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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Vier Wochen später befand sich der Zirkus in Bremen, wo er auf dem großen alljährlichen Volksfest, Freimarkt genannt, recht gute Geschäfte machte. Auf dem Platze vor dem berühmten Rathaus standen Karussells, Schießbuden, Schaubuden aller Art mitten in der Stadt. Es sah aus, als könnte ein weggeworfenes Streichholz ganz Bremen einäschern. Hunderttausende bewegten sich umher auf den Zeilen zwischen den Verkaufsständen. Trompeten ertönten, furchtbare und weniger furchtbare Drehorgeln, Stimmen von Bestien, Stimmen von Marktschreiern, dazu das gewaltige Summen der Volksmenge. Kam der Abend, so hatte man eine Orgie von Lärm und Licht.

Sogar der Ratskeller stand unter Militärmusik. Die sonst zu ewiger Dunkelheit verurteilten Riesenfässer waren taghell beleuchtet. In ihrer Nähe wartete Haake bei einer Flasche Wein auf seine Frau, die der Urkundenfälscher, Baron, Kunsthistoriker und Idiot nach Beendigung ihrer Drahtseilnummer herzubegleiten versprochen hatte. Der reibungslose Verkehr zwischen diesem und Haake war bereits eine Selbstverständlichkeit. Seine geistige Minderwertigkeit war inzwischen an Gerichtsstelle wiederum festgestellt worden, hatte ihn aber nicht davor bewahrt, mit dem Gefängnis Bekanntschaft zu machen, weil er einen von den Dummen, die nie alle werden, einen Kaufmann, hatte zum Malteserritter schlagen lassen, vermittels einer gaunerischen Eulenspiegelei, in der er einen Großprior dieses Ordens auftreten ließ und den Kaufmann um dreitausend Mark prellte.

Trotzdem hatte die Prinzipalin ihn wieder aufgenommen und hatte nun die Freude, den armseligen Schubiack zu allem gefügig zu finden. Er nannte sie Ma'am, weil er noch immer einen Halt brauchte, und besorgte, was man von ihm verlangte, vor allem das Aufwaschen, und zwar mit einer kindlichen Leidenschaft, die ihm von Jugend auf für diese Verrichtung anhaftete.

Lärm, Lichter, Volksgewühl, Kelleratmosphäre, der ganze mittelalterlich-hanseatische Großrummel war Haake angenehm. Man verlor sich darin, man ging darin unter, und schließlich ging man auch darin auf.

Wanda kam, wie erwartet, mit dem Baron, dieser glückselig in der berechtigten Annahme, dank Haakes gefüllten Taschen und seiner allezeit offenen Hand mit altem Rheinwein traktiert zu werden. Die Prinzipalin und Balduin würden, wie er ebenfalls freudig erregt erklärte, bald nachfolgen. Ma'am wäre überaus gut gelaunt, ergänzte der Baron, da der Kassenrapport alle Erwartungen übertreffe. »Sie nennt euch immer das glückliche Paar. Sie wolle heut abend einmal etwas von eurem Glücke abkriegen, natürlich auch etwas dazu beitragen, hat sie gesagt. Demnach nehme ich an, wir werden das Beste vom Besten aus diesem Keller zu kosten bekommen.«

»Kommt sie allein, oder kommt sie mit Balduin?«

»Natürlich kommt sie mit Balduin! Wenn sie ihren Lackel von Sohn vor Liebe fressen könnte, so käme sie mit dem gefressenen Balduin! Sie wäre dann mit und ohne Balduin. Ein Seltersglas mit ohne, ein Seltersglas mit mit, das sind zwei Seltersgläser mit ohne und mit mit. Sie kommt aber diesmal nicht mit ohne, sondern alleine mit Balduin. Auch er ist über die Maßen vergnügt heute!«

Wanda drohte: »Sagen Sie nichts über meinen Freund Balduin!« – Sie sprach es mit überlegener Ironie, so daß Haake geschmeichelt lachen mußte.

Diese Sache war gründlich aus mit Balduin. Die blindeste Eifersucht konnte von dorther eine Gefahr nicht mehr wittern. Haake hatte trotzdem für den Luftgymnastiker keine Vorliebe. Er betrug sich korrekt, hatte an Wanda pünktlich die Gage bezahlt, war gegen Haake und sie höflich und rücksichtsvoll; man empfand, daß eben doch die Ehe eine respektgebietende Tatsache war.

Die Ehe erhält ihren Sinn durch Nachkommen. Umstände hatten dafür gesorgt, daß auch Haakes Ehe nicht ohne einen Sinn bleiben sollte. Etwa vor vierzehn Tagen war von Wanda ein Ausbleiben festgestellt worden, welches meistens eine Ankunft im Gefolge hat. Auf diese Ankunft rechnete Wanda von Anfang an mit einer beinahe überraschenden Sicherheit. Fast noch seltsamer war die Freude, welche diese Voraussicht bei ihr auslöste. Sie hatte sich eben aus voller Seele ein Kind von Haake gewünscht, und es würde auch ganz bestimmt ein Sohn werden.

»Sachte, sachte, mein Liebling!« wußte dieser darauf nur zu sagen. Er wünschte in seiner breiten Treuherzigkeit, es möchte keine Enttäuschung eintreten.

Man machte Platz für die in vollem Pomp erscheinende Direktorin, der Balduin, geduckt, in der Hand das Tirolerhütchen, wie ein Schulbube nachfolgte. Er war schüchtern, außer wenn er als Artist vor die Menge trat, und gehörte zu jenen langen Menschen, die unwillkürlich versuchen, sich kleiner zu machen. Plötzlich saß auch Maskos am Tisch, dessen Nahen der Bildhauer gar nicht bemerkt hatte.

»Ich hoffe, wir stören Sie nicht, großer Mann!« waren die ersten Worte der Direktorin. – »Nein«, sagte er, »platzen Sie sich, meine Dame!«

Der Auftritt der Dame war in dem überfüllten Keller nicht unbemerkt vorübergegangen. Schließlich sind ja die Gäste da, um sich zu amüsieren, und nehmen jeden Anlaß dazu. »Aufsehenerregend« war das zweite Wort der Direktorin. Jedes Pferd, jeder Hund, jeder Affe und also auch jeder Mensch im Umkreis ihres Metiers war dazu bestimmt, nach Möglichkeit Aufsehen zu erregen. Sie selber machte davon keine Ausnahme. Durchaus nicht groß, aber um so breiter, schwankte sie unter einem riesigen, schwarzen, straußenfedergezierten Rembrandthut, eine reich mit schwarzen Frisuren bedeckte Mantille umgelegt, die indes, durch die Hand der Trägerin in malerischer Weise zurückgedrängt, die entblößte Schulter einer allerdings nur mäßigen Riesendame und den dazugehörigen ebenso vielversprechenden als keulenhaft bedrohlichen Arm sehen ließ, der bis über die Ellenbogen in weißem Glacéleder steckte. Der mächtige rote Nelkenstrauß, den sie im Porzellan ihres Busens wie in einer Vase spazierentrug, machte sie für die Zuschauer ebenso lächerlich als etwa eine Lüftung des Kleides, die den Umfang der Wade sichtbar machte. Haake konnte bemerken, wie man sie anstaunte und ihr nachlachte, an einigen Tischen sich förmlich bog.

Aber was machte das der Direktorin?! Ihre schwarzen, spanischen Augen funkelten den Philister furchtlos und durchbohrend an. Diese Leute schreckten sie nicht. Sie wäre mit mehreren Dutzend auf einmal fertig geworden. Es waren nur eben brave Pfahlbürger; waren es Flöhe, sie wäre in Ohnmacht gefallen.

Balduin, der das Bein wie immer, ähnlich einem sich dehnenden Panther, nachschleppte, konnte im Anfang eine gewisse Gedrücktheit nicht loswerden. Es schien zunächst, als wisse er nicht, wo er mit seinen Armen und Beinen hinsollte. Von gewissen lauernden, gewissen prüfend scheuen Blicken des Paukisten, die Haake auf sich ruhen fühlte, gab er sich weiter keine Rechenschaft. Die Prinzipalin bestellte Wein. Sie bestellte ein üppiges Abendbrot, von dem sich Haake nicht ausnehmen durfte. Der Kellner flog. Ihre Stimme kam tief und männlich, an Befehlen gewöhnt, unter dem Nelkenstrauß herauf.

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