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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Schon der laute Empfang, der Meister Haake am Wirtstisch bereitet worden war, schien gleichsam einem verlorenen Sohn zu gelten. Als es hell wurde, nahm ihn Wanda mit sich in ihr Quartier, wo sie ihn der erstaunten Wirtin mit stolzer Glückseligkeit als ihren angetrauten Gatten vorstellen konnte. Das Paar begab sich sofort zur Ruhe, und Haake konnte sich nicht erinnern, je in einem so entzückend altväterischen Versteck, wie es dieses Fachwerkhäuschen bot, ein so jugendlich überschwengliches Glück genossen zu haben, und gar, daß Wanda es ihm geschenkt hätte. Die Freude des Wiedersehens steigerte sich, als er am frühen Nachmittag mit Wanda bei den grünen Wägen erschien und seine alten und neuen Zirkusbekannten begrüßte. Bei dieser Gelegenheit konnte er sehen, wie sehr sich der Zirkus vergrößert hatte. Die Prinzipalin, so wurde die Witwe jetzt genannt, machte noch immer die rätselhafte Klaviatur für alles verantwortlich und so auch für das viele Geld, das sie hatte aufnehmen müssen, um ihrer Unternehmung neue Lebenskraft zuzuleiten, und für die Sorgen, die ihr aus der Notwendigkeit einer hohen Verzinsung erwuchsen.

Als unzertrennliches Paar nahm Haake Richardl und den Täufling Peter in Augenschein, der auf dem schwarzen Liliputanerhengst, daß die Funken von den Pflastersteinen stoben, umhergaloppierte. Es war heute Sonntag. Bürgerliche Tanzvergnügen werden meist auf den Sonnabendabend verlegt, man hat alsdann den Sonntag zum Ausschlafen. Am Nachmittag war man so ziemlich wieder im Gange und fähig, einer zirzensischen Schaustellung beizuwohnen. Außerdem gab es ja auch eine Jugend, eine arbeitende Bevölkerung und die Landleute.

Die etwa sechzehn Kilogramm, die Peter auf dem feurigen Gäulchen darstellte und die auf die lauten Rufe »Pix! Pix!«, die der Vater ausstieß, heransprengten, wurden von Haake durch Handauflegen geehrt und mit der Frage in Verwirrung gebracht, ob Peter sich noch an sein Taufessen erinnern könne. Der dreiste Pony stieß Wanda an, die meist Zucker für ihn in der Tasche hatte. Sie gab diesmal dem zärtlich untergefaßten Gatten die Süßigkeit, damit er sich mit dem Tierchen anfreunde. Er steckte aber unversehens das erste Stückchen Pix in den Mund, worauf dieser mit frohem Geschrei davonjagte. Dem kleinen Tausendsasa blickte die Schuljugend mit verhohlenem Neid und unverhüllter Bewunderung nach.

Ein neuer Kaltblüter wurde Haake gezeigt, der die Fußtritte der Signora Adriana Tomalla auf ungesatteltem Rücken zu erdulden hatte, wenn sie ihre gewagten Sprünge ausführte. Das Pferd zu beschaffen, war für die Vermögensumstände der Flunkerts keine Kleinigkeit. Man nannte sogar den genauen Preis, als wäre Haake der Prinzipal, der ihn zu genehmigen hätte. Es gibt wenig Tiere in einem Zirkus, die nicht hauptsächlich oder gelegentlich ihren Rücken herhalten müßten. So hatte sich Pudelko auf einem kleinen Esel, Madame Flunkert junior auf einem Strauß, ein eben erst mit dem schweren Opfer einer fast unerschwinglichen Gage engagiertes Äffchen auf der Bulldogge Grunz beritten gemacht. Sie war nicht mehr »Fingal, der kamtschadalische Löwenhund«. Die Schwebenummer mußte ausfallen, weil ihr Gebiß ihr nicht mehr standhalten konnte. So aber hatte Grunz wiederum Gelegenheit, sich, wenn auch nicht unter den sogenannten Stars, sein tägliches Brot zu verdienen.

Ein einziges Tier, ein Vogel, ein Storch, aß das Gnadenbrot. Er stolzierte umher, löste, ohne davon zu wissen und irgend acht darauf zu geben, beim Publikum ordinäre Witze aus und zeigte ganz einfach die Landesfarben. Außerdem trieben sich in Menge Hühner und Ferkel auf dem Markte und um den Zirkus herum; leider gehörten sie nicht dazu.

Haake war wie im siebenten Himmel. Solange der Zirkus in Zobten blieb, durchlebte er in dem kleinen Bürgerquartier mit der Geliebten die ersten, die wahrhaften Flitterwochen. Als nach einiger Zeit von Willi Maack die Anfrage an Wanda kam, ob sie etwas von Haake wisse, ließ er sich vor dem Freunde verleugnen. Das gleiche zu tun, wurde dem Gesamtpersonal des Zirkus auferlegt, als die Prinzipalin einen Brief vom Anwalt Haakes erhalten und ebenfalls in Abrede gestellt hatte, daß der Bildhauer bei ihnen sei.

Nein, er wollte zunächst keinesfalls nach Breslau zurück.

»Paul, wenn du meinst«, hatte Wanda zu ihm gesagt, »ich gehe mit dir, wohin du willst! Ich wäre schon längst zu dir zurückgekehrt, wenn ich mich nicht vor dir gefürchtet hätte. Mag sein, daß du recht gehabt hast, mich durchzuprügeln. Vielleicht hätte ich auch eine neue Tracht in Kauf genommen, wenn es einen Zweck gehabt hätte. Aber du hättest mich vielleicht durchkalascht und dann doch wieder hinausgeworfen!«

Er hielt ihr den Mund zu, er wollte davon nichts wissen. Nach Hause aber wollte er nicht. Selbst Balduin hatte es eingesehen, eine Frau war dem Manne Gehorsam schuldig. Man sah es ihm an, der Kunstreiter war zur Vernunft gekommen. Er hatte sich auf das Rechte besonnen, zeigte er doch für Haakes Geschmack beinah zu wenig Eifersucht.

Wanda hatte sich überhaupt bei allen ihren Kollegen und Kolleginnen in Respekt gesetzt. Immer wieder bestätigte es dem Bildhauer die Direktorin. Die kleine, entzückende Krabbe zu loben, konnte sie gar nicht satt werden. Erstens sei sie nun wirklich eine Drahtseilkünstlerin, die dabei noch mit Flaschen jongliere. Ferner sei sie verträglich, willig, anstellig. Endlich halte sie sich in puncto puncti musterhaft. Das komme so manchmal plötzlich über die Menschen, das mache eben die Klaviatur! sagte sie. Jahrelang sei ein Mensch vielleicht leichtsinnig, bis sich dann plötzlich die Klaviatur ändere. Die Klaviatur! Die Klaviatur! Beinahe fing auch für Haake dies blödsinnig eingestellte Wort an, einen Sinn zu bekommen. Wirklich war Wanda kaum wiederzuerkennen. Hatte er wohl jemals gehofft, an ihr ein so fügsames, hingebungsvolles Weib zu gewinnen? Nichts und gar nichts zog ihn jedoch nach Breslau zurück. Und er wurde ja auch, wenn er mit Wanda auftauchte, vor der ganzen Stadt, nicht nur vor Willi Maack und seinem Anwalt, lächerlich! Und was würde aus Mieke Ronke, wenn sie diesen Umstand erführe?!

»Wir haben ja keine Wohnung, Wanda!« sagte er, »die Einrichtung ist verkauft. Ein Ballen mit alten Kleidern von dir liegt irgendwo verstaubt in einem Winkel des Ateliers. Wir wollen uns lieber neue anschaffen!«

Es gibt für den verzehrenden Zustand, in dem sich Haake befand, nur den Ausdruck Besessenheit. Wanda war ihm wie einem Erlöser entgegengeflogen. Sie ließ ihn täglich Wonnen empfinden, wie er sie weder gekannt noch geahnt hatte. Dies machte ihn zu einem einzigen lodernden, durstigen Brande der Leidenschaft. Wenn er in solcher Verfassung war, versteckte er sich, wie der Hund mit dem Knochen. Eine Vergangenheit oder Zukunft gab es dann nicht. Er war kein Bildhauer, war kein Künstler mehr, hatte keine Werke geschaffen und wollte auch nicht mehr mit Michelangelo in Wettstreit treten. Auf alle diese Torheiten sah er, im Besitz eines ausgesuchten Glückes, einer ausgesuchten Begnadung, mit einem höheren Wissen herab.

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