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Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
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»Alonzo Brigone«

»Amico,« sagte ich. »Wenn du mit dem jemand da fertig bist, dann rede auch ein bißchen mit mir! Nur nicht zu laut!«

Ich zeigte auf das Dunkel ringsum. Das fühlte man doch, daß hier nur geflüstert werden durfte. Weich und ohne Hall ward das gesprochene Wort hier alsbald von der nächsten Finsternis verschluckt.

Aber Thieco verfiel sogleich in das stärkste und beharrlichste Schweigen. Man konnte nicht spaßen mit ihm.

»Ich bitte dich, Lieber, probier doch eine Kanzone zu pfeifen – die vom Sindaco! Eh, mio sindaco, bei tu dal rivolo, che t'il nasone»Ei, guter Ammann, trink doch vom Bache, damit deine Riesennase . . .« . . . bat ich ernster und blieb wartend bei der berühmten großen Nase des Sindaco Luigi Grenazzo stecken.

Thieco schüttelte abweisend den Kopf: »Zuffolare qui –? no!«

Nun ja, das ist wahr. Es ziemt sich nicht, hier oben, zweitausend Meter hoch, so nahe den alten schlafenden Sibyllen, einen dummen Witz zu pfeifen.

»Aber,« fuhr ich weiter, »das Lied von Brigone könntest du mir wohl leise vorsingen. Du hast es in der Stube der jungen Frau Fraccomi auch probiert.«

»Ich wollte es schon dort nicht,« sagte Thieco großartig. Er konnte doch nicht pfeifen, noch singen. Das wußte ich. Aber deklamieren, summend vortragen sollte er es.

»Tu's, tu's jetzt!« bat ich und bot ihm eine lange Virginia. »Se io sapessi – wie kommt es nun?«

Da zündete er an der Lagerglut, die wir immer wieder mit etwas Reisig speisten, den Stengel an, hielt ihn fest zwischen den Zähnen und summte dunkel dazu:

»Wenn ich wüßte,
Wer mir dienen täte,
Ohne daß ich darum bäte,
Wer mich tragen würde
Und noch dankte für die Bürde,
Wer mich fleißig küßte,
Ohne, ohne, ohne,
Daß ich danken müßte,
Ich, Alonz Brigone!
Se io sapessi!«

»Der stolze Kerl!« schimpfte ich.

Alonzo Brigone war der Sohn eines verbannten und unterwegs dem Elend erlegenen Grafen von Gubbio gewesen. Er hatte sich oberhalb Visso ein Kastell erbaut, machte sich mit den Berglern im Holzfällen, Jagen und Rauben gemein, war überall der Jüngste, Vorderste, Schönste und Großartigste, schonte kein Tier und keinen Feind und liebte nur Kinder und Hunde, weil die zwei Sorten folgsamer Geschöpfe immer so geduldig zu seinen Füßen kauerten. Er war von der Regierung gehetzt und gebrandmarkt und vogelfrei erklärt. Trotzdem schlug er in drei verschiedenen Nächten an der Kathedrale und am Governo von Foligno, Gubbio und Norcia ein großes Pergament folgenden selten schönen Inhaltes an:

»Noch immer bin ich, Alonz Brigone, unbeweibt. Und doch zähle ich einundzwanzig Jahre, und alle Leute sagen, ich sei der schönste Herr in den Abruzzen. Daß ich der schnellste Jüngling bin und am besten steche und schieße, das muß mir niemand sagen. Das sehe ich ja jeden Tag selbst. Und ich bin gut mit dem, der mir gefällt. Vor allem, wenn es ein Jüngferchen ist.

»Aber es steht mir nicht an, ein Weib zu suchen. Das Weib soll mich suchen. Ich verdiene es.

»Es soll sich aufmachen gegen die Berge, immer im Schatten ihren Wassern entgegen, still, allein, ohne andere Mitgift als Brot und Wein für drei Tage. Plötzlich werde ich vor ihm stehen. Dann soll es sagen: Ich bin deine Magd und will dir die Füße waschen. – Und wenn es mir gefällt, sitze ich hin und lasse es geschehen. Aber wenn ich nicht mag, so winke ich nur wenig und das Mädchen soll sich eilig drehen und dahin gehen, woher es gekommen ist. – Und zum zweiten, wenn ich es so lange dulde, soll das Jungfräulein bitten: Ich bin deine Magd und will dir das Essen aufwarten. – Und da soll es vom Brot auf seiner saubern linken Hand mir Stücklein schneiden und mich Wein aus seiner rechten saubern Hand trinken lassen. Und dann, wenn ich es noch immer nicht weg heiße, soll es vor mich knieen und sagen: Ich bin deine Magd und will deinen Mund küssen. Und wenn mir sein Wesen noch immer gefällt, so neige ich mich und lasse mich still küssen. Und vielleicht sage ich auch dann noch: Geh', ich mag dich doch nicht. Und ohne Kuß muß es weg. Aber vielleicht sage ich: Du bleibst bei mir, du passest mir gut zum Waschen der Füße und zum Servieren und zum Küssen. Was willst du dafür? Und wenn es sagt: Nichts! so redet es recht und darf bei mir bleiben. Denn ich kann ihm nichts geben. Meine Seele gehört Gott und meine Liebe den Bergen und meine Hand den Genossen und mein Kopf für zweihundert Dukaten schon lange dem Staat. Aber mein Nichts wird dem Weib mehr wert werden als Leib und Seel' von tausend Freiern. Also, du meine Magd und Frau, brich auf, ich erwarte dich!«

Die Abruzzensage mit ihrer gläubigen Zunge behauptet, aus den drei stolzen Städtlein seien trotz Aufsicht und Drohung durch die ganze Bevölkerung wohl zehnmal zehn der goldigsten Dirnen zu Alonz gelaufen. Alle kehrten zurück, die einen nur mit dem Fußkuß, die andern auch schon mit dem nutzlosen Ruhm, den Wildling knieend gespeist und getränkt zu haben; einige wenige sogar hatten alle drei Ehrenämter am Herrlichen vollzogen und mußten doch heim. Zuletzt war die Tochter des Gubernatore von Spoleto begnadigt, gerade sie, deren Vater die tödliche Jagd auf Alonz Brigone von Staats wegen unterhielt.

Indessen fuhr Thieco in der düsterstolzen Kanzone fort, indem er die Worte leise und mit einer gewissen Feierlichkeit eher brummte als sang:

»Wenn ich's wüßte! – –
Sieben Winden sagt' ich's,
Sieben treuen Hunden klagt' ich's,
Und ins Wasser sang ich's,
Aber nie erlang' ich's.
Wer will Liebe geben,
Ohne, ohne, ohne
Liebe zu erleben
Von Alonz Brigone.
Se io sapessi!«

Sie blieb nun bei ihm wie eine Magd, rein, dienstbar, nichts heischend, obwohl durch das Sakrament rechtmäßig mit ihm verbunden. Oft mußte sie in den langen Gebirgsfehden mit ihm fliehen, wochenlang in Schluchten hausen oder auf hohen dichten Bäumen nisten. Ein Haus und ein festes Bett gab es für sie nie. Aber sie nahm alles wie ein Glück an. Wenn sie nur bei ihm war! Und er hatte sich an diesen stillen Magddienst bald so gewöhnt wie an die Luft ringsum.

Thieco erzählte summend und in herzlichem Einklang mit dem Text weiter:

»Wenn ihr's wüßtet!
Bin der härteste der Diebe,
Liebe nicht, nein, will nur Liebe,
Neiget mir ein Schemeldirnchen
Noch so tief sein frommes Stirnchen,
Ist an mir ja doch verloren.
Ohne, ohne, ohne
Herz bin ich geboren,
Ich, Alonz Brigone. –
Se voi sapeste!«

Wie das grausame Lied da oben in Nacht und steinerner Höhe klang! Besonders dieses scharfe: senza, senza, senza! schnitt jedesmal wie ein dreifacher Sensenhieb alle Hoffnung wie Gras nieder. Gewiß mochte das Gedicht mangelhaft, sein Geist barbarisch und erst noch die Verdeutschung davon in meinem Kopf höchst stilwidrig sein. Ja, es mochte weiter nichts als ein prahlerisches und tyrannisches Herrentum da große Worte machen. Einerlei! Der Moment und der Ort und der seltsame Ton des Vortrages schufen mir die Fabel herrisch und menschlich rührend zugleich. Sicher, in solcher kahlen, harten Welt, ohne Wasser, ohne Gespräche, ohne Blumen kann auch die Liebe nicht mehr gedeihen. Diese rauhen, trostlosen, gewaltigen Bergriesen mitten im heißen Italien, die sind wohl dieser Alonz Brigone. Die haben kein Herz, hatten nie eines, und wir können ihnen noch so innig nahen und ihr Gesicht liebkosen, sie werden nie ein Herz zeigen. Alle andern Berge offenbaren es, wenn sie mit Quellenmund singen und mit Edelweiß- und Alpenrosenaugen lachen und selbst unter der eisigen Schädeldecke noch ein unermüdliches Gesumme und Gebrumme von Gedanken hören lassen. Aber Alonz Brigone hat kein Herz, singt und lacht nie oder nur ein einziges stolzes Mal in diesem seinem Prahlgedichtlein. Doch wie, ist ihm etwa wohl dabei? Spottet und prunkt er nicht gerade, um sich über seine Seelenarmut hinwegzusetzen?

»Wie ging es denn eigentlich noch diesem Brigone?« fragte ich.

»Nicht gut. Er wurde aufgegriffen und nach Nursia gebracht.«

»Mit seinem Weib?«

»Ja. Und der Gubernatore konnte Rufa, so hieß seine Tochter, vor dem Lose des Räubers nur retten, wenn sie die Frevel des Gatten verriet und ihm absagte. Und Alonz war stolz genug, vor allen Richtern laut zu sagen: dies Weib wäre bis heute noch nicht seine Frau, sondern nur immer seine Magd gewesen. Und er zwinkerte ihr mit dem Auge, daß sie merkte, wie er ihr ein Schlupftürchen öffne, und daß sie doch eilig da hinaus entwische. Aber Rufa ließ den Satz, der so gut wahr als gelogen war, nicht gelten und beschwor, daß sie wahrhaft seine Frau und Genossin im Guten und Bösen sei. Sie habe das Leben durch und durch mit ihm geteilt, so wolle sie auch mit ihm durch alle Todesschärfe gehen. Und da man ihr immer noch nicht glauben wollte, weil die kalte Art Brigones, mit den Weibern zu verfahren, landesberühmt war, da schrie Rufa in einer verzweifelten Eingebung durch den Saal: ›Habet Respekt, Signori, ich bin ja Mutter!‹ – Und schamhaft zog sie ihre lose Bekleidung zusammen. Seitdem, Herr, kennt man dieses Wort in jeder Abruzzenhütte. Es geht wie ein guter Geist durchs Land. Habt Respekt, sie ist ja Mutter! ruft man und verhütet hundertmal Schlimmes.«

Thieco paffte drei, vier gewaltige Tabakswirbel in die Nacht und schwieg dann. Er hatte erzählt, wie einer, der zehnmal mehr denkt als spricht. So einer hört immer gern zu reden auf, um für sich weiter zu sinnen.

»Jetzt darfst du nicht aufhören, wo es am mächtigsten wird. Nimm da und erzähle fertig!«

Der kleine, starke Bursche steckte ruhig einen weitern Stengel in den Rock, schielte ins Feuer und sagte langsam:

»Als die Magd das so schrie, brach ihr ein Guß hellen Blutes aus dem Mund, und sie schwankte seitwärts. Da fing sie Brigone wie einen fallenden Engel auf und trug sie, ohne daß ein Ratsherr oder Büttel es hinderte, mit einer wortlosen und scheuen Andacht ins gemeinsame Gefängnis. Denn nach dem Landesgesetz durfte man Gatten im Kerker nicht trennen. Noch lange schauten die Wärter unter der Saaltüre die Handfesseln an, die sie dem jungen Riesen Brigone nach dem Verhör wieder hätten anlegen sollen. Statt dem hatten sie respektvoll Spalier gebildet, als er mit seiner Bürde feierlich hinausschritt.«

Thieco schwieg wieder. Auch ich blieb still. Als er aber gar nicht mehr den Mund auftun wollte, stupfte ich ihn. Und er, wie halb eingenickt, rieb sich die Stirne und sagte wie auswendig:

»In dieser Nacht sind sie nun wirklich Frau und Mann geworden. Wie durch eine Offenbarung hatte Alonz Brigone erkannt, wie übermannsgroß dieses Mägdlein Rufa sei, von einer so starken Seele wie kaum zehn heldische Männer eine zusammenwirken.

»Nachdem sich nun das Ehepaar in ebenbürtiger Zuneigung umschloß, so daß sie nicht mehr wie vom Fußschemel zu ihm empor und er nicht mehr wie vom Thron zu ihr herunter sah, sondern eins dem andern geradeswegs aus gleicher Höhe Aug' in Aug' blickte, da fühlten beide nun erst, wie schön ein solches Zweierleben wäre, und es fröstelte sie durch Leib und Seele beim Gedanken, daß morgen oder übermorgen ihrer neuen, kaum verkosteten Daseinsherrlichkeit schon die heißbackigen Köpfe heruntergeschlagen würden.«

Herrgott, wie schön Thieco das sagte, wie aus einem aufgeschlagenen großartigen Buch. Woher nahm er diese saftige, aber schier etwas ältliche, chronikale Kraft der Sprache?

»Aber der Gubernatore ließ die Hoffnung, seine Tochter aus den Messern der damaligen scharfen Gerechtigkeit zu reißen, immer noch nicht fahren. Er hatte jetzt einen gesetzlichen Haken gefunden, an dem der Prozeß sich verfangen und möglicherweise für Rufa eine günstigere Entwicklung nehmen konnte. Eine Frau in gesegneten Umständen durfte nicht hingerichtet werden. Es wäre ja die Hinrichtung zweier, eines Strafbaren, aber auch eines vollends Unschuldigen. So brachte er es denn zum Aufschub des Urteils. Entweder würde, wie er hoffte, sich die schlaue Spiegelfechterei seiner Tochter bald Lügen strafen, oder dann ergäbe sich doch die Schuld so klar, daß von einer ungerechten Bestrafung keine Rede sein könne. Wirklich wurde denn auch mit einiger Verspätung zwar, aber mit reiflicher Gewißheit Rufas Mutterschaft als Tatsache beglaubigt. Aber der Gubernatore gab seine väterliche Sache noch nicht verloren. Erst wenn das Kind zur Welt gekommen sei, könne man es sicher haben, ob dieses neue Leben denn auch von Brigone stamme. Seinem lebendigen Original müsse die kleine Kopie entgegengehalten und in jedem Zug verglichen werden. Daher müsse auch die Exekution des Brigone so lange aufgeschoben werden. In der Tat durfte man den kräftigsten Zeugen für oder wider die Sache nicht aus der Welt schaffen, ehe er sein Zeugnis ablegen konnte.

»So gingen denn die Monate eines kurzen, reinen Eheglücks hinter den Gittern des Nursier Gefängnisturmes nur allzu schnell vorüber. Man konnte jetzt sehen, wie der junge Mann die Dienste der Magd zurückgab und aus einem starren Herrenbild sich in die behendeste Knechtsfigur verwandelte. Oder sage ich lieber Pagenfigur. Denn wie er ihr das Strohlager zurechtschüttete, die kleinen Füße mit seinen schönen breiten Heldenhänden wärmte und über ihre Decken hinaus sie noch mit den eigenen Lappen umwickelte, oder wie er ihr in der Frühe der frösteligen Novembermorgen das Wasserbecken ans Bett trug, damit das zarte Frauelein und Mütterlein nicht aus der Wärme heraus müsse, wie er dakniete und so in seliger Demut ihr das im Schatten der Mauern etwas erblaßte Gesicht wusch, bis ein paar zarte rote Morgenwölklein an diesem kleinen Himmel seiner Liebe aufblühten, und wie er ihr dann das schwarze Haar leise zu beiden Seiten übers Kissen breitete und Finger um Finger mit dem Tuch abtrocknete, aber auch gleich wieder mit Küssen netzte, kurz und gut, wie er sich um sie mühte und sorgte, das ging weit über die Sorgsamkeit eines Knechtes und selbst über den heißen Gehorsam eines Pagen, das war die Sühne und Liebe eines ritterlichen Büßers. Und wenn man weiß, daß Alonz Brigone erst sechsundzwanzig Jahre zählte, also genau in jenem Alter stand, wo die Männer von Umbrien im schönsten Wipfelschmuck stehen, und daß der Adel seines Grafengeschlechtes dem Manne aus allen Gliedern sah, dann kann sich einer wohl vorstellen, daß auch die Turmleute und die Schloßwache und selbst das Spruchkollegium des Gerichtshofs diesem Widerspiel der frühern Wildheit und Härte zuerst mit Staunen, dann mit Teilnahme, endlich mit eigentlicher Liebe zusahen. An eine Begnadigung Alonzens war freilich nicht zu denken. Denn er hatte sich als politischen Feind der herrschenden Geschlechter und als Rächer seines mißhandelten und auf der Flucht gestorbenen Vaters so gefährlich gezeigt und so viele tödliche Schwertstreiche oder Musketenschüsse auf dem Gewissen, daß seine Freisprechung so viel wie eine Freigabe der Gewalttätigkeit und ein Lob des gesetzlosen Lebens gegolten und ein Dutzend rauhbeiniger Kraftmenschen, die auf ihren Felskastellen saßen, ermutigt hätte, auf eine so milde Justiz hin gleich den blutigsten Unsinn zu verüben. Denn damals, Signori, gab es hierzulande nur zweierlei Menschen, Drückende und Gedrückte, solche die lachten und solche die weinten, und selbst die Richter trugen immer vom einen oder andern einseitig die Achsel voll und urteilten darnach. Diesmal hatten sie Druck und Tränen zu vergelten. Also das Schwert her! Begreift ihr, Signori?«

Thieco hatte das alles langsam, mechanisch, aber im düstern Tonfall der Abruzzensprache, ohne ein einziges Stocken erzählt. Jetzt setzte er ab und schwieg wieder, genau wie eine Maschine, der die Kraft ausging. Auch seine Zigarre war verraucht. Mir wurde diese Methode seltsam. Ein Licht ging mir allmählich auf.

»Thieco,« fuhr ich ihn an und rückte etwas näher ans Feuer, da es allmählich hier oben kalt wurde, »warum sagst du Signori, da ich doch dein einziger Zuhörer bin? Und wie kannst du immer im schönsten Wachsen der Geschichte aufhören? Hast du wohl all das auswendig gelernt? Denn du nimmst da eine Sprache in den Mund, die man in keinem Buche schöner fände. – Willst du noch eine Zigarre? Ei, wie wollte ich so gern, wir hätten uns nicht unterbrechen müssen! Bin ich doch ganz in die Sache dieses Brigone und seiner Rufa versponnen.«

Ich hüllte mich in eine der Decken und sah ringsum der Dunkelheit in die schwarzen Augen, um mich dann sogleich doppelt heimisch an unsere kleine Glut, dieses einzige lichte und warme Pünktlein der unermeßlichen Nachtwelt anzuschmiegen. Dann blickte ich übers Feuerchen dem Thieco ins erleuchtete Gesicht mit dem schielenden, wassergrauen Auge. Nun erst begann er:

»Ich erzähle ja nicht gern, das weißt du. Immer hast du an mir gezerrt, da mußte ich eben. Viel lieber hör' ich zu. Und diese Romanze erzählt der alte Ernesto unten in Sostile so oft man will, immer ganz gleich; er hat sie, wie du sagst, aus einem alten seltenen Buche des Don Matteo, des Pfarrers von Savelli. Der war ein großer Poeta. Und die Schullehrer schrieben sie ab und flickten allerlei dazu und so, hübsch und dumm durcheinander, mit allen neuen Moden daran, wird die Storia jetzt bei uns erzählt. Der Ernesto wollte Pfarrer werden und ist dann als Schulmeister und Küster in Sostile stecken geblieben. Er ist der beste Erzähler, wenn wir ums Feuer sitzen.

»Und weil stets viele zuhören, auch ich jedesmal, so sagt er Signori. Das ist mir im Ohr. Schon zwanzigmal hab' ich zugehört. Es ist immer schön. Nun kann ich die Geschichte auswendig. Ich könnte jedesmal husten, wo Ernesto dreinhustet. Aber, guarda – ich denk' die Sache lieber nach. Laut sag' ich sie nicht gern vor. – Der Brigone gefällt mir bis ins Gefängnis hinein. Dann weniger. So ein Mann muß hart bleiben, nicht?«

Er schwieg und wartete. Ich schwieg noch hartnäckiger. Da begann er wohl oder übel nochmals:

»Immer dachte ich beim Aufsagen: so, wenn diese kleine dünne Zigarre abgeraucht ist, höre ich auch auf. So hab' ich's gemacht. Gib mir also noch eine und ich will dir die Geschichte fertig erzählen. Aber sie gefällt mir nur noch halb.«

Ich lachte vor Freude an diesem wehrhaften und ganzen Kerl da. »Hier hast du gleich zwei Stumpen,« spaßte ich, »damit du die Erzählung nicht noch einmal unterbrechen mußt. Avanti, amico!«

Dabei ergötzte es mich heillos, daß mein Träger mich plötzlich duzte, als wären wir durch das einsame Los dieser Nacht und Wildnis, aber auch durch die ergreifende Geschichte einander tief befreundet worden.

»Während nun,« spann Thieco buchmäßig und gleichtönend den tragischen Faden fort, »gleich hinter der Wiege seines Kindes das Schafott des Vaters aufgezimmert stand, wie eine alte Kerze ausgeblasen wird, sobald sich die junge an ihrer Flamme entfacht hat, hoffte der Gubernatore doch immer noch, wenigstens die andere, mütterliche Kerze vor dem Erlöschen zu retten, von der das junge Wachs ja noch so lange zehren muß. Rufa durfte nicht sterben. Daß sie einen wirklichen Sprößling der Brigone gebäre, und daß das kleine Wesen vom Vater untrüglich anerkannt würde, daran zweifelte er nun kaum noch, vielmehr durchschaute er die glorreiche List der Frau, und wenn er ihr je die Gnade des Lebens gönnte, so geschah es jetzt, nachdem Rufa ihrem todverfallenen Manne eine so schöne lange Zeit hindurch die gleiche süße Gnade erfochten hatte.

Aber so oft der Regierungsmann Schritte in dieser lebensrettenden Richtung tat, schüttelten seine Beisitzer im Kollegium ihre Häupter und sagten: »Deine Tochter will ja durchaus sterben. Nicht uns, ihr mußt du das Beil aus der Hand winden. Das Weitere wird sich sänftiglich geben.«

Da ging er denn hin zum eingeschlossenen Ehepaar und winkte seine Tochter ans Fenstergitter und fing leis und behutsam an, indem er auf die im Burggarten herumschießenden Vögel zeigte: »Fliegen, meine Kleine, wie so eine Meise, fliegen, wohin man will, ist doch das Schönste.« – Seine schlauen Mäuseaugen überschütteten sie mit einem leisen Raketenfeuer von lockenden und verlangenden Blicken.

»Alonz, komm,« rief da lachend Rufa, »sonst kannst du uns nicht verstehen. Mein Vater spricht so leise.«

Aber der Brigone mochte den Blutfeind seines Vaters nicht riechen. Er tat keinen Schritt, sondern bückte sich tiefer über ein Heft, worin er mit großen, strammen Buchstaben schrieb, daß es beinahe wie Stechen und Hauen scholl.

»Vater, verzeiht!« sagte Rufa nun sehr laut. »Dreimal schöner als wild herumfliegen, ist beim Männchen in einem sichern und warmen Nest sitzen. Hierzu hab' ich wirklich nichts mehr zu sagen. Vater, addio!«

Damit entwischte sie zu ihrem Gemahl, und der Gubernatore sah, wie Alonz sie mit beiden Armen um den Hals faßte und zu sich niederzog. Den linken Ellbogen um ihren Nacken geschlagen, schrieb er dann weiter, während sie mit ins Heft guckte und die Verse, die ihm vorweg aufs Papier liefen, wie ein fernes Glöcklein oder wie das Echo eines solchen heimlich nachklingelte.

Da merkte der Alte, daß es für ihn hier weiter nichts zu tun gebe, als einen imposanten Korb heimzutragen. Das Blut stieg ihm in zwei zornigen roten Flämmlein auf die Wangen seines magern und herben Greisengesichts. Heftig schlug er die Türe hinter seiner Tochter und ihrem verwirkten Leben zu. Er freute sich über seinen Zorn und begehrte nichts weiter, als daß, so lange wie das Trauerspiel mit jenen Zweien dauere, und besonders im gewaltigen Augenblick, wo ein scharfes Eisen niedersauste und ein Kopf fiele, dieser Zorn ihn aufrecht und hoch hielte, wie es einem Schildhalter der Königin Gerechtigkeit zieme.

So nahmen die Dinge ihren Lauf. Doch während außerhalb der Gitter alles Leben unveränderlich von einem Tag in den andern lief und man kaum den Wechsel der Monde durch Herbst und Winter in den Frühling merkte, wandelten sich in der Stille des Gefängnisses sozusagen Himmel und Erde zweier Menschen in etwas Neues und Gereinigtes um.

Zuerst hatte sich Alonz in der Zelle wie ein Leu benommen, an den Gittern gerüttelt, die Türe erschüttert und war in grimmigen Sätzen von Wand zu Wand gesprungen. Schnaufend wie ein Erstickender und von Schweiß überronnen hatte er sich dann fast wie ein Tier auf den Boden geworfen. Bis dahin hatte Rufa still in der Ecke gewartet. Jetzt kam sie und kniete herzu und hob seinen Kopf an ihre Brust auf und trocknete ihm das sterbensbleiche Gesicht. Aber sie sagte nicht: tu' das ja nicht mehr! Sie schwieg und harrte, bis der Gehetzte einschlief. Als er erwachte und sich des Vorfalles entsann, betrachtete er das kleine Weib lange, und ein wunderschöner Respekt ließ ihn, sowie Rufa sein Wachsein bemerkte, die Augen scheu zu Boden schlagen.

Eines Nachts träumte er vom Nachtlager unter den Eichen des Monte Vittore. Er lag im Gras, die Erdbeerkräuter dufteten, und von oben sangen die schweren Äste ein Lied von tausend Noten. Ihm war vogelwohl. Nur eine Wurzel am Boden störte ihn. Er wollte anders liegen und erwachte. Da hörte er die elende, hölzerne Bettstelle unter sich krachen und glaubte den letzten Flitter der Gebirgsfreiheit eben zum Fenster hinausfahren zu sehen. Nun fing der so hart Getäuschte an zu fluchen und zu toben. Er packte die Bettlehnen rechts und links, stemmte die Ellbogen und riß in einem Stoß und Krach das ganze Lager auseinander. Aber Rufa tat, als merkte sie nichts, und lag so zufrieden auf den kalten Fliesen wie zuvor auf der Matratze. Am Morgen jedoch sammelte sie die Stücke und suchte sie wieder ineinander zu fügen. Ungeschickt tat sie das. Da konnte Alonzo nicht anders, als ihr die Hölzer gleichsam aus der Hand küssen und eins wieder sanft und möglichst geräuschlos ins andere richten. Dann bat er bescheidentlich, sie möge nun versuchen, ob es sich wieder so weich und gut liege wie vorher.

»Viel besser!« sagte das Weiblein schelmisch.

Besonders an den Novembernachmittagen, die hier, am Fuße der Abruzzen, so müd' und schläfrig sind, gährte und brauste die Freiheit wie ein zu früh und zu lebendig versiegelter Wein in ihm auf. Dann schäumte er wie ein Rasender und hieb um sich, bis er zusammensank und leise und ohnmächtig in die Strohmatte hinein weinte. Oder wenn der erste Schnee auf die Gipfel gefallen war oder ein Habicht hoch in den Lüften so recht mit Behagen sein Königtum übte oder wenn er einen Wagen mit Reisenden vorbeirollen hörte, dann immer standen die stolzen Jahre seiner Bergfreiheit gleich so vielen Feuergeistern in ihm auf und empörten sich gegen diese starren vier Wände und strebten wild und frech hinaus. Es waren schwere und laute Stunden, und draußen am Platze sagten die Leute: beim Brigone gewittert es wieder einmal.

Aber nach und nach setzte sich dieser wilde Saft. Denn immer goß Rufa etwas von ihrer Geduld und Milde hinein, so oft er gar zu hoch trieb. Wenn ihre kleine Hand ihm die braunen Schläfen strich oder wenn sie ihn gar beidseitig am tiefbraunen Schopf faßte und mit weichem Daumen die Lider über die flackernden Augen niederzog, dann ging jedesmal eine Linderung durch sein Wesen, etwa so, wie ein kühles Wasser den fieberheißen Leib erquickt. Auch ihre langsame und tiefe Altstimme tat wohl. Immer mehr bändigte sie ihn. – Schade, schade!« – fügte der rauhe Erzähler von sich aus hinzu. »Es geht nun abwärts mit dem flotten Kerl!«

»Aufwärts, Thieco!« behaupte ich.

»Sie erzählte ihm alle Buchgeschichten, die sie wußte; und er vergalt es mit allen Erlebnissen seiner kurzen, aber abenteuerlichen Vergangenheit. Voll Glut und Einbildung, wie er war, verfolgte er den Faden ihrer Racconti so eifrig, daß er immerfort nickte, wenn ihm die Sache gefiel, und immer den Kopf schüttelte, wenn er sie anders wünschte, und zuletzt ihr eigenmächtig eine andere, ihm gefälligere Wendung hinzufabulierte. Da bat sie ihn, doch einmal die alten Bergsagen, die er wie kein Zweiter kannte, aufzuschreiben. Wozu? meinte er. Ach, für unser Kleines, sagte sie, Büblein oder Mädchen. Wir können ihm sonst nichts geben, als die Berge und ihre Seele. Ist es doch auch deine Seele. – Das leuchtete ihm großartig ein. Nun ward geschrieben, zuerst roh und kurz, dann immer feiner und eingehender und endlich mit einer solch' packenden Kunst und Lebendigkeit, daß wir heute noch keine bessern Abruzzengeschichten als die von Brigone besitzen. Und doch leben Dichter und Musikanten genug bei uns. Auch die Sage von »Sisto e Sesto,« auch das Falkenmärchen, auch der Sang von den Maccia-Jungfern rührt von Brigone und will ich Euch, Signori – Cristo santo,« verbesserte sich Thieco, »und will ich dir einmal erzählen, wenn es behagt.«

Ich nickte fröhlich zu dieser ungewollten, spaßigen und doppelspurigen Entgleisung meines Burschen. Denn wahrlich, mehr als er durchaus mußte, erzählte so einer nicht.

»Alonz vergaß sich im Schreiben. Er meinte dann frei zu sein. Ja, er dichtete alles hinzu, was ihm fehlte, und nicht nur in kargem Maß, sondern in einer wahrhaft adlerfreien Flügelentfaltung der Fabel. Das Lied an die Bärenmutter im Massarifels und der Geißensang der Abruzzenbuben stammen aus dem Nursiergefängnis. Zuletzt ließ Brigone die Geschichtlein fahren und schwebte nur noch in Versschwingen durch sein neues Freiheits- oder Poetenland. Er hatte schon früher ein wenig gedichtet, aber wild und schlimm. War nicht sein Freitebrief eine poetische Dreistigkeit sondergleichen gewesen? Davor schämte er sich jetzt. So sehr ihn auch Rufa bat, von jenen Strolchliedern, wie er sie schimpfte, schrieb er keines auf. Im Gegenteil, je freundlicher er wurde und je gelassener er sich nach und nach mit seinem Los abfand, um so mehr versenkte er sich in neue, helle, gütige Liederstoffe, und man konnte wohl sagen, daß jedes Gedicht ihn um einen Schimmer heller und sein Reden wieder um einen kleinen Ton klingender machte.

Viele seiner Lieder waren so klein und so fein, daß sie durch ein Schlüsselloch hinaus und durch hundert fremde Schlüssellöcher hineinklingen mochten, etwa wie ein dünner Sonnenstrahl, das heißt, man weiß nicht, ob die Buben des Turmwärtels mit ihren langen Ohren an der Türe lagen, wenn Alonz im Gefängnis eines seiner Gedichte vorlas und Rufa es gleich nach einer alten Melodie nachsang, oder ob das schlaue Weibchen die Strophen heimlich abschrieb und wie Brieftauben zu den Gittern hinaus unter die Menschen flattern ließ. Ich glaube, beides geschah. Denn gar bald kannte ganz Nursia einige der schönsten Canzoni, und mit den Liedern ging eine leise Zärtlichkeit für den Sänger selbst durch die Stadt. Besonders wurden die Jünglinge davon ergriffen, von denen es in ganz Umbrien heißt: ein Nursier stirbt in einem Augenaufschlag dreimal, einmal vor Liebe, einmal vor Haß und noch einmal vor Liebe. Unter ihnen glänzte am meisten Carlino di Lossa, des Gubernatores Schwestersohn, der vier Jahre jünger als Alonz war und schon als Knabe gegen die Brigone waghalsig gefochten hatte. Er war ein mageres, dünnes Herrlein von zweiundzwanzig Jahren, aber hinter seinem blassen Flaumgesicht steckte ein Unband von Feuer und Tollheit. Im Hause des Onkels Gubernatore hatte er Rufa oft zur Gesellin im Spiel bekommen und sich bald zügellos in das zarte Figürchen verschossen. Die Eltern waren auch willens, diese Adels- und Bruderskinder ehelich zu verknüpfen, trotzdem Rufa vom bleichen Wildling Carlino nichts wissen wollte. Da fiel in die Vorbereitungen und Kränze der Verlobung der offene Freitebrief des verjagten Alonz Brigone und die Flucht der Jungfer von daheim. Vielleicht nur, um sich vor der aufgezwungenen Ehe zu retten, floh Rufa einer andern, ungewissen Ehe entgegen.

Darauf warf sich der wütende di Lossa, wenn er nicht im Gebirge gegen Brigone kämpfte, mit der ganzen Ungezogenheit seines jungen, heftigen Blutes in die vornehmen Abenteuer des damaligen, so ausgelassenen Adels. Aber er verlor Rufa nicht aus dem Herzen, und mitten in der Trunkenheit von Wein und Küssen tauchte oft das reine Bild des Bäschens vor seinen Augen auf und schwebte wie ein Engel durch seine schwüle Welt. Dann stürzte er den Becher um und stieß die schmuckste Dirne von sich und lief, die Ohren mit seinen weißen schmalen Händen verhaltend, aus dem Lärm in irgend einen stillen Winkel. In den nächsten Tagen hieß es dann, Carlino habe einen Räuber in den Abruzzen gefangen oder ein Schlangennest vertilgt oder ein neues Kommando gegen Alonz Brigone übernommen. Und unter seinem Oberbefehl ward dann auch der große Feind eines Tages, mit Ketten an einem Baumstamm festgebunden und das Frauchen neben sich, auf einem Karren durchs Stadttor zum Kastell gefahren. Es war Carlino recht, wenn Rufa gleich mit Alonz geköpft und damit die Ursache seiner Unruhe und Qual aus der Welt geschafft worden wäre. Als dies nicht geschah, dagegen viele rührende Stücklein ans der Haft des Ehepaares in die Öffentlichkeit drangen, regte die alte Leidenschaft sich mehr als je in ihm. Er wußte, obwohl noch ein Jüngling und dazu ein Neffe des Gubernatore, dennoch einen Sitz im Richterkollegium zu erzwingen, um der Sache Brigones einen ihm genehmen Justizgang zu geben. Um Rufas willen bemühte er sich nun für allerlei Erleichterungen der Gefangenschaft und bestach, da das Gericht sie verweigerte, den Schließer Barilotto für seine halb guten, halb schlimmen Zwecke. Er war selbst ein kleiner Dichter und ein großer Liederfreund und wußte sich die Kanzone seines Feindes immer zuerst zu verschaffen. Oft strich er um die Gitter der Gefangenen herum, aber wagte sich nicht weiter in der heikeln Sache vor. Und da er sich so dem Ziele immer gleich fern sah, geriet er oft außer Rand und Band, schwelgte und praßte wieder ganze Nächte hindurch, ritt am Tage zwei Pferde zuschanden, besuchte die Sitzungen des Gerichts nicht mehr oder kam zu spät und ließ gleich, ohne sich erst aufzuklären über Schuld oder Unschuld, den schwarzen Zettel »Schafott« in den Stimmbecher fallen. Man konnte sagen, er war im Begriff, ein Teufel zu werden, da er kein Engel sein konnte. Etwas Übermäßiges, entweder nach oben oder nach unten, lag in ihm. Solcher Gewaltburschen gab es damals unter dem Adel nicht wenige.

Aber je mehr Lieder von Alonz er las, um so respektvoller und versöhnlicher wurde er gegen ihn. Manche rührten, viele begeisterten ihn. Er lernte sie auswendig und ließ sie vom Organisten in Sant' Agostino in Musik setzen. Besonders paßten ihm die Verse, die Brigone an Rufa richtete und die genau so lieb und tapfer auf Carlinos Zunge hätten erblühen können.

Von dem allem wußte Alonz nichts. Er wollte nur für sich und seine geliebte Frau gedichtet und gesungen haben und wäre wütend geworden, wenn noch ein anderes Auge in sein Heft geschaut hätte.

Eines Tages kam Barilotto, der Schließer und Abwart, und sagte, es sei nun eine schönere und luftigere Haftstube frei geworden und sie könnten, sobald sie möchten, dorthin umziehen. Sogleich versetzte Alonz, er bleibe hier, und warf sich eigensinnig auf seinen Strohsack. In dieses Zimmer mit seinem Haufen Nacht am hellichten Tag, mit den Spinnen in jedem Winkel, dem Mäuserascheln, dem Moos an den Wänden und den Bergwolken vor dem Gitter, mit seiner Feuchtigkeit, Kälte und moderigen Luft, in dieses Zimmer versteifte er sich jetzt mit stolzer, selbstquälerischer Freude, als wäre es voll Genüsse.

Sobald Rufa seine Meinung kannte, nickte sie tapfer mit. Ihr passe dieses schwarze Gemach auch ganz wohl.

Aber kaum hatte der Wärter die Türe geschlossen, so sagte Brigone, indem er das nun oft so farblose und verhärmte Gesicht der jungen Frau streichelte: »Doch, wir zügeln morgen hinüber. Hier ist keine Sonne, und du mußt so gut wie eine Wendelblume Sonne haben.« Da schmiegte sie ihr Kinn an seine Brust, denn weiter reichte sie auch auf den Zehenspitzen nicht, und lächelte ihm so von untenauf gar tröstlich in die mächtigen, braunen Augenräder. »Können wir,« flüsterte sie, »noch wärmer und heller haben als jetzt?«

»Veramente,« jubelte er, »mehr brauchen wir nicht von den Menschen, und auch vom Himmel nicht!«

»Pst!« machte sie und schlug ihm den kleinen Finger auf die Lippe, »pst! vom Himmel haben wir noch sehr viel zu erbetteln.«

»Was denn, Rufa?« fragte er mit der rohen Arglosigkeit seiner Banditenmoral. »Was denn, Kleine?«

»Nicht die Sonne da oben haben wir nötig, die ja nur ein vorausgeschickter Knecht und Fackelträger Gottes ist, wie die Sterne und die stille Zeremonienmeisterin Luna, sondern ihn selber, von dem es im Kirchenlied heißt: Sol del Sole!«

»Ich merke wohl, nun machst du auch Gedichte,« scherzte Alonzo, mißtrauisch, was nun käme.

»Ja, ein Gedicht! aber du mußt helfen,« ging Rufa mit frommer Schlauheit auf den Spaß ein. »Ich allein kann die Strophe nicht vollenden. Und die Gegenstrophe bringen wir nicht einmal zusammen fertig. Die muß der gnädige Herrgott machen. Kurz und gut, Alonz, dieses Gedicht besteht aus etwas Erde und etwas Himmel, aus viel Sünde und noch mehr Verzeihung . . .«

»Nönnlein, Nönnlein!«

»Aus viel Reue und noch viel mehr Gnade.«

»Bist du fertig?« rumpelte jetzt Brigone in ihren Vortrag. »So eine Predigt! Ich dächte, unser Teil am Gedicht ist reichlich getan. Was können wir deinem Herrgott denn noch mehr geben als den Wald und die Gebirge und die Freiheit und den Zorn und Widerstand und Haß, was ich alles da außer dem Gitter gelassen habe, und zuletzt das Leben? Jetzt ist es am Herrgott, seinen Reim dazu zu machen. Keine Silbe tu' ich dazu.«

Er machte sich los von Rufa und ging heftig die Fliesen auf und ab. Da wagte sie für einmal nicht weiter zu gehen. Wie sie nur immer das schwärzeste Gewölbe am Himmel hatte über ihren Scheitel gehen lassen, ohne es schneller oder heller zu wünschen, so wartete sie auch jetzt, bis diese hin- und herdonnernde und blitzende Wolke sich endlich auf die Matte legte und in einen wohltätigen Schlaf auflöste. Sie würde es doch nicht aufgeben und doch nicht verlieren, ihm wieder vom Sol del Sole zu reden.

Am nächsten Mittag brachte Barilotto zu Suppe und Brot ein Büchslein mit Salz und Pfeffer, sowie einen Krug Wein. Davon genoß Alonz nichts. Gehässig fragte er, was denn die Neuerung bedeute, woher die überzeitige Gnade komme. Er pfeife darauf. »Die Signoria,« log der Schließer, »wünschte Euch eine kleine Freude zu machen, weil Ihr Euch so anständig aufführt und so köstliche Lie . . .«

In diesem Augenblick traf ihn ein angstvoller Blick Rufas. Aha, das Liedergeheimnis!

»Und so köstliche Lie . . . Lie . . . köstliche Liebe zu einander habt.«

»Was geht das die Signoria an!« schnauzte Alonz zum Schließer hinüber.

»Darum soll Euch der große Kastellgarten vor der Via dei Nessi jeden Tag offen sein, daß Ihr im Freien spazieren und Euch vom Gefängnis auslüften könnt, da draußen.«

Kaum hatte Brigone das herrliche Wort Fuori gehört, da draußen, im Freien, so schloß er sich wie ein anderer Mensch auf. Gnade und Almosen, so viel daran kleben mochte, sei es! Bei so einem allmächtigen Klang fiel sein Stolz wie ein Lumpenkleid von ihm. Er sprang auf Rufa, umarmte sie zum Ersticken und fragte: ob er auch auf die Habichte schießen dürfe, die vom Monte Fusconi immer über Nursia stolzieren und ein Verbrechen im Schild führen. »Gewiß,« erlaubte Barilotto, »kommt nur gleich mit und nehmt meine Flinte!«

Seit Wochen hatte Rufa von der Feuchtigkeit hier oder vom vielen Stehen oder von der reifenden Mutterschaft geschwollene Füße bekommen. Aber sie verbiß die Schmerzen und versteckte das Übel nachts immer so rasch und tief ins Stroh und trug am Tag einen so langen Rock, daß Brigone nichts vom Gebresten merkte. Jetzt, da man verschiedene Klotzstiegen empor und wieder eine Reihe von Zickzacktreppen hinunter mußte, überkam sie ein so heftiges Stechen und eine solche Schwäche, daß sie in die Knie sank und in die Zelle zurück begehrte. Es sei zu viel auf einmal. Da nahm sie Alonz wie einst im Verhör auf die Arme und trug sie behutsam wie ein schlafendes Kind zurück. »Wenn ich wüßte, wer mich tragen würde und noch dankte für die Bürde,« raunte es ihm da koboldisch ins Ohr. Er wußte nicht wieso, aber der Vers musizierte mit hartnäckiger Bosheit ohne Ende durch seinen Sinn. Ei, ei, wer hätte das gedacht, belustigte er sich, daß mein Übermutslied sich so umkehren würde!

Als er Rufa auf den Bettsack legte, war sie vor Müdigkeit und Schwäche schon eingeschlafen.

Nun saß er still am Boden neben ihr. Da fiel ihm bald auf, wie ihr Atem leicht auf- und niedersprang wie ein Stieglitz von einem Ast zum andern und wie ihr Köpflein und ihre Hände im Stroh so lebendig zappelten, aber wie dagegen ihre Beine starr wie Hölzer über die Matte lagen und die Füße gleich schweren Wurzelklötzen sich tief in die Streue gruben. Er beugte sich tiefer und sah, wie furchtbar sie aufgeschwollen waren. Jetzt verstand er alles. Zuerst wollte er sie wecken und an die blaue frische Luft hinaustragen. Aber der Schlaf tat ihr nun wohl besser. Nicht einmal die Strümpfe wagte er ihr auszuziehen. Er rührte sie nicht an. Es ist etwas Heiliges an diesem Frauchen, gestand er sich. Und ich kränkte sie noch gestern so. Nun will ich ihr nie mehr widersprechen. Auch wenn sie mir noch heftiger predigt und noch dicker fabelt. Ich lasse ihr die Freude. Ja, wenn sie will, fange ich an, mich zu bekreuzen wie ein Kindsbalg mit der rechten Hand. Die andere mit der Faust im Sack braucht sie nicht zu sehen.

Da ihr Schlaf etwas Ansteckendes hatte, erhob er sich, um nicht auch einzunicken. Es stand noch die Tür offen. Könnte er sie jetzt nicht allein lassen und für ein paar Atemzüge in den Garten gehen! Sie würde dann so allein viel länger nicht erwachen. Und er . . . o Gott, die Luft, die Vögel, die Sonne, der Weltgeruch und Weltspektakel, das tausendstimmige Fuori!

Er schlich zur Türe, nahm bedächtig die ersten, rascher die folgenden Stufen und rannte zuletzt buchstäblich in den Garten hinaus. Mit einem Löwensatz war der junge Wildbart draußen.

Himmel, wie das roch nach Freiheit, wie das wärmte von neuer Sonne, wie das tönte und rauschte vom Leben. Ist die Welt denn zusammengeschlagen und heute frisch aufgezimmert worden? Oder war sie denn immer so ewig schön? Ja, doch, da neigten sich die alten Berge vom Osten her über die hohe Gartenmauer herein, die Ventosola zu hinterst, dann die jähe Vetica und zu oberst der braune Fusconi. Die schöne Montagna Cardosa lag schon zu tief im Norden, und der König Vettore war von den Vorstößen verdeckt. Aber sie werden auch noch die lieben alten Gesichter haben. O Berge, ich küsse euch! Und alles andere war auch noch wie einst. Die schwarzgrünen Zypressen wuchsen an den Kapuzinerhügeln auf, Arm in Arm mit den mattsilbernen Oliven. Jene sahen immer noch steil aus wie Lanzen und ernst wie Gedanken der Ewigkeit; aber diese blinzelten in unverwüstlicher Zufriedenheit aus ihrem grauen und gerunzelten, doch so lichten Greisentum heraus. Dann ging es mit Busch und Stein zu den Kämmen, so recht für ein raufendes, holperiges Leben erschaffen.

Jenseits der Mauer hörte er Schuhe und Mäuler im gewohnten Rhythmus des Werktags durch die Stadt gehen. Aber ihm war, er vernehme die großartigsten Reden und Siegesmärsche einer ganzen Welt.

Kreuz und quer lief er durch den Garten, schüttelte da an einem Baum, zerrte dort einen Stengel aus, um sich wahrhaft zu überzeugen, daß das alles wirklich sei und er zu ihm wie ein Ding zum andern gehöre. Dadurch ward er ruhiger, und als weiter nichts geschah, sondern der Himmel und die Berge und die Kastellmauern stille standen, fand auch er rasch das Gleichgewicht der Seele wieder und fühlte klar: das und dies, was ihm beim ersten Blick so genußvoll war, hatte er oft und oft genossen und es hatte den gleichen Geschmack behalten und würde ihm, sowie er es wieder täglich besäße, die altgewohnte Kost.

Während er so mit ernüchtertem Auge das Ganze nochmals besah und beinahe so schnöde wurde, die gesamte Welt mit allem Gebirg und Gelärm als eine Kleinigkeit vom Munde zu blasen und wieder in seinen schwarzen Winkel zu kriechen, kreischte eine Krähe vom Turm der Signori widrig und jetzt doppelt widrig für Alonzens Ohr. Er klatschte mit den Händen; aber sie tänzelte nur ein wenig vom Gesims zurück und fuhr fort, Himmel und Erde mit ihrem Lästermaul zu verschimpfen. Da lief Alonz ins Portstüblein, riß die Flinte von der Wand und machte sich schußbereit. Aber der pulverriechende Vogel war nun doch weggeflogen. Man sah ihn nur noch als dunkeln Fleck den Felsen der Vetica zuschwimmen. Alonz, dem das alte Nomadenblut bis zum Daumen und Zeigefinger am Schnapphahn schoß, blickte grimmig ringsum, wo doch etwas zum Erschießen wäre. Aber nicht einmal eine Katze lief herum. Nur auf dem Birnbaum saß jene Bergmeise, die ihnen so oft, wenn sonst niemand Guten Tag oder Süße Nacht mehr rief, noch ganz allein und überaus tapfer ins Gefängnis ihr ewig Gleiches und ewig freundliches Grüßen getrillert hatte. Alonz erkannte das treue Geschöpf. Aber seine Mordlust ließ ihn jetzt nicht zur Besinnung kommen. Sie überwältigte ihn. Er zielte, traf und krachte das schuld und klaglose Tier in einem Blitz nieder.

Erst als er das arme Wesen in der Hand hielt, reute es ihn. Er stützte die Flinte, aus der ein letzter blauer Atemzug rauchte, an den Baum und merkte, daß seine Gier nun auch schon erloschen und verraucht war. Solche hitzige Genüsse sind nichts mehr für mich, meinte er mit immer kühlerem Kopf. Das kommt und geht zu schnell und läßt nichts Gutes da. Höchstens Enttäuschung! Denn was ist so ein toter Vogel noch, wenn ich den lebendigen, diesen schwingenlustigen Streber daran vergleiche, der er eben noch war!« –

»Du, Herr,« unterbrach sich Thieco hier, »das kann ich fast nicht erzählen. Aber so heißt es in der Geschichte. Kein Jäger denkt so. Je mehr ich töte, um so froher bin ich.«

»Aber Thieco!«

»Haben wir nicht vorhin das Wildhuhn gegessen? War es nicht gut? Diamine du hättest noch eines gegessen und ich noch zwei.«

»Ach,« sagte ich verlegen, »einesteils . . .«

»Wisse, die Geschichte machen die Erzähler immer anders. Das kenne ich doch aus allem, was Fraccomi berichtet. Alles ist schöner und doch eigentlich wüster. Die Weiber reden zierlicher und die Mannsleute tun feiner und alles wird schwach und krank . . .«

Ja, die Erzählung ist vielfach überhaupt eine Krankheit, allerwenigstes eine Schwäche des Lebens, dachte ich. Wer viel erzählt oder liest, der lebt und tut jedenfalls umsoviel weniger. Die großen Macher sind immer die kleinsten Dichter und umgekehrt . . .

Zufrieden über meine, wie mich dünkte, höchst originelle, eigentlich aber tausendmal und Besser gesagte und nicht ganz fraglose Weisheit, nickte ich dem Thieco zu, daß wir über dieses gefällte Hindernis nun getrost weiter gehen und dem Brigone, der nun einmal blutscheu geworden, es nicht verübeln, sondern ihm getreulich auf dem Fuße folgen wollen, auch wenn er schäbig genug schon wieder ins Loch zurückkrebse. »Er versteckt nun sicherlich den Vogel, wenn er zur Frau kommt!« lief ich tupfend und hungrig der Legende voraus.

»Brigone fühlte,« spann die Thieco weiter, »daß er seiner Rufa die kleine Leiche nicht zeigen dürfe. Er schob das Tier in die Tasche und zog sich langsam und vom gepriesenen Fuori schon ordentlich angeekelt wieder ins Verlies zurück. Da saß Rufa auf der Matratze und wickelte schnell ihre Füße in Tücher. Alonz nahm ihre Hand in die seine und streichelte sie. Aber die Frau schrie auf und riß den Finger los, als hätte sie sich gebrannt. »Sieh, sieh, du blutest ja,« sagte sie klagend. »Also du, du hast geschossen, ich habe es gehört. Und ich und mein Kindlein haben gezittert. Mordest du immer noch?«

Das sprach sie so ergreifend und wahrhaft, daß Alonz gar nicht probierte, die Male abzuwischen, sondern sie stumm anschaute und eine so verschuldete Miene machte, als hätte er wie Herodes oder sonst ein gräulicher Kindsmörder ein Blutbad unter lauter Unschuldigen angerichtet.

Nun war es Rufa, die seine Pratzen erfaßte und streichelte und mit unwiderstehlicher Schonung dazu sagte: »Dies war nur ein Vogel – aber er wird doch auch ein Weibchen haben irgendwo im Nest. Und das sitzt auf den Eiern und brütet seine lieben, gefiederten Hoffnungen aus. Da kehrt kein Vater zurück, und die Jungen sind Waisen, bevor sie nur eigen atmen. Sie werden dann hungern und von fremden Vögeln leiden und wohl zugrunde gehen. Ohne Vater geht ein Kind zugrunde . . .«

Da stutzte sie. Ihr Kind! Wird es nicht beinahe so frühe Waise sein wie der Nestling. Und doppelt Waise, ohne Vater und Mutter! Gott, Gott! O welche Strafe! rief sie überwältigt.

»Was meinst du, Liebe, Gute du?« bat er erschreckt und wußte nicht, wie sie innig genug in seinen Armen verbergen. »Was Strafe? wozu rufst du sie noch? oder was fürchtest du sie noch? Wir stecken ja mitten drin. Es kann nicht schlimmer werden. Den Vogel, ja,« fügte er bei und packte ihn in seiner großen unklugen Ehrlichkeit aus der Tasche, »den hätte ich freilich nicht schießen sollen.«

»Das ist nur ein Vogel,« wiederholte sie strammer. »Aber die Menschen, die Menschen! Wieviele hast du in Kriegen und Jagden getötet? Hast du das schon einmal gezählt? Und wie viele davon sind Väter gewesen oder hätten doch einmal ein Weib genommen und Kinder gehabt, wenn du sie nicht mit allem vielen Leben, was an einem Menschen ist, getötet hättest. Gibt es etwa keine Knaben und Mädchen, die unter der Türe stehen und nach dem Vater, so weit ihre Augensterne fliegen, Ausschau halten. Die Mutter kann sie nicht zum Schweigen bringen, weil sie hundertmal gesagt hat: domani, domani – morgen kommt er, und er doch nie kam. Alonz, wenn du ein unflügges Nest sahst oder einen Baum voll unerschlossenem Geknosp, kommen dir dann nicht solche Waislein in den Sinn? Rief es dir nicht überall zu: Mörder! Mörder! wir bekommen das Leben nicht, wir können nicht an Licht, du hast uns ja den Vater genommen. Du bist uns das Leben schuldig. – Alonz Brigone,« vollendete die kleine Frau, erhob sich und wuchs an ihm gewaltig auf, »hast du nie gezählt, wie vielen du das Leben schuldig bist?«

Sie schwieg, aber wagte ihn doch nicht anzuschauen, um ihr Gericht vollständig zu machen. Denn sie fühlte es an ihren eigenen Gliedern, wie sein junger Riesenleib schauderte und sich ihm Töne ohne Ton und Worte ohne Laut zum Munde rangen. Seine Hände wurden naß vom Schweiß und entglitten ihr.

»Hunderten sind wir das Leben schuldig, das ist gewiß, und nur einem, dem Nachrichter von Nursia oder den paar Schöffen im Kastell können wir es zahlen. Aber allen andern, den wahren Gläubigern nicht.«

»Müssen wir es denn jedem Einzelnen geben?« fragte Brigone leise und plump.

»Ach, Alonz, jedes Holzscheit, das uns ein Vissoner gab, hast du doch wieder zurückgegeben. Nur nichts schuldig bleiben! war dein Spruch. Und nun haben so und so viele ihr Leben geben müssen und du hast sie bis heute nicht bezahlt. Nur nichts schuldig bleiben! sage ich jetzt auch. Da jene Toten die Schuld nicht mehr eintreiben können, treibt sie unser Herrgott für sie ein. Mit ihm müssen wir jetzt rechnen. Ihm müssen wir zahlen. Drum habe ich gestern gesagt, daß wir den Himmel noch gut brauchen können. Aber gerade mit Gott willst du nicht unterhandeln. Kannst du noch beten?«

»Ich glaube wohl, etwas Weniges,« stotterte Alonz.

»Ich glaube es nicht.«

Brigone faltete die wohlgeformten Riesenhände zusammen und probierte ein paar zerstückelte Sätze aus dem Paternoster. Verzweifelt ließ er den Kopf sinken. Da sprach ihm Rufa Satz für Satz vor, und als es hieß: Vergib uns unsere Schulden! fügte sie geduldig bei: »Soweit ist es genug für heute. Morgen beten wir wieder. Und ich bleibe dabei, Alonz, wir haben den Himmel nötig.«

Das begriff der Barbar. Konnte Rufa denn anders als die Wahrheit reden und blitzte sie ihr nicht bei jedem Wort wie sichere Schwerter aus den sonst so zahmen Augen? Im Barbar erwachte das noch nicht so tief verschüttete, noch nicht ganz tote, vielleicht nur geknebelte Kind, das wie alle Nursierkinder einmal auch gebetet hatte. Er begriff, daß er zu diesem Kind zurückgehen müsse, wenigstens ein paar mutige Schritte, um so mehr, als da noch ein anderes Kind harrte, das auch beten würde. Da schlug Brigone die offen gelassene Türe des Gefängnisses, durch die ein Schimmer des Fuori hereinlächelte, mit festem Arm wieder ins Schloß. Das hieß: ade, Erde! ich habe jetzt mit dem Himmel zu tun!

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