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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Einundzwanzigstes Kapitel

Maskos quäkte sehr laut, auch die Sache mit dem Scharfrichter. Der grüngekleidete Donnergott, der binnen kurzem seinen Rang unter den höchsten Beamten einer fürstlichen Herrschaft einnehmen sollte, ließ seine Augen, mehr und mehr befremdet, aus ihren Höhlen hervorquellen und blickte, mit Bezug auf Maskos, fragend bald den Architekten, bald Haake an. Es war ihm sichtlich kein angenehmer Gedanke, mit diesem putzig schäbigen Männchen zusammen gesehen zu werden. Gott sei Dank wurde er durch die Bulldogge etwas abgelenkt. Das Tier witterte ganz gewiß, daß es hier einen Hundekenner, Hundeliebhaber, Hundeprotektor vor sich hatte. Es bestand darauf, ihm Kopf oder Pfote aufs Knie zu legen und ihm mit einem sprechenden, bittenden Ausdruck unverwandt ins Auge zu blicken. Der Forstmann fand, daß der Bullenbeißer wirklich eine Reihe Zähne verloren hatte, was dieser am Ende der Untersuchung mit einem verstärkten Schnaufen und einem knurrenden Winseln anklagend bestätigte. Ronke wußte natürlich nichts von der Art der Fingal-Produktion, gründete aber seine Vermutung darüber auf die Tatsache, daß Bulldoggen, die sich verbissen haben, nicht loslassen.

Der Schweidnitzer Keller ist schließlich ein Volkslokal. Der Briefträger kann neben den Oberlehrer, der Eckensteher neben den Stadtrat oder Stadtverordneten zu sitzen kommen. Dieser Gedanke, verbunden mit der Wirkung des Bieres, tilgte allmählich die Zurückhaltung, die man anfangs gegen Maskos beobachtete. Das Groteske seiner Erscheinung war überdies durch Gewohnheit abgeschwächt. Und schließlich ward der Barbarossa durch Erörterungen über Musik gefangengenommen, auf die sich, zur großen Beruhigung Haakes und Willis, das Gespräch gelenkt hatte.

»Ich folge diesem Zirkus Flunkert, wie ich schon sagte, hauptsächlich aus Pflichtgefühl, dann aber aus einer vielleicht törichten Liebhaberei!« – Nach dieser Bemerkung fuhr Maskos fort: »Von Berufs wegen, wie Sie wissen, bin ich eigentlich Musiker. Ich bin unter den fahrenden Leuten keineswegs der einzige, der seinen wahren Beruf vernachlässigt. Solche Leute sind, ganz im Gegenteil, bei uns keine Seltenheit. Selbstverständlich spiele ich alle Instrumente, Blech und Holz, was die Blasinstrumente betrifft, Violine, Bratsche, Kontrabaß. Ach, wie oft habe ich bei Beethovens Neunter den Paukisten vertreten! Ich spiele das Banjo, das Niggerinstrument, das Xylophon oder schlechtweg Hackbrett der Zigeuner. Auch das andere Zigeunerinstrument, Zimbal genannt. Von alledem kann ich jedoch keinen Gebrauch machen. In gewissen Städten habe ich musikalische Freunde von meiner Theaterzeit. Vielleicht klingt es komisch, aber zweimal war ich nahe daran, nämlich einmal in Prag, das andere Mal in Lissabon, vom Aushilfskapellmeister zum ersten Dirigenten der Oper aufzurücken. Das ist vorbei. Auch habe ich nach dieser Richtung hin keinen Ehrgeiz mehr. Meine verstorbene Frau war Sängerin. Wie gesagt: wenn die Gelegenheit es gibt und wir Städte berühren, wo alte Freunde seßhaft sind, die notabene auch ein Klavier besitzen, tobe ich mich manchmal acht Tage lang musikalisch aus. Meine Finger laufen zu meinem Erstaunen immer noch ganz gut, Herrschaften!«

Der mächtige Forstmann blickte den kleinen Maskos mit heroisch durchdringenden Augen an. »Wenn das wahr ist«, dröhnte er mit allerdings etwas gequetschter Kropfstimme, »wenn das wahr ist, was Sie da sagen, und ich denke mich in Ihre Lage hinein, so müßte ich doch zwanzigmal Tinte gesoffen haben, wenn ich ein dreckiges Herumtreiberleben einer Existenz als ehrlicher Kapellmeister vorziehen sollte!«

»Aber ich bin ja – wie sagen Sie? – was für einer? – ein Kapellmeister!« Der gleichsam Niedergeschmetterte sagte das, indem sein Gesicht wie von selbst in einem herzlich breiten Lächeln auseinanderfloß. »Fragen Sie doch Herrn Haake, ich bin ja Kapellmeister! Sie sollten mich einmal sehen, wenn ich mit meiner spitzen Mütze, meiner Halskrause, meiner Leinwandkombination, in der ich Junge wie die Känguruhs unterbringen könnte, auf Richardl sitzend, mit einer zwei Ellen langen Trompete durch die Ortschaften reite. Mein Antlitz ist in einem solchen Fall mit Mehl, meine Lippen und meine Nase mit Zinnober beschmiert. Hinter mir folgt in Gestalt eines Posaunisten und eines Paukisten und Beckenschlägers meine Kapelle. Sie ist auf ein und demselben Schimmel untergebracht. Herr Oberforstrat«, fuhr Maskos fort, nachdem er durch seinen ironischen Gegenhieb den Forstmann hinreichend aus der Fassung gebracht hatte, »Herr Oberforstrat, was ist denn die Welt, wenn einem darin das Seligwerden nach eigener Façon verboten ist?! Ich hasse nun einmal geschlossene Räume. Ich liebe die freie Weite der Landstraße. Außerdem kann ich nicht seßhaft sein. Sie müssen nicht glauben, ich wüßte nicht, was ich aufgegeben und was ich dafür eingetauscht habe. Fünfundvierzig Jahre in der Welt, geboren zu Melbourne in Australien, dann nach Kapstadt hinübergeschaukelt und auch mal sogar die Osterinsel von ferne gesehen, San Franzisko, New York und so weiter, mehr erlebt, mehr gesehen, Herr Oberforstrat, als sich im Augenblick erzählen läßt: da weiß man schon etwas von der Welt. Ich habe in fürstlichen Betten gelegen, in manchem stolzen Schloß Klavier gespielt, und nicht nur die Kammerkatzen haben mir hübsche Erinnerungen zurückgelassen. Das Bürgertum, in dem die Worte ehrlich, rechtschaffen, hochachtungsvoll und dergleichen besonders zu Hause sind, hat mich nie so recht interessiert. Und wenn mich überhaupt keine gute Gesellschaft aufnehmen will und mir ihre Geringschätzung zeigt, so sind wir insofern ganz d'accord, als ich mich nicht um alles in der Welt entschließen würde, ihr beizutreten. Und was die Geringschätzung anbelangt, so kann man die ganz gewiß nicht überbieten, die ich in treuem Herzen für sie bewahre!«

Der kleine Zirkusmanager und Musikus redete wie ein Wasserfall. Anscheinend fand er sich doch durch den Umstand ein wenig erlöst, es vorübergehend wieder einmal mit gebildeten Leuten aus dem Bürgertum zu tun zu haben und eine zurückgedrängte Innerlichkeit spielen lassen zu können, für die es im grünen Wagen der Flunkerts keine Verwendung gab.

»Sie müssen nicht glauben, wir Landstreicher hätten keine Bildungsmöglichkeit. Wir haben sie und machen davon Gebrauch. Schon allein, wenn Sie wollen: ich spreche acht Sprachen. Ich benutze die Nähe jeder größeren Stadt, um wichtige Sehenswürdigkeiten, Bauwerke, Bildersammlungen und dergleichen kennenzulernen. Wird ein Schauspiel, eine Oper, ein Konzert gegeben, so suche ich, wenn Zeit, Geldbeutel oder sonstige Umstände es ermöglichen, dabeizusein. Ein Freund meines Vaters war Little Wheal. Little Wheal war ein berühmter Clown. Clown, auf deutsch will das sagen, Possenreißer, ein Pojaz, ein Spaßmacher. In seinen Mußestunden trieb er Altgriechisch und Latein. Lateinische Briefe jagte er auf das Papier genau so wie Briefe in seiner Muttersprache. Er ist hochbetagt und als wohlsituierter Mann in Mailand gestorben. – Und dann, ich will Ihnen etwas sagen: Sie glauben vielleicht, wenn Sie in einen D-Zug hineinspringen, Sie kommen weit. Springen Sie einmal in unseren grünen Wagen hinein, da werden Sie bald sehen, daß Sie noch weiter kommen. Wir Herumtreiber, wie Sie uns nennen, führen zu wenig Tagebuch, weil wir schreibfaul, aber auch weil wir Philosophen sind. Cui bono? pflegen wir meistens zu sagen. Wenn wir Tagebücher führten, Herr Oberförster, so würden Sie daraus sehen, daß man im grünen Wagen weiter kommt als in D-Zügen. Wir haben Zeit, deshalb kommen wir weit. Eugen Lee, auch ein Clown und älterer Freund von mir, ist vor zwei Jahren auf Penang gestorben. Wie kam er dorthin? – Im grünen Wagen. Er ist ebenfalls mit so einem kleinen Zirkus Flunkert gereist, der die Länder an fernen Ozeanen unsicher machte. Ich habe mit einer anderen kleinen Gesellschaft den armen politisch Verbannten in Sibirien aufgespielt, und unsere dressierten Tiere und Menschen haben ihnen ein bißchen die Zeit vertrieben. Da haben wir Renntiere vor dem Wagen gehabt; denn Eisenbahnen gibt es in Irkutsk, Jenisseisk und Jakutsk nicht. Es ist im Sommer ganz hübsch dort oben, aber im Winter um so weniger. Von den Schwierigkeiten fange ich lieber gar nicht an, die sich dann für eine Reisegesellschaft von Menschen, Pferden, Hunden und anderen Tieren ergeben, die meist nicht viel mehr als das am nächsten Ort zu verdienende Kleingeld verfügbar hat. Was für Sums machen nicht manche Forschungsreisende, die mit vierfach übereinandergezogenen Pelzen, fetten Kreditbriefen ausgestattet, mit offiziellen Empfehlungsschreiben der Regierungen versehen sind, durch die alle Behörden gehalten sind, ihnen wo immer Beistand zu leisten. Glauben Sie nur, solche Leute wie wir sind lange vor Marco Polo in China gewesen! Wir kommen schon, abgebildet, auf den Wänden ägyptischer Grabkammern vor. Ich selbst bin einmal auf dem alten Wege nach China gereist, der um Anfang fünfzehnhundert üblich war. Auch uns haben, wie die Kaufleute jener Zeit, meist Ochsen, manchmal Kamele gezogen. Nur war es damals unter dem Schutz der Tartarenherrscher, welche die Wege bis China bewachen ließen, bedeutend sicherer. Schwarzes Meer, Südrußland: die Reise hat etwa zwei Jahre gedauert.«

So ging es fort, und nicht nur der Forstmann, der Architekt und der Bildhauer horchten aufmerksam, sondern auch das Publikum an den Nebentischen, soweit die Stimme des quäkenden Männchens verständlich war.

Mitten in seiner Rede erhob sich Maskos, nachdem er kurz auf die Uhr geblickt hatte: »Gott, o Gott, es ist höchste Zeit! Wir müssen zu Doktor Kabalzer, Grunz! Wir sind um zwei Uhr zu Doktor Kabalzer bestellt. Das ist der Tierarzt, meine Herrschaften!«

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