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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Wanda ergriff nun plötzlich das Wort. Sie tat es auf eine Art und Weise, durch die Haake völlig getäuscht wurde. Es war, als male sie in übermütiger Stimmung ein Luftschloß aus. Haake solle Zirkusteilhaber, Haake und Flunkert Kompagnons werden und sich in die Leitung des Unternehmens teilen, natürlich unter dem Zepter der Direktorin. Sie schmollte, als man so tat, wie wenn man sie auslache. Ihr Mann könne dem Zirkus überaus nützlich sein. Man dürfe es ihr nicht übelnehmen, daß sie ihren Mann nicht wieder hergeben wolle, was doch eines Tages geschehen müßte, wenn er seinen so ganz anders gearteten Beruf wieder aufnähme. Für seine Künstlerschaft und die ihm etwa daraus erwachsenden ideellen Verpflichtungen hatte Wanda nie einen Sinn. »Ich werde mein Metier«, fuhr sie fort, »ja doch niemals aufgeben!« – Sie hatte sich also insofern wieder geändert, als sie vor kurzem bereit war, mit ihm nach Breslau zu gehen. – »Nein, ich kann nun einmal nicht leben ohne meine Balancierstange, meine Übungen, den Geruch und die Aufregungen der Manege, ohne Lichterglanz und Beifall des Publikums. Ich würde nie darüber hinwegkommen. Eine Topfpflanze bin ich nicht, und wäre ich's, würdest du mich nicht liebhaben, Paul! Ich sage die Wahrheit, lacht mich aus, wenn ihr wollt! Ich fände es nett, ich fände es gemütlich, ich fände es behaglich, wenn Paul mit mir beim Zirkus wäre. Wir würden uns dann noch viel besser verstehen als jetzt, und du sagst ja, Paul, du hast für das Leben im Freien, für das Reisen auf der Landstraße, überhaupt für das ganze Vagabundendasein eine Vorliebe!«

Binnen kurzem war dieses Luftschloß insofern irdische Wirklichkeit, als der Bildhauer den weitaus größten Teil seiner Ersparnisse, etwa dreißigtausend Mark, gegen eine so und so formulierte Teilhaberschaft, so und so formulierte Sicherheit, Mitbesitz an lebendem sowie totem Inventar, in das Zirkusgeschäft gesteckt hatte.

Es war eigentlich mehr geschehen als von ihm getan worden, aber er hatte es gern geschehen lassen. Erstlich hing er, wie man es bei Künstlern oft findet, nicht besonders an Gut und Geld. Ging es verloren, so mußte man arbeiten, vorausgesetzt, daß man wieder welches besitzen wollte. Schließlich ging es auch, wenn man nur das Nötige für den Tagesbedarf zur Verfügung hatte. Er wußte das, weil er lange als Steinmetz, das heißt als Tagelöhner, sein Brot verdient hatte. Wenn man aber nicht arbeitete, ging es schließlich auch ohne das. Wie es dann ging, war Haakes Geheimnis.

Haake hing also nicht am Besitz, dachte jedoch auch nicht gerade daran, ihn wegzuwerfen. Eine Weile Zirkusdirektor spielen, konnte ja doch ganz unterhaltend sein. Und er hatte Wanda den Willen getan.

War ihm eigentlich in der Welt des Bürgertums und in Berührung mit der darüberliegenden Schichte jemals wohl zumute? Überall Bindungen, überall Verpflichtungen ideeller Art, welche das Leben unfrei machten. Arbeit und Tagelohn: eine kleine Gebundenheit. Arbeit und Leben in jenen Kreisen unter dem Auge der Öffentlichkeit: eine große Gefangenschaft! Und wer hoch hinaufsteigt, wird mit Notwendigkeit eines Tages um so tiefer herabstürzen. Er brauchte sich nur an den Fußtritt zu erinnern, der ihm durch Vermittlung der Damen Ingeström zuteil geworden war.

Das Verhältnis zu den Flunkerts hatte sich überdies beinahe in Freundschaft umgewandelt. Man wußte jetzt, in welcher Verfassung Wanda war, man gratulierte und freute sich herzlich. Mißverständnisse der Vergangenheit, Erinnerungen, die peinlich wirken konnten, entschuldigte man mit allseitig jugendlicher Unreife. Über solche Kinderkrankheiten, bei den Hunden Staupe genannt, war man hinaus.

Haake und Balduin duzten einander: »Du mußt dich so nach und nach in die Sache hineinfinden, Paul!« sagte Flunkert. Er gab dem Bildhauer Morgen für Morgen, bevor der Vertrag perfekt wurde, eine Art Unterricht. Er legte nicht selten dabei seinen Arm um ihn. Es wurden ihm auch die Bücher gezeigt, und man machte Pläne, wie man die ganze Unternehmung ausbauen und erweitern wollte.

Es wurde nicht wenig getrunken in dieser Zeit. Was mußte nicht alles besprochen und was, besprochen, nicht alles begossen werden! Endlich kam der Tag des Vertragsschlusses, und dieser artete natürlich in ein Gelage aus, das Meister Haake bezahlen durfte.

Wenn es nun so weit gekommen war, hatte schließlich auch Haakes eigensinniges Sonderlingstum mitgespielt. Es war ein Haß, war eine Wut gegen alles satte, wohlgenährte, wohlgepflegte bürgerliche Pharisäertum in ihm aufgekommen. Selbst vor Willi Maack, dem der Künstler so viel verdankte, machte diese Wut, dieser Haß nicht halt. Er ließ seine Briefe unbeantwortet. Rechtzeitig gewarnt, machte er sich unsichtbar, als eines Tages die Ankunft des Architekten bekannt wurde. Dieser konnte ihn nicht zu Gesicht bekommen. Mit einer bitteren Wollust verwühlte sich Haake in sein eigensinniges Pariatum.

So weit war alles für Haake, wie er glaubte, nach Wunsch und Willen gegangen. Fast unmittelbar, nachdem das Geld in den Händen der Witwe Flunkert verschwunden war, fingen die Mißhelligkeiten an.

Schon die erste Handlung, die Haake für den Zirkus zu tun unbedachterweise übernommen hatte, war eine traurige. Es handelte sich um Fingal-Grunz, den kamtschadalischen Löwenhund. Seine Kugel hatte das Schicksal gegossen. Aber Haake setzte sie ihm, von Flunkert aufgefordert, leider mit einem wohlgezielten Schuß ins Hirn. Als es die Prinzipalin erfuhr, ward sie rasend darüber. Der es entgelten mußte, war Haake und nicht ihr Sohn.

Die Bulldogge war, seit sie bei ihrer Nummer versagt hatte, nie mehr ganz auf die Beine gekommen. Sie wurde grämlich und schwer zu behandeln, bis sie eines Tages, wie immer verärgert, ihren Reiter, den kleinen Affen, abschüttelte und mit einem Schnapp ihrer immer noch furchtbaren Kiefer erledigte. Trotzdem hielt sie die Direktorin; umsonst blieb auch Balduins Drängen, sie abzutun.

Sie hatte lange und ehrlich gedient. Zahllose Anekdoten aus ihrem Leben, die jetzt zutage kamen, bewiesen, daß sie auch sonst eine außergewöhnliche Töle war. Ihr Begräbnis in der Lüneburger Heide geschah unter Beteiligung sämtlicher Mitglieder. Die Direktorin weinte. Es wäre bei Haakes Jähzorn furchtbar geworden, wenn er geahnt hätte, welche Bezeichnung seiner Person insgeheim von Mund zu Munde ging: man nannte den Künstler den neuen Abdecker!

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