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Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden

Heinrich Federer: Wander- und Wundergeschichten aus dem Süden - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
authorHeinrich Federer
firstpub1924
year1924
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleWander- und Wundergeschichten aus dem Süden
created20040924
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Dante

Am ersten August 1321 klopfte ein schmächtiger Mann im Kapuzenmantel am elenden Pfarrhaus von Fignola im Monte Giovi. Der Geistliche war gerade in der Kirche und wartete mit dem Taufwasser auf das zwölfte Kind der Donna Rosalia Ricotti. Ärgerlich mußte die Köchin Maria zusehen, wie der sonderbare Gast seinen staubigen Überwurf zu Boden schleuderte, rücksichtslos in die Stube ihres Hochwürdigen lief und mit stetem Schelten die wenigen Bücher in der Wandlade durcheinander warf und rief: »Che barbaro! Che barbaro!« . . .

Noch zorniger wurde sie, als der so elastische und doch so alt und krank scheinende kleine schmale Mann mit einer Grimasse den Wein ausspuckte, dagegen alles Obst und Gebäck in feine Schnitten hieb und rasch vom Teller wegaß. Ein Feinschmecker und Hungerleider in einer Person, dachte die derbgeschnittene Magd und blieb mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen, teils aus Neugier wegen dem so zarten, aber eisigen Gesicht mit der dünnen Bogennase, teils aus Vorsicht vor den feinen, aber allzu langen Fingern des Fremdlings.

Nach einer Weile völligen Nichtbeachtung sagte der Pilger mit vollklingenden Vokalen: »Ist Matteo Ferracini noch nicht zurückgekommen?«

»Wer ist das?« fragte die Magd.

Aber jener antwortete nicht, sondern schwankte schon wieder, ob er recht getan habe, hieher zu kommen und dem unendlichen Heimweh zu folgen, das ihn in den letzten Zeiten zu Ravenna erfaßt und so gequält hatte, daß er gegen alle Würde und Klugheit nach seiner Vaterstadt aufgebrochen war, ähnlich wie Sterbende nochmals verzweifelt aus dem Bette ans Fenster springen, um Licht und Leben in die Faust zu zwingen. Zwar vor fünf Jahren hatten die Prioren von Florenz ihm das Tor geöffnet, aber wie ein Almosen und mit einer so knappen Spalte, als Vagabunden sie brauchen. Da hatte er stolz gerufen: »Nein, lieber Verbannung als Erniedrigung.«

Damals, damals! . . . Aber in den fünf Jahren wurde die Fremde immer bitterer. Die Kammern der Fürsten waren oft ungeheizt, der Wind der Apenninen erkältete ihn, und gar das Nichtverstehen und Nichtbegreifen rechts und links fröstelte ihn an wie Schnee. Ein trockenes Hüsteln von der Lunge begann, die Gliedersucht stach, und der Mann, der Himmel und Hölle überwunden hatte, sehnte sich nach dem Glöcklein von San Miniato, der stillen Musik des Arno zu Füßen und einem warmen Kamin in der Seilergasse. Wenn sie ihn noch einmal riefen, o jetzt würde er seinen Stolz so eng zusammenpressen, daß er durch die schmalste Ritze in die Stadt schlüpfte.

So ist er denn mühsam mit dem Diener Matteo über die Muggeller Berge hieher geritten. Zweimal kehrte er trotzig um. Aber die Schwachheit oder Weichheit des Alters war größer, und zum drittenmal befahl er: »Matteo, nimm das Maultier und reite voraus und sage, daß ich beim Pfarrer von Fignola bin und auf das Wort warte: Komm heim, auf Gnad' und Ungnad' . . . Und wenn es bei Nacht ist und durch das Pförtlein der armen Sünder geht, einerlei . . . ich komme . . .«

Langsam pilgerte der sieche Mann dann allein zu Fuß bis zu diesem Vorposten Fignola im Monte Giovi oben. Weiter durfte er sich als Geächteter nicht vorwagen. Matteo mußte ja mit der Antwort bald zurück sein. Der Pilger im Pfarrstüblein erschreckt schon jetzt vor ihr. Heißt es Ja, dann ist er nicht mehr der weltberühmte Verbannte, sondern ein gewöhnlicher, wohlversorgter, zufriedener Pfrundhäusler der Heimat. Zufrieden, ach ja, . . . aber gewöhnlich, o Gott, so gewöhnlich! . . . Und lautet es Nein, dann bleibt er wohl im alten Ruhme, aber auch im alten, ruhelosen Fersenheben und Staubschlucken und Türenklopfen und Elendsglanze! . . . Ach, beides ist wie Tod. »Aber ich bin ein Mensch,« schrie es jetzt aus seinem gebrechlichen Leibe, »und menschlicher ist, sich wärmen in der Gewöhnlichkeit, als erfrieren im Ungewöhnlichen . . .«

»Tu' die Türe zu, Ancilla!« befahl er wie im Frost. »Es zieht bei euch sogar im heißen August.«

Die Jungfer trat ganz herein und schloß.

»Wie weit ist es bis Florenz?«

»Drei Stunden, Herr,« versetzte die Magd und zeigte mit der roten Köchinnenhand die drei Stufen zum unbeschirmten Gitterfensterchen fast an der Diele oben.

»Wie, man sieht die Stadt von da!« Aufspringt der Sechsundfünfziger wie ein Bub' zur Luke. »O Madonna! . . . wahrhaft, dort unten aus dem blauen Gelände blinken Fenster und Dächer, und mitten drin und über alles hinaus droht ein Gerüste, mächtig wie ein Berg. Aber es blitzt der farbige Marmor schon hell zwischen seinen Brettern hervor. Und Giottos Campanile lacht bis hieher, beinahe schon das fertige, aus Trotz und Süßigkeit gemischte Florentinerlachen. Und der alte und doch jede Stunde neugeborene Arno drückt immer noch die Stadt an sein großes, von Sagen und Liebesliedern volles Herz . . .« Dem Fremdling übergehen die Augen, er spannt die Arme: »Du meine Pein und Seligkeit, Florenz, unentbehrliches, ewiges Florenz . . .!« Nach einer lautlosen Weile sank der Mann in den Stuhl zurück, hüllte den Pilgermantel wieder fest um sich und wurde so still, als ob seine Seele zum Fenster hinaus in jenen süßen Marmor der Heimat geflohen wäre . . .

Der Magd wird unheimlich. Wenn nur der Pfarrer käme! Mitleid und Grauen packen sie. Endlich fragt sie, um nur zu wissen, ob im Mantel und Sessel da noch etwas lebe: »Ihr habt wohl Euere allerliebste Frau dorten . . .?«

Keine Antwort.

»Aber Euere schönen Töchter und starken Buben?«

Stillschweigen.

»Ja, dann weiß ich nicht, was Ihr da unten holen könntet, das so des Seufzens wert wäre.«

»So schweige denn, Plappermaul,« herrschte es grimmig aus der Kapuze, »schweige, wenn du das nicht weißt.«

Zum Glücke ging jetzt die Türe auf und sprang im Chorrock und der weißen Stola der kleine, alte, übel rasierte Bergpfarrer herein. Der Pilger erhob sich ehrerbietig. Aber als der Geistliche die schöne Kirchenseide abgelegt hatte und im alten, schäbigen Werktag vor ihm stand, verbauert bis in die Fingerspitzen, setzte er sich sogleich wieder und sagte nur: »Reverendo, ich bin Dante und warte hier auf eine Botschaft.«

»Seid, wer Ihr wollt,« lachte der Pfarrer geschäftig; »aber jetzt dürft Ihr nicht sitzen bleiben. Ihr müßt mitkommen und der Kindbetterin zum Jüngsten und Zwölften gratulieren. Das ist heiliger Brauch beim Dutzend. Ihr habt doch wohl schon von Rosalia Ricotti gehört, der Frau des Vorhirten Battista. Sie ist das klügste Weib im Gebirge und besitzt die wackersten Kinder und die schönsten Ziegen.«

»Und hast du gehört von Dante Alighieri?« gab der Dichter zurück. »Er hat die schönsten und tiefsten Gesänge geboren . . .«

»Dante . . . Dante . . . mir ist, ich habe einst so was gehört . . . doch was wird das sein gegen die herrliche Rosalia Ricotti, die . . .«

»Pfarrer, höre, dreimal dreiunddreißig Gesänge von ewigem Erz!«

»Und sind es dreihundert,« stürmte der behende Pfarrer, »was ist das gegen die Zwölfe aus blühendem Fleisch und Blut, die Rosalia in die Welt hinausgesungen hat? Alle Lieder werden einst alt und grau. Aber diese kleinen Ricotti grünen hundertmal fort in Kind und Kindeskindern. Schneidet mir kein saures Gesicht, Fremdling, kommet und letzet Euch vielmehr an diesem großen Menschenblühet. Es wird Euch zum Segen. Da klopfen sie schon, avanti!«

Er faßte Dante am Arm und zog ihn mit überstarker, fast bübischer Freundlichkeit die Stiege hinunter ins Gäßchen, wo die Gevattersleute warteten und die Hebamme das Kind voraustrug. Vom Turme zirpte es schrill und fleißig wie von Zikaden. Der Sigrist schwenkte die Fahne des Erzengels und Geburtenverkünders Gabriel. Verwandte mit Ölbaumzweigen folgten, der Sindaco Gabardini beschloß den Zug. Er trug eine Rolle in der Hand. Darauf stand das Lob der Zwölfkindermutter.

Aus seiner finstern, aber schon morschen Heldenhaftigkeit plötzlich in dieses muntere Dorfstücklein geworfen, begannen die dunkelgrauen Augen Dantes sich ein wenig zu lichten. Die hellen Farben, die klingelnde Volkslippe, das Sinnreiche und Poetische des Aufzuges und die Ehrwürdigkeit, womit das Hirtenvolk, je näher es dem Hause Ricotti kam, den Schritt immer feierlicher und das Wort immer leiser nahm, das erquickte den großen Dichter. Er hörte die Leute von der Matrone Rosalia reden, von den Taten ihrer Söhne im Wald, im Weinberg, im Gemeinderat, im Kampf mit Wölfen und Briganten und den elenden Pisanern. Dann sprachen sie wieder von Ziegenmilch und Sommerheu. Dann schlugen sie ein Kreuz und beteten ein Paternoster und spaßten wieder, weil der kleine Sigristenknabe in ungleichen Soccoli dahinstapfte. Und ihn, Dante, schauten alle so selbstverständlich an, als kennten sie ihn schon immer, fast wie einen alten Vetter.

Das alles rührte seine vereinsamte und halb erfrorene Seele in ihrer heutigen Empfindlichkeit doppelt. Es war ihm neu. Sein Lebtag hatte er das niedere Volk gleichsam nur vom Pult und Balkon aus, nie in dieser blutwarmen, geschwisterlichen Traulichkeit gekannt. Und er suchte plötzlich in seinem großen Epos und suchte und staunte, daß er in seiner Commedia wirklich nur Päpste und Könige und hohe Damen und Gescheitheiten, aber nichts wie das hier, nichts von Volk, von kleinen, frischen Leuten, von Müttern und dutzend Kindern, nichts von all dieser großen Natürlichkeit und Gewöhnlichkeit der Welt gesungen hatte, nein, immer nur von den Raren, den Erlesenen, den Ausnahmen. »Und doch,« philosophierte er jetzt mit der Hellsichtigkeit entweder eines Genies oder eines Sterbenden weiter, »und doch ist nicht die Rarität, sondern wohl die Gewöhnlichkeit die gesunde Hauptsache und das wahre Gewicht der Welt. Ach, wenn ich dieses unverhaltene Lachen, diese roten, schmutzigen Backen, diese Brotrinde zwischen den weißen Zähnen, diese tapfern Holzschuhe, diese Kraft und diesen Humor sehe, muß ich bekennen: schade, schade, daß ich mein Leben zwischen blassen Gesichtern und gesalbtem Haar und hohem Vers und Pergament erlustigt . . . nein, ich sage besser . . . verbittert habe. Diese Gewöhnlichkeit wäre wohl des Studierens und Singens wert gewesen.«

Und plötzlich schlug sich Dante vor die Stirne: »Daß mir das nie einfiel! . . . wo ständen Dome, wenn die Gewöhnlichkeit nicht daran schwitzte; wo gäbe es Schlacht und Sieg, wenn die Gewöhnlichkeit nicht blutete; wo stolzierten Fürsten, wenn die Gewöhnlichkeit nicht steuerte, wo blühten den Dichtern Lorbeeren, wenn die heilige Gewöhnlichkeit sie nicht gepflanzt hätte? Ja, was wäre aller Liederruhm, wenn er zwischen Marmorwänden stecken bliebe? Er muß in die wunderbare, millionenköpfige Gewöhnlichkeit hinausgehen . . .« Und wie jede große Einsicht gleich einem Blitz kommt und das Vorurteil wie mit einem Donner zermalmt, so fiel in diesem Augenblick ohne sichtbaren äußern Grund die ganze sogenannte Aristokratie von Dante wie jener staubige Mantel im Pfarrstüblein. ». . . Ja, die Gewöhnlichkeit ist vielleicht allein die Wahrheit, la pura verità,« grollte er immer lauter für sich hin.

»Leiser, Fremdling, leiser!« rief man.

Dante errötete. Ah, diese Hirten in Lumpen lehren ihn Anstand!

»Messer Dante,« flüsterte ihm der Pfarrer ins Ohr, »seht einmal da hinunter!«

Wirklich, durch eine Lichtung der Pinien am abfallenden Berg sah Dante sein Florenz wieder. Und wieder erwachte die Sorge: wie hat die Stadt entschieden? was bringt Matteo? Und ihm war, bald schwebe ein riesengroßes Ja wie eine weiße, bald ein ungeheures Nein wie eine schwarze Wolke über den fernen Palästen. Aber nun ward das Ja von Augenblick zu Augenblick dunkler, das Nein heller, jetzt – jetzt trugen sie beide die gleiche Farbe grauer Ungewißheit . . . Und schon wußte Dante nicht mehr, was für ihn das Bessere sei, die Heimkehr oder die Verbannung.

»Messer Dante,« lispelte der unruhige Pfarrer und schlitzte ein merkwürdig schlaues Auge. »Wer wollte da hinunter in Streit und Staub steigen? Fliegen wir nicht wie Vögel darüber weg, wie Paradiesvögel! Was guckt Ihr also hinab? Das sind doch Menschen wie wir, nur von kürzerem Schnauf. Seid froh, daß nicht Ihr selber, sondern nur Euer Esel da hinunter mußte!«

Wieder blickte Dante in den alten Zauber hinab. Was suchte er eigentlich dort? Wohl, er möchte sehen, wie Giotto den dreifarbigen Marmorturm fertig baut, ob Andrea die Erztore schon gegossen und wie Arnolfo den Dom überwölbt. Doch nein, das ist es nicht, er sucht etwas anderes: die Ruhe! Aber wo sucht er sie? Ganz gewiß wieder dort, wo die Unruhe ist, bei den Raren, den Hohen, nicht im Wunder der Gewöhnlichkeit. Ja, hier oben steht man überm Plunder, fliegt wie Paradiesvögel über den Türmen der Eitelkeit und Unruhe hinweg.

»Messer Dante,« läutete eine Mädchenstimme hinter ihm, »Ihr habt den Gürtel verloren . . . da!« Ein dreckiges, aber wunderschönes Patschhändchen stäubt den seidenen Riemen ab und hält ihn Dante hin.

»Behalt ihn, Carina,« antwortet er weich.

»Grazie mille! Messer Dante!«

»Ach, in Ravenna und Padua heißt es: Meister Dante, du hast im vierten Gesang, Zeile soundso, den Rhythmus verloren . . . du hast im Inferno den Grafen Giuseppe a Marca vergessen . . . du hast im zehnten Sonett einen Reim unterschlagen . . . Gott, welche Torheiten! Aber hier hebt mir ein Kind den Gürtel auf. Es würde auch meine arme Seele aus dem Staube auflesen . . . Sonst haben ihn Kinder nie interessiert; aber jetzt schmeichelt er:

»Wie heißest du, Kind?«

»Rosalina Ricotti.«

»Ah, der Täufling da ist dein Geschwister?«

»Si . . . si . . . si!« lacht das Kind überglücklich. Wie das musiziert! Dem Dante kommt vor, dieses dreifache »Si« juble hoch über seine Divina Commedia hinaus.

»Hast du auch ein Kleines?« frägelt das Kind und streckt ihm vor Vergnügen das unsaubere Kußhändchen entgegen.

Dante schüttelt den Kopf. Seine Kinder, Pietro und Giacomo und die andern drei Buben und die Tochter . . . hat er sie je wahrhaft besessen? . . . Ging ihm die Politik nicht über die Gattin und Amt und Vers nicht über die Kinder? Seinetwegen hätten sie wohl verhungern können. Ohne ihn wurden sie groß. Nun sind sie erwachsen und ihm fremd geworden. Nicht ihretwegen zieht es ihn nach Florenz. Ach, sein Los ist: mit Frau doch Witwer, mit Kindern doch kinderlos, mit der schönsten Wiege doch heimatlos, mit der innigsten Poesie doch ein Ungeliebter zu sein. Frauen . . . Frauen . . . viele haben seinen Weg gekreuzt; aber nie ist ihm vom Weibe Gutes gekommen als im Traum und Dichten . . . Aber freilich, das Mädchen hier hat ihm den Gürtel aufgehoben und die Kußhand angeboten und würde sicher auch seine Seele mit ihm teilen . . . Weg mit dem blassen Aristokratenekel! . . . »Komm her, Rosalina, gib, gib! Was hast du für ein liebes, warmes Händchen!« . . . Und er drückt es inniger als das wertvollste Manuskript an seine Brust.

»Aber,« wendet die Kleine ein, »warum machst du einen so bösen, garstigen Mund, Messer Dante?« und sie versucht umsonst, ihr Mäulchen auch schief herunterzuziehen.

»Weil ich so viel Salz essen mußte, Rosalina.«

»Oh,« staunt das Kind, »haben sie es dir befohlen, oder hast du es selbst genommen?«

»Ich glaub',« stotterte Dante, »ich hab' selber wollen.«

»Che stupido!« tadelt das Kind und will ihm die Hand entziehen.

»Bleib, Carina, bleib,« fleht Dante mit wahrer Angst. »Sieh, ich bin soweit allein gegangen.« Und er wischt sich über den herben Mund, als möchte er ihn weicher formen, daß er diesem Mägdlein gefiele.

Aber jetzt steht man vor dem Hause Ricotti. Totenstill wird die Prozession. Es geht durch eine verrauchte Küche in die dunkle Stube. Donna Rosalia liegt in den Sonntagskleidern auf dem Ruhebett. Sie sieht bleich aus, aber lächelt jedem Eintretenden mit ihren milden, schwarzen Augen Willkomm zu. Eine unbekannte, einfache Frau, sieht sie jetzt doch groß und feierlich aus wie die Weltmutter. Dante, der vielgewanderte und vieles durchschauende Dante, hat so etwas noch nie gesehen. An Fürstenhöfen vermummt man das und macht dafür Gedichte . . .

Um das Bett steht die apostolische Schar der Kinder in allen Größen und Altern, der Älteste und Nächste gleicht einem Herkules. Der Priester reicht der Frau die Hand und segnet sie; dann grüßen auch alle andern. Nun verliest der Sindaco, was das Dorf ihr schuldet an Dank und Respekt Aber er liest schlecht und langweilt. Er deklamiert: als die Etrusker Florenz bauten, da sei das weniger gewesen, als da Rosalia der Welt die zwölf Ricotti schenkte. Und Dante hört es und sagt nicht nein. Zur gleichen Zeit wird der Täufling fast wie ein Sakrament so ehrerbietig herumgereicht. Jeder küßt das Kind und wünscht ihm hundert Jahre.

Mit steigender Bewunderung betrachtet Dante die Frau. Wie saß sie so klar und klug im Chor ihrer Kinder. Welche Rasse, welche Nerven, welcher Adel der Natur . . . Das sind noch Menschen! . . . Nicht Poeten und Fürstenkappen und Ritterdegen, nein, dieses Hirtenblut muß Italien, das bedrängte, gemarterte, zerrissene Italien, wieder erobern wie einst zu Romulus' Zeiten.

Die Matrone hörte nichts vom Lobe des Sindaco, sondern folgte mit den Augen wie ein Adlerweib immer nur ihrem Neugeborenen von Hand zu Hand und lachte, als finge jetzt für sie ein zweites, nein, ein zwölftes Leben an. Und sie weiß, sie wird auch ein zwölftes tapfer vollenden. – Wie sie sich über jeden Kuß freute, nickte und zwischenhinein rief: »Grazie, Silvestre, das Kind soll dir einst helfen Honig lesen . . . grazie, Alfonso, es soll dir einst die Schafe hüten . . . grazie, Serafino Tarchini, es soll dich am hübschen Ohrläppchen zupfen, wenn du in den Tag hinein schläfst . . . grazie, ah . . .« Jetzt stutzte sie. Die Reihe war an Dante. Ihre Augen wurden weiter, sie wehrte mit den Händen und rief: »Halt, wer ist das? . . .«

Aber schon hatte Dante das Wickelkind hochgeschwungen und zeigte auf den bärtigen Herkules neben der Mutter und schrie begeistert: »Und dieses jüngste Brüderchen soll noch größer werden als der Riese dort, sein Bart noch länger, seine Faust noch glorioser, und dann soll er von den Alpen stürzen in die faulen Fürsten und Republiken Italiens hinein, und frische Luft und Einfalt und Freiheit und schöne Gewöhnlichkeit schaffen, soll . . .«

»Messer Dante, Messer Dante, es ist doch ein Mädchen,« klingelte Rosalina lustig.

». . . Ach . . . wie . . . nur ein Mädchen . . .?« entfuhr es Dante enttäuscht und fast beleidigt. »Welches Unglück! . . . Wer soll nun Recht und Ordnung schaffen?

»Ich bin aber doch auch nur ein Mädchen,« schmollte Rosalina zu ihm auf, mit beiden artigen Sudelhändchen sich bis an seine Hüften emporschmeichelnd . . . »Ein Mädchen, ein Mädchen!« wiederholte es wehrhaft.

»Verzeihung, du Liebes, Kleines! Ich meinte es nicht so. Aber die Buben müssen die Welt ordnen, Hirtenbuben, Männer aus dem Volke, aber jedenfalls Männer . . .«

Horch, was ist das . . . läutet eine Glocke? Nein, es ist mehr, es ist Donna Rosalias wunderbare Mutterstimme, die durchs Zimmer orgelt: »Fremder Herr, Ihr habt gesagt: nur ein Mädchen! Ihr meint, das sei nicht Gottesgabe genug . . . Aber war es denn nicht Judith, die Bethulia gerettet und dem Volke Judas den Frieden gegeben hat? Kein General und kein Goliath, sondern das Weib Judith . . . Und hat nicht die junge Esther den Israeliten mitten in der Verbannung Leben und Frieden erworben? Und die Makkabäerin! und erst die Santissima Madonna, haben sie nicht die Welt durch Not und Kreuz zum Frieden geführt? Und Fremdling, muß ich dir sagen, daß unser großer Dichter nicht durch das Paradies hätte gehen können ohne die Hand eines Mädchens? Und auch meine Jüngste heißt Beatrice und soll einst Mutter werden und viele, viele in den Frieden führen . . . Du nickst, Fremdling, du beugst dich, so knie denn völlig nieder vor meinem Kinde und küsse es in aller Demut, damit du einst nicht allein bist, wenn du den Weg in die ewige Ruhe suchst!«

Und es half nichts und galt nichts, überwältigt und beseligt von solcher Rede, kniete Dante nieder und küßte bescheiden das Beatricechen auf beide Backen und auf die Stirne und auf den noch so unirdischen Mund. Dann aber hob er sich auf und riß dem Sindaco die Lobrede von der Lippe:

.,O ja, Donna Rosalia, du hast die beste Stadt gebaut, diese Töchter da wie Paläste, diese Söhne wie Türme, diese Rosalina wie eine fromme Kapelle und diese Beatrice wie ein Christkind über allem . . . Und du hast weit besser gedichtet als jener Dante, von dem du sprachst. Sind deine Erwachsenen nicht lebendige Epen der Arbeit und deine Kleinen nicht die zartesten Sonette der Liebe? Und was du singst, das tust du auch. Bei dir ist Poesie und Prosa eines. Darum hast du den Frieden, während jener Dante wie der ewige Jude sich von einem immer ins andere flüchten muß, immer halb und wieder halb, und darum nie einen richtigen Frieden findet . . . Aber ich weiß, wenn er deine Stube, deine Kinder, deinen Stolz und deine tapfere Ruhe gekostet hätte wie ich, dann würde er als ein anderer aus deiner Türe gehen . . . Der Friede mit dir, Donna Rosalia! . . . Und nun sag' es auch uns!«

»Der Friede mit euch!« lächelte die Frau ernst, »und wo du den großen Unruhigen triffst, gib ihm diesen Frieden weiter . . .!« Sie schloß die Augen und sah dennoch, von allen Leuten in der Stube nur sie, den Dante Alighieri

. . . Beim Pfarrhaus wartete schon Matteo mit grauen Schatten im Gesicht. »Ich weiß, ich weiß,« schnitt ihm Dante gelassen den bösen Bericht ab. »Dort schwebt es über der Stadt, das Nein. Aber es ist indessen ganz weiß geworden, eine Schönwetterwolke. Wir werden eine frohe Rückfahrt haben. Wisse, Matteo, ich bin vor dir in Florenz gewesen, ich trag' es bei mir, das schönste und echteste Florenz . . .« Und mit einer vielwissenden Fröhlichkeit stieg er aufs Maultier und ritt langsam gegen Ravenna zurück. Wohl atmete er schwer, aber war dabei ungewöhnlich munter und gebärdete sich, als wären sie nicht zu zweit, sondern zu dritt, als hüpfte neben ihnen noch etwas Leichtfüßiges, eine Rosalina oder Beatrice oder der Friede selber mit den Lilienfüßen.

Das geschah am ersten August 1321. Am vierzehnten September lag Dante schon im Sarg. Er war schön anzuschauen. Nicht mehr das düstere Inferno, noch das sehnsüchtige Purgatorio, sondern der Glanz des Paradiso lag ganz allein über seinem rührend magern und stummen Angesicht.

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