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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Dreißigstes Kapitel

Kurz nachdem Haake sich vor seinem Freunde Maack hatte verleugnen lassen, erhielt er einen Brief von ihm. Er bekam die Leviten gründlich gelesen: »Du mußt mich nicht für geradezu polizeiwidrig dumm halten, lieber Paul. Ich weiß ganz genau, daß Du bei dem Flunkertgesindel bist! Nun gut, Du läßt Dich vor mir verleugnen: gratuliere zur Rutschbahn, Herr Professor!« – So und so ähnlich hieß es darin.

Und weiter: »Hiermit mache ich Dir aber doch eine Mitteilung. Es liegt nicht an Dir, wenn sie nicht schlimmer ausgefallen ist. Du spielst den Verschollenen. Vier Wochen lang erreichten Dich auch die Briefe einer gewissen Försterstochter nicht. Dann kam sie zu mir. Und ich kann Dir sagen, den Feez, den sie machte, wünsche ich Dir! Sie erwarte ein Kind, und so fort und so fort. Aber Donnerwetternochmal, ein kerniges Frauenzimmer! Als sie erfuhr, daß Du wieder bei Deinem geliebten Weibe bist, sagte sie nichts mehr und sauste von dannen. Acht Tage später – ich ahnte nichts Gutes! – hielt ich einen Brief, Absender Forstmeister Ronke, in der Hand. Forstmeister Ronke! wie wird Dir da, lieber Junge!? – Was gehst Du mich eigentlich an, allerhöchst zu verehrender Leimsieder, daß mir die Sache so in die Glieder fuhr?! Ich dachte, nun ist es raus: der Rotbart will uns nur noch pro forma einige Tage Zeit lassen, ehe er uns über den Haufen knallt! Mich, dachte ich, so zur Gesellschaft mit. Gott soll mich behüten vor meinen Freunden! – Was meinst Du wohl, wie gesund das ist! Dir hätt' ich ja mal so was um die Ohren gegönnt, Allerwertester!! – Es ist aber leider anders gekommen: hocherfreut teilt Forstmeister Ronke mit, daß seine Tochter Mieke sich mit Forstassessor Mahlmann verlobt habe! Und ich setze hinzu: sie hat gestern tatsächlich das Hornvieh zum Altar geführt! – Dir herzlich: Fröhliches Drahtseil! Leb gesund! Prosit Mahlzeit! Wünsche ergebenst, wohl zu baumeln!«

Haake war belustigt, dann beängstigt, dann erlöst und schließlich gepeinigt durch diesen Brief. Er hätte den Forstassessor gern mögen totschlagen, der ihn gleichsam auf dem Wrack seines Lebens sitzen ließ und mit der letzten seefesten Rettungsbarke und einem darin verstauten Goldklumpen von dannen fuhr. Einen Augenblick lang erreichten seine Gedanken den tiefsten Grad der Erbärmlichkeit, als er mit den unausgesprochenen Worten: Ich werde ihm die Suppe versalzen! einen Brief an ihn zu schreiben erwog, der ihm die Augen öffnen mußte. Etwa so und so: Ich habe Mieke Ronke verführt, und wenn sie ein Kind erwartet, so ist es von mir. Sie werden das schon daran erkennen, Herr Forstassessor, daß es statt nach neun Monaten schon nach sieben erscheinen wird! Damit hätte er dann wenigstens das entwendete Rettungsboot in Grund gebohrt.

Wanda fragte: »Was steht in dem Brief?« Sie war durch ein verändertes Wesen Haakes beunruhigt. Er ging fort ohne Antwort und ließ sie allein. Als er am Abend wiederkam, hatten ihn fast ununterbrochen bitterschmerzliche Bilder eines für immer verlorenen häuslichen Glückes umtaumelt.

Tags darauf war er wieder in den langsam kriechenden Strom einer selbstgewählten Lebensmisere einbezogen.

Denn eine solche umgab ihn nun.

Die Bauernfängertaktik, durch die Familie Flunkert von langer Hand vorbereitet und mit unerhörter Frechheit bis zum glücklichen Ende durchgeführt, nämlich die Erleichterung des Opfers um dreißigtausend Mark, war nun in die zweite Phase getreten. In der ersten hatte man mit Hilfe Wandas den dummen Bauern herangezogen, um ihm zunächst die Vaterschaft Balduin Flunkerts aufzuladen, von dem natürlich das zu erwartende Kind Wandas abstammte. Da der Appetit beim Essen kommt, ging man, nachdem man erkannt hatte, wie fest er am Köder, nämlich an Wanda, hing, weiter, lockte ihn auf den Leim durch einen Sturm gutgespielter Herzlichkeit und kam dadurch zum erwünschten Ziele. Die zweite Phase mußte nun einen ganz anderen Zweck haben. Nichts anderes nämlich, als den unerwünschten Teilhaber, den unbequemen Gläubiger so schnell wie möglich loszuwerden.

So schnell aber, als man es wünschte, ging es nicht.

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