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Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
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Der Krüppel von Orvieto

Der Dom von Orvieto ist ein solches Wunder, daß man daneben keinen König, geschweige denn unsern armen Stelzfuß Nazio Massi sähe.

So bin ich im Schimmer dieses bunten Marmors, des Mosaiks und all der himmlischen Gotik, die da mit Türmchen und Giebeln einen Psalm aus Stein singt, wie er im Lied nicht melodischer in die Höhe fliegt – so bin ich da oft vor dem Dome gestanden und durch das eine der drei Prachtstore ins Innere getreten, ohne den alten Massi zu bemerken.

Daß ich dann und wann einen Soldo in einen Blechteller warf und das Gemurmel eines Bettlers vor dem marmornen Söller hörte: ». . . per carità . . . tante grazie . . . gentilissimo signore! . . . und ein braunes Gesicht mit schweren Knoten und tiefen, schwarzen Augen sah und unter dem Gesicht einen leeren Ärmel und ein hölzernes Bein, das mochte ja wohl sein. Aber nichts blieb haften. Denn die Bettler vor den schönen italienischen Kirchen waren sich ja alle vor dreißig Jahren, da ich dies Geschichtlein erlebte, so ähnlich in der Trauer ihres Elends und in der Freude ihres Gewinns, im Flehen und im brummenden Dank, und alle waren Krüppel.

Nur Nazio Massi nicht. Das sollte ich dann doch bald genug merken. Er ist mit keinem andern seiner großen Zunft zu verwechseln. Er ragt aus ihnen heraus wie ein Gipfel aus dem römischen Apennin, und zwar wie ein sehr hoher, sehr starker, sehr reiner Gipfel. Auf die Länge kann man ihn nicht übersehen. Er zwingt sich einem auf, prägt sich mächtig ein und bezaubert den Fremden.

Mich wundert, daß er nicht bei uns ennebirgischen Pilgern bis nach Helgoland bekannt und berühmt ist. Es rührt wohl daher, daß so wenige Südlandfahrer nach Orvieto gelangten oder doch nur schnell einen Zug überspringen, mit dem Drahtseilbähnchen den Tuffsteinkegel rasch hinauffahren, flugs den Dom begucken, vor Signorelli knicksen, sich wieder herunterseilen und, von der ewigen Kuppel am Tiber angezogen, schon mit dem nächsten Zug nach Rom dampfen. An solche flüchtige Minutenmenschen wirft sich Nazio Massi nicht hin. An die mag er sich nicht ausplaudern. Aber wer öfter zum Dom kommt, so vier, fünf Tage hintereinander, der wird ihm schon vertrauter. Er fängt ihn an heimlich Freund zu nennen. Am sechsten Tage sagt er ihm Bruder und am siebenten würde er ihm alle Geheimnisse seiner Seele verraten. So lieb ist er ihm schon geworden. Nicht weil nun schon sieben Soldi aus der gleichen Hand in seinen Teller flogen, sondern weil er gemerkt hat, daß der Pilger der gleichen heimlichen Liebschaft frönt, die gleiche angebetete Braut, das nämliche unvergleichliche Ideal besitzt: seinen einzigen, unsterblichen Dom von Orvieto.

Er täuscht sich auch nicht. Wer sechsmal zu dieser Kirche hinaufgeht, der weiß kein anderes irdisches Paradies mehr. Ihm gelten keine Kirchen mehr vor dieser Kirche. Er vergißt den Mailänder Dom, San Marco und Santa Maria del Fiore. Nur der Pisaner behauptet sich noch und der in Siena. Jener wie ein großer, rauher Ahne, dieser wie ein schwächerer, zarterer Enkel. Aber Orvieto ist das starke Mittelglied, der feinere Sohn, der stärkere Vater, ist die Fülle der gotischen Bauzeit in Italien.

»Haben Sie Signorelli gesehen?« dies war Nazios erstes Wort, als ich eines Vormittags aus der Kathedrale kam und fröstelnd in die weiche, noch ganz umbrische Sonne hinaustrat.

Ich schwieg befremdet.

»Luca Signorelli!« wiederholte er scharf und wie von seinen gesunden, weißen Zähnen hervorgemeißelt. Er hatte eine prachtvolle italienische Baßstimme.

»Ja, ich habe ihn nun das weiß Gott wievieltemal gesehen.«

»Das siebente Mal.«

»Wie, Sie haben gezählt, wie oft . . .«

»Oh, das erstemal sind Sie nur so herausgesprungen, Christo santo, ganz bleich, und haben geatmet . . . geatmet wie einer am Ersticken.«

Ich wurde rot. Das merkte ich deutlich vom Haar in die Wangen hinunter. Aber ich nickte gehorsam ja.

»Das geht vielen so,« fuhr Nazio fort; »ich lachte, er hat es ernst genommen, sagte ich zu mir selbst, davvero

»Es ist doch eine furchtbare Malerei,« bekannte ich etwas wichtigtuerisch. »Michelangelo ist ein Kind dagegen.«

»Ihr habt es heut noch nicht überstanden, das seh' ich. Nicht wahr, der Erdrosselte . . . der Erdrosselte?«

Da stieg es wieder in seiner Einfalt und Ehrlichkeit in mir auf, das mächtige Fresko rechts an der Altarwand der Cappella Nuova: die Verdammnis der Gottlosen. Ich sah wieder die gepeitschten, getretenen und gewürgten Sünder und über ihnen das gehörnte, teuflische Schicksal einhersausen. Ich hörte wieder das Tosen des Jüngsten Tages und seiner Posaunen. Und es ist wahr, der am Boden liegende, halb erdrosselte Mensch in der Mitte, dem der Würger dazu noch auf den Kopf steht, hatte mir auch heute wieder beinahe allen Atem geraubt. Gar, wenn man dazu noch Asthmatiker ist!

»Soll ich einmal mitkommen?« fragte der Bettler und richtete sich sogleich umständlich an einem Handstock mit gepolstertem Knauf zu einer hohen, dünnen, stangenhaften Figur auf. Nun erst sah ich ordentlich, daß ein hölzernes Bein aus der linken Hose guckte und der rechte Arm nur noch ein kurzer Stummel war. Vom Ellbogen weg hing der Ärmel leer herunter.

Ich wollte nicht schon wieder in die Kirche. Und doch schien es mir unrecht, daß der Krüppel da sich meinetwegen umsonst so mühsam aus Holz und Knochen emporgearbeitet hatte. Sei es also zum achtenmal! Mitleidig betrachtete ich meinen neuen Bekannten und dachte, ob er wohl an einem Tunnel vom Sprengpulver so verstümmelt wurdet oder glitt er an einem hohen Brückengerüste aus und zerquetschte sich zwischen Eisen und Granit? Oder war er einer von den Nationalhelden und Nationalkrüppeln, die auf einem Schlachtfeld ein paar junge, süße Glieder verloren und dafür ein paar bittere Lorbeerblätter gefunden haben? . . .

Der Mann erkannte die Frage in meinen Augen wunderlich schnell und sagte rasch und fröhlich: »Adua, Signore, Adua in Abessinia.«

Und er lächelte über seine zerschossenen Glieder herunter und über jene ferne lehmgelbe afrikanische Walstatt hinaus mit ihren zweitausend toten jungblütigen Italienern und ihren schwarzen Abessiniern. Mit allen seinen großen, weißen Zähnen lachte er wie über nichts. Jawohl, so einer konnte auch vor Signorellis Satanen bestehen.

»Si, si, Adua in Abessinia,« wiederholte er und blickte, die Augen beschattend, über den leeren Domplatz in die totenstillen Straßen hinein. Der Römerzug war vorbei, die Inglesi hätten längst erscheinen müssen. Also leerte Nazio sein weniges Kupfer in die Gurttasche und stelzte mir ohne weiteres voraus in den Dom.

Sogleich umfing uns die kühle, weite Marmorstille und Marmordämmerung. Schon gab es keine Erde, kein kleinstädtisches Wesen, keinen Werktag mehr. Nur noch Ruhe, Würde, Größe, Ewigkeit!

Nazio stackelte zwischen Säulen und Bogen geradewegs rechterhand zur Cappella Nuova hinüber. Unheilig klapperten sein Holzbein und sein Stecken auf dem glänzenden Boden. In mir aber begab sich etwas Seltsames. Hatte ich zuerst nicht gewollt, jetzt, je näher wir schritten, um so eiliger drängte es mich wieder an das furchtbare Bild. Ich sträubte mich im Innersten, aber ich mußte! Mir kam das widerstrebende Wasser des Velino bei Terni in den Sinn, das nahe der schwarzen grausigen Neraschlucht so furchtsam und zögernd tut und doch wie in einem Banne unaufhaltsam und immer verzweifelter seinem Sturze entgegenrennt, je lauter das Tosen des dumpfen Falles tönt. Oft habe ich diesen schaudernden Widerstreit bei mächtigen Begegnungen mit der Natur oder der Kunst mit gruseligem Entzücken in mir ausgefochten.

Ja, ja, da war es wieder, das Tosen und Brausen wie ein Wassersturz, nein, wie der Sturz der gesamten frechen, geizigen, schmutzigen, niedrigen Menschheit: Signorellis Verdammnis!

*

Nazio stützte sich bequem auf den weichen Handrücken seiner Krücke und überflog das Bild, das er von Figur zu Figur durch allen Knäuel auswendig wußte wie das Paternoster. Hatte er wohl Sinn für diese prächtige Muskulatur der Leiber, dieses geniale Überschneiden und Verkürzen der Figuren oder doch für diese reißende Beweglichkeit der Körper, dieses Rennen, Fliegen, Stoßen, Stemmen und vor allem dieses entsetzliche Erwürgen? Oder galt ihm wenigstens die Idee etwas, dieses Meistern der Gottlosigkeit, so ein unerbittliches Letzttagegericht? Er hatte doch den Finger ins herrliche Weihwasserbecken getunkt und sich sehr weit und breit damit bekreuzt. Und er hatte, so gut es mit einem Bein aus Holz und einem andern aus alten Knochen noch etwa geht, gegen die jenseitige Cappella del Corporale eine Kniebeugung versucht! Er war gewiß ein gläubiger Italiener. Da mußte ihm doch dieses Bild mehr als nur eine famos geschilderte Gymnastik oder ein trefflich gemaltes Abenteuer bedeuten.

Doch ruhig musterte Nazio alles und jedes und sagte zufrieden: »E un capo lavore, per bacco . . . ain Maister . . . wergg,« verdeutschte er beschwerlich, um mir zu zeigen, daß er auch in meiner Zunge sich erklären könnte.

Es gefiel ihm besonders, daß Signorelli etlichen Teufeln so ein wildes Ziegenbockhaar um die Hüften und Hörner oder Nattern aus dem Schädel wachsen ließ. »Das sind doch einmal Teufel, richtige diavoli,« lobte er.

»Habt Ihr denn schon einen gesehen?« versuchte ich zu scherzen.

»Sagt nur immer du! Ich bin kein Herr. Ich bin nur ein Bettler, wenn ich schon drei Jahre Latein und Dante studiert und noch drei Jahre an der Akademie gezeichnet habe. Pfui, es langte nirgends . . . Und dann Polizist . . . und dann Soldat . . . und jetzt . . . doch was plappere ich . . . Herr, ich meine, Ihr fragtet etwas über die Teufel . . . Was wollt Ihr?«

»Ob du schon einen gesehen hast?« wiederholte ich ungern.

»Sie sind so, basta!« entschied er. »Andere Maler haben auch Teufel gemalt. Ich habe in Florenz und in Perugia und in Rom genug davon gesehen und bei Maestro Balestra solche auch dick und schwarz gemalt. Aber das sind alle nicht die echten. Da schneidet man Grimassen, lechzt und geifert, streckt die Zunge zwiespältig heraus und treibt ähnlichen Schabernack. Das ist nichts. Vossignoria, seht Euch doch einmal diese Teufel von Signorelli an! Sie spaßen nicht, wahrhaftig nein, und treiben keine Komödie. Sie machen harte, strenge, steinige Gesichter. Sie haben kein Herz. Wisset, sie müssen! Wie der Donner muß, oder der Blitz muß. Dreinschlagen! Das ist so. Das weiß ich.«

Wie er reden konnte!

In diesem Geist hatte ich das Bild bisher nicht beschaut. Aber das war unvergleichlich gesagt. Diese Geister da wirken in der Tat wie eine Naturnotwendigkeit. Nazio mußte das aus einem feinen Buch oder von einem deutschen Professor haben.

»Woher habt Ihr . . . hast du das?« fragte ich geradeswegs.

»Adua!« versetzte Nazio zufrieden und setzte das Holzbein vor.

»Adua? . . . wieso denn? . . . wie kann . . .«

Nazio winkte ins Langschiff hinaus, wo ein Kustode an der Säule stand und unverwandt auf uns sah. Gleich füßelte der in schnellen, kleinen Schritten herzu, in jeder Hand ein Strohsesselchen. Er verstand sich mit Nazio wohl ausgezeichnet.

»Sitzen wir!« machte Nazio behäbig. »Signore, es macht vier Soldi.«

Ich zahlte und setzte mich neben den Bettler dem Fresko in seiner besten vormittäglichen Beleuchtung gegenüber.

»Ja, Herr, das ist gewiß wahr, daß ich dies Bild erst weit unten in Afrika, bei Adua, verstanden habe. – Am ersten März, Sechsundneunzig. Das war ein solcher Tag!« – Er zeigte an die Wand zu den Teufeln empor.

»Baratieri hatte keine Angst. Wir sind 36 000 Mann. Wo hat der Negus ein solches Heer? Aber der Platz war nicht hübsch zum Fechten. Fast gar kein Halm Gras. Nur Erde, gelbe Erde, mit Sprüngen und Rissen von der Hitze, und fast kein Wasser. O, wir hatten schon Durst beim Angriff. Und der Feind wehrt sich gar nicht, er geht zurück, verschwindet.

Ich bin im 32. Regiment, vorne an der Linie. Man sieht nicht weit. Immer kommen so gelbe Erdwellen wie kleine Kuppeln und dahinter ist der Feind wie Wasser zerronnen. Kein Fuß, keine Spur. Baratieri sagt: Das gibt wieder einmal keine große Arbeit! – das wird mehr ein Flohfang! . . . Wir lachen. Flohfang! das ist doch ein guter Witz, sapristi!

Eine Division rüstet sich zum Lagern, eine andere darf Proviant auspacken. Die unsrige soll noch ein Stück weit marschieren und dann Vorposten legen. Gut, wenn wir nur noch einen Schluck Wasser trinken dürften! Da kommandiert unser Capitano: Feldflasche vor! . . . O wie gern! wie gern! Eins, zwei, basta! Wir tun zwei Schlucke. Nur zwei! Keiner wagt noch einen dritten. Denn wir müssen sparen. Die Sonne ist noch groß und weiß und noch lange nicht in der Mitte des Himmels. Sie sticht wie ein Haufen Blitze. Ich habe nie einen solchen Sonnenschein gesehen, so ein verdammtes, weißes Blitzen, daß man nicht schwitzen, nur ausdorren kann. Also jetzt vorwärts in Gottes Namen. . . . Madonna, da kommt's!

Nicht bei uns zuerst, drüben im Rücken, wo unsere Leute kampieren wollen. Wir hören nichts vom Feind. Aber unsere Trompeter schreien wild durcheinander, wie die Feuerwächter in der Nacht, wenn es an fünf, sechs Orten brennt. Da ist Not, sagen wir, und machen kehrt. Aber schon ist's auch da! Schwarze Gesichter, weiße Zähne, große steife Mohrenaugen wie hartes Glas. Zwischen allen Erdwällen bricht's hervor. Sie reden nicht und brüllen nicht. Ganz still sind sie und hart und verbissen. Wie diese Teufel da oben. Nun Schüsse, nun Sprünge, nun Hiebe. Nein, nicht Hiebe, Schläge wie mit einer Axt. Ich will den Gewehrlauf richten. Da zwirbelt es mir vor den Augen. Ich sehe rote und schwarze Flecken in der Luft tanzen, da und da und da, rechts, links, hinten, vorn, überall, und falle um. Mein Kopf ist voll schwerer Musik. Über mich geht's weiter, das spür' ich noch. Und ich hör' noch weit hinten irgendwo eine Kanone schießen, aber dann wird's ganz still. Wie eine große, schwarze Katze ist der Menelik über uns gekommen. Und das war ein Packen, Herr, und ein Schnüren und ein Würgen, gerade wie da.

Meint Ihr, daß so ein Schwarzer gelacht oder auch nur über uns gespottet hat? Dreiviertel Jahre bin ich ihr Gefangener gewesen, bis zum Frieden und zum Loskaufen. Nie sah ich sie spotten oder spaßen. Sie schnitten keine Grimassen, aber redeten auch gar nicht mit uns. Die haben die Zunge hinter Schloß und Riegel, sagte Edoardo Forni. Sie zeigten immer zornige, steife Augen und harte, dunkle Gesichter. Sie mußten uns schlagen, sie mußten uns töten. Sie konnten nicht anders. Sie mußten wie die Teufel da. Diesen hat es der Herrgott und den Mohren dort hat es der Menelik befohlen. Wir gingen ihnen ja an die Freiheit und ans Leben. Gewiß, sie waren keine Teufel, wenn sie auch schwarz und grausig wie Satane aussahen. Das merkte ich an manchem Freundlichen in der Gefangenschaft. Aber lieben mochten sie uns nie, und bei Adua kamen sie über uns, ganz wie hier. Ich weiß noch immer nicht, wie's kam; aber als ich umfiel und diese große, schwarze Abessinierkatze über mich weg schnellte, da mußte ich an unsern Signorelli zu Hause denken, den ich von Bub' an fast alle Tage gesehen habe. Ganz so ist's daheim, dachte ich, an die Kapelle gemalt, so ein Brausen, so ein Sturz, so ein Gericht, und dann fiel ich ganz hin und ersoff in Dunkel und Vergessen . . .«

Wie trefflich Nazio das sagte, den leeren Ärmel schwenkend und mit der Krücke aufs Holzbein klöpfelnd und dann wieder heiter in die satanische Wandschilderung guckend. Ich sprach kein Wort dazwischen, aber meine Augen baten: weiter erzählen, du prachtvoller Mensch!

»Signorelli muß so was gesehen haben. Die Herren Künstler sagen, in Florenz habe er eine Predigt vom Jüngsten Tag gehört, daß ihm die Haare zu Berge standen. Ein berühmter Padre, vielleicht der Fra Gerolamo, soll das Gericht so ausgelegt haben, daß der Maler nur noch an diese Wand springen und das Gehörte einfach hinpinseln mußte. Wer das glaubt! Diamine, eine Predigt kann man nicht malen. Ich behaupte, Signorelli muß so was gesehen haben, wie ich es sah. Vielleicht ist er in einem Krieg gewesen. Damals war ja immer Krieg. Vielleicht sind die Romagnolen mit ihrem Häuptling Cesare über sein Trüpplein gefallen. Ich meine Cesare Borgia, einen Satan für Tausende! Da hat er dann diese steifen, steinigen Gesichter gesehen, die sich nicht erbarmen und nicht erbarmen können. Krieg ist Krieg, Herr, und wenn's einmal Jüngster Tag wird, heißt es auch: Gericht ist Gericht, nimm's, wie du's gewollt hast! Hab' ich nicht recht, Vossignoria?«

Ich nickte und wollte noch mehr haben. Dabei erinnerte ich mich ganz gut, wie zur Zeit der italienischen Niederlage durch Menelik viele aufrichtige Zeitungen ihre Leitartikel mutig mit »Un Giudizio!« überschrieben hatten: ein Gericht! Jetzt begriff ich das sehr gut.

»Soll ich Euch sagen, was mir am Bild so gut gefällt? Der Erzengel,« er zeigte mit dem Stecken über die tosende Gruppe, »nicht der Michael zu oberst, der das Schwert herausreißt, und der Raffael auch nicht, der es wieder einsteckt und denkt: basta, das geht ohne mich. Die sind schon hin! – Aber der mittlere, der muß Gabriel heißen. Der schaut so ruhig drein. Er ist zufrieden. Er beruhigt uns leise mit der Hand, seht, über das Geheul in der Tiefe. Das geht vorbei, will er sagen, un momentino, dann ist's vorüber, dann haben wir hier oben es wieder hübsch still und gemütlich, wie ich's liebe, und dann kann die Madonna mit dem Bambino wieder kommen und die kleinen Christkindengelchen können wieder herumflattern mit ihren Rosen und Lilien. Habt nur noch einen Augenblick Geduld! Zweifelt nicht, Signore, gerade das sagt er! Das geht alles vorbei!«

Ich sah auf den hin- und herschwankenden Ärmel und auf das schräg übers lebende gelehnte Holzbein. Aber dies da geht einmal nicht mehr vorbei, wird nie wieder ganz, dachte ich.

»Ja, den Tenente Edoardo Forni hab' ich . . . mi perdoni! . . . den Gabriel da hab' ich sehr gern.«

»Was sagt Ihr?« fiel ich schnell ein im Gefühl, da sei ihm etwas entschlüpft. »Was ist's mit dem Leutnant? War der auch dabei in Adua?«

»Eins nach dem andern, Signore, höret nur!«

*

Nazio zog behaglich den Speichel im Mund zusammen, aber spuckte nicht aus, sondern schluckte und warf dem Kustos, der uns von weitem zuhorchte, einen freundlicheren Blick zu. Dann lehnte er sich zurück und begann:

»Ihr könnt Euch denken, wir hatten Heimweh und Fieber und Durst im Lager. Da jammerten wir. Nur Edoardo sagte kein wildes Wort, strich immer zufrieden sein Schnäuzchen. Am Abend ward es aber allemal kühl um unser Gefangenenlager. Denn das Land liegt hoch, man sagt, zweimal so hoch wie unser Vesuvio, und es kommt der Wind vom Meer herauf oder von den Bergen herab. Dann vergeht auch der Durst und das Fieber für ein paar Stunden. Aber das Heimweh wird größer. Und viele konnten gar nicht schlafen und mußten immer schlucken und in die Lippen beißen, sonst hätten sie laut geschrien. Aber von den Schlafenden sah man doch da und dort einen die Arme strecken. Oder man hörte rufen: Patria! Eh, da rieselte es jedesmal wie kaltes Wasser über unsern Rücken hinunter. Wir konnten nicht mehr anders. Wir weinten wie kleine Buben.

Und zwischenhinein fing einer von Rom an, den San Pietro zu rühmen und die großen Brunnen, und ein Toskaner sagte, wenn er nur noch einmal über die Goldschmiedebrücke gehen dürfte, nur noch ein einziges Mal! Und die von Neapel oder Genua oder von einer andern Stadt am Meer wollten noch einmal das blaue Wasser schauen und die angezündete Laterne im Fanale und den Fischgeruch atmen. So einen Seeduft! Da sagten einige: Wir erleben das nicht mehr. Und andere riefen: Wir werden hier sterben wie die Juden in Babylon. Wären wir nur gerade in der Schlacht umgekommen. Und aller Mut ist weg. Und so finster ist uns worden wie ausgelöschten Kerzen. Funesta notte! . . .

Der Leutnant Edoardo Forni saß unter uns und redete kein Wort. Aber er machte ein sicheres Gesicht. Seine Augen wurden immer lustiger.

Da stupfte einer den andern und sprach: Sieh', der Leutnant lacht uns aus.

Edoardo blickte scharf in jene Ecke, wo man am lautesten geschimpft hatte. Da ward es drüben mäuschenstill. Der Leutnant lächelte ein wenig, so an den Schnauzspitzen vorne, nur so viel! Wir fluchten nicht mehr, es gluckste nur noch etwa unter einer Decke. Aber der Leutnant griff in die Tasche und zündete eine Zigarre an. Weiß Gott, woher er die hatte. Er rauchte sie, als säße er daheim in der Osteria. Jedesmal, wenn er den Rauch aus dem Munde ließ, blies er das Wölklein weiter, vorwärts, weit in die Nachtluft hinaus, und lächelte mit seinem schönen bleichen Gesicht dazu. Und mir war, er schicke das alles nach Italien voraus, so sicher sei er, daß er dann nachkomme. Und einmal, als wir so leise zusahen, hob einer den Kopf vom Stroh und sagte ganz schüchtern zum Nächsten: »Vielleicht, ja . . . wer weiß . . . vielleicht doch!« Dann sahen auch andere auf die Räuchlein, die nach Italien flogen, und nickten ein wenig und meinten: »Jawohl, vielleicht doch! warum auch nicht! vielleicht doch!« – Und ich sag' Euch, Signore, das war ein Wort, Cristo santo, ein Wörtlein, das vielleicht . . . es fliegt herum wie ein Vögelchen, es zwitschert über unsern Köpfen und alle sehen ihm nach und wecken die andern und fragen, ob sie es auch sehen, wie es gen Westen hinauf fliege, immer gen Westen hinauf, mit dem Tabakrauch und mit unsern Augen und mit unsern Gedanken, weiter, weiter, bis wir auf die Matte zurücksanken und in Italien einschliefen. Aber der Leutnant blieb noch lange wach und sah ruhig und sicher drein, gerade wie der Erzengel Gabriel, so daß ich die zwei nun immer verwechsle und am Ende noch im Himmel verwechseln könnte, wenn ich sie einmal beisammen mit Zigarren sähe!« Er lachte herzlich. Zigarren, ein Erzengel!

»Lebt er noch?« fragte ich.

»Halt, eins nach dem andern! Signore! Jetzt habt Ihr mich! Nun will ich auch fertig schwatzen. Ich will sagen, daß einmal der Negus Negussi ins Lager zu uns kam. Überhängt mit goldenen Ketten und Silberschildchen und allerlei Karfunkelzeug, mit schwarzen Knaben, die große feurige Lippen und schneeweiße Zähne haben, und mit Musikanten fast wie Dudelsackpfeifern, kam er, gerade wie ein Götzenpriester. Da ward uns ein Stück vorgespielt. Herr, eine schauderhafte Musik. Aber Menelik tat freundlich und verteilte Makki, was wie Honigkuchen schmeckte. Wir jubelten und schworen: morgen sind wir frei, das ist gewiß. Und viele sahen schon die Maste und das Meer und den Vesuv. Man pfiff und sang die Marcia reale, wisset: tiri, tiri, tirititi! Nur der Tenente blieb ruhig. Pian, piano, schien er zu sagen. Am Abend wußten wir, daß die Verhandlungen mit dem König abgebrochen waren und wir hier gefangen blieben. Da hättet Ihr unsere Verzweiflung sehen sollen. Nur Edoardo Forni biß lustig in seine harte Makkischeibe. Wie eine Maus knackte er daran. Wie kannst du jetzt noch essen? fragten die andern. Ich esse das ja nicht fertig. Ich werde doch die Hälfte daheim essen, auf der Piazza del Nettuno. Ich bin doch ein Bolognese! Ein Bolognese findet sich doch immer wieder heim . . . Alles geht vorüber, nur ein Bolognese nicht! Und dann streckte er sich in die Höhe wie ein großer berühmter Mensch und nicht wie der kleine, magere Leutnant in der neunten Kompagnie, mit dem Milchgesicht, das in der afrikanischen Sonne nicht einmal braun wurde. Und wir alle vernahmen, daß er aus dem Geschlecht der Baglioni sei und neben San Petronio in einem alten Palazzo wohne und viel Geld und eine wunderbare Braut habe. Um einen Kopf größer und fünf Jahre älter und um eine Million reicher als er! Aber wir wußten auch, daß er regieren werde, er mit der Zigarre und dem bleichen, festen Lächeln. Wenn, wenn, ja wenn wir aus diesem verfluchten gelben Abessinien kämen!

Aber wir wurden wieder munterer, und sowie einer im Traum Italia rief, sagten wir zusammen: Abessinien geht vorüber, alles geht vorüber, nur ein Italiener geht nicht vorüber! Und jedesmal, wenn wir wieder trauriger wurden, mußte Edoardo eine Zigarre anzünden und den Rauch nach Westen hinauf blasen. Dann gingen wir mit, per un momentino, nach Italien. Nur schnell einen Besuch daheim.

Bravissimo, am zweiten November ging's wirklich heim. Am fünfzehnten sah ich die erste Eisenbahn. Am zwanzigsten fuhr ich auf der Aurora heim. Das linke Bein habe ich nicht mehr mitgenommen, und den rechten Arm auch nicht. Das ließ ich den Schwarzen zum Trinkgeld. Aber sonst nichts, seht, sonst gar nichts!« Er lachte herzlich vergnügt und erhob sich langsam.

»Aber nun sagt mir doch, was ist aus dem Leutnant geworden?«

»Angestellt in Rom, in Rom beim König, oder doch fast beim König, bei einem Minister. Aber man hat mir gesagt, daß er jeden Tag in den Quirinal hinauf muß. Er ist ein Romagnole, verstehen Vossignoria das? er wird einmal Senator, Minister und General, daran wett' ich mein hölzernes Bein, und das ist mir mehr wert als das andere, denn es ist solider. Und mit Edoardo Forni und seinem Zigarrenrauch und seinem Pian piano und seinem ewigen Lächeln werden unsere Jungen überall siegen, davvero!

Aber ich bin arm gegangen und arm zurückgekommen. Doch wohn' ich gut,« spaßte er und sah mich launig an, »denn das hier ist mein Haus. Schöner hat es der König nicht einmal.« Er streckte den einen Arm gegen die Säulenbogen, wo es von Marmor und Mosaiken herunterglitzerte. »Wenn es regnet, sitz' ich da drinnen. Das gehört mir alles. Sagt nein, wenn Ihr könnt! Und zwischen eins und drei schließt man den Dom. Ist es dann heiß, sehr heiß, so gehe ich vorher hinein. Hier in die Ecke sitz' ich und schau' das Bild an und am meisten den Gabriel und schlafe ein. Es ist in keiner Kammer so still und kühl zum Schlafen. Der Papst schläft in seinen hundert Sälen nicht bequemer. Und die Teufel da oben tun mir nichts. Auch die Verdammten nicht! Aber Tenente Edoardo Forni lächelt ein wenig herunter. Du Schlafkappe, sagt er, paß auf, wenn der Menelik kommt, na!

Und ich lache. Es geht vorüber, nur Geduld, archangelo oder capitano, un momentino, es geht alles vorüber, nur der Italiener nicht!

Um vier Uhr bin ich wieder an der Türe. Es kommen die Fremden mit dem Vesperzug. Da muß ich an Ort und Stelle sein. Es gibt immer Kurzweil.«

Ich höre zu und schweige und habe sehr viel nachzudenken.

»Kommt jetzt! Es wird Mittag. Der Kustode will schließen.«

Ich betrachte durch die zufallende Türe nochmals die dunkelprächtige heilige Welt da innen. Dann war mir, es schließe sich ein Auge, ein Auge, worin alle sieben Himmel prangen. Als der letzte goldene Strahl erlosch, wurde ich allmählich nüchtern, sah wieder irdische Häuser um den Platz, gewöhnliche Menschen, wildes kleines Gras herumwuchern und einige der gesprenkelten Orvieter Ferkelchen davon äsen. Da fragte ich: »Nazio, willst du mit mir zu Mittag essen?«

»Was denkt Ihr?« brummte er im tiefsten römischen Baß. »Die ganze Stadt würde mich auslachen. Ich mit einem Signore essen! . . . Vielleicht in einem . . . Ja, das wäre allenfalls . . .«

»So kommt doch dort hinunter ins Ristorante! Ein Glas Wein!«

»So viel kann man,« sagte er und hinkte hinunter mit mir.

Unter dem Leinendach der Weinkneipe erquickten wir uns von Adua und dem Jüngsten Gericht. Ich ließ nun doch Fische und Gemüse bringen und bewies dem Genossen mit meinem Appetit, daß ich nun Signorelli nicht mehr fürchte. Munter zerlegte ich meinem Einhänder sein Stück, schnitt ihm Brot dazu und füllte fleißig sein Glas und fühlte ein seltsames Behagen, im fremden Land den Wirt zu spielen. Von Zeit zu Zeit lüftete Nazio den Vorhang ein wenig, um zur Kathedrale hinaufzuschauen. Er konnte sie nicht mehr entbehren.

Ich wollte ihn ein bißchen über sein weiteres Menschlein ausfragen, aber er redete sich einsilbig zwischen Ja und Nein aus, so daß ich gleich davon abstand. Er hatte ja das Größte gesagt. Ich erfuhr nicht, ob er noch Verwandte hat, wo seine Herberge ist, ob er mit seinem Bettel an der Pforte auskommt und was er sich über das Morgen und Übermorgen für Gedanken macht. Aber wie Nazio den Fisch mit samt allen Gräten mit unsträflich schönen weißen Zähnen kaute und schluckte, dann krachend die härtesten Haselnüsse aufbiß und in jedes neu gefüllte Glas mit seinem schwachbehaarten, braunroten, gesunden Gesicht hineinschmunzelte, erzählte er mir eigentlich genug von seiner Zufriedenheit und Sorglosigkeit. Ein Vogelherz, dachte ich. Un momentino, dann heißt es wieder betteln. Un momentino, dann kann man wieder schlafen und un momentino, so kommt so ein Reisender und läßt sich das alte Geschichtlein erzählen und zahlt etwas, wenn er nicht ein rostiger Geldfresser ist. Un momentino, un momentino, immer ist es kurzweilig, immer wechselt es, alles geht vorüber, nur Nazio bleibt.

Auch ich zog nun möglichst wenig Gräten aus dem Fisch, knackte die Nüsse mit den Zähnen auf und schwenkte das Glas mit einem Zuge aus. Ich wollte mit so einem tapfern und lustigen Gebaren meinem Kameraden beweisen, daß ich nun Signorelli auch nicht mehr fürchte und über den gehörntesten seiner Teufel so gleichmäßig niederschaue, wie der Archangelo Gabriele . . . nein, doch . . . Archangelo Edoardo Forni oder er selber, der holzbeinige und doch noch so saftige Kerl von einem Nazio Massi.

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