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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Zwanzigstes Kapitel

Diese Eröffnung richtete im Geiste des Bildhauers eine kleine Verwirrung an. Das Görbersdorfer Idyll hatte nicht mehr die gleiche Anziehungskraft, wenn Ronke nicht im Orte war. Noch war diese Tatsache nicht verdaut, als ein anderer Umstand die gute Laune der Stunde bedenklich gefährdete. Haake sah einen kleinen, dicken, diabolischen Kerl, der beinahe durchgetretene Schuhe trug, karierte, trichterförmige Beinkleider, ein abgewetztes Kleidungsstück, das, zu lang für ein Jackett, zu kurz für einen Paletot, ein blaues Hemd und darüber einen roten Wollschal sehen ließ. Der auffallend schäbige Gentleman tat es nicht unter einem spanischen Rohr mit einem Pferdekopf aus Horn als Krücke in der rechten Hand und einem Paar vom Regen und vielen Gebrauch hart und schwarz gewordenen Glacés sowie einem Tiroler Hütchen in der Linken.

Als diese groteske Erscheinung die Treppe zu dem berühmten Keller herunterkam, der Willi Maack und der Forstmann den Rücken kehrten, die der Bildhauer aber überblickte, hatte er über sie lachen wollen, eine Regung, die er sogleich vergaß, weil eine andere überaus ernsthafte auftauchte. Dieser bartlose, schlechtrasierte Mensch mit den mokant verzogenen Mundwinkeln konnte oder mußte ein Bekannter sein. Traf das zu, so war es einer von denen, welchen man gewiß in Gegenwart eines künftigen Schwiegervaters strengster Bürgerlichkeit nicht gern begegnete. Aber was dann, wenn er vertraulich, wenn er intim wurde und sich womöglich an den Tisch setzte? Wie, wenn er die Weste aufknöpfte und von der Leber weg plauderte? Daß dies peinliche Überraschungen bringen konnte, war Haake klar, besonders als er – er wußte nicht recht an welchem Kennzeichen, vielleicht an der mit einem Maulkorb versehenen gelbgefleckten Bulldogge, die, etwas hinkend, breitbrüstig und asthmatisch hinter ihm die Kellertreppe heruntergestiegen kam -, erkannt hatte, daß es Maskos vom Zirkus Flunkert war: Trompeter, Kapellmeister, Universalmusikus, nicht nur starke Stütze des Zirkus Flunkert, sondern auch Mann für alles bei der Direktorin. Ob Maskos dagegen ihn erkannt hatte, war ihm so lange nicht klar, bis dieser ihm, am Tische stillstehend, die kurzbefingerte, derbe Patsche unter breitem Grinsen entgegenstreckte.

»Professor, kennen Sie mich nicht mehr?«

»Nicht ganz, aber kann wohl sein!« sagte Haake.

»Und Fingal, den kamtschadalischen Löwenhund? Kusch dich, Grunz! Er kennt Sie wieder ...«

»Schwein, du bedrielst mir die ganze neue Hose, die eben vom Schneider gekommen ist!« sagte Haake und putzte an seinem Beinkleid herum.

»Er kennt Sie wieder! Wahrscheinlich hat er von Wanda Ihre Witterung! Irgendwie hängt für diese Bestien am Weibe immer noch der dazu gehörige Mannsgeruch ...«

»Ich verstehe Sie nicht, mein Freund!« sagte Haake.

»Macht nichts. Erlauben Sie, daß ich Platz nehme?«

Maskos nahm ohne weiteres Platz und fuhr fort, als er Würstel und Bier bestellt hatte: »Ich bin wegen Grunz hierher gekommen. Das arme Luder hat sich den Fuß verstaucht. Er wird nächstens reif für das Gnadenbrot. Bei der letzten Schlenkerei, der Nummer mit dem Tuchlappen – Sie wissen ja! –, sind ihm fünf Zähne auf einmal ausgebrochen. Da hat er natürlich müssen loslassen. Es war schließlich noch ein Glück, daß er der Frau Amtsvorsteher Sartorius vor den Magen flog. Sie ist mit dem Schrecken davongekommen. Sie gab aber nach und fiel hintenüber. Er sauste leider über sie fort und machte sich noch das Vergnügen eines Querschlägers, wobei ein Kinderwagen ins Rollen kam, bis er schließlich mit einem Prellstein Bekanntschaft machte, aber leider auf andere Art, als es sonst bei Hunden üblich ist. Er blieb zunächst drei Minuten wie tot liegen. Wir dachten, es wäre alle mit ihm. Als wir ihn aber eine Weile befühlt hatten, sprang er auf, es wurde ihm wohl zu dumm, und verkroch sich unter den Wagen in den Werkzeugkasten, wo ihn niemand herausbringen kann.«

Es kam nun die unumgängliche Vorstellung.

Haake, der sehr ungern log und sich einer ähnlichen falschen Vorspiegelung niemals schuldig gemacht hatte, stellte das Original als Professor Maskos vor, Komponist, Pianist, Kapellmeister und dergleichen, was Maskos sich widerspruchslos gefallen ließ.

Der prächtige Forstmann war selbst viel zu geradlinig, um Verdacht zu schöpfen. Er redete Maskos fortgesetzt mit Herr Professor an. Den Hundekenner und Hundefreund interessierte die Bulldogge. Er ließ sich noch einmal genau erklären, wo und auf welche Weise sie zu Schaden gekommen war. Maskos tat es und setzte hinzu: »Unsere Gesellschaft arbeitet augenblicklich nahe bei Breslau, in Sibyllenort.« – Ein Umstand, der Haake lebhaft beunruhigte und die Neugier sowie das Befremden Ronkes steigerte.

»Ein Zirkus? Ein Zirkus? Also gehört der Hund zu einem Zirkus?« fragte er.

»Der Hund gehört zu einem Zirkus, allerdings!« sagte Maskos. »Ich bin bei dem kleinen, aber renommierten Zirkus Flunkert angestellt!«

Haake sagte, um abzulenken: »Sie sind aber viel zu schade dafür!«

»Natürlich bin ich zu schade dafür! Ich möchte viel lieber ganz der Musik leben. Aber der alte Flunkert ist tot. Ich mußte es ihm in die Hand versprechen, seine Witwe nicht zu verlassen. Der junge Flunkert, der Sohn, hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihr. Sie wissen ja, was das für ein Heiliger ist, Sie kennen ihn ja genug, Herr Professor!«

Der Architekt Willi Maack erklärte, Haake sei aus Studiengründen eine Zeitlang mit dem Zirkus gereist, habe gezeichnet, in Wachs modelliert und dergleichen. Er war von dem Bildhauer in seine Görbersdorfer Pläne eingeweiht und fürchtete aus denselben Gründen für sie, die früher den schwedischen Heiratsplan zerstört hatten.

»Sie kennen ihn ja genug, Herr Professor!« fuhr das kleine quäkende Original, ohne auf Willi zu hören, fort. Sein bartloses Antlitz sah eigentlich aus, als seien die Züge darin durch einen Schlag mitten hinein völlig aus dem Gleichgewicht und in eine immerwährende wilde Verwirrung gebracht worden. – »Sie kennen ihn ja genug, Herr Professor! Er ist ein Trapezkünstler, der sich gewaschen hat. Neulich hat er sogar im Zirkus Renz Sensation gemacht. Renz, Herzog, Salomonsky, Schumann machten ihm daraufhin Anträge. Er hatte sich aber nur wieder einmal mit seiner Frau Mutter verkracht. Und wie solche Menschen eben sind, als er sich mit der Mama versöhnt hatte, kroch er sofort wieder in seinen Pißpott zurück. Nicht zehn Pferde bringen ihn aus dem alten, wackligen Wohnwagen, in dem er geboren ist. Sie können ihm flugs ein Hotel in Paris oder einen Palast in Venedig anbieten. Und überhaupt, einen Prinzipal über sich zu haben, schätzt er nicht. Sie erinnern sich doch noch an das Taufessen?«

Nun gut, dachte Haake, was kann da sein? Der gute Maack hat ja einigermaßen vorgebaut. Pastoren, Ärzte, Juristen und Künstler verkehren ja selbst mit Verbrechern von Berufs wegen. Also! »Ja, allerdings, da war ja ein Taufessen!«

»Sie erinnern sich also an das Taufessen? Der kleine Flunkert, der damals getauft wurde, ist heut vier Jahr. Hat sich ganz ausgezeichnet entwickelt. Anstellig, kräftig, macht schon die waghalsigsten Kunststücke! Unerschrocken bis dorthinaus. Fällt, wo er hinfällt, auf die Füße, kriecht auf die Wagen, die Pferde, auf jeden Zaun, jede Stange wie eine Katze hinauf, wäre allerdings beinah vor acht Tagen in der Regentonne ersoffen, wenn ich ihn nicht bei den Beinen herausgeholt hätte. Er hat ein Schwäche, die uns allerdings manchmal zugute kommt: er schmeißt nämlich Gänse mit Steinen tot! Was soll man schon tun, wenn die Sache nicht mehr zu ändern ist? Ein Gänsebraten ist immer willkommen.

Das wäre der eine der beiden Jungen, die bei dem Taufessen eine Rolle gespielt haben. Erinnern Sie sich an den Schuft in der Falschmünzervilla? diesen niederträchtigsten Gauner von einem Wirt, der mir jemals begegnet ist? Wissen Sie, wie wir mitten im Essen das Gebrüll hörten und die Treppen hinunterrannten, weil wir glaubten, es würde einer umgebracht? Und wie wir diesen Verbrecher trafen, als er mit einem alten Luder von einer Köchin dabei war, seinen Sohn totzuprügeln? Aber lieber Professor, das müssen Sie ja doch wissen! Botho, glaub' ich, hieß die Canaille; der Zufall oder er selber hat ihm noch einen märkischen Adelsnamen ohne das ›von‹ beigelegt. Ich sehe Sie ja noch über ihn herfallen. Sie hatten ihn vorn, ich hatte ihn hinten gepackt. Pudelko haute ihm über die Nase, daß die rote Tunke nachstürzte. Helmut hieß der verprügelte Sohn. Wissen Sie, daß dieser Helmut acht Tage später langsam immer tiefer in den sogenannten Karutzsee hineingegangen ist? Die Leute haben ihm zugerufen, der Briefträger hat ihm zugerufen, aber er hat nur gelacht und hat gesagt: ›Ich habe genug! Grüßen Sie mir meinen Satan von Vater‹, oder so. Er ist weitergegangen und ersoffen.

Und Botho, es ist tatsächlich wahr, hat sich die Vermittlung und Unterstützung des Amtsvorstehers erbeten bei einer Bewerbung um die Stelle des Henkers in Preußen, alias Scharfrichters. Wie sich nachher herausstellte, hatte er mehr als achtzig Mitbewerber. Er ist aber, glaube ich, nicht angekommen. Er muß sehr traurig darüber sein, denn er ist doch dadurch um ein ersehntes, königlich privilegiertes, jährlich mehrmaliges Privatvergnügen gekommen.«

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