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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Was geschehen mußte, geschah zu Weinsberg im Gasthaus Zum Ochsen. Bis dorthin war der Zirkus Mitte Juni gelangt. Zahllose Ortschaften mit den allerseltsamsten Namen waren passiert worden. Man hatte den Teutoburger Wald überquert, war durch das Münsterland an den Rhein gekommen, längs des Stromes aufwärts gegangen, bei Offenburg war man nach Osten gebogen und schließlich, über Stuttgart und Heilbronn, in Weinsberg gelandet. So ward der kleine, neugeborene Paul Haake ein Weinsberger Kind.

Das Bett der kreißenden Mutter verließ der Gatte nicht. Die Hebamme machte den Eindruck einer Zigeunerin. Ihr Antlitz, olivfarb und von zahllosen Runzeln wie von einem feinen Netz überdeckt, konnte als Modell einer Schicksalsschwester, einer Norne, genommen werden, einer solchen freilich, der Leid und Schmerz des Lebens selbst nicht fremd geblieben war. Sie hatte Handtücher am Fußende der Bettstelle so befestigt, daß die Gebärende, wenn die Wehen kamen, hineingreifen und diese, indem sie sich daran festhielt, verstärken konnte. Wanda erduldete alle Pein, ohne daß sie auch nur einen einzigen Laut des Schmerzes von sich gegeben hätte.

»Schreie doch, dummes kleines Geschöpf! Schreie doch! Schreie doch!« mahnte die Zigeunerin. »Das tut ja gut, das erleichtert dich ja!« Aber sie konnte bei Wanda nichts ausrichten.

Als der Junge endlich geboren war, war Haakes Widerstandskraft zu Ende. Er ging hinaus und wußte eine Zeitlang von sich nichts mehr.

Dann ereilte ihn eine schwarze Stunde.

Er überblickte mit Hellsicht seinen eigenen Lebensgang: die Martern im Zustand des Windelkindes, die Hilflosigkeit, das Verzweiflungsweinen der frühen Kinderzeit, die Ängste, die Sorgen, das Sichkrankfühlen, die Alpe vom Menschenfresser, vom schwarzen Mann, den ersten Schulgang, die Bosheit der Schulkinder, die Meißelschläge, die er in der Werkstatt des Vaters an Grabkreuzen und Grabtafeln und hernach auf Bauplätzen und Steinbrüchen gemacht hatte. Wer nennt ihre Zahl? Wer zählt die Schweißtropfen, die dabei geflossen sind? Und er gedenkt der hetzenden Arbeit des Gedankens. Man fühlt sich erniedrigt, will hinauf. Träume martern an heißen Tagen, in schlaflosen Nächten. Pläne entstehen, gelingen, mißlingen, wechseln ab. Man steht unter ungeheuren Glücksfällen: die Vollendung des Toberentz-Brunnens, und so fort. Und doch, und doch: immer wieder Ohnmacht, Versagen, Zusammenbruch! Warum? Wer wird es glauben? Weil die Liebe, die Liebe ins Leben getreten ist! Und man schließt sich in einen Ekel ein, der immer wieder die Wirkung von allem ist! Und dies alles sollte das kleine, katzenfauchende Würmchen dort drin, diese Fron des Lebens sollte der neue Paul Haake ebenfalls wieder durchmachen?! Ein unwiderstehliches, trockenes Röcheln und Weinen schüttelte den starken Mann.

Aber dann ging er hinein, besah sich das Kind, die schlafende Mutter, hatte die Augen voll wirklicher Tränen der Glückseligkeit und faßte für sich und die beiden gute Vorsätze. Dies war die Wendung, sollte es sein! Dieser Junge mußte ganz anders aufwachsen! Das kleine Zirkusintermezzo war eine belanglose Albernheit. Noch war nichts verloren. Er kehrte binnen wenigen Wochen in seinen wahren Beruf zurück, um ihn fortan nicht zu verlassen!

Während des Wochenbettes nahm er Anlaß, der Prinzipalin und dann auch Balduin im guten wegen des Geldes nahezutreten. Sie wollten sich vergleichen, sagte er. Man möge ihm seine Einlage im Laufe von zwei Jahren nach und nach zurückerstatten. Haake durchschaute, wenn er wollte, praktische Dinge leicht. Er wäre als Vermögensverwalter, das erkannten schon die Damen Ingeström, sehr brauchbar gewesen. Aber die Flunkerts waren entschlossen, das Geld zu behalten. Und so erntete Haake auch diesmal nur Finten und Ausflüchte.

Nach den Zahlungen an das Gasthaus Zum Ochsen war er fast vollständig mittellos. Er forderte eine Summe von tausend Mark, um mit Wanda und seinem Kinde nach Breslau zu gehen und dort wieder anzuknüpfen. Er wußte, daß dies möglich war. O Gott, es wären nicht zweihundert Mark in der Kasse, sagte Balduin, und er mache ja schließlich die Rechnung ohne den Wirt, denn Wanda wolle ja lieber heut als morgen wieder auftreten!

Das Kind gedieh, und Wanda hatte nach wenigen Wochen eine neue Schönheit erlangt, die Haakes Leidenschaft bis zu einem gefährlichen Grade steigerte. Sie sagte nicht nein, wenn die Frage, nach Breslau zurückzukehren, erörtert wurde. Aber ebensowenig sagte sie ja. Sie könne sich allerdings kaum vorstellen, äußerte sie, wie sie ohne ihren Beruf leben könne. Auch leuchtete allbereits wieder in Haakes Auge die Glut jener krankhaften Eifersucht, mit der er sie in den Breslauer Tagen so furchtbar gequält hatte.

Man hatte Haake mit Fusel zu ruinieren versucht. Man hoffte, sich eine jener Katastrophen wiederholen zu sehen, für die er bekannt war und die es wahrscheinlich ermöglicht hätte, ihn mit Hilfe der Polizei abzuschieben. Nur teilweise aber ging der Bildhauer darauf ein. Er trank. Der Branntwein mundete ihm. Er machte ihn, je nachdem, heiter oder düster aufgeregt. Doch behielt er sich immer in der Hand. Mit der Geburt seines Sohnes jedoch schien seine Leidenschaft für den Alkohol abgeschnitten. Während des Wochenbettes goß er, allerdings als ob er einen Brand löschen wollte, immer nur Wasser in sich hinein.

Jedermann in der Zirkusgesellschaft bemerkte diese Veränderung, dieses Grübeln, Sinnen, dieses ruhelose Umhergehen, diese Abwesenheit des Geistes beim Hervortreten aus der Gasthofstür, dieses geschäftige Laufen und Heimtragen von Apothekerwaren, dieses fortgesetzte Aussprechen eines einzigen weiblichen Vornamens, diese Berichte über das Befinden des Säuglings an der Mutterbrust. Bald war von alledem Angst die Grundlage, dann wieder Hoffnung, Freude, tolle Heiterkeit, und zwar immer auf übertriebene Art.

Daß er so in den Augen aller zur komischen Figur wurde, lag daran, daß jedermann die Hörner auf seiner Stirne sah.

Aber der Arme merkte nichts von dem Gekicher in seiner Nähe, vor und hinter ihm. Die schlechten Witze, die über ihn gemacht wurden, hörte er nicht. Er stutzte wohl einen Augenblick, wenn man von dem Säugling sprach, der um zwei Monate zu früh gekommen war, und wenn man sich gar nicht darüber sattstaunen konnte, wie es doch trotzdem ein so schwerer, ausgetragener Junge sein könne. Darüber habe auch der Arzt sich gewundert, sagte er, schien aber nichts weiter dabei zu finden.

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