Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Die Aussagen widersprachen einander. Eine Entscheidung war nicht zu treffen. Das Recht einzugreifen hatte der Amtsvorsteher nicht, weil ja schließlich, auch wenn die Angaben Paul Haakes zutreffend gewesen wären, damit ein solches Recht noch nicht gegeben war. Überdies legte Balduin Flunkert, der im Auftrage seiner Mutter den Zirkus leitete, Papiere vor, die auf Catalina Godoy lauteten und ein Engagementsverhältnis Catalinas bewiesen, vertraglich mit den Eltern geregelt, welches Catalina mit dem Zirkus verband.

Paul Haake war wie vor den Kopf geschlagen. Er ging, in das Gasthaus zurückgekehrt, sofort in die Schenkstube, wo er hinter einem Ecktisch, düster brütend und vor sich hinglotzend, Stunde um Stunde ein Seidel Bier nach dem andern, einen Kornschnaps nach dem andern in sich hineinschüttete. Was er mit seinem inneren Auge sah, war immer wieder der Augenblick einer schweren Gewalttat, an ein und demselben Menschen begangen, Befriedigung eines brennenden Rachedurstes, auf alle möglichen Arten und Weisen durchgeführt.

In der entgegengesetzten Ecke der Schenkstube saß ein Mensch, den der stiere Trinker nicht wiedererkannte, obgleich es der Fahrer, Wagenputzer und Dumme August Pudelko war, den er im Zimmer des Amtsvorstehers gesehen hatte. Flunkert hatte ihn abgeordnet, den Bildhauer zu beobachten. Als einige Leute aufstanden, um in den Zirkus zu gehen, erhob sich auch Haake, um das gleiche zu tun. Weder auf der Dorfstraße, noch weniger, als er sich dem dicken Menschenringe annäherte, der diesmal die Manege umgab, wurde er von Pudelko aus den Augen gelassen. Als er, nach vorn und hinten wiegend, seine Eintrittskarte forderte, stand Pudelko neben der Direktorin.

Nun fing der Skandal von neuem an.

Paul Haake war ein kräftiger und entschlossener Mann. Der göttliche Funke glühte in ihm. Einst ein armer Handwerksgesell, waren ihm heut die Michelangelos, Donatellos, die Schlüters, die Schadows, die Klingers, die Gauls Vettern geworden. Der Tod seines Meisters und die Vollendung seines Werkes hatten seine Tüchtigkeit mit einem Schlage bekanntgemacht, und es warteten seiner große Aufträge. Sein Kopf hatte bereits die Prägung einer höheren Bestimmung angenommen. Das fiel ganz besonders auf, wenn man seine Züge mit denen Flunkerts verglich, dieser Visage, aus der die Gemeinheit hervorleuchtete. Was aber nun geschah, das zeigte den Künstler Paul Haake im Zustand allertiefster Entwürdigung. Weil man ihm den Eintritt verweigerte, fing er zu krakeelen an. Es hieß, er störe die Vorstellung und sei überdies total betrunken. Da meldete sich in Paul Haake, unter lauten Ausbrüchen, ein altes, längst nicht mehr gebrauchtes Wörterverzeichnis an, das seine Herkunft nicht verleugnete. Er brüllte laut und bombardierte damit die Direktorin. Er selbst erschrak über seine Ausdrücke. Gern hätte er jetzt seinen Rückzug genommen, aber ein Dämon peitschte ihn, und so kam es ihm vor, er wußte es nicht, als ob er mit seinem Stocke nach der Direktorin geschlagen habe. Diese Vorstellung ärgerte ihn, während er, mit dem Rücken in einer Pfütze, alle viere von sich streckte, es aber trotz aller Mühe nicht weiterbrachte, als auf allen vieren durch dieselbe Kotlache hinzukriechen. Pudelko hatte an dem Schwerbetrunkenen auf billige Weise die Tritte gerächt, die sein Direktor hinten, er vorn erhalten hatte.

Am Morgen erwachte Haake mit einem Brummschädel. Er hatte keine Ahnung davon, was an der Zirkuskasse geschehen war. An verschiedenen Körperteilen empfand er Schmerzen. Er war erstaunt, als er eine Anzahl blutunterlaufener Stellen an seinem Leichnam feststellte. Hatte er seine Uhr eingebüßt? Aber nein, er fand sie in seiner Hosentasche. Etwas sehr Übles, etwas sehr Beschämendes mußte ja doch geschehen sein. Bei Wanda konnte ihn das nicht einheben, in seinem Kampfe um sie nicht nützlich sein. Überhaupt: der Tiefpunkt seiner Versumpfung war erreicht. Er sagte zu sich: Du bist ein Schwein! In der Tat, um dies sich zu bestätigen, brauchte Haake nur um sich zu blicken. Die Diele, sein Bett, sein Hemd, seine Kleider starrten gleichermaßen von Unflätigkeit. Es stank wie in einem Raubtierzwinger. Es überkam ihn ein Grauen der Scham. Er wußte nicht, wie er die ganze Schmach, den ganzen Unrat, der ihn umgab, vor den Leuten verbergen sollte. Sein Schlund war so trocken, als hätte ihn eine Wüstensonne ausgedörrt. Aber der kleine Wasserkrug, der im Waschbecken stand, erwies sich als leer, als er ihn gierig an den Mund setzte. Was doch die Vergeßlichkeit einer Magd für entsetzliche Folgen haben kann! Schließlich und endlich half ihm die Magd. Er gab ihr Geld, aber auch ohne das hatte sie Mitleid mit ihm: sie wußte von seiner Liebesgeschichte. Auf versteckte Weise setzte sie Bett und Kleider instand, brachte wieder und wieder in Eimern Wasser herein, und Haake faßte gute Vorsätze. Er schwor sich, daß dieser Sturz der tiefste sein sollte, den er getan hätte. Nun müsse es wieder aufwärtsgehen.

Er dachte über den Zustand nach, der ihn auf so unbegreifliche Weise verändert hatte. Während Wanda noch bei ihm war, wußte er eigentlich nichts von seiner schrecklichen Hörigkeit. Es gibt Lemuren, es gibt Vampire. Hatte sie nicht bei ihrer Flucht, außer einer hübschen Summe Geldes, seine ganze Lebenskraft mit sich genommen? Er blieb zurück als ein leerer Schlauch, den er, sollte er eine Gestalt behalten, einen Inhalt bekommen, immer wieder mit Bier, Wein oder Schnaps füllen mußte. Das beste wäre, du ließest sie laufen! denkt er bei sich. Und nun fängt er an, sich dies Luder, dies Laster zu entwerten. Nie und nimmer wird er um ihretwillen vor die Hunde gehn!

Noch immer beträgt seine Barschaft mehrere hundert Mark. Das weiß der Wirt und behält ihn deshalb, obgleich die Skandale, die er anzettelt, ihn geneigt machen, den Gast vor die Tür zu setzen. Nun aber, nach der zweiten Nacht, am dritten Tage seiner Gegenwart, tritt Ruhe ein. Ich werde mich selbst, hat der Künstler zu sich gesagt, am Schopf fassen und aus der Kloake herausziehen.

Er begibt sich alsbald zu Bett und ist am vierten Morgen, mit neuem Hemd, neuem Kragen, neuen Schuhen, gereinigten und geplätteten Kleidern, beinahe ein Gentleman. Aber er bleibt: er denkt nicht an Abreise.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.