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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Trotz der Absage Ronkes war der Bildhauer wenige Tage später in Görbersdorf, begleitet von wenig Gepäck, einigen botanischen Handbüchern und einer grünen Botanisiertrommel. Er machte seinen Besuch auf der Försterei, wo er freundlich wie sonst empfangen wurde. Haake war ein leidenschaftlicher Schachspieler. Ronke, der ihm darin ungefähr gewachsen war, hatte für dieses Spiel eine große Leidenschaft. Fast täglich rangen die beiden auf dem karierten Brett miteinander, im Forsthaus oder in einer kleinen Konditorei.

Auf seinen ausgedehnten Waldspaziergängen traf er meist mit Försters Mieke zusammen. Man konnte sich nur auf diese Weise begegnen oder aber ganz öffentlich. Freimut und Temperament des Försterkindes hatten den Eltern eine stürmische Neigung für den Bildhauer offenbart, die anfangs von ihnen als Scherz genommen wurde. Später von einer ernsten Gefahr, die das Mädchen laufe, überzeugt, bekämpften sie diese Neigung mit Entschiedenheit. Ein verschärftes Verfahren trat ein, als der Vater von Breslau zurückkehrte, wo er seine Beförderung erfahren und den Morgen im Schweidnitzer Keller erlebt hatte. Haake hatte als Bildhauer einen guten Ruf, war aber durch sein Vorleben, seine Trunksuchtsanfälle und seine Weibergeschichten anrüchig. Dadurch hatte sich der Forstmann auch veranlaßt gefühlt, ihn nicht mehr im Hause zu beherbergen.

Das blonde, von heißer Lebensfülle durchpulste Försterkind war aber in der Ungebundenheit eines Naturwesens groß geworden. Das weite Revier des Vaters war dem Mädchen besser als ihm, besser als irgendeinem Waldläufer oder Forsteleven bekannt. Sie wußte nicht nur, wo diese und jene Pflanze zu finden war, sie wußte, wo und wie man auf den Rehbock, den Sechzehnender, den Auerhahn zu Schuß kommen konnte. Ein jedes Geräusch des Waldes, mochte es vom Eichhorn, vom Igel oder aus dem Reiche der Vögel kommen, kannte und deutete sie. Lange bevor zum Beispiel Paul Haake einen Schritt hörte, vernahm sie ihn. Ihr bloßes Auge sah weiter als er mit dem Krimstecher. Geschlossene Räume beengten sie. Sie war nachts, wenn sie schlief, wirklich im Haus, sonst mehr im Hof, Garten und in den Ställen als in den Zimmern und schließlich hauptsächlich außer dem Haus, ohne daß sie auch nur Bescheid zurückließ, wo sie im Notfall zu finden wäre. Diesem Wildling, den man so lange hatte laufen lassen, nun plötzlich Zaum und Zügel anzulegen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie wurden zerrissen und abgeworfen. Der gefürchtete Jähzorn des Vaters, der sich bisher nur gegen Unterförster, Forsteleven, Waldarbeiter und Holzdiebe gerichtet hatte, selbst er vermochte nichts gegen sie. Sie stellte ihm einen furchtlosen, ganz unbeugsamen Trotz gegenüber. Das konnte sie nur, weil sie eben kein Sohn, sondern eine Tochter war. Ihr Freimut, ihre Festigkeit, ihre selbstbewußte, kluge Wahrhaftigkeit hatten etwas Entwaffnendes. Letzten Endes pflegte immer nichts anderes übrigzubleiben, als daß man sie sich selbst überließ, wobei man, wenn man wollte, zu dem Schlusse kommen konnte, daß dieses Mädchen ihr eigenes Schicksal in festen Händen hielt.

Schon das erste Wiedersehen hatte die Leidenschaft des Bildhauers neu entfacht und den Wunsch befestigt, Marie Ronke zum Weibe zu nehmen. Nicht nur die Glut seiner Triebe begehrte sie; die Kraft und der Wille dieses siebzehnjährigen Frauenzimmers konnten ergänzen, was ihm fehlte, und seinem schwankenden Dasein den Halt geben. Dazu kam ihre herrliche Volkstümlichkeit. Nicht nur, daß sie und er den gleichen Dialekt sprachen, der zwischen der Ausdrucksweise des Waldarbeiters und der des gebildeten Kleinbürgers lag. Sie waren auch beide allen Künsteleien, allem Salonwesen abgeneigt. Es gab nichts in Haakes Aufstieg, von seiner frühesten Jugend an, über die Nöte und Erlebnisse seiner Wanderschaft, was er hätte vor ihr verbergen müssen und was sie nicht ganz natürlich gefunden hätte. Ausgenommen von seinen gelegentlichen Bekenntnissen blieben allerdings zunächst alle Erfahrungen, die er in seinem Liebesleben gemacht hatte. Aber auch diese drängten unaufhaltsam ans Tageslicht und verloren ihr Gift in der Atmosphäre einer gesunden Kameradschaftlichkeit.

Es war ein ganz gewöhnlicher Fall, der diese solideste aller Werbungen gleichsam zur Entgleisung brachte. Es müßte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, wenn Mieke unter den Forstleuten der Herrschaft X. nicht Bewerber gehabt haben sollte. Unter diesen Bewerbern war sogar ein angehender Forstreferendar, der sich, als die Ernennung Ronkes zu einem Generalgewaltigen feststand, weiter vorwagte. An der materiellen Erbschaft des Försters mochte wenig, um so mehr an der dereinstigen Nachfolge auf seinem hohen Posten gelegen sein. Er schöpfte Verdacht, fühlte Ärger und Eifersucht, kratzte die über Haake immer im Schwange befindlichen Gerüchte zusammen und ließ Ronke warnen, von einer übergeordneten Stelle aus, wodurch die Warnung eine verteufelte Ähnlichkeit mit einem Verweise bekommen mußte.

Den Bericht von einem furchtbaren Wutausbruche des Vaters brachte die Förstertochter in atemlosem Lauf und Sprung auf eine gewisse Waldlichtung mit, wo Haake und sie sich zu treffen pflegten. Sie war nur bleich, sie weinte nicht. Freilich müsse sie sich verschicken lassen. Sie werde im Harz oder sonstwo in ein Mädchenpensionat verbracht. Man werde sich aber gewaltig täuschen! Am ersten Tage breche sie aus und komme zu ihm, wo er immer sei. Er brauche ihr das nur mitzuteilen.

»Natürlich wird Vater auch mit dir reden!« sagte sie. »Glaube mir, es wird einen schrecklichen Krach geben. Er sagt, er schieße dich über den Haufen, wenn du mir je noch einmal, auch nur auf zehn Schritt, nahekommst. Auch mir hat er gedroht. Auch mich will er totschießen. Mag er mir drohen! Mag er mich totschießen! Mache mit mir, was du willst, Geliebter! Sage, wir wollen ins Wasser gehen! Sage das, sage dies! Tue das, tue dies!« Und so hing sie ihm schluchzend und glühend am Halse.

Jetzt sprachen sie nicht mehr; jetzt schwiegen sie. In beiden war ein und derselbe Entschluß zum Durchbruch gelangt, ein entscheidender Wille, der alles und alles zertrat, zerschlug, zerriß, alles und alles durchbrach, beiseite schleuderte, in Brand aufgehen ließ, was bisher zwischen ihnen gestanden hatte. Die Lichtung war mit riesigen Wurzelstöcken übersät, die dunkel aus einem farbigen Gewühl von Weidenrosen, Fingerhut und Waldgras hervorragten. Wo sie dereinst gestanden hatten, waren tiefe Höhlen zurückgeblieben. Eine solche war der Liebenden Herberge.

In dieser Grube ergaben sie sich und gehörten einander. Gehörten einander mit vollem Bewußtsein, mit klarer Entschlossenheit. Was irgend noch Wesen von Wesen trennen konnte, riß sich das Weib von den Schultern, den Brüsten, den Hüften herunter. Mit starken Armen umfingen sie sich. Nie, zeit seines Lebens, hatte der Mann einen solchen Rausch der Betäubung gefühlt, war niemals in einen ähnlichen Traum von Verzückung und Wonne hinabgetaucht.

So wurde von beiden das Recht der Liebe geraubt, bevor es ihnen von andern geraubt wurde.

Am nächsten Tage verließen sie Görbersdorf in verschiedenen Richtungen.

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