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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Achtes Kapitel

Am Abend des gleichen Tages hatte Paul Haake wiederum eine schwere Krisis durchzukämpfen. Lag eine solche Verderbtheit, eine solche Verruchtheit, eine solche Hartnäckigkeit im Lügen im Bereiche des Menschenmöglichen? Hatte das Mädchen am Ende recht, und war er durch Sorge und Trunk, Trunk und Sorge verrückt geworden?

Unten im Kretscham feierte irgendeine Gesellschaft, Feuerwehr oder Kriegerverein, ihr Stiftungsfest. Das Gebälk des Hauses erdröhnte von Blechmusik und vom Gestampf und Gejohle der Tanzenden. Er schwankte noch immer, hinunterzugehen und im wilden Getümmel Betäubung zu suchen.

Was war es, was hielt ihn ab davon?

Zunächst etwas Ähnliches wie das, was den Selbstmörder zögern läßt, den Hahn der tödlichen Waffe abzudrücken. Fing er heute zu trinken an, so mußte man ihn vielleicht in acht Tagen unter allen Anzeichen des Delirium potatorum in ein Hospital abschieben. Das würde schließlich sogar die schon im Beginne liegende letzte Absicht sein. Gewiß für sein Zögern ein triftiger Grund, aber es gab noch einen anderen. Es war Paul Haake in einem gewissen Augenblick so vorgekommen, als ob ein Blitz nichtsnutzigen Einverständnisses aus Wandas Augen für ihn bestimmt gewesen sei, und dieses gänzlich unerwiesene Liebessignal war es, weshalb er seinen Fenstersturz, seinen Genickbruch noch hinauszögerte. Verfluchte Welt! Wofür sollte man leben, wenn das Dasein doch nur Heulen und Zähneklappern war! Ehe man aber zum Letzten schritt, mußte man sicher sein, nicht womöglich einen nahen Himmel verscherzt zu haben.

In solchen Gedanken, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, ohne zu Abend gegessen und irgend etwas getrunken zu haben, nickte der Bildhauer ein. Es war, als ob er auf etwas wartete. Es war ein Warten auf etwas, dessen Kommen ganz unwahrscheinlich ist und höchstens in Träumen sich verwirklicht. Noch immer zitterte das Gebäude von Tanz und Blechmusik, und ein Getöse erfüllte die Wände.

Da kam es: Haake fühlte sich von zwei Händen rechts und links an den Schläfenhaaren gepackt, fühlte sich geschüttelt und geküßt und hatte im Augenblick darauf Wanda auf seinen Knien sitzen. Es wäre ihm um ein Haar der Atem weggeblieben, und wenig fehlte, so wäre er übergeschnappt. Dann aber löste sich alles auf, er umklammerte Wanda, er schluchzte, er weinte.

Die ganze Nacht ging sie nicht wieder fort. Es wäre ein großer Glücksfall, sagte sie, daß Balduin in Kottbus sei und übermorgen erst wiederkäme. Nie erfuhr Paul Haake von ihr, auch in den besten Zeiten nicht, eine so überströmende Zärtlichkeit. Sie gehörte ihm wirklich mit Leib und Seele.

Er vergaß den erlittenen Schrecken, die beinah tödliche Verzweiflung, in die ihn ihre Flucht gestürzt hatte, vergaß, daß er nahe daran war, in Trunk, Schmutz und Wahnsinn zu enden, vergaß ihr Lügen und Leugnen, sogar seine Eifersucht. Die niederträchtige Verderbtheit ihres Wesens verzieh er ihr, und während sie wie eine kühle, glatte Schlange eng um ihn gewunden lag, wo sollte da seine Eifersucht Raum finden?!

»Ich kann nicht Knall und Fall mit dir davonlaufen!« sagte sie. »Du mußt noch einige Tage hierbleiben. Vor allem, ich bin bei diesem Halunken, diesem Schubiack, diesem ungebildeten Lumpen, diesem Saukerl gemeinen, dem Balduin, in Schulden geraten. Ehe ich sie nicht bezahlt habe, ist kein Fortkommen. Dieser Kerl ist imstande und bindet mir nicht nur Hände und Füße, sondern er stopft mir auch was in den Mund, das mich am Schreien verhindert!«

»Nun, das wollen wir ihm schon austreiben!«

»Der und austreiben! Da kennst du ihn nicht. Der hat eine Brust wie ein Wirbeltier, zwei Arme: zwei Keulen! Zwei Fäuste wie zwei Hämmer aus Eisen: alles ganz, sagt Pudelko, wie bei einem Wirbeltier. Zahlen muß man, sonst ist nichts zu machen!«

»Würde dir mit zweihundert Mark geholfen sein?«

»Gib sie nur her! Wir werden ja sehen, ob mir damit geholfen ist. Erweichen läßt dieser Gauner sich nicht. Durch Bitten läßt er sich nicht erweichen. Ich habe geschrien, geschrien, sage ich dir! Aber glaubst du, das hat was genutzt? Nichts hat es genutzt! Alle Knochen hat er mir förmlich zerbrochen!«

»Bei welcher Gelegenheit war denn das?«

»Das war bei keiner Gelegenheit. Ich sage nur so, wie er eben ist. Hast du die zweihundert Mark noch vorrätig? Du kannst mir glauben, ich bin über diese ganze Sache sehr traurig, Paul! Ich komme natürlich zu dir zurück. Ich werde doch nicht so blöde sein, mich von diesem Raubtierbändiger, diesem meschuggenen, verhurten Menschenschinder täglich mehrmals auf das Drahtseil hinaufprügeln zu lassen! Und beim Herunterkommen, schwöre ich dir, macht er ebensowenig Umstände. Geld muß er sehen, nur Geld muß er sehen, wenn ich loskommen soll. Die Frage ist: kannst du das beschaffen?«

»Wieviel, meinst du, würde nötig sein?«

»Nicht unter dreihundert Mark würden nötig sein. Aber diese Hyäne ist zu geldgierig. Wenn er Lunte riecht, gibt er mich nicht unter vier-, unter fünfhundert los!«

So ging es, von den Rasereien der Liebe und des Wiedersehens unterbrochen, bis gegen die Morgenstunden fort, beim Gedröhne des Hauses von tanzenden Stiefeln und Blechgeschmetter. Als Paul Haake schließlich ein wenig einnickte, stahl sie sich fort, die rechtmäßig angeeignete Summe Geldes in der Tasche. Beim Aufwachen bestätigte sich der Bildhauer, daß er auf der Leiter der Witwe Flunkert eine Sprosse weitergekommen war. Er wußte nur nicht, ob nach unten oder nach oben.

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