicht, unserer sind zwei, die zuhören. Gönn' es dem Kind, wenn du es der Mutter nicht gönnst. Das Kind soll wissen, daß sein Vater nicht immer in einem solchen Käfig wie ein gestutzter Vogel saß, sondern einmal ein freier Adler war. Und daß es also auch kein Käfigkind, sondern ein freies Adlerkind ist. Man kann ihm das nicht früh genug sagen. Beginne doch!«

Nun war er besiegt. Er mußte mit jener alten, wilden Sprache heraus. Während er also Zehe um Zehe beschnitt, sprach er leise gen Boden:

Senza:
        Wenn ich wüßte,
Wer mir dienen täte,
Ohne daß ich darum bäte;
Wer mich tragen würde
Und noch dankte für die Bürde,
Wer mich fleißig küßte
Ohne, ohne, ohne
Daß ich danken müßte,
Ich, Alonz Brigone!
Se io sapessi.

»O du Großartiger!« gratulierte das Frauchen zur Strophe und gab ihm einen leisen, lustigen Tritt auf die Hand. »Wie prahlst du nun weiter?«

Da schüttelte er den Wirbel. Er wickelte ihr die Füße ein und schob sie in die Socken.

»Überwinde dich, Alonz!« bat sie dringend. »Unser Kind will das ganze Lied hören.«

So begann er denn nochmals, aber übersprang die Mittelstrophe und deklamierte noch leiser und tiefer gebogen:

        Wenn ihr' s wüßtet!
Bin der härteste der Diebe,
Liebe nicht, nein, will nur Liebe.
Neiget mir ein Schemeldirnchen
Noch so tief sein frommes Stirnchen,
Bist an mir ja doch verloren.
Ohne, ohne, ohne
Herz bin ich geboren,
Ich, Alonz Brigone.

Immer leiser sprach er und immer tiefer bückte er sich. Da neigte sich das Schemeldirnchen, das nun zufällig zu seinen Häupten saß, zum König Brigone nieder, der nun zufällig vor ihr auf dem Boden kauerte, zog ihn lächelnd zu sich empor und sagte: »Man könnte meinen, ich hätte das Lied verfaßt. Aber das ist nicht wahr. Wir sitzen für immer gleich hoch nebeneinander, Alonz, nur daß du um ein Manneshaupt über dein Weibchen hinaussiehst, wie es rechtens ist.« – Und so saßen sie wirklich Schulter an Schulter nebeneinander, die Arme und noch mehr die Seelen ineinander, und empfanden es beide hell, daß sie sich noch nie so gleichmäßig und lauter geliebt hatten wie jetzt, wo sie alles, was nach Schemel oder Thron aussah, spurlos zwischen sich weggeräumt hatten.

Brigone wendete von nun an eine solche Sorglichkeit für Rufa auf, als ob es nicht ein, sondern schon zwei liebe Wesen wären, für die er aufkommen müßte. Und während er früher in seiner stolzen Unart jede Gunst zurückgewiesen hatte, allein die Nachmittage im Garten ausgenommen, nahm er jetzt um jener beiden Wesen willen, aber auch seinem eigenen verwandelten Menschen zulieb, nicht nur das wohnlichere Zimmer an und aß und trank von allem Guten, das man ihm auftischte, sondern er sah es nun selber auch gern, daß man ihm nachts nicht mehr die Fessel von Fußknöchel zu Fußknöchel anlegte und dafür ein besseres Bett aufschüttete. Er weigerte sich auch nicht länger, ein seinem gräflichen Rang entsprechendes Kleid mit geplustertem Wams, Tellerkragen und schwarzem Federhut anzuziehen. Rufa mußte ihm den verwilderten Bart und das waghalsige Haargeringel kurz schneiden, und es schien, als ob er sich von Tag zu Tag für einen nahenden Gast schöner machen wolle, sei's nun ein frisches, drolliges Kindlein oder sei's ein grauer, klapperdürrer Magistrat namens Tod, die ja sozusagen Hand in Hand und im gleichen Schritt auf Besuch kamen. Vor allem fürs Kind! Es sah ihn ja nur einen Augenblick, da sollte es ihn denn prächtig sehen, in einer solchen Staatlichkeit, daß das väterliche Bildnis sich für immer in seine eintägigen weichen Augensterne einprägte, und daß alles, was in einem langen Leben an Licht und Schatten darüberfiele, dieses erste rasche Bild nicht zudecken könnte.

Oft saßen die seltsamen Eheleute, die sich nun erst so ganz im Innersten gefunden hatten, auf der Strohmatte beisammen, eines die Hand des andern auf dem Knie, blickten ernst in die Steinplatten mit den unzähligen, in der Mitte des Zimmers noch so kecken, aber an der Schwelle so ausgetretenen, fliehenden, erlöschenden Fußspuren und schlossen im Angesicht dieser zum Tode hinausführenden, auch ihnen vorgezeichneten Stapfen voll Zufriedenheit die Rechnung ihres Lebens ab. Mit sich sind sie nun im reinen, aber auch über das Los ihres Kindes ängstigen sie sich nicht mehr. Sie übergeben es der Reverenda Suora Maria di Brigone. Diese Dame mit Augen, grau wie Asche, ernst wie Asche, aber auch gesunde Funken sprühend wie Asche, ist Äbtissin im hiesigen Stift der Benediktinerinnen und zugleich Alonzens Tante. Sie kennt das Leben vor und hinter dem Riegel des Klosters gleich gut und ist bei aller Neigung zur Stille und zum Gebet eine tapfere Frau geblieben. Furcht ist ihr fremd. Sie hat das Stift gegen die Franzosen drei Tage länger verteidigt als die Chorherren von Sant' Agostino und sogar einen Tag länger als die bärtigen Kapuziner auf ihrem festen Hügel. Und sie hat, da kein Maurer noch Schreiner sich an den bröckeligen Giebel des Mittelbaues wagte, selber bei Nacht – Gott allein weiß wie – das vom Wind schiefgedrehte Kreuz wieder kerzengerade gestellt. Und so steht sie selbst und so wird sie ihr Mündel recken und strecken. Ist es ein Mädchen, dann darf es in jede Zelle hüpfen und von einem Nonnenschoß auf den andern klettern. Aber freilich, ein Innozenz gelangte nicht so weit. Er müßte wohl beim Verwalter wohnen und sich mit den Knechten und Handwerkern in den äußern Höfen und allenfalls mit einer Spitzbüberei in den Obstgärten begnügen. Das heißt, bis zu den Haselnußbüschen und den Quitten und sauren Johannisbeeren dürfte er sich vorwagen. Soweit dürfen Mannsbilder gehen. Aber dort, wo die jungen blühenden Kirschbäume jetzt wie Ministranten im gespitzelten Chorhemd stehen, halt, dort fängt die Klausur an. Und wenn Innozenz nun doch einmal durchaus eine Kirsche naschen möchte? Er muß es bleiben lassen. Von seinen Eltern soll er die Lehre nehmen: daß man auf die meisten Kirschen im Leben verzichten muß, Vater und Mutter sogar auf die beste Kirsche, das reife, volle Leben selbst.

»Du hast wenig vom Leben genossen,« sagte Alonz aus solchem Brüten heraus und betrachtete barmherzig das so junge, so unverbrauchte und schon so sterbensreife Gesicht Rufas. »Fast nichts Gutes hast du gehabt. Ich, ja, ich habe den Kirschbaum des Lebens ordentlich durch die Äste bis in die Krone hinauf geplündert und die schönste Beere, mein Gespons da, gehörig gepflückt. Aber so sag' doch, was hast du gehabt? Gar nichts. Du solltest jetzt erst das Leben anfangen, bei unserem Kinde nochmals anfangen. Ich würde den Weg . . .« er fuhr mit der Hand gegen den offenen düstern Schloßgang hinein . . . »hinüber schon finden. Ich bin oft allein durch den schwärzesten Wald bei schwerem Nebel und ohne das kleinste Laternchen gegangen. Es wird drüben nicht dunkler sein.«

Wenn er früher oft so redete, hielt sie ihm die Hände vor den Mund, so daß nur noch ein paar ungefährliche Brosamen seiner Überredungskunst zwischen ihren kleinen Fingern durchrieselten. Jetzt blieb sie still, als hörte sie nicht. Denn das war in den Wind gesprochen. Das mußte er nun doch endlich wissen. Ohne Alonz mochte sie nicht leben, sie hatte ihn viel zu lieb. Und ohne ihn durfte sie auch nicht leben. Denn sie hatte seine Sünden, rot wie Scharlach, zwar nicht röter gemacht, aber auch nicht um ein Unschuldschimmerchen weißer gebleicht. Sie war eine Magd und Närrin der Liebe gewesen und hatte in solcher Dienstbarkeit nie gewagt, dem Herrn Brigone einen Streich auszureden oder gar seine Zuchtlosigkeit zu rügen. Wenn ihr Herz auch nicht bei seinem kriegerischen Handwerk war, so hatte ihm doch ihre Hand beigepflichtet. Wie oft schliff sie ihm den Dolch, fegte seinen Degen mit Bimsstein, füllte sein Pulverhorn und striegelte, hoch auf den Zehenspitzen stehend, sein Roß vor dem Abenteuer. Und wenn er dann so gerüstet auszog, schön wie Luzifer aber mit Satansgedanken, dann hätte sie fast noch die Knie gebogen vor diesem Abgott und Segen über Segen ihm nachgerufen. Jetzt täte sie das nicht mehr. Heute widerstände, warnte, drohte, befähle, schimpfte sie. Jetzt verstände sie genug Frauenlist und Frauenwagnis, um manche Unbill zu hindern. Jedoch, was soll das heißen: jetzt? So kann man nun gut sagen hinter Schloß und Riegel, wo es keine Gelegenheiten und Proben dazu mehr gibt. Damals, ach damals geschah es nicht. Das allein kommt in Betracht. Und all dies feige Unterlassen mußte sie so gut beichten als Alonz sein kühnes Übertreiben. Es war genau so ein Verbrechen und verdiente den gleichen Tod. O ja, sie mußte sterben. Fabuliere Alonz weiter, so lange es ihm gefällt!

Aber ihr Mann spricht diesmal mit besonderer Kraft und Zwängerei. Ach, kennt er sie denn nicht besser! Er malt das Leben, als hätte er es selbst erschaffen, so schön und so schmackhaft. Er ereifert sich, schüttelt sie an den Armen, beschwört, befiehlt. Der Tor! Sie fühlt, das ist sein letzter Angriff. Da sammelt sie sich, ringt nach einem Wort, das wie ein Blitz träfe und für immer alle solche Versuchung niederschlüge, und bringt doch nur den schmerzlichen Satz heraus: »Bin ich denn nicht wert, mit dir zu sterben, Alonz? . . . Dann war ich's auch nicht, mit dir zu leben, dann hättest du mich gleich heimschicken sollen, als ich dir das Körblein zu Füßen stellte und sagte: ›Da bin ich; willst du mich?‹ Dann hättest du ein anderes Weib nehmen sollen, und dann . . .«

Genug, übergenug! Er küßte ihr jedes weitere Wort auf ihrem Munde tot. Eja, im Grunde freute es ihn unendlich, daß sie durchaus mit ihm sterben wollte. Nur solche Liebe mochte ihm genügen. Aus Mitleid hätte er sie wahrhaft gern vom Beil erlöst, aber nicht aus Liebe. Seine Liebe blieb nun einmal trotz aller Läuterung mit Selbstherrlichkeit und Eigenliebe innig verwachsen. Er fand es nicht bloß vollkommen in der Ordnung, daß Rufa nur zu Bette ging, wenn er gehen wollte; sondern daß sie auch sterbe, wenn er sterben mußte. Aber aus Barmherzigkeit mit ihr und aus Gründen der Klugheit und auch aus einer Zärtlichkeit, die immer wieder aus aller Selbstsucht hervorbrach, überwand er sich zu dutzend Malen und redete ihr das Gegenteil ein. Er tat es freilich um so kräftiger und glorreicher, je gewisser er vom Mißlingen überzeugt war. Aber nach so einer Abwehr wie vorhin wollte er nun der Sache ihren ungehinderten, ihm und der Frau ja genehmen Lauf lassen.

So lebten sie nun beisammen in vollkommenem, seligem Verzicht auf alles, was nicht zu ihnen Zweien gehörte, und freuten sich, daß man nichts mehr brauche. Der Scharlach des Henkers, die schwarze Maske der armen Sünder und das todgraue Eisen hatte keinen Schein von Schrecken mehr für sie. Sie sprachen davon wie Kinder, die am gefährlichsten Ding herumfingern, und konnten dazu Butter aufs Brot streichen und herzhaft dicken Minestrone hinunterlöffeln.

In diese feste und glückliche Gelassenheit ihrer Seelen hinein rumpelte nun eines Abends um die Stunde, wo man in den drei Klöstern zur Vesper und zum Canticum Simeonis »Nun entlässest du deinen Diener, o Herr, im Frieden« mit den hohen Kinderglocken läutet, rumpelte ein gesundes, großes, starkes Mädchen mit gewaltigen Wiegenstößen ins Gelaß. Rufa genas am letzten Mai von einer Angiolina, die gleich so große Alonzaugen aufschlug und mit so mächtigen schwarzen Blicken den Vater umfaßte, daß er für diesen einen süßen Augenblick sich zehnmal hätte den Kopf abschlagen lassen. Sogleich kam auch der Großvater und Gubernatore ans Bettlein und mit ihm das ganze schwarzberockte neugierige Kollegium. Nur Carlino di Lossa fehlte, wofür ihm die junge, keusche Mutter im stillen hundertmal dankte. Die würdige Gesellschaft umstand das Kind mit der doppelsinnigen Miene einer Hebamme und eines gestrengen Richters. Zug um Zug verglich sie das neue Wesen im Kissen mit dem daneben knienden Vater. Schwarze Augen hier, schwarze Äuglein dort. Dickes Rabenhaar . . . dichtes dunkles Härlein. Lange Nase . . . langes Näschen; große dünne Flügelohren . . . durchsichtige, für so ein frischgebackenes Menschlein reichlich lange Flügelöhrlein. Vor allem: dem Vater wuchs ein samtener Flaum wie Pelz tief in den Nacken . . . sieh da, genau so dem Dirnlein. Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein, dieses Vaters verkleinertes und verfeinertes Bild, meilenweit sein Kind. So lautete die einhellige Erkenntnis. Also war Rufa mehr als nur Magd, war immer sein Weib gewesen, seine Mitschuldige, seine Mitgerichtete.

Nun denn in Gottes Namen zum Spruch!

Die zumeist alten Ratsherren keuchten mühsam in den alten Lossasaal empor, zwei Stockwerke über der kleinen Familie. Er hieß so, weil Carlinos Großvater als Gubernatore ihn hatte mit Holz füttern und mit so losen, ungerechten Stücklein der Weltgeschichte ausschnitzeln lassen, daß man eher in einem Tempel des Unfugs als der Justitia zu weilen glaubte. Dagegen ließ er der Göttin Gerechtigkeit die Binde abnehmen, so daß sie sich nun selber überzeugen konnte, wie wenig Gutes oder Böses eigentlich in diesem tollen Erdhäuslein nach ihrer Zucht und Wage gemessen werde. Der Stifter mochte diese Spötterei allein auf sich nehmen. Daher hieß man diesen Raum Sala di Lossa. Im übrigen hatten weder die offenen Augen der Justitia, noch die Greuel an den Wänden die Nursier Signoria bisher abgehalten, selber auch das Recht nach ihrem Profit zu biegen und den Saal mit neuen leibhaftigen Stücklein der Willkür auszustatten.

Die Herren, noch voll vom Geschauten, setzten sich an den grünen Tisch, aber rückten die Stühle nahe zusammen, vor Angst, das süße Engelchen da unten könnte irgendwo hineinschlüpfen und ihre harte, brigonefeindliche Rechtsordnung zerstören. Und sie redeten furchtbar leise, als könnte so ein Wesen zuhören und mit himmlischer Stimme Einspruch erheben. Alle haßten sie gleichmäßig den jungen Grafen Alonz, dessen Geschlecht die Stadt so oft tyrannisiert hatte und mit dem fast jede vornehme Familie im Weichbild in widrigen Fehden stand. Da gab es keine Schonung. Er mußte sterben, noch heute, solange er nur ein Mägdlein zum Nachkommen hat. Keinen Schnauf länger. Sie wollten ihm nicht noch Frist für einen Rachebuben gewähren. Sie hatten genug Brigone gehabt.

Aber die kleine freundliche Rufa! Das ist nun eine andere Sache. Sie hat nur die eine Schuld, daß sie Frau Brigone heißt, nein, auch wahrhaft ist. Alles andere lassen die Räte nicht gelten, was da an Mitwissen und Hehlerei und Helfershelferschaft vorzubringen wäre. Aber wenn sie sich selber als todeswürdig ansagt und sterben will, haben sie, die Herren, nirgends einen so starken Paragraphen, daß er sie gewalttätig retten könnte. Ja, wenn der Balg da unten nicht so mächtig Alonzen gliche, wenn man ihm einen andern Vater nachweisen könnte, dann würde kurzer Prozeß gemacht. Sie steckte man einstweilen in ein Besserungshaus und das Kind ins Waisenstift, und ihn köpfte man in aller Gemütsruhe. Aber nun ist das wirklich ihr Kind von Alonzen und er und sie gehören zusammen wie die rechte zur linken Hand. Sie könnte um Gnade flehen. Das wäre ein Ausweg. Dann würde man pro Forma untersuchen, wie wenig teil sie an der schwarzen Lebensführung des Gatten hatte, so wenig, daß man ein Statutum, das sie sonst töten müßte, so weit umbiegen könnte, daß es statt auf die Ziffer Tod auf eine schwächere Nummer, etwa auf dreijährige Haft und im bekannten geduldigen Weiterlauf der Gerechtigkeitsuhr bald sogar auf Freiheit zeigte. Aber, das will sie ja nicht, will sie einfach nicht.

Mit möglichst trockener Stimme versucht der Gubernatore, in diesem Augenblick tausendmal ärmer als seine Tochter, das Urteil auf Enthauptung der beiden noch vor Zunachten zu formulieren. Da fällt ihm der junge Carlino übers Pult, der gerade jetzt, verspätet wie immer und von irgendeiner verübten Frechheit erhitzt, ins Kollegium stürzt, reißt das Amtspapier mitten auseinander, schleudert den Gänsekiel zu Boden und bittet die Räte voll Heftigkeit, sie möchten ihn in den Keller hinunterschicken, daß er Brigone und Rufa zurede und ihnen beiden eine letzte halbstündige Bedenkzeit anberaume.

Alle schwarzen Barette nickten, und der junge Mann ging denn auch schnurstracks unter merklichem Erröten seiner schönen blassen Larve die Schneckenstiege hinunter. Vor dem Pörtlein warf er dem Fackelträger den gefältelten Mantel und die Ratsherrnmütze über den Kopf und klopfte dann bescheidentlich in gewöhnlicher Laientracht. Brigone öffnete und hatte seine liebe Not, eine Schimpferei hintanzuhalten, weil man ihm gerade einen so verhaßten Rivalen als Todesverkünder schickte. Aber Carlino trug nicht die Miene eines Triumphators, sondern vielmehr eines Mannes, der selbst vor einem Todesurteil zitterte, als er vor Rufa hinstand, sich ehrerbietig verneigte und dem Kind ein Kußhändchen gab, aber dann mit weicher Stimme Mann und Frau bat, um dieses Mädchens willen es doch an einem Leben genug sein zu lassen und für das andere, das mütterliche, die Gnade des Richters anzuflehen, der, wie er wisse, sie alsogleich und gerne geben werde.

Mit einer gewissen düstern Lustigkeit musterte Alonz den hübschen Junker, der so ein eitles Gerede führte, und dem doch eine versteckte Bosheit aus den Augen glomm. Rufa aber sah mit Stolz und Ernst auf ihn nieder, obwohl sie von der Matratze hoch zu ihm emporblicken mußte, und schüttelte ihr verbundenes Köpflein. Kein Wort schenkte sie ihm. Von dem Heldenwerk der Geburt noch ganz blaß, aber froh darauf und durch die Nähe der Ewigkeit wie von einem Heiligenschein umflossen, erschien sie dem Cavaliere schön wie eine Madonna. Er biß sich, um Mut zu kriegen, die langen, von Alonz im Lied so elend verspotteten Wolfszähne in die hängende Unterlippe und sagte schwächlich: »Hat denn dies Kind keine Mutter mehr notwendig?«

»Es hat schon eine.«

»Eja,« sagte Carlino nun dreister, »so eine Nonne! Die kann Blumen spritzen und Spaliere ziehen und Schleier häkeln. Aber eine Waise durchs Leben bringen kann sie nicht.«

»Schweig, Carlino!« bat Rufa.

»Eine Klosterfrau, die selbst als Kind von Vater und Mutter und Brüderchen floh, die keine Familie mehr hat als Gott und die Heiligen auf den Altären, was will sie dieses arme Häufchen Mensch nähren und stark machen und zu einem lieben großen Weib aufziehen, bedenket doch!«

War es das laute, erregte Schreien Carlinos oder merkte das Jüngferchen gar, daß von ihm die Rede sei, kurz, es fing in diesem Moment an im Arm Rufas hellauf zu flennen und mit den Fingerchen unruhig zu tasten und zu tappen, als wollte es wieder ins Mutterleben zurück.

»Seht Ihr,« bemerkte der geistvolle und schlagfertige Junker, »das Kindlein antwortet, weil Ihr schweigt!«

Rufa erbebte. Das hat sie nicht geglaubt, daß es so süß ist, Mutter zu sein. Wie duftig ist dieses Schleckmäulchen, wie warm sind seine Gliederchen, welch eine nie gehörte, mächtige Stimme hat es beim Weinen! O Christ, wie oft wird es noch so weinen in seine mutterlose Armut hinaus, und sie hört es nicht mehr und kann nicht kommen und es nicht geschweigen! Ach wohl, das Leben bedeutet ihr nichts. Aber das Kind bedeutet ihr alles, alles. Sie möchte sterben mit dem Manne und möchte leben mit dem Kinde. Ihr schwindelt im Kopf. Sie küßt das weiche Stirnlein und sucht gleich darauf Alonzens große Manneshand. Was ist bitterer wegzugeben? Was ist süßer zu behalten?

Angiolina schlägt die Wimpern auf, um zu sehen, wer es so warm geküßt hat. Welche Augen! so groß, so schwarz, so flehend wie nur die lautere Angst sein kann! Die kleinen, goldenen Sterne irren hin und her. Sie bitten: Küsse mich noch einmal und immer wieder, damit ich weiß, daß du bei mir bleibst, Mütterchen! – Und wieder kriecht es wie ein Wurm an ihr empor und möchte Milch.

»O Madonna!« seufzt Rufa.

Das ist das erstemal, daß Alonz Brigone sein tapferes Weib so seufzen hört. Mit diesem neuen Ton, mit dieser neuen, fast empörenden Gewalt! Ihn durchblitzt es wie eine Offenbarung. Alles wird hell. Ah, da ist die Mutter erwacht! Da steht Mutter gegen Göttin, da steht das Kind gegen den Vater.

Es tost ihm in den Ohren, als tanzten die Wildbäche vom Vettore um ihn, wie vor drei Jahren, um diese Maienzeit, in einer Gewitternacht voll donnernden Schmelzwassern. Es dreht sich ihm alles im Kopf herum wie damals, wo das letzte Brücklein über dem schaumweißen Bett des Minoglio tief unten krachte. Soll er's doch betreten? Braucht er's denn? Ist er nicht ein Mann? Ahi, mit beiden Fäusten riß er den Sparren los und stieß das Gebälke in den Strudel hinunter. Dann spuckte er in die Hände, spannte die Knie wie Bogensehnen und flog allein und ohne Brücke über den Tod unter den Füßen weit ins andere Ufer hinein. Aber das Jenseits, das nun vor ihm gähnt . . . »Rufa,« entfuhr es ihm vorwurfsvoll, »willst du mir entfliehen? . . . Frau! Frau . . .!«

»Nein, Alonz. Ich will ja nur vom Kind fliehen. Von diesem Herzlein da weg. Das ist schwer. Das begreifst du doch! Herr des Himmels, am liebsten nähme ich es am Arm und sagte: komm mit mir und Vater, das ist das Beste! Wir springen zudritt hinüber. Du, kleiner Engel, kannst ja fliegen!«

Das Neugeborene wimmerte und winselte wirklich wie ein Hündchen, das nicht mit der Herrschaft reisen darf, sondern in den Hof gekettet ist und sie im Wagen wegrollen hört. Es war durch nichts zu beruhigen. Die Augen kniff es so schmerzhaft zusammen und rümpfte die Stirne so furchtbar bitter, als ob der Jammer aller armen Menschwaislein seit Ismael in diesem einen winzigen Herzen wohne. Es war nicht zu ertragen.

Respektvoll stand Carlino zurück und wischte sich immer wieder die Augen sauber. An solche Szenen war das Herrlein nicht gewöhnt.

Indessen war Brigone auch mit diesem Sturm und Brücklein fertig geworden. »Rufa,« sagte er einfach und mild, »oft bat ich dich, im Leben zu bleiben. Du wolltest nie. Und mir war es nie ganz ernst dabei. Jetzt aber bitt' ich dich im heiligsten Ernst als Vater unseres Kindes: komme nicht mit mir! Rufe die Gnade an! Lebe mit Angiolina und lehr' es, groß und gut werden . . . so groß und gut, wie sein Vater vor dem Tode noch werden wollte . . .«

Das war der höchste und größte Augenblick in Alonz Brigones Leben. Seine Seele, die einst viel kleiner war, hatte sich in seinem Riesenleib zu gleicher Höhe und über den hohen Scheitel noch hinausgewachsen.

Und das war auch in ihrem Leben das Höchste und Größte, als Rufa antwortete: »Ich gehorche, Alonz, du Seliger, ich bleibe hier in Staub und Armseligkeit zurück.« Denn in diesem Augenblick war Alonz so herrlich geworden, daß der Gedanke, ohne ihn zu leben und seine Ewigkeit nicht schon gleich mitgenießen zu können, sie jetzt mit unsäglichem Heimweh und mit Ekel vor dem lumpigen Hienieden erfüllte. Jetzt war es ein zehnmal schwereres Opfer für sie, zu leben als zu sterben.

Aber nein, aber nein, was geschah denn da? Kein Traum, der junge Cavaliere di Lossa kniete auf den Platten vor ihnen. Er breitete die Arme aus wie die Sünder vor dem Kirchenportal, und in sein wachsweißes Gesicht wuchs die Scham in zwei dunkeln Röslein empor.

»Bin ich denn in eine Kirche geraten? und seid ihr Heilige?« schrie er mit der natürlichen rhetorischen Glut seiner Jugend. »Und da schlich ich herein und wollte um eine Heilige freien, ich, der ehrlose Mensch! Ich, Carlino, der dich liebt seit den Knabenspielen, obwohl du mich nie leiden mochtest; der dir an den Säumen hing, bis du zu Alonz flohest! Ich, der meine Sehnsucht an hundert Bechern und Lippen nicht ertränken konnte. Ich, Carlino, der vor euern Gittern hin- und herstrich und spielen und singen ließ und euch Tisch und Bett behaglicher richtete, nur um irgendwo mit meiner Sünde einschlüpfen und verderblich zwischen euch stehen zu können. Ich Elender, der noch eben die Richter beschwatzte, daß sie mich da hinuntersenden, damit ich Rufa dem Kind erhalte, in Wahrheit aber, daß ich dem herrlichen Brigone sein herrliches Weib raube. O ich Laster! Mich sollte man töten, nicht euch. Aber ich wußte ja nicht, daß es solche Menschen gibt wie du Alonz und solche Weiber wie du Rufa. Verachtet mich! Aber ich liebe euch beide doch, daß ihr's wisset, wie man die Engel liebt. Stoßt mich weg, aber gewähret mir nur eines: lasset mich euer Kind küssen! Nur einmal!«

Und er warf sich nieder vor das Bett und, ehe das Ehepaar ein Ja oder Nein wußte, hatte er das feine Geschöpf an seine Brust gehoben. »Das für den Vater!« er küßte das rechte Bäcklein, »das für die Mutter!« er küßte das linke, »und das für dich selber,« er pflückte jetzt vom Kindsmäulchen einen dritten und mächtigen Kuß, »für dich, Angiolina, das du doch auch gar nichts anderes als ein Engelchen sein kannst. So oft ich dich sehe, werde ich ein wenig besser. – Nun, Alonz Brigone, gib mir die Hand! In einer Stunde sollst du sterben. Ich gehe. Aber höre nur noch das: wenn dein Kind einmal etwas braucht, was die Mutter ihm nicht verschaffen kann, laß mich dann und niemand sonst helfen! Ich verdien' es nicht, du hast recht, aber sage nicht nein, sondern . . .«

Hier schlug das Kind, das er immer noch an sich schmiegte, unversehens die Ärmchen um seinen Hals und preßte sich fest daran im Gefühl, beim Vater oder bei der Mutter oder sicher bei etwas Wohlvertrautem zu sein. Diese Bewegung, so schlicht und gar nicht merkwürdig sie war, machte nicht bloß den Junker mitten in seiner stürmischen Beredsamkeit fassungslos stocken, sondern lenkte mit der Allmacht, die im Kinde liegt, die Sache an ein neues Ziel und schlug dabei wie ein Kaiserzepter alle Widerstände zu Boden. Brigone, auf den der Tod schon seinen feierlichen Schatten vorauswarf, behielt die Hand Carlinos in der Linken und faßte sein Weib mit der Rechten und fragte mit einer Stimme, die so gar keinen Klang mehr von Erde zu haben schien: »Rufa, sollte Carlino nicht Vormund sein?«

Sie nickte. Alles will sie Alonz versprechen, alles.

»Und,« sagt er langsam und fest, »wenn das Kind mehr braucht als einen Ohm, einen Vater, . . . sag' . . . könntest du ihm vertrauen? Ich tu es.«

Sie nickte, in seine Brust vergraben, zum zweitenmal.

Als die Richter höchsteigen hinunterstiegen, um nachzuforschen, was denn wäre, daß keine Botschaft zurückkam, fielen ihnen fast die Augen vor Verblüffung aus, weil das Ehepaar mit Angiolina und Carlino sich wie eine einzige Familie eng zusammenschmiegte und ihre acht Hände so ineinander verknüpft hatten, daß man nur an den kleinen Pfoten das Kind und an den gewaltigen Pratzen Alonzen herausfand.

Eine Stunde darauf begleitete Rufa den Gemahl zum Richtblock im Hofe. Sie bedang sich das aus, wenn anders sie begnadigt werden wolle. Ob auch die Richter widersprachen und der Medikus der Kindbetterin diese Tollheit, wie er es nannte, rundweg abschlug, schließlich mußte man sich ihrem ernsten: und ich will! doch fügen. Sie war ganz ruhig. Zuerst legte sie Alonzen ein Kissen unter die Knie, küßte ihn dann auf den Mund und sah ihm dabei so langsam und tief in die Augen, als ob sie mit ihrer Seele zu ihm hineinstiege. Hierauf betete sie mit ihm laut das Paternoster, empfing, als gälte es auch ihr, die letzte Absolution und zog ihm sanft den Kragen und die Schärpe vom Hals. Nun drückte sie ihm noch leise den stattlichen Kopf auf den Block. Dann kniete sie neben ihn und neigte ihr Haupt so tief wie seines. Als es sogleich durch die Luft blitzte und ins Holz schmetterte, sank sie mit Alonz auf der Erde zusammen, die Tote zum Toten. Ihn hatte das Beil, sie hatte die Liebe getötet. Mögen sie nun im ewigen Frieden ruhen!« schloß Thieco.

»Amen,« sagte ich und zog, von der Kälte hier oben und mehr noch von der Geschichte erschauernd, die Kamelhaardecke enger um mich. Das Feuer war erloschen. Aber hoch am Himmel gingen mit wortlosen Gesichtern und strengen Flammenschriften die Sterne über unsern Köpfen dahin. Wie immer! Wie immer! Aber nie bis zu dieser Mitternacht hatte ich gewußt, daß die Weltgeschichte so viele stille und allwissende Zeugen hat. Sie kennen alle Brigones, alle Rufas, alle Carlinos, sie kennen die Sistos und Sestos, die Poz'dos, die Franz und Innozenze, sie kennen alles und wundern sich über nichts mehr, diese klügsten Augen der Welt.

*

Wortlos hatte sich Thieco entfernt. Ich hüllte mich tiefer in die Decke und sah dem Verglimmen der letzten Kohlen zu. Dann legte ich mich auf den Rücken und las im goldgedruckten Buch weiter, das da oben Blatt um Blatt öffnete und immer reichere Bilder zeigte. Was kömmt einem da nicht alles in den Sinn! Wie ein Kind wird man.

Ich dachte an meine ferne schweizerische Heimat. Gott, wie weit lag sie weg! Wo war ich! Mitten in einem andern Land, im tiefsten Innern und hoch auf seinem wildfremden Gebirge. Eine andere Sprache und andere Menschen waren hier. Seit Wochen kein deutsches Wort. Aber wie schön war doch auch das! Wie viele Säle hat das Welthaus, von denen wir Mietleute immer nur ein paar anstoßende kennen!

O ihr Abruzzen insbesondere, was seid ihr für ein wunderbares Erdstück! Wie still und abgeschlossen ihr euch gebet, die reinsten Klausner! Und doch habt ihr Päpste und Könige beherbergt, habt die Reformatoren Italiens bis zu ihrem großen Werk genährt und gepflegt, habt den Romuald erzogen, der einem geschwätzigen Jahrhundert wieder das Stillschweigen einschärfte, den Johannes Gualbert, der ein prunkhaftes und gieriges Volk wieder lehrte bescheiden werden, habt den wunderbaren Franz in seiner Armut bestärkt und habt überhaupt alle Großen der Halbinsel, ehe sie ihre Heldenstücke leisteten, ein bißchen in die Schule genommen. Ihr seid nicht nur das leibliche Rückgrat Italiens, ihr seid auch sein geistiger Schirm durch die Jahrhunderte gewesen. Euer frisches und reines Gipfellüftchen hat immer wieder die schwere und verdorbene Atmosphäre der Tiefen säubern müssen.

Sieh da, schräg über mir das Siebengestirn! Das hätte ich nie und nimmer geglaubt, daß ich den lieben nordischen Freund hier auch noch träfe. Kaum habe ich ihn gesehen, so muß ich an Schnee und Tannen und schweizerische Berghäuser denken, in deren sauberen Scheiben es glitzert. Das Heimweh erwacht. Ja, ja, ich bin hier doch nur Gast, nicht Eigentümer. Das Siebengestirn zeigt mir nordwärts den Weg zum Eigenen, zu den lieben Menschen dort hinter den Fenstern, die so ganz anders als die hiesigen sind. Nicht so schwarz im Haar, nicht so dunkel im Auge, nicht so sonor im Wort, nicht so aus Nacht und Mittag geschaffen wie hier. Nein, Menschen, die auch lustige graue und blaue Augen haben, deren Haar sich blond kraust oder rot aufwirbelt, deren Sprache nicht immer wie Orgel oder Cello, sondern auch wie Violine, wie ein munteres Trompetlein oder wie die süße Holunderpfeife klingt, Menschen, die laut lachen dürfen und vierschrötig und schwer in einen Lehnstuhl niederkrachen, ach, Menschen, die einmal lose den Kummer von der Lippe blasen und ein andermal ihn bis ins innerste Nestlein ihrer Seele bohren. Heimatliche Menschen, wie liebe ich euch! Noch nie so wie in dieser Stunde!

Ich dachte nach, wen von diesen liebbekannten Heimatmenschen ich vor allen andern hier haben möchte. Wer würde diese hohe Abruzzenmacht am besten verstehen? Wer würde am innigsten davon mit mir reden? Und dann von hier weg zum Norden fahren und doppelt schön das ferne Vaterländchen begucken? . . . Ich . . . ich . . .! tönte es um mich herum. Wer bist du denn? . . . Ich, deine Seele, bin da! Was brauchst du noch? Wer versteht dich so wie ich? . . . Und da nahm ich sie gleichsam in meine Arme, drückte sie an mein Herz, diese unruhige, wanderselige, schlecksüchtige und dann wieder so faulenzende und Armut und Hunger duldende Seele, und sagte zu ihr: Ja, du hast recht. Niemand soll zwischen uns stehen. Wir haben genug mitsammen zu plaudern und dann mitsammen zu schlafen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.