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Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
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Ein behagliches Nachgeplauder des Erzählers

In den Apenninen-Nestlein

Wunderlich schön und lieb war es vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren, durch das Berggehöcker Mittelitaliens mit gemütlichem Wanderschuh auf und ab zu pilgern und sich dabei immer möglichst fern von den größeren Städten zu halten, die am Ausgang locken oder dräuen. Die Hügel werden Berglein, die Berglein Gebirge, schmutzigweißer Schnee glänzt zuletzt auf den höchsten Kuppen. Aber aus der Enge geht es überall rasch in breitere Flußtäler und nirgends ist die Einsamkeit so groß, daß nicht an steile Hänge hinauf, wo die Schmetterlinge seltener und die Schwalbenpfiffe spärlicher werden, die ruhelosen Menschen doch noch ein Klatschnest gebaut hätten, so ein Dorfstädtlein mit Brunnen, Ristorante, Piazza, einem Barbier und einem Zeitungsverkäufer, einigen lustigen Bettlern und einem Feilbieter von Zündhölzchen, mit ein paar Katzen und Menschen, die auf einer Mauer liegend ins leichtsinnige italienische Himmelblau hinein faulenzen, aber auch mit frühgealterten Frauen, die unter unwürdigen Arbeitslasten wie graue und braune Ruinen dahinwandeln, so arm, so ernst, so erhaben und die doch nicht ganz zerbröckeln.

Und meist gibt es noch eine alte Kirche, die Kathedrale heißt und, weiß Gott wieso, irgendein Wunder von Malerei oder Meißelkunst birgt; und ein Rathaus, das greise Geschichten ausplaudert, an den Saalwänden merkwürdige Bilder aushängt und im Turm häßliche, grausame Gelasse versteckt, worinnen einst Herren, die Glück hatten, andere Herren, die Unglück hatten, selig oder verdammt werden ließen.

Ja, selig oder verdammt!

Denn ich habe diese lehrreichen Mauern oft, nicht selten – so finster waren sie noch tags! – mit der Laterne des Turmwärtels gelesen und ergrübelt. Was haben die Gefangenen da nicht alles hingekritzelt, mit Kohle, Rötel oder einem eisernen Nagel. »Dafür, daß ich hier etwas malen darf, esse ich nicht,« hieß es an einer Platte. Ich verstand den Satz lange nicht. Es war so, daß der Häftling sein Mittag- oder Abendessen opferte, also die paar Zechinen, die es den Wärter kostete, um eine Kreide oder einen Stift zu bekommen. Und was malte er? Übel genug einen Kastanienbaum, eine Kirchenfront, eine offene Haustüre. Aber das Weh gab ihm Zug und Treue in die Hand und auf der nächsten Platte war alles schon besser geraten, wirklich die Kirche draußen und sein Haustor und der Baum im Garten. Dann aber kam ein Gesicht in allen möglichen Wiederholungen, mit schönem Haar und junger Nase und weichem Kinn, aber ohne einen Versuch, das Auge hineinzuzeichnen. Und immer stand darunter: impossible! Ich kann's doch nicht, ich kann's nicht! – Und später gab es nur noch wirre Striche, ein Gekritzel wie von einem wilden bösen Kinde, das seine Schreibtafel mißhandelt; Grimassen, wüste Mondgesichter mit Hakennasen und herausgehängter Zunge und so weiter, bis zuhinterst und zuletzt in der Ecke ein Maledetto dieses unselige Notizenbuch beschloß.

Desperato! murmelte der Wärter. Der Elende sei irren Sinnes geworden und habe sich die Stirne am Gemäuer zerschellt. Desperato! wiederholte er, das t mit jenem weichen d-Laut aussprechend, der hier merkwürdigerweise so oft gehört wird und der so wenig zu den harten weißen Zähnen des Sprechers und zur harten Geschichte paßte.

Aber in andern Verliesen sah ich das Kreuz in den Kalk gemalt und Madonnenbilder versucht, und besonders unvergeßlich ist mir das tiefe Fenstergesimse und die Türe einer engen Turmzelle in den südlichen Abruzzen, wo dreimal beiderorts das Wort pazienza geschrieben stand. Geduld, Geduld, Geduld! Unter dem ersten Schrei lautete das Datum 1565. Dann wartete der Sanfte sechs Jahre und schrieb zum zweiten Male pazienza, 1571. Und die Zahlen waren viel schwungvoller und freudiger markiert. Etwas Zeitloses lächelte aus ihnen. Aber das dritte pazienza schien in einer seligen Erlöstheit nicht hingeschrieben, nein, hingejubelt. Hier war keine Jahreszahl mehr verzeichnet. Die Türe hatte sich auf das dreifache »Geduld!« nicht geöffnet und das Fensterchen auch nicht. Aber der unbekannte, große, reine Mensch da drinnen brauchte zur wahrsten seligsten Freiheit nun keine Türen und Gitterfenster mehr zu sprengen.

Was für einen Reichtum von Geschichten enthalten diese Städtchen, aber auch die Straßen zu ihnen und von ihnen, auch die Kapellchen am Weg, auch die zerfallenen Häuser, auch die Hirtenplätze, auch die uralten Bäume und die Brücken über ein Gebirgswasser, auch die Schaufeln und Hacken und Tragkörbe der Bäuerinnen. Geschichten, wie ich sie von Alonzo Brigone, dem Banditenpoeten, von Sisto e Sesto, von Taddeo Amente, der seine Hübsche erst heiratet, als sie arm und verkrüppelt geworden, von Fräulein Risola, die den Himmel auf die Erde herunter und alle Teufel in den Boden lachte, und anderen Geschöpfen erzählte, Sagen und Abenteuer, wie ich sie so oft an Regentagen oder an tiefen Abenden bei brennenden Scheitern und dampfender Polenta hörte und wovon ich mir Dutzende und Dutzende flüchtig notierte, gibt es hier eine Legion. Sie läuten sich mit so echten und lautern und dabei so innigen Glockenschlägen ins Ohr, daß der Wanderer davon nie genug bekommt und daß er meint, sie müßten wegen ihrer Einfalt und ewigen Seele auch beim Nacherzählen noch allen Horchern gefallen, selbst wenn er das Erlauschte nicht geschickt wiedergibt. Aber freilich, man darf hierzu nicht modisch und nervenkrank eingerichtet sein, man muß noch Zeit und Besinnung zum Zuhören besitzen und das Geheimnis nicht verloren haben, in der komplizierten Äußerlichkeit von heute eine unkomplizierte Innerlichkeit zu bewahren.

Einfache Menschen

In jenen Ortschaften und durch das schweigsame Land lebte ein viel einfacherer Menschenschlag als wir nordische Wanderer ihn kennen. Ob er jetzt durch den Krieg anders, dauerhaft anders geworden ist, bezweifle ich. Viel mehr schadet der stille Krieg der Straßen und Eisenbahnen, die heimliche Eroberung des Landes durch Handel, Industrie und durch das herz- und gemütlose Auto. Aber das ist überall so, und ein Mittel dagegen ward noch nicht gefunden: reicher werden heißt ärmer werden; gescheiter werden heißt dümmer werden; die Wohltat der Kultur wird eine Übeltat an der Natur. Und es könnte doch wahrhaft auch anders sein.

Darum war mir damals hier so wohl wie nirgends, beinahe sag' ich, wie nicht einmal in der Heimat. Gewiß, diese Leute zankten auch, argwöhnten, verleumdeten, sie logen und stibitzten etwa aus einer fremden Tasche. Aber es war alles so leichtsinnig, so äußerlich an der Sünde, nicht das Überdachte, Zurechtgelegte, sozusagen theoretisch zum voraus Genehmigte der germanischen Sünde. Es klebte so gar keine Bosheit daran, eher Spaß, Gutmütigkeit, Witz und sogar liebe Faulheit. Und stäubte man selber lachend dieses Sündhafte ab, so guckte silbersüß das einfache, ehrliche, wohlwollende, ich möchte sagen, das apostolische Gutsein von Mensch zu Mensch aus diesem Völklein hervor. Abgefeimte Spitzbuben wurden die besten Kameraden; scheinbar verlotterte Mädchen enthüllten aus dem Innersten einen wahren, noch unangetasteten Schatz von Edelsinn und echtem Seelenstolz; träge, verlogene Kerle hielten ohne Wanken ihr Ehrenwort, und was sich blitzend und krachend gehaßt hatte, wie leicht und lustig fiel es sich wieder in die Arme, und nicht das leiseste Schwefelgerüchlein blieb zurück.

Wie viele entzückende Stücklein könnte ich davon erzählen, wenn man das überhaupt erzählen könnte, was so märchenhaft erlebt wird, ohne daß Achselzucken und Kopfschütteln des germanischen Zuhörers folgte. Aber mit erhobenen Schwurfingern kann ich's beeidigen, daß alle die geschilderten Menschenwesen, so eine Frau Lätizia und der Seiler Nazio, der büßende Alonzo Brigone, die heldische Rufa, die lachende Risola und die zornig sich liebenden Bolsener Kinder, der zufriedene Bettler Massi und der Adelige di Lossa, der schielende Jüngling Thieco und hundert andere, bei uns in solcher schwarzen und weißen Einfalt fast unglaubliche und undenkbare Geschöpfe, noch immer im Apennin und seinen Ausläufern bald genau so, bald in den köstlichsten Schattierungen von solchem Weiß zu solchem Schwarz vorkommen.

Daher ist dem Pilger so wohl bei ihnen. Urweltsgeruch umgibt ihn. Etwas von der Zeit, wo das Sprechen noch wie das Denken und das Tun noch wie das Sprechen war, lebt hier fort. Wie wenig braucht man zum Leben, wie wenig zum Klug- und Gescheitsein! Wieviel Überflüssiges drängt es den Wanderer in solcher Umgebung von sich zu schütteln, und wie dünkt ihn bald, er habe nie so leichte Achseln und ein so heilig loses Vogelherz besessen.

Aber was für starke braunschwarze Augen zünden aus den Gesichtern dieser Menschen. Bald sind sie rund und offen wie die naivste Sonne am Morgenhimmel, bald aber scheinen sie je nach Bedarf die Flamme wie bei einer Lampe herunterschrauben zu können, und dann sehen sie am besten. Du kannst dich geben wie du willst, hereingeschneiter Fremdling, sieben Mäntel und Masken der Verheimlichung über dich schlagen, o sie haben dich flink durchschaut. Die einzige Frage, die ihnen vorerst wichtig scheint, ist sofort gelöst: ob man dir trauen darf oder nicht. Es ist geradezu unglaublich, was für einen scharfen Sehnerv sie hierin besitzen.

Trauen sie nicht, so verdienst du es auch nicht. Dann nützt dir alles Populärtun und Anbiedern und Geldausschütten nichts. Sie hören dir zu und lachen und glauben kein Wort. Sie nehmen das Geld und lachen noch tiefer und trauen dir nicht über den Weg. Kein Körnlein Ernsthaftes aus ihrem Haus und Dasein würden sie dir verraten.

Aber wenn sie trauen, dann irren sie sich auch nie. Und bald tun sie mit dir wie mit einem Bruder. Ihre Schublade, ihr Küchentopf und ihr Herz wird gleicherweise vor dir völlig aufgetan, und da gibt es keinen unverratenen Rest mehr. Dann aber ist es oft langweilig, oft etwas mühsam, aber meist doch ergreifend schön, was dir aus ihrem engen, kleinen, genügsamen Tag und Jahr geoffenbart wird. Oft bückst du dich nach einem Steinchen oder Halm, um dein tiefes Erröten zu verbergen.

Das sind Menschen, die freilich nicht in die einst so beliebten, gekämmten und gesalbten Dorfgeschichten unserer Literatur um Auerbach herum passen. Sie passen auch nicht in jene Literatur, die nur von Nerven und Sinnlichkeiten berichtet und durch die, sanft oder gewaltsam, Unterbewußtseinsfragen und Schnellzüge und sensationelle Telegramme fliegen müssen. Aber für gesunde oder gesundheitliebende Leser werden sie immer beglückend passen. Also, sie werden immer Mode sein, diese modefernsten Menschen Europas.

Nie bin ich, wenn ich von ihnen Geschichten erzähle, mit meinen Worten zufrieden. Noch nie habe ich nur leise gehofft, ihr gleichwertiger Erzähler werden zu können. Aber gewiß wird einmal ein Gesunder zu diesen Gesunden, ein Einfacher zu diesen Einfachen, ein Genialer zu diesen Naiven kommen. Dann wird seine Feder leuchten und seine Zeilen werden wie unsterbliche Seelen über die graue alte Erdenmüdigkeit schweben und ihr sagen, daß sie sich immer noch, schier in der letzten Stunde noch, auffrischen und verjüngen könnte, wenn sie nur wollte.

Wahre und unwahre Sagen

Keine alte echte Volkssage ist eine Lüge. Man muß sich nur nicht an das Nebensächliche und Zierwerk halten. Die Verzierungen sind immer schöne, wohlgemeinte Lügen. Aber die Hauptsache bleibt immer wahr.

So ein gesundes, ungebrochenes Land- und Bergvolk hat natürlich auch Gewaltskerle von Kraft, Wildheit und Unternehmungsübermut hervorgebracht, unter seinem Adel und unter den Hirten und Hirtenknechten. Da gab es dann die gleichen Ausschweifungen, denen die Gewässer dieser Gegenden frönen, indem sie lange Zeit harmlos auf ihren braunen Kieseln daherrieseln, aber dann plötzlich unter Himmelsgeleucht und Himmelgekrach zu gesetz- und gefühllosen Strömen anschwellen und hassen, wo sie geliebt, beißen, wo sie gestreichelt, töten, wo sie vordem belebt und gesegnet haben. Dann aber, nachdem sie die Übertreibung trunken ausgekostet, kehren sie naiv wie Kinder, die den tollsten Streich über Nacht vergessen, ins alte, magere, friedliche Bett zurück und musizieren nichts als Sanftmut und Geduld und liebenswürdige Schläfrigkeit. Wer die Chroniken von Aquila, Spoleto, Norcia, Visso, Ascoli, Sulmona liest, wird diese Wildbäche oft rauschen hören. Und dabei sind die, welche am lautesten brausten, nicht einmal in die Akten und Protokolle gekommen. Man muß zwischen den Zeilen – – hören.

Gewiß ist es keine Legende, daß hier von den Monti Tramiti und Folterona bis zur Majella ein großartiges Banditenwesen herrschte. Aber es waren nicht gemeine Diebe und Strolche. Die Führer hatten ritterliches Verbrecherblut, ob sie nun vom Adel oder aus dem gewöhnlichsten Plebs stammten. Und das vergißt man immer bei dieser dunkelroten Historie, daß die Räuberei nicht aus Anlage oder Lust emporwucherte, ganz im Gegenteil ist keine Rasse ehrlicher geartet und minder zum Unrecht aufgelegt als diese guten Bergler.

Aber durch viele Jahrhunderte lebte das Volk hier unter Herrendruck. Es wäre genug gewesen, wenn das steinerne Gebirge und der oft so saftlose, harte Boden und das graue Gewölke auf den sibyllinischen Gipfeln diesen Leuten Herz und Spaten schwer machte. Aber da wuchteten noch auf ihrem Rücken so viele Grafen und Barone, Schloß- und Stadtherrschaften. Was mußte man nicht mittelbar und unmittelbar steuern, fronen, wie tief sich bücken, wie sauer knierutschen. Welche Übergriffe erlaubten sich die Blaublütigen in die jungfräuliche und eherechtliche Welt der Untertanen. War es schon schlimm darum bestellt im viel geordneteren Oberitalien, so nahe Mailand, dem Vizekönig und Erzbischof – man denke an die Promessi Sposi! – wie arg muß erst in diesen fernen Gebirgsstrichen gehaust worden sein, wo sich der Hilfeschrei an sieben Bergen und in sieben Sacktälern zerschlug, ehe ein Klang davon in die Provinzstadt hinaus an ein mächtiges und gerechtes Ohr gelangen konnte.

Da half man sich denn selbst. Man beraubte die Reichen, die Stolzen, die Mächtigen. Man tötete und plünderte aus Hunger, aus beleidigtem Ehrgefühl, aus demokratischer Rache. Auch hoher Adel half mit oder nahm die Räuber in Dienst und hier begann das System niedriger zu werden. Oft jedoch lehnten sich die Edelleute im Lande treu mit dem Volke gegen die ausschweifenden Beamten des Vizekönigs von Neapel oder des päpstlichen Statthalters auf, gegen ungeheure Steuern, gegen Feldzüge und Söldnerdruck. Man kann sagen, daß die Wolf- und Bärenjäger der Abruzzen nie aus bösem, verdorbenem Willen, sondern stets von Not, Elend, falschen Vorspiegelungen und höheren Intrigen mißleitet, auch furchtbare Menschenjäger wurden. Wer weiß, was Sixtus V., der Papa Sisto der hundert grauen Sagen, innerlich gelitten hat, als er das Räuberwesen mit Stumpf und Stiel auf einige Zeit ausrottete, er, der Mann aus dem Volke, der heimlich für dieses Volk schwärmte und die Nobiltà verachtete, und mit Bewußtsein diese kleineren Sünder hängen und die großen laufen lassen mußte! Was ich im »Sisto e Sesto« erzählte, ist wasserhelle historische Wahrheit.

Aber nun das Schöne: die Mörder und Räuber rührten keine Münze des Nachbarn an. In den Dörfern und Weilern waren alle Türen offen, es gab kein Schloß an den Kästen und Truhen, der Ziegenkäse im Keller, die Maiskuchen, die man für ganze Monate buk, das Kupfer und wenige Silber in der Lade, alles war sicher. Es gab keine sauberere Ehrlichkeit auf Erden als die unter diesen Räubern aus Not und Beruf.

Einen Beweis davon, wie redlich man hier in den Abruzzen ist, kann jeder Pilger tagtäglich erleben. Mit der falschen Politik hat auch die Räuberei aufgehört. Aber wütete sie noch, du wenigstens, schlichter, bescheidener Wanderer, wärest gesichert wie in Abrahams Schoß. Was die Reisebücher noch vor zwanzig, dreißig Jahren von unsicheren Gebieten in den Abruzzen vormalten, ist kurz und gut Unsinn. Nie ist mir ein Soldo gestohlen worden. In den Städten Rom und Florenz und Perugia, jawohl, da nahm man mir vor den Augen das eben gekaufte Körblein Pfirsiche, den Feldstecher, die Schärpe weg, floh und lachte mich aus sicherer Ferne noch aus. Doch das waren auf dem Stadtpflaster geborene Flegel. Auch mein wortkarger vieljähriger Führer Thieco, dieser Bursche voll innerer Wildheit und mit einem böse schielenden Auge, schnitt mir ab und zu von der Salami oder biß mir ein Stück vom steinharten Ziegenkäse weg. Aber als ich ihn das erstemal daran ertappte, wurde er nicht etwa rot, sondern hielt mir den halben Schnitz hin und sagte gemütlich: »Signore, wollt Ihr auch davon?« Er war von Foligno, also nicht ein echter Bergler; aber auch kein echter Dieb. Oben von Serravalle an wäre so ein Ertappter krebsrot geworden und hätte im ersten Sturz von Scham und Stolz das kurze Messer aus dem Gurt gezogen.

Ach, mögen sie doch heute noch so sein, auch nach dem vierjährigen Krieg, nach Straße und Eisenbahn und Auto, die schamlos in seinen Eingeweiden wühlen, dieses herrliche Völklein der Abruzzen!

Bei trübem Tag, bei unheimlicher, sternloser Nacht, wie oft bin ich damals in jenen so verlorenen Gegenden gewandert, habe mich Hirten, die im Freien übernachteten, angeschlossen oder in die erste beste Hütte begeben und neben Hund und Katze und Kindern am Boden auf einer Matte aus Laub und Gras geschlafen. Mein Rucksack hing an der offenen Haustüre und, wenn ich dankend wegzog, war noch alles darinnen von gestern, Zucker, Kognak, Tee und Speck und Zwieback. Kein Zündhölzchen, kein Wachsstengelchen fehlte. Aber schwerer schied ich als ich kam. Man schob mir noch Käse und gedörrtes Fleisch und jene sonderbaren, wie zu Stein und Bein gefrorenen, dünnen Mehl- und Fruchtgebäcke in die Tasche, die erst nach langem Saugen auftauen und dann köstlich munden; oder jene rötlichen, duftigen Harzklötzchen, die man zur Kurzweil stundenlang auf der Zunge hin und herwälzt und die je länger, je feiner ihr Aroma und damit eine Luftreinigung durch den ganzen Körper führen. Ab und zu einen Hund, einen wilden Schafbock, ein verfaultes, hochhängendes Brücklein oder ein feuchtes Gemäuer, wo man auf Skorpione und Asseln stoßen konnte, aber niemals den Menschen der Abruzzen fürchtete ich. Und so oft ich noch in den Kreisen erlauchtester Moderne die alte Räuberfabel anstimmen höre, merke ich voll Ärger, wie rückständig wir noch in allem jenen mit der Natur und der Wahrheit gehenden Menschen gegenüber geblieben sind. So oft wir nach Berlin, Paris oder Rom laufen, um so rückständiger kehren wir in unsere Stube heim. Den wahren Fortschritt würden wir in jenen hotel- und trinkgeldlosen Bergen finden.

Mehrmals, wenn ich durch die Vororte Zürichs nach Hause strebte, nachdem die Hälfte der Straßenlampen gelöscht und der Tramverkehr verstummt war, hätte ich mich lieber in die verrufenen Bezirke der Abruzzen gewünscht. Was ein Jahr in Zürich oder in einer andern Stadt an Diebereien, Einbrüchen, Überfällen und Totschlägen leistet, bringt der ganze Apennin vom Monte Pennino bis zum Monte Petroso nicht in einem Jahrzehnt fertig.

Auf unvergeßlichen Pfaden

Diese stillen umbrischen Straßen bis hinein in den Schatten des zentralen Apennins und über seine Schultern hinweg auf die adriatische Seite, diese Wege meist durch die Tiefe der Talung, nahe einem Flüßchen, mit Weidengebüsch, niederem Pappelgehölz, seltener mit Ölbäumen, Kastanien, Pinien und höher oben auch mit Steineichen; rechts und links bronzebraune, in der Sonne oft fast wie müdes Metall schimmernde Anhöhen, Waldinselchen, wo eine Quelle sprudelt, Schwalbennest-Städtchen, wo eine sonnige, minder steile Höheterrasse sich vorschiebt; aus einem Laubparadies heraus auch dann und wann ein altes Kloster, das man gerne bewohnt und gastlich haben möchte; diese Straßen, die erst noch durch ansehnliche lustige Ortschaften gehen und sich da die Melancholie bei viel Glockengebimmel, Mädchenscherz und Trattoriengeschwätz einen Moment von der Seele baden; diese Straßen, die dann außerhalb der Tore, in der einsamen Bergtalung, um so einsiedlerischer und nachdenklicher werden, je toller sie sich im letzten Städtchen gebärdet hatten; diese Straßen, wo jetzt nur noch kleine Kapellchen, verlotterte Steinhütten, ein armseliger Weiler, eine seltsame Spelunke, zurückhaltende Bergler mit einem Karren und freilich auch die froh und klatschhaft allgegenwärtige Ziege grüßt; diese Straßen näher und näher den gewaltigen Wölbungen des Hochgebirges, zwar einer fremden Sorte von Bergen, mit fremden Gesichtern und fremdem Gewand, aber doch mit einer verlockend schönen, feierlichen, seelischen Einladung an den Pilger, zu kommen, nur herzhaft näher zu kommen und sich auch in dieser stillern, zahmern, eben klassisch antiken Macht seiner Höhen heimisch zu fühlen; diese unvergeßlichen Straßen, wo mir die sorglose, unbewußte Armut, die naive Menschlichkeit und Natürlichkeit so oft begegnet ist, zugleich mit den uralten Mythen und Historien der Antike, die sich hier in die legten Winkel eingenistet haben; o wie lieb' ich euch über alle, alle andern Straßen der Welt, selbst über die liebsten meiner Heimat! Jeder Schritt auf euch war Friede, Leichtherzigkeit, schönes, heiliges Überdenken des Einstigen und des Künftigen und ein seliges Haben der Gegenwart.

Umsonst versuch' ich euern Zauber zu erklären. Oft hab' ich darüber gesonnen. Hundert Gründe stöberte ich auf, aber den letzten und tiefsten würde ich nur wieder wissen, wenn ich über euch hinpilgere. Zurückschauend und zurücksinnend nach euch, ist mir alles wie in einen Zaubernebel von Wohlsein und Wahrhaftigsein gehüllt. Ah, da hab' ich's: die Wahrhaftigkeit jeder Minute und Stunde, dieses unvergeßliche, von der Seele in alle Fingernägel dringende Gefühl des Erlebens, des greifbaren, lieben, reichen Jetzt, Schluck für Schluck ins ganze Wesen hineingetrunken, das ist das Geheimnis der apenninischen Wanderschaften.

Kein Auto störte sie, kein Postwagen, keine Reklametafel und selbst der dünne, blitzende Schrei der Menschheit, der leise durch die Telegraphendrähte sogar in diese Einsamkeiten etwa gerufen wird, er klingt wie Schweigen, und die Telegraphenstangen sind magere, krumme, entlaubte Baumstämme, so daß man bei ihnen an verbannte, ehrwürdige Greise des Waldes, nicht an schmucke Sklaven eines Stadtbüros denkt. Man erinnert sich an ihr einstiges Grün, nicht an ihre Depeschen.

Und seltsam, man wird nicht müde auf diesen Pfaden. Man kann marschieren und marschieren als wär' es immer Morgen. Die Hitze ist eine andere als bei uns, eine klare, trockene, diamantenfrische. Der Abend wird kühl, und ein aufmunternder kleiner Wind stellt sich fast jeden frühen Nachmittag ein. Obwohl es oft einförmige Strecken gibt, wird das Wandern doch nie langweilig. Denn diese Einförmigkeit erscheint nur so dem Geistesarmen, dem Oberflächlichen, dem nach landschaftlichen Sensationen Hungrigen. In Wahrheit gibt es keine Eintönigkeit hier. Nah und fern wechselt alles von Schritt zu Schritt. Man muß nur ein bißchen von der Tapete ins Muster, vom großen Format in die wunderbare Einzelzeichnung schauen. Da gibt es kein Erschöpfen und Enden, nicht in den Formen, nicht in den Farben, am wenigsten im Sinnlich-Seelischen des wechselnden Bildes.

So wahr ist das, daß ich hier oft und oft das Alleinsein dem besten Kameraden vorzog. Nirgends war ich mir selbst eine bessere Gesellschaft als hier. Gewiß, das Zuzweit- oder Zudrittgehen hat auch seine besondere Löblichkeit und ich hab' es oft an die herrlich einsame Eigenbrödlerei vertauscht. Jedoch, wenn ich jetzt aus der Erinnerung die Köstlichkeiten des Wanderns pflücke, so duften sie am tiefsten und feinsten doch aus jenen Wochen, wo ich allein ging.

Im übrigen, wen etwa das Heimweh nach Gesellschaft ankommen sollte, der findet sie bald und willig. Er muß nur den Stapfen des Viehs oder den Spuren eines Karrens folgen oder sich abseits nach einer Hütte schlagen, wo es raucht. Er teilt seinen Zucker und seine Zigarren mit den Leuten, benimmt sich ungekünstelt und einfach wie ihresgleichen und ist rasch nicht mehr allein. Genügt ihm jedoch ein Stall oder eine Dorfhütte nicht, so gibt es, sofern der Wanderer nicht in den innersten Sackgassen dieser weitschichtigen Gebirge steckt, von allen Seiten Gelegenheit, schon in einem behenden, kurzen Tagesmarsch ein altes, plauderfrohes und recht interessantes Städtchen zu erreichen.

Ich mag sie nicht aufzählen, diese Ortschaften voll Güte, Ernst und einer innern, niemals laut lachenden Heiterkeit. Suche sie selbst! Verdiene sie selbst! Das Gebirge riecht herein, seine Schatten kühlen den Mittag auf der Piazza. Das Völklein aber hat etwas von antiker Hirtenhaftigkeit an sich. Selbst die Budenbesitzer und Krämer neben dem kleinen, inhaltsreichen Dom könnten ebensogut Kühe melken und die Geißen in die Sömmerungen hinauftreiben, als hier Zucker abwägen und Zigaretten anbieten.

Wie oft stand ich bei den Glocken oben im schlanken, luftigen Kampanile solcher Bergnester und sah die Hänge hinunter und jenseits Berg hinter Berg zu immer höhern Kuppen empor. Dann aber lockte mich immer wieder das dünne weiße Band, das in der Tiefe mit so viel Geduld talauf, talab lief, die gute, alte, treue Straße. Und wieder zog es mich mit ihr weiter, weiter!

Wer die antike und die mittelalterliche Geschichte dieser Erde ein wenig kennt, für den belebt sich beinahe jeder Baum und jeder Steinklotz. Aus diesen Gebieten gingen große echte Römer, Denker und Heerführer, Künstler und Lebemänner hervor. Hier lüfteten die greisen Sibyllen ihren Schleier, hier suchten verdorbene Cäsarensöhne Gesundheit und Kraft zu neuen Grausamkeiten, von hier holten schwache Regierungen das Holz zu bessern Nachfolgern, hier versteckten sich geächtete Staatsmänner und brüteten grollende Verbannte die Schlangeneier der Rachsucht, des Neides, der Zwietracht aus. In diese Täler und Tälchen trieben die Goten die Griechen und die Griechen wieder die Goten. Da unter der gleichen Steineiche hörte man gestern die Sprache Platos und rezitierte ein Jurist aus Konstantinopel Sophoklesverse, und heute toste wie tiefe Orgel das Gotisch des Ulfila in den Baum, so daß sein Geäst wie im Nordwind erschauerte. Hier zogen dann die Leute von Venedig, von Austria und deutschen Gauen die Straßen gegen Rom und den beiden ersehnten Sizilien hinunter, wenn es durch die offene Toskana und Umbria zu gewagt erschien. Besonders Barbarossas unheimlicher Sohn, der sechste Heinrich, legte seine nächsten und stärksten Bollwerke gegen den Papst in dieses gebirgige Land, und von hier suchten grob und eigenmächtig sein Freund Konrad von Uerslingen und eine Weile der noch rohere Markward von Anweiler von dem päpstlichen Kronmantel in einer Methode, die Friede hieß und Krieg war, Stück um Stück wegzuschneiden. Ja, hier oben zu Spoleto saß zweimal auch der sanftere Bruder des Kaisers, zugleich der Herr über Schwaben und die deutsche Schweiz, jener »süße junge Mann« der Dichter, der aber im Kampf um die Gewalt recht schwere Püffe nach Rom auszuteilen wußte. Da oben saß er und mit ihm »die Griechin«, jene bildschöne, junge Gemahlin, die man »eine Taube ohne Galle« pries: König Philipp und Irene.

Hier vor dem vielgipfeligen Gran Sasso-Massiv gründete des herrischen Heinrichs noch herrischerer Sohn Friedrich II. die schöne, markige Bergstadt Aquila als Schutz- und Trutzgemeinde gegen die Päpste. Aber ach, damals war das Adlerhafte der kaiserlichen und der pontifikalen Politik nur noch ein Name. Es geht der Zersetzung entgegen, zum Schafott auf dem Marktplatz von Neapel für die einen, ins französische Exil nach Avignon für die andern.

Mitten in diesen Wendezeiten spazierte, lächelte und lehrte der hl. Franz am Ausgang des Haupttales in die offenen Tibergebiete hinaus. Die Wölfe und die Räuber des Gebirges sind dienstfertig oder reuig zu ihm ans Pförtlein des elenden Bruderhauses klopfen gekommen. Er selbst ging nicht zu tief in den Bergschatten hinein. Er liebte Sonne, offenes Land, bevölkerte Ufer am Fluß oder See und nahe Volksgemeinden. Und seine Klöster sind denn auch lange nicht so gern wie die der Benediktiner oder der Kartäuser in die Wildnisse gebaut, vielmehr ans Ohr und an den Mund des lieben gewöhnlichen, beisammenhausenden Volkes gesetzt worden. Aber seinen lieben ernsten Bruder Bernard von Quintavalle ließ Franz gerne für viele Tage auf den Bergen einsam wandern, »um nach den Dingen zu sehen, die oben sind«. Und bis in die letzten Gipfel und Verästelungen meiner Straße sandte der Poverello seine lieben Minores, um den Leuten hier, die immer nur die eine, die graue Farbe des Armutmantels gesehen hatten, jetzt auch die andere, die allen Purpur überstrahlende Seite zu zeigen. Und wo man denn hierorts geht und steht, weht einen die schönste franziskanische Stimmung an.

Klausnerzellen und einsame Stifte wurden in diese stadtfremde Wildnis sozusagen verborgen. Und an ein solches versteckte Klostertor soll in Pilgermantel und Kapuze eine schlanke Gestalt beim Abenddämmern den Türklopfer geschlagen und auf die Frage aus dem Schiebfensterchen, was sie wolle, so grausig schwer ins Gatter gerufen haben: »La pace!«, daß der einfältige Pförtner sofort wußte, es könne niemand anders sein als Dante, der große Heimatlose.

Aber der alte Peter Eremita floh noch tiefer und höher in die Steinwüsten der südlichen Abruzzen hinein. Und so viele ihm als Jünger folgten, selig wie Hündlein auf der rechten Fährte, um so höher und tiefer hinein floh er nach dem göttlichen Alleinsein. Und siehe, da reiten eines Tages Ritter und Bischöfe über diese Straßen, mit einer Papstkrone auf dem Kissen, und suchen und suchen, bis sie den Achtzigjährigen gefunden und auf den Stuhl Petri gezwungen haben. Er dankt schnell wieder ab, er hört die Falkenpfiffe von der Majella her, er flieht wieder zurück in die alte Wildnis. Und wieder packt man ihn – denn ein gewesener Papst ist gefährlich! – und läßt ihn in einem Kastell der Campagna vor Bergweh sterben.

Umgekehrt kann der große Prediger des fünfzehnten Jahrhunderts, Bernardino von Siena, nicht schnell genug vom volkreichen Norden Italiens durch diese Bergländer ins noch belebtere Neapel ziehen, um so recht mitten in den Menschen sein glühendes Herz auszuschütten. Nichts sagen ihm die Gipfel und Waldeinsamkeiten. Menschen, Menschen! Wie er die alte Abruzzenstraße hinrennt, als fühlte er, daß ein Schnellerer hinter ihm renne! In Aquila hat er ihn erreicht. Dort liegt der städte- und menschensuchende Prediger unter einem kalten Steine, und man meint noch heute die unrastige, heimwehvolle Pein der Gebeine aus der Gruft zu vernehmen, weil sie ihre Schritte nach der großen hellen Stadt am Meer nicht vollenden konnten.

Und nun kämen die vielen Stadt- und Burghistorien, die Abenteuer der Spoletaner Herren, die lustigen Fehden zwischen Legaten, einheimischem Adel und den Räubern, die bald von diesen, bald von jenen besoldet sind. Es kämen die Sagen, wo Antike, Mittelalter und Neuzeit sich so köstlich mischen. In einer wird unverkennbar Michelangelo gezeichnet, der Steine sucht und Menschen findet. Um Spoleto herum flüstern longobardische, hohenstaufische und Renaissance-Geschichtlein; Hannibal und Lukretia Borgia und der gewaltige Kardinal Albornoz gehen hier Hand in Hand. Und im unverwüstlichen alten prächtigen Gubbio, wo kein Steinwurf weit die Straße eben läuft, was für Sagen wehen um den gewaltigen Palazzo dei Consoli oder von den Mauern des Sant' Ubaldoklosters herunter! Wie Maestro Giorgio seine roten Farben und den wundersamen höllischen Glanz in seine Becken und Kannen brannte, was plaudert sich darüber das alte Gerücht Tiefsinniges aus! Bei Le Vene sprudelt hart am Weg die Quelle des Elitumnus, die liedgefeierte, um Norcia herum blühen süße heilige Legenden von Santa Scolastica und ihrem gewaltigen Bruder Benedikt auf. Dort hat auch die schlichte Hirtin Vespasia Polla eines Nachts beim Erwachen, so oft sie die Füße streckte, ein Klirren und Klingen gehört, als stieße sie an Kleinodien, bis sie aufsitzt und ihr eine Kaiserkrone über den Boden rollt. Sie ward die Mutter Vespasians.

Bei Acquasanta spukt es von Badehistörchen der alten Tage, und in die sibyllinischen Berge hinein wäre genußreich zu verfolgen, was die Figur des Quintus Sertorius, eines tapfern Feindes der Sulla-Aristokraten, im muntern Volksgemüt für romantische Wandlungen durchzumachen hatte. Auch die wilden Tiere sind noch lange nicht aus der Erinnerung gewichen. Luchs, Wolf und Bär murren und schnauzen in manche Fabel hinein. Wölfe hörte man vor dreißig Jahren noch ganz wohl durch die kalten, hellen Nächte der hintersten Abruzzen bellen. Man ängstigte sich nicht sehr darum. Die Hirten der obersten Hütten und Weidplätze führen magere, sehnige Hunde mit sich, die ich genau so wie den Wolf fürchtete. Diese Hunde waren beim Alleingehen meine einzige, aber dafür offengestanden auch gewaltige Sorge. Schließlich gesellte ich mir selbst ein Hündlein bei, so umständlich das wurde, um minder vor seinen wilden großen Brüdern in Not zu geraten. Oft und oft habe ich mir die Unverfrorenheit der hiesigen Ziege gewünscht, die sich hinten und vorne anbellen läßt, witzig dazu lächelt und geruhig weiter Gras um Gras vom magern Rain rupft. Bellen ist noch nicht Beißen!

In nächtigem Pilgern

Ganz unvergleichlich wird das Wandern in diesen Bezirken, wenn man an einem heißen Nachmittag sich irgendwo verschlafen oder bei einem alten Wein aus dem Lederschlauch – ja, das gab es noch, den alttestamentlichen Lederschlauch! – und bei vielwissenden Berglern sich zu tief in den Abend festgesessen hatte und nun mit doppelter Wanderlust sich auf die Sohlen macht, weit in die Nacht hinein. Wo habe ich je eine solche Stille erlebt wie hier? Im Schweizergebirge kracht es jeden Augenblick, tosen die Bäche, rauschen die Wälder und rollen noch um Mitternacht Wagen oder begegnen einem noch Fußgänger, und wenn sie auch nur wie Schatten vorbeihuschen und nur leichthin Guten Abend oder Grüß Gott sagen, ist doch der herrliche Mantel des Weltschweigens banal in zwei Fetzen zerrissen. Besser als von der frömmsten Nachtpilgerlippe grüßt mich Gott, er, der einzige große Ton und doch auch das einzige große Schweigen des Universums, in solchem nächtigen Alleinsein.

Ja, hier herrscht volle Stille, tiefste Ruhe. Alles scheint sich in Nachdenken einzuhüllen und wortlos auf etwas geduldig und leise, den Finger am Mund und den Puls verhalten, zu warten, ehrerbietig zu warten. Ich weiß, auf was! Auf jenen Augenblick, wo es heißt: so, ihr guten Berge und ihr gehorsamen Bäche, ihr stummen, frommen Steine, ihr Gräser, Tiere und Menschen, ihr habt euer Tagespensum ordentlich vollendet, die kleine Aufgabe ist erfüllt, das Warten an der Schwelle hört auf, ich öffne, ich, der euch so wollte, so schuf, so prüfte! Kommt herein, die Türe ist offen, meine Ewigkeit ist nun auch eure Ewigkeit! –

Und die Riesenportale des Jenseits öffnen sich heimatlich und alles, was außerhalb ist, nein, außerhalb war, zerrinnt zu nichts. Und es rumpeln die gewaltigen Alpen hinein und ihre Falken und Bergtauben sind mit dabei, und es rauschen die Ozeane mit ihrem silberschwänzigen Leben und die ruhelosen Ströme und die durstige Wüste und das so wissenlose und doch so ahnungsvolle Tierreich herein. Und es schreitet hinein die alte liebe staubentschüttelte Menschheit und macht hier ihre letzte Dummheit, indem sie den Kopf unter dem Portal neigt, aus nichtiger Niedrigkeitsangewöhnung, wenn sie bei hohen Herren vorzusprechen pflegte. Hier ist das Tor hoch genug für alle Köpfe und es gibt kein Bücken mehr und vor dem aufrecht erhabenen Gott steht der aufrechte Mensch!

Solche Gedanken durchschimmern einen bei spätem, einsamem Wandern. Man fängt an, das Warten zu verstehen, das Warten zu lieben, das fromme, geduldige Warten mitten im behendesten Arbeitsgezappel zu finden und fest in beide Hände zu nehmen und ans Herz zu schließen, wo es am wärmsten pocht.

Wie spät ist es? Ach, wer möchte jetzt die Sackuhr beraten. Es kann Mitternacht sein, es kann gegen die Zwei und Drei gehen. Was verschlägt's? Für mich gibt es kein Rinnen der Sekunden, kein Tick und Tack der Zeit, für mich existiert nun bloß ein übermächtiges Vertrunkensein im Jetzt. Es gibt nur Jetzt. Jetzt ist alles!

Satten Herzens schau' ich um mich. Die Straße zieht sich bleichlächelnd durch das dunklere Feld voran. Ich seh' sie ein gutes Stück weit. Rechts und links geht es dunkel in die Höhe, bis der blauschwarze Himmel beginnt, wahrhaft blauschwarz und doch so licht! Dort rieselt es wie Gold aus allen Poren. Es ist ein einziges gelbes Leuchten. Nie sah ich es so im Norden. Nur bei Wind oder Winterkälte blitzt der Nachthimmel auch bei uns so mächtig herab; aber es ist ein frostiges, trotziges, niederschmetterndes Gefunkel. Hier strahlen die Sterne auch bei lauer, windloser Sommernacht gewaltig hernieder. Zweimal größer als bei uns erscheinen sie, mit viel längeren Zacken, und durchaus warm, sonnenhaft warm und gütig blicken sie uns an. Schon im sommerlichen Tessin erlebt man etwas davon, in der Lombardei wird es noch deutlicher; aber das sind nur Vorspiele für das millionenäugige Himmelsdrama der Apenninen-Nächte.

Wunderselten einmal, ganz nahe am Fuße, gluckst etwa ein Quell, aber so als ob er Worte verschlucken und Schweigen andeuten möchte. Oft, wenn schwacher Mond regierte, begegneten mir zwei Tiere tiefsten Silentiums: lange, dunkle, durch den Staub kriechende Schnecken und raschere, noch viel dunklere Molche. Oft blieben sie mitten im Weg rasten, diese Philosophen der langsamen Spekulation, als hielte sie ein besonders verzwicktes Argument auf. Dann krochen sie voll Gesichertheit weiter, indem sie ein neues Rätsel entknoteten und die zerbrochenen Eierschalen des alten fröhlich hinter sich ließen.

Ein Bursche, der mich einmal begleitete, zertrat regelmäßig diese Wesen mit seinem harten italienischen Stiefel. Als ich es merkte und verwies, entschuldigte er sich: er wollte ja nur sehen, ob wirklich Feuer heraussprühe, wie das dumme Volk von den Salamandern glaube. Und im selben Moment quetschte er ein weiteres Geschöpflein mit grausamer Sohle zu Brei. Nicht aus dem aufstöhnenden Tier, das mir jetzt wie ein geplagter Mensch vorkam, sondern aus dem blassen Stutzer, der im Moment eher ein Tier schien, funkte ein böses Feuer von Gefühllosigkeit oder gar Ergötzen hervor. Das verdroß mich so, daß ich beschloß, womöglich schon morgen den Kerl abzuschütteln.

Aber nun fügte es sich mit jener raschen oder gelassenen Schicksalsgerechtigkeit, die im kleinsten so wenig als im größten ich je ausbleiben sah, daß der Unhold, eines reichen Sindaco Sohn, der bereits am Gymnasium von Perugia Ovid übersetzt hatte und der jetzt mit mir für einige Wandertage alle möglichen Abenteuer erhoffte, es fügte sich, daß dieses sonst ganz artige, kluge und gedankenvolle Kerlchen den gleichen rechten Fuß, womit er gequält hatte, mit einer ungeschickten Bewegung leicht verrenkte oder eher eine Sehne »verstreckte«. Genug, er wollte nicht mehr marschieren. Wir mußten einen guten Platz aufsuchen, wo er sich Schuh und Strumpf auszog und Umschläge mit meinem guten Kirsch aus Zug verabreichen ließ. Der Held winselte wie ein krankes Hündchen, er, der sich am Zucken der sterbenden Kriecher so köstlich ergötzt hatte. Das kommt vom Zertreten der Molche und Kröten, schwindelte ich ihn an. Es sind unheimliche Tiere, sie haben einen argen Zauber in sich und mancher Plaggeist ist nachher an einem Gliede lahm geworden. – »Warum sagten Sie mir das nicht früher?« schimpfte der Junge. – »Ich warnte dich doch!« gab ich zurück. – »Ja, wegen Gefühl,« tobte der jähzornige Bursche, »wegen dem Gefühl der Tedeschi, wegen Mitleid mit Fliegen . . . das ist verrückt . . . das ist nichts! Sie hätten mir lieber sagen sollen, daß diese Bestien so hinterhältig sind . . .« Ich lachte ihn gehörig aus, besorgte ihn kameradschaftlich, bis er wieder gehen konnte, und freute mich listig, wenn er ängstlich jeder Schnecke fürder in einem großen Bogen auswich. So abergläubisch und so vorwitzig kann der Italiener zugleich sein. Aber er ist Realist. Mit deutschen Sentimenten können wir ihn nie packen. Praktisch müssen wir ihn anfassen, wobei meine Art freilich nicht die idealste war.

Das würde auch – und darum setze ich diese Molch-Anekdote in die Poesie der Abruzzennacht hinein – für die große Politik gelten, die gegen die Italiener oder mit ihnen anzuwenden wäre. Im übrigen seien wir ehrlich, in seiner Art ist jedes Volk grausam!

Aber, wohin gerate ich mit meinen Nachtgedanken. Gottlob, dort über dem Pizzo di Sevo dämmert der Morgen. Es gilt, nach solcher Nacht dem prosaischen Tag nüchtern ins Auge sehen.

Die Torheit der Italienfahrer

Wer nur einmal im Leben über die Alpen zum italienischen Mittag hinuntersteigen darf, der soll wahrhaftig keinen andern Weg nehmen als den kürzesten und raschesten über Mailand, Florenz, Rom, Neapel. Heimkehrend sieht er noch Pisa – es geht nicht anders – oder Venedig, am besten beides, und durchsonnt und durchwärmt von Italien kehrt er froh in seinen schattigern Norden heim.

Hat der Pilgrim nur einen Monat an Italien auszugeben, dann schenke er ihn ganz allein Rom. Rom ist schließlich am ehesten Italien. Er kann einen Tag oder zwei zur Neugier an Florenz, einen weitern Tag zur Augenweide an Neapel verwenden, aber alles andere sei Rom! Das nehme er wenigstens heim, so reich und unzerfetzt er kann.

Hat er aber nur vierzehn Tage frei, dann ist alles Torheit und unnütze Verschwendung, was er nicht an diesen Kern und Stern des Südens verbraucht. Und bringt er nicht einmal vierzehn Tage auf, dann bleibe er lieber in seiner von Sehnsucht und Träumerei vernebelten warmen, deutschen Stube und halte das Italien und Rom seiner Vorstellung am Herzen. Es ist hundertmal schöner als ein durchgehetztes und durchgeschwitztes Rom von acht Tagen.

Ich nehme natürlich alle jene Waller aus, die nicht wegen Italien oder Rom an sich dorthin fahren, sondern denen es genug ist, den Papst zu sehen, ein Gelübde zu erfüllen, eine Diplomatenmappe zu leeren oder sonst einen persönlichen römischen Zweck zu erfüllen.

Jedoch, diese alle sind von meinem Torentitel ausgeschlossen. Und auch die, welche der Wissenschaft und Kunst wegen jahrelang in Rom, in Perugia, in Venedig sitzen und nicht weiter ins Land und Volk hinaus kommen, sind durchaus entschuldigt.

Ich meine jene Zehntausende von uns Alemannen, Sachsen, Franken und Friesen, die lange Zeit unter dem mittelländischen Himmel spazieren und sich immer auf den Trottoirs der paar großen Städte aufhalten, allenfalls mit flinken Abstechern nach Pistoja, Siena, Gimignano, Bologna, Ferrara oder sogar nach Lucca und Foligno und Assisi und Valombrosa; die dann heimreisen und Italien auf dem Stammtisch oder im Notizenbuch für die Familie, im Zeitungsfeuilleton und recht oft im illustrierten Buch als »Mein Italien« oder »Italien, wie es ist«, oder »Das wahrhaftige Italien« und wie so die gründlich deutschen Titel lauten, in die gutgläubige Öffentlichkeit herausschütten, das ganze und innerlichste Italien! Über diesen Leichtsinn hat sich schon Gregorovius weidlich geärgert. Aber hätte der große Kenner erst die heutige Unkrautblüte erlebt!

Ja, ich meine jene vielen, die oft und wieder nach Italien kommen, sich da fast einhausen und dennoch kein italienisches Dorf, keine italienische Alpe, keine Hirtenhütten, keinen Apenninenwald, keine stille Talstraße, kein verborgnes Bergnestchen, nicht einmal das gewöhnliche Volk in den Feldern vor der Stadt kennen. Sie lesen die Zeitungen, kennen die Museen, Kirchen und Theater, die Promenaden und Droschkenfahrten, sie kennen das offizielle Italien einiger Städte und duzen sich vielleicht sogar mit einem Kammerherrn des Vatikans oder mit einem Gesalbten vom Monte Citorio. Aber es ist keine Rede, daß sie das andere Italien, das lebendige, wahre, von den Fremden und vom eigenen Gigerl und Größenwahn unbehelligte Italien erlebt haben, das Italien außer den paar großen Städten, das Italien des gesunden, einfachen, noch so treuherzigen und natürlichen Landvolkes, kurz das unoffizielle Italien.

So langweilen sich denn diese Affen der Trottoirs und der Autos oft entsetzlich in einem Lande, wo es doch sonst keine Langeweile gibt. Sie verschlafen und vergähnen die langen Nachmittage, indessen man über einen herrlichen Paß zwischen zwei Meeren wandern, in einem schattigen Bergstädtlein in Volksmitte sitzen, in einem abgelegenen Borgo oder Stift die seltenste Kunst und Natur beisammen sehen, auf einsam lieben Straßen bald mit der Volksseele, bald mit der eigenen Seele näher als je zusammenkommen könnte. Man litte kein leeres Viertelstündchen, erführe auf Schritt und Tritt Uraltes und ganz Neues, man schlüpfte aus dem unschönen Touristenkleid ins Brudergewand des Volkes, und statt blasiert und übersatt in der großen Stadt zu werden, begänne man hier immer frischer zu atmen, lustiger zu wandern, froher zu leben, nähme an der glücklichen Einfachheit und Unverwelktheit dieser Menschen teil, gesundete an den Sinnen und Nerven und genösse Erquickungen der Pilgerschaft von unbezahlbarem Wert. Man käme in das Lieben, Sagen, Streiten und Hassen des Volkes hinein, verstände auf einmal viel besser die alte, aber auch die gegenwärtige Geschichte der Halbinsel und wo es hapert und wo es glückt, und Müdigkeit und üble Laune wären unbekannte Größen. Überall gäbe es gute Milch und festen Käse und dunkeln Wein und Früchte und Ziegenbraten. Was für trauliche und merkwürdige Schlafstätten würdest du erfahren, was für seltene Bekanntschaften, ja, Freundschaften schließen mit Hirtengroßmüttern, einsamen Dorfpfarrern, einem Sindaco mit Schafmist und Tintenklecksen historischer Arbeit am Kittel, mit Bettelbrüdern, Holzschuhkindern, mit Fuhrleuten auf Holz- und Steinfuhren, mit Orangehändlern, die den zweirädrigen Karren selber stoßen oder von einem tauben Esel ziehen lassen; mit kleinen Zeitungsverlegern, die sieben weltverriegelte Dörfer mit den Neuigkeiten des vorigen Monats speisen; dann und wann auch mit Zollwächtern, Polizisten, Wildhütern, mit einem lauten Trupp Bersaglieri, mit Pfannenflickern, Geometern und hie und da mit einem gescheiten Forststudenten oder zwei, drei seltenen Jünglingen, die gegen alle Welschlandnatur eine Fußreise durch die Berge unternehmen. Das sind gewöhnlich Studentlein der technischen Schulen oder der Handelskurse aus einer Provinzstadt, interessante Burschen, sehr geweckt, sehr höflich, sehr lustig und, wenn es sein muß, auch sehr unverfroren. Von der Geschichte wissen sie wenig, von der Geographie noch weniger, von meiner kleinen Schweiz glauben sie, wir armen Sennen und Käser frieren immer unter überhängenden grünen Gletschern, hören nichts als Tannengestöhn und Wildbachrauschen und hätten nur eine oder zwei kleine Städte, die sie nicht einmal benamsen können . . . etwa Zurigo? oder Basilea? oder liegt das schon in Germania? . . . Povera, piccola Svizzera!

Urplötzlich, nach langer Stille, gerätst du in ein Musikertrio oder Quartett, mit Holzpfeife, Dudelsack, Mandoline, Geige oder Handorgel. Man improvisiert, singt, tanzt dazu und die alten Berge schauen herab und lächeln über die ebenso alte süße Torheit der Menschen. Mit dem Glöckner steigst du in den Turm, probierst das tiefbestaubte Harmonium auf der Empore, der Kaplan oder Frate zeigt dir eine fast tausendjährige Kostbarkeit in geschnitztem, dunkelm Holz oder in handgetriebenem, mondlichtenem Edelmetall. Oder du studierst an der vergilbten Freske herum, die von den Wänden eines verlassenen Kirchleins am Wege mattäugig, ja, fast blind in den heutigen Tag blinzelt, und suchst mit dem Ortspfarrer oder dem Schullehrer eine bekannte Legende aus all den halbverlöschten Gestalten zu lesen.

Was sind das für herrliche Plätzchen und Straßen etwa von Spoleto oder Norcia aus nach Ascoli oder gegen Aquila oder Sulmona hinunter oder gar schräg über die Höhenzüge und durch die Täler gegen das Sabinergebiet und Rom hinaus.

Ich käme an kein Ende, wollte ich von all dem reden. Nur noch eines: in den Städten sieht man Bilder von Raffael und Statuen von Michelangelo und Verse aus Dantes Epos sind überall in Stein und Mauer gehämmert. Aber dies ist immerhin alles in gewissem Sinne totes Zeug. Lebendiges, das von Lippe zu Lippe, von Herz zu Herz springt, Lebendiges von Dante oder Giotto oder Sisto Quinto vernimmst du vom Stadtmund nicht eine Silbe. In die Archive müßtest du gehen. In Mailand, am Eingang des Friedhofs, habe ich fünf gebildete Bürger umsonst nach dem Grabe Manzonis, in Florenz immer nutzlos nach Giuseppe Giusti gefragt.

Aber draußen im Lande, zumal im hügeligen und bergigen, da leben die Großen noch. Man muß nur das Ohr recht brauchen. Die Namen sind unklar, die Daten fallen weg; aber aus den Legenden und Anekdoten merkt ein Eifriger rasch, wer dieser papale Tremendo, dieser Vecchio mit dem Hammer, dieser Silenzioso e Mesto mit der Strophenrolle im Ärmel war. Vor dreißig Jahren flüsterten noch viele Sagen in den Dörfchen des toskanischen Vorapennins von Dante, der heimwehbitter nach Florenz hinunterguckt.

Gewiß, jetzt rollen die Postautos bis tief ins Gebirge. Sicher hat auch der Krieg manchem Nestlein seine Wärme und Bettruhe genommen. Einmal werden auch diese Gegenden verlaufen und abgegrast sein von den blasierten Menschen. Stück um Stück davon wird schon heute abgebröckelt und in die große, allgemeine Öffentlichkeit geworfen. Aber noch ist es für einen wanderfrohen, augen- und herzseligen Menschen nicht zu spät, sich hier an etwas Echtem, Wahrem und Ganzem zu erquicken.

Und hast du, lieber Bruder Pilger, dann Tausenderlei erwandert und erlebt und kommst über Senkungen und Höhen zur letzten Scheide, wo die Wasser und Träume in den süßen blauen Dunst der römischen Campagna hinunterstreben und grüßt dich wohl gar eines Abends die Kuppel vom Sankt Peter ferne, ferne, mit violettbraunem Duft durch die von Meerluft gereinigten Weiten, dann schnüre den Schuh fester, presse den Stecken mächtig in die Rechte und wandere frisch wie die Quellen der Stadt zu. Jetzt hältst du sie aus, jetzt bist du stark, jetzt erdrückt sie dich nicht mehr. Ja, jetzt, von den uralten Gebieten kommend, woher einst auch die Hirten und Erbauer Roms kamen, wirst du diesen welthistorischen Ort erst recht klar begreifen. Den Tiber hast du schon als Bächlein gegrüßt, die Kinderspuren des Römervolkes schon wochenlang auf Steg und Weg verfolgt, jetzt steht sie selbst vor dir, die erwachsene, ergraute Alte, diese Stadt mit dem kleinsten Namen und dem größten Inhalt. Nun, nach aller Landseligkeit, rufe ich endlich auch:

Salve Urbs, salve Roma!

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