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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Siebentes Kapitel

Paul Haake war Ortsgespräch geworden. Es schwirrten Gerüchte widersprechendster Art über ihn herum. In der Apotheke ließ man ihn einen reichen, übergeschnappten Engländer sein. Andere machten ihn gar zum Mädchenhändler. Selbst Frau Direktor Flunkert, die ihn am vierten Tage gebügelt und geschniegelt hatte durch den Ort schreiten sehen, wurde irre an ihm. Schließlich gab es nicht viele, die Zeit und Geld genug hatten, einer Dirne durch dick und dünn nachzusteigen.

Die geprügelte Frau von Flunkert junior, die in Breslau auf dem Drahtseil gestanden hatte und mit Vornamen Elsa hieß, war auf Catalina eifersüchtig, die sie in jeder Beziehung zu ersetzen schien. Schließlich waren ihre Umstände so, daß sie ihrem Manne weder auf dem Seil noch auch sonst mehr genugtun konnte. Weil aber ihre Eifersucht stärker als ihre Klugheit war, so empfing Paul Haake am vierten Morgen einen Brief, den sie geheimzuhalten ersuchte und in dem sie klipp und klar mitteilte, daß Catalina keineswegs eine geborene Catalina Godoy, sondern selbstverständlich Wanda sei.

Darüber hegte nun zwar der Künstler keinen Zweifel, aber mit diesem Briefe lag eine nicht zu unterschätzende Tatsache vor, deren Verwertung aufs beste durchdacht sein wollte. Die Frau seines Feindes nahm seine Partei. Sie hatte ihm außerdem ein wichtiges Dokument in die Hand gespielt. Auch das war klar: sie wünschte das Mädchen abzuschieben. Nur wenig später als dieser Brief traf ein Schreiben aus Oppeln ein, worin die Mutter dem Künstler eine Menge Guttaten an ihrer Tochter und die Absicht bestätigte, sie zu heiraten. Mit diesen Belegstücken in der Hand, schien es dem verlassenen und verschmähten Liebhaber das einzig Richtige, den weiblichen Chef dieses fahrenden Lumpengesindels, die verwitwete Flunkert, ins Vertrauen zu ziehn und mit ihr die Sachlage zu beraten.

Die Witwe Flunkert war einverstanden. Sie empfing den Künstler in ihrem Wohnwagen. Haake fand es recht gemütlich darin. – »Es trifft sich gut«, sagte die mit goldenen Fingerringen und anderem Schmuck überladene Frau, deren Kleid, Gott weiß aus welchem Grunde, tief ausgeschnitten war, »es trifft sich gut, daß mein Sohn nach Kottbus gefahren ist, wir können uns also ganz ungestört unterhalten. Ich sehe, Sie sind ein honetter Mann. Das war am Anfang nicht zu erkennen. Sie wissen ja, auf welch eigentümliche Weise Sie sich in unserem Zirkus bekanntmachten. Nun, ich bin alt genug, um zu wissen, was für eine Klaviatur die Liebe aus einem vernünftigen Menschen machen kann!«

»Eine Klaviatur? Was soll das heißen?«

Die Dame fuhr fort, ein wenig nach Luft ringend und einem Kanarienvogel Ruhe gebietend, der die Begleitung zu ihren Worten schmetterte: »Ich sage, Sie sind ein honetter Mann. Wollen Sie nicht lieber von dem Mädchen ablassen, ganz gleichgültig, ob es Wanda ist oder nicht? Ich sage meinem Sohn ganz dasselbe. Für honette Männer, wie Sie und mein Balduin, ist doch eine solche Mistkröte, ein solches Miststück nichts. Sie kann Sie doch nur zur Klaviatur machen! Dazu ist doch Balduin und sind auch Sie zu gut dazu.«

Sie stopfte sich Tabak in die Nase.

»Sehn Sie, mein Herr, Sie werden begreifen, ich rede mütterlich. Vor zwei Monaten ist mir mein Mann gestorben!« – Dies gesagt, fing sie auf einmal schrecklich zu flennen an. Aber sie sammelte sich sogleich wieder mit Hilfe eines alten, sehr feinen Spitzentaschentuchs, das sie zu diesem Zwecke aus dem Busen nahm, Wimpern und Mund damit betupfend. Es mußte, dachte Haake, als sie es wieder zurücksteckte, unbedingt eine erhebliche Menge Schnupftabaks gleichzeitig in dem Tale des Busens begraben worden sein. Er tröstete sich, sie werde ihn im geeigneten Augenblick wieder vorfinden.

Nun aber war sie in eine gewisse Rührung mit sich selbst hineingeraten: »Herr Professor, Sie haben mich da vor einigen Tagen mit einer Reihe abscheulicher Namen benannt!« – Sie drohte ihm schalkhaft mit dem Finger: »Ja, ja, Sie wissen natürlich von nichts. Aber ein halbes Dutzend davon hat sich mir doch unauslöschlich eingeprägt. Die eine Bezeichnung, glaube ich, hieß Puffmutter. Ich weiß nicht, was eine Puffmutter ist. Glauben Sie mir, mein Herr, daß man doch wohl nicht immer der Schmied seines Schicksals ist. Sie wissen auch nicht, wenn Sie glücklich eine Leitersprosse ersteigen, ob die Leiter nach unten oder nach oben führt. Sie denken vielleicht, sie führt nach oben, und kommen zu Ihrer Verdutzung unten an. Meine Geschichte ist viel zu lang, als daß ich sie Ihnen erzählen könnte, mein werter Herr Bildhauer. Aber glauben Sie mir, es ist mir nicht anders als Ihnen ergangen. Darum habe ich schließlich mit Ihnen und jedermann Mitgefühl. Damit fing es an: auch mich hat die Liebe einmal zur Klaviatur gemacht!«

Nun brach sie ab. Sie wurde auf einmal kühl und hoheitsvoll. Ihr entfuhr ein Seufzer der Resignation, der den Kanarienvogel erschrocken an der Ecke seines Bauers kleben machte. »Wir verlieren viel«, sagte sie, »wenn wir die Nummer Pipilada absetzen müssen. Aber ich möchte um Ihretwillen, mehr noch um meines Sohnes willen und schließlich um meiner Schwiegertochter willen wünschen, daß die Sache in Ordnung kommt!«

Er gab ihr den Brief von Wandas Mutter.

»Wenn es Wanda ist, wenn sie mit Ihnen geht, versäumen Sie keinen Augenblick! Bei Balduin will ich die Sache verantworten. Aber trauen Sie einer alten Frau: ein solches Mistvieh heiratet man nicht, oder höchstens im Alter von fünfzig Jahren.«

Pipilada kam, mit einer gelblichschwarzen, fürchterlichen Bulldogge spielend, die ihr immer wieder bis an die Nase sprang, als man sie zur Chefin gerufen hatte. Die Dogge hieß im Zivilleben Grunz, weil sie fortwährend schnaufen und grunzen mußte. Auf den Plakaten zeichnete sie als »Fingal, der kamtschadalische Löwenhund«. Wanda wußte nicht, wie ihr Handel stand, deshalb blieb sie beim Anblick Haakes gleichgültig. Dann blieb sie eigensinnig dabei, sie sei weder Wanda – der Bildhauer täusche sich –, noch sei der vorgewiesene Brief aus Oppeln ein Brief ihrer Mutter. Sie denke auch gar nicht daran, den Vertrag zu brechen, den sie mit Direktor Flunkert geschlossen hätte.

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