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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Viertes Kapitel

Mehrmals hatte er sich schon am Vormittag um die ganze Anlage herumgeschlichen. Aus den Mitteilungen der Dorfleute war für ihn nicht zu entnehmen, ob ein Mädchen, Wanda ähnlich, sich bei der Truppe befand. Es gab eine Drahtseilkünstlerin. Daß es nicht mehr Frau Direktor Flunkert junior, sondern eine andere wäre, schien festzustehen. Die Flunkert war in anderen Umständen, sie konnte derzeit überhaupt nicht mitwirken.

Nach einer für Haake endlosen Kette von Nummern spannte man endlich das Drahtseil auf. Der Künstler, welcher mit hochgezogenem Mantelkragen und ins Gesicht gedrücktem Schlapphut zuschaute, wischte sich mehrmals die Augen aus, als ein schlankes Kindergeschöpf, ganz und gar in schwarzem Trikot, mit purpurroter Schleife am Halse und einer von ebensolcher Farbe im schwarzen, offen fließenden Haar, hereinhüpfte und auf dem bereitgestellten Kreideblock die Sohlen rieb.

Wer es war, konnte Haake zunächst nicht feststellen. Die Frau mit den spitzen Knien, die er in Breslau gesehen, jedenfalls nicht. Auf dem Plakate stand sie als Pipilada, die Mexikanerin.

Pipilada wurde von Flunkert junior, ihrem Dresseur, mehrmals aufs heftigste angeschrien, weil sie unzuverlässig arbeitete. Das Hocken auf dem Seile gelang ihr nicht. Als es ihr abermals nicht gelang, benutzte sie das Drahtseil als Schaukel, überschlug sich und kam so vor der Zeit auf die Erde herab. Er zwang sie, wieder hinaufzusteigen.

Als sie die kleine Plattform zwischen den gekreuzten Stangen, also die Ruhestellung, wieder erreicht hatte, wandte sich das Publikum unter hellem Gelächter einem Menschen zu, den es nach seinem Räuberhut und verwogen umgenommenen Mantel für einen Clown halten konnte. Er näherte sich von rückwärts Flunkert junior und machte, daß dieser infolge eines wohlgezielten Fußtrittes auf eine gewisse Stelle vornüber lang auf den Boden schlug. Nicht gefaßt und doch wieder gefaßt auf dergleichen Zufälle, kam Flunkert mit der Gewandtheit eines Panthers zu Fall und hatte sich, fast im gleichen Augenblick, mit derselben Gewandtheit wieder erhoben. Er blickte den Angreifer wütend an.

»Wer sind Sie?« schrie er. »Was wollen Sie?« – Der Jubel der Menge steigerte sich. Auch der als Dummer August fungierende Clown trat an den fremden Konkurrenten heran: »Wie heißt du, Cousin? Was willst du, Cousin? Wer hat dir erlaubt, hier hereinzukommen?« – Ein Tritt vor den Bauch, den er sogleich als Antwort erhielt, machte ihn drei- bis viermal Kobolz schießen.

Herrgott im Himmel, das war ja großartig! Die Menge schrie. Und wie um die Heiterkeit noch zu steigern, brach die Bank unter einigen strammen Bauernmägden entzwei, und sie zeigten Dinge, die belacht wurden.

Als Flunkert junior, der gewiegte Artist, sich über den Erfolg dieser im Programm nicht vorgesehenen Nummer klarwurde und sah, wie sich nicht nur die Zaungäste mehrten, sondern auch die trauernde Witwe Flunkert bar Geld einkassierte und wertlose Zettelchen wiedergab, glaubte er es mit einem Clown, der auf Engagement gastierte, zu tun zu haben, – oder aber, er tat wenigstens so: »Was willst du, Cousin? Womit kann ich dir ins Gesicht springen?«

»O well, ich uollen dir lieber mit Geld ins Gesicht springen! Ich sein Zirkusdirektor! Viel money! Viel Geld! In die Vereinigte Staaten von Amerika! Aus die Südstaaten, uo ist noch Sklaverei! Niggers, verstehst du? Schuarz wie das Mädchen auf dem Seil. Und ich bin gekommen aus die United States, um dir schuarzes Seilmädchen abzukaufen!«

Der Direktor wurde sehr ungehalten: »In Europa haben wir keine Sklaverei! Wir handeln hier nicht mit Menschenfleisch. Machen Sie augenblicklich, daß Sie fortkommen! Glauben Sie, daß ich mich mit Mädchenhandel abgebe?! Stören Sie nicht meine Vorstellung, sonst werde ich Mittel und Wege finden! Es gibt ja schließlich noch eine Polizei!«

Jetzt fiel auch der Fremde aus der Rolle. Er schrie: »Ja, die Polizei! Ja, die Polizei! Ja, ja, Sie Schuft! Ja, die Polizei! Sie Dieb! Sie Räuber! Sie Mädchenräuber! Die Polizei! Ja, die Polizei! Dieses Mädchen heißt Wanda Soundso, dieses Mädchen haben Sie mir gestohlen! Wanda, komm her! Ja, die Polizei! Ja, die Polizei!«

Jetzt waren die Zuschauer still geworden: diese Leute spielten ja wirklich, wie wenn's wirklich wär'! Das war doch beinah, möcht' man sagen, menschenunmöglich!

Der Skandal nahm zu. Pipilada, die Mexikanerin, war längst in einem der Wagen verschwunden. Nur noch wenig fehlte zu einer blutigen Prügelei. Man glaubte schon Messer blitzen zu sehen. Zwei haßerfüllte, blaugrauentfärbte Gesichter keuchten einander, fast Nase an Nase, rasend an. Beiden stand förmlich der Schaum vor dem Munde.

Da zeigte sich über der Menge, hoch zu Roß, der Landgendarm.

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