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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Man hatte dem Wein, dem Gänsebraten und anderen guten Dingen eine Weile wacker zugesprochen, das Gesumme der Menschen, die alle gleichermaßen tranken und aßen, hatte seine festlich erregte Wirkung ausgeübt, als noch immer die wachsende Prosperität des Zirkus Flunkert, mit der die Prinzipalin das kleine Gelage von Anfang an gerechtfertigt hatte, Gegenstand des Gespräches blieb.

»Das«, sagte sie, »ist eben Sache der Klaviatur! Der Zirkus und überhaupt das Zirkusgeschäft geht einer glücklichen Zeit entgegen. Ich höre das von allen Seiten, Kollegen aus aller Welt schreiben mir das. Wir haben stille Teilhaber, deren Einlagen wir prozentual nach unseren Einnahmen verzinsen müssen. Nehmen wir an, es handelt sich um ein Kapital von dreißigtausend Mark und um eine Beteiligung von fünf Prozent. Wir spielen etwa im Jahre dreihundertmal. Wir bringen es, wenn wir dem Zirkus weiter, wie wir angefangen haben, neues Blut zuführen, sicher auf eine Durchschnittseinnahme von siebenhundert Mark. Hier in Bremen sind es zum Beispiel zirka zweitausend. Dreihundert Abende zu siebenhundert Mark sind zweihundertzehntausend Mark. Davon fünf Prozent sind rund zehntausend Mark. An dreißigtausend Mark verdient also der Teilhaber zehntausend Mark, was einer Verzinsung des Kapitals von etwa dreißig Prozent gleichkäme. Das ist ein Geschäft, Herr Professor«, schloß sie, »wie man es lange mit der Laterne vergebens suchen kann.«

Haake fand nichts dawider einzuwenden.

Flunkert, von diesem nicht beachtet, suchte mit gespannter Aufmerksamkeit, unter dem Fleischzerkleinern und -verschlingen, die Wirkung der Worte seiner Mutter vom Antlitz des Bildhauers abzulesen.

Diese fuhr lebhaft fort:

»Sie sind ja schließlich einer der Unseren, Herr Professor, Haben Sie doch ein Herz für uns fahrende Leute, Gaukler. Luftspringer, kurz, verachtete Artisten, die wir nun einmal sind! Schließlich sind Sie ja fast durch Familienbande mit uns vereinigt, als Gatte Wandas, die ja nun eine Zierde unserer Truppe geworden ist. Sie nehmen teil an unseren Sorgen, und wir sorgen sozusagen dafür, daß Sie auch, wie heut abend, an unseren Freuden teilnehmen. Ich weiß, Sie freuen sich gern mit uns. Es ist Ihnen lieb, es ist Ihnen angenehm, wenn wir Geschäfte machen, und Sie ärgern sich, so wie wir, wenn unsere Einnahmen schofel sind!«

»Gewiß!« nickte Haake. – »Gewiß, gewiß!« bestätigte das die Direktorin und setzte hinzu: »Darauf wollen wir anstoßen!«

Die Gläser klangen, und Haake war weit entfernt davon, zu bemerken, wie er nicht nur von Flunkert, sondern auch von Maskos und dem Baron, ja selbst von Wanda immer schärfer ins Auge gefaßt wurde.

Beinahe stotternd und als sei er erschrocken, etwas vergessen zu haben, fing nun Maskos über das Zirkusgeschäft im allgemeinen und besonderen sich zu verbreiten an. Vielleicht hatte ihn Flunkert auf den Fuß getreten. Wer Geld verfügbar habe und notabene das Glück, es bei einer soliden Zirkusgesellschaft anzulegen, der wäre ein Esel, wenn er es nicht täte. Leider böte sich für dergleichen Anlagen fast nie Gelegenheit.

»Ich«, sagte mit größter Entschiedenheit der Baron, »ich, meine Wenigkeit, wie ich hier sitze, ich, der ich ein Riesenvermögen auf unverantwortliche Weise verjuxt habe, würde mich haben retten können, wenn ich, woran ich damals dachte, meine letzten dreißigtausend Mark zum Beispiel in den Zirkus Flunkert gesteckt hätte! Wenn jemand es nicht täte, dem man die Möglichkeit dazu böte, sagte Herr Maskos, der müsse ein Esel sein! Ich will Ihnen sagen, was er wäre: kein Esel, sondern ein Ochse! Er wäre kein Ochse, sondern ein Riesenrhinozeros! Er wäre kein Riesenrhinozeros, sondern ...!«

»Halten Sie doch ...! Sie könnten wir gerade brauchen!« unterbrach ihn Flunkert und verfinsterte sich. Es war, als habe er eine Flut ganz anderer Worte zurückgedrängt. »Sie, und Einlagen! Sie, und Einlagen! Sie erbärmlicher, windiger Windhund Sie!«

Der Baron aber ließ sich nicht abbringen. Die Beschimpfungen des Artisten berührten ihn nicht. Wo eine Dame wie Ma'am an der Spitze steht, eine der klügsten Frauen der Welt, eine Prinzipalin von einer Sachkenntnis und Erfahrung, einer Umsicht und Treffsicherheit, wie sie zum zweitenmal in der ganzen Artistenwelt nicht zu finden ist, da sollte wohl der Baron Römerscheid mitsamt seinem restlichen Kapital von dreißigtausend Mark warm gebettet und sicher geborgen sein!

Dieser Rede war nicht zu widersprechen in Gegenwart der Direktorin. Mit stummen Blicken der Wut sah Maskos den Sprecher an.

»Was glauben Sie, wie mir wohl wäre, wenn ich meine zehntausend Mark Zinsen hätte, nach Italien gehen und meine kunsthistorischen Studien fortsetzen könnte. Ich würde zum Beispiel an meinem Buche über Dantes Verhältnis zu Botticelli weitergearbeitet haben ...«

»Sie Schöps Sie, Botticellis Verhältnis zu Dante vielleicht, sie waren zwei Jahrhunderte auseinander!« brummte der Bildhauer.

»Was hab' ich gesagt? Was hab' ich gesagt?«

Maskos quäkte durch den Lärm: »Am besten, Sie hätten gar nichts gesagt! Wir sprechen hier nämlich von ernsten Dingen!«

»Ja wirklich, das muß ich selbst sagen«, äußerte die Direktorin, »solcher Quatsch da! und was Sie da für verrückte Sachen ausspucken, interessiert uns wirklich nicht!«

Haake lachte so herzlich, daß ihm der Bauch wackelte.

»Nee, wirklich!« Die Direktorin steigerte sich: »Wenn Sie sich man dieses verfluchte Dazwischenquatschen abgewöhnen könnten, Herr Baron! Was denken Sie sich eigentlich, wenn Sie solchen Mist vorbringen, hören Sie mal! Nein, kein Wort weiter!« – Innocentia Flunkert glühte wie eine Pfingstrose. Sie wollte den Gedanken nicht zulassen, sie könne sich irgendwie blamiert haben. Das Lachen Haakes verwirrte sie: »Stoßen Sie nicht solche Sachen aus! Was Sie machen, wenn Sie Geld haben, wissen wir schon. Es ist ganz egal, ob Sie das da oder dort machen, ob Sie das in Italien machen oder hier machen. Aber wenn Sie das hier nochmal machen, dann machen Sie, daß Sie fortkommen! Dieses Über-den-Mund-Fahren paßt mir nicht!«

»Aber Ma'am«, sagte kleinlaut der Konvertit, dessen eine Stütze die Witwe Flunkert, dessen andere die alleinseligmachende Kirche war.

»Wir sprachen vom Zirkus«, sagte Flunkert.

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