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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Achtzehntes Kapitel

Fünf Wochen war der Bildhauer bereits in Görbersdorf. Nicht nur Wanda schien er vergessen zu haben, sondern auch, daß er Bildhauer war, die Ausführung gewisser Arbeiten übernommen hatte und Pflichten, durch die er als Professor und Lehrer an eine staatliche Kunst- und Kunstgewerbeschule gebunden wurde. Haake hatte zu Willi gesagt: »Laß mir soundso lange Zeit!«, und dieser versuchte es nicht einmal, ihn davon abzubringen. Er kannte zur Genüge Haakes verstockte Hartnäckigkeit. Wenn solche Entschlüsse bei ihm auftauchten, so war er selbst durch sie wie in einen Schraubstock eingezwängt.

Willi hatte mit dem Forstmann gesprochen, der, gebildet über seinen Stand hinaus, vor Künstlertum den größten Respekt hatte. Haakes Bedeutung, aber auch seine gelegentliche Neigung zur Maßlosigkeit im Trinken war ihm gesteckt worden. Nun erfuhr er, in abgeschwächter Form dargestellt, von ehelichen Irrungen und Wirrungen.

Natürlich sagte sich Willi Maack, daß er durch eine rücksichtslose Darstellung aller darin begriffenen Geschehnisse dem Ansehen seines Freundes bei diesem schlichten Manne nur schaden könne. Nicht einmal Wandas Namen zu nennen wagte er, geschweige, daß er von ihrer anrüchigen Herkunft, ihren schlechten Streichen, ihrem Zirkusberuf gesprochen hätte.

Der freundliche Wirt sollte ja nur, indem man ganz allgemein auf die seelische Krisis hindeutete, die der Meister zu überwinden hatte, noch mehr und noch wärmer für ihn gestimmt und zum besseren Verständnis seines Wesens geführt werden.

Ein Blinder hätte bemerken müssen, daß irgendein Sturm an diesem kräftigen Stamm und Baum gerüttelt hatte. Um so eher erkannte dies Ronke, ein hell und sicher blickender Mann. Es genügte ihm aber, wenn er Haake sich nach und nach festigen und erholen sah, ohne daß ihn Neugier plagte, hinter das Schicksal zu dringen, das dem Manne so mitgespielt hatte.

Und wirklich konnte er sehen, wie nach einer Zeit der Verzärtelung und Verweichlichung, während der Haake hüstelte, über den Überzieher einen Überzieher zog, aller Augenblicke seinen Puls fühlte, auch am Tage bald innerhalb, bald außerhalb des Bettes war, eine andere folgte, in der etwas Stillvergnügtes über dem Bildhauer lag. Sein Tageskreislauf ließ aber auch nichts zu wünschen übrig an Behaglichkeit. Die noch nicht sechzehnjährige Försterstochter Marie, genannt Mieke, brachte ihm gegen neun Uhr früh das Frühstück ans Bett, Kaffee, geräucherten Schinken, Eier und Radieschen, welche sie unmittelbar aus dem Gartenbeet genommen hatte. Hernach stand er auf und begab sich, bewaffnet mit der Botanisiertrommel, in die Wiesen und Wälder hinaus, sinnend, betrachtend, botanisierend. Am gutbesetzten Tisch des Försters genoß er, an den Humoren des Wirtes seine eigenen entzündend, wie an dessen Wolfshunger seinen eigenen Appetit, die kräftigste Mittagskost. Dann ging es nach kurzem Mittagsschlaf, ein Reclambändchen, Fischarts »Gargantua«, in der Tasche, ein Stündchen Weges durch Wälder über die Grenze in ein böhmisches Wirtshaus hinüber, wo zu einer Zigarre und einer Portionstasse guten Kaffees die heiteren Derbheiten Fischart-Rabelais' innig genossen wurden. Nach der Rückkehr nahm er in irgendeinem kleinen Restaurant sein Abendbrot, lud etwa dazu seinen Hauswirt ein, oder Mieke brachte ihm Schlippermilch, Brot, Butter, Käse, vielleicht einen Eierkuchen aufs Zimmer.

Mieke war nicht die erste beste. Sie hatte die breite Kraft und Intelligenz des Vaters geerbt, dessen Bart und Haupt den Künstler an ein Selbstbildnis Tizians erinnerte. Sie schien ein werdendes Zimbernweib. Ihre Stimme war tief, ihr Griff war fest, sie duftete nach Tannennadeln und Baumrinde, Moos und Waldboden, Himmelschlüsseln, Schneeglöckchen und Gras und sah stets so frisch und so sauber aus, als ob sie sich eben im reinsten und kältesten Bergbach gebadet hätte. Sie wußte wie ein Mann mit den Doppelflinten ihres Vaters umzugehen, hatte mehrere Marder in Fallen gefangen, wovon der letzte auf der Försterei in einem eisernen Käfig gehalten wurde. Mit den Forstgehilfen und Forsteleven machte sie wenig Umstände. Sie war nämlich eigentlich Frau im Haus, da die Försterin seit vielen Jahren gelähmt, aber unversehrten, lebendig-heiteren Geistes zu Bette lag. Der Vater verließ sich völlig auf Mieke und ließ ihr durchaus ihren freien Willen. Ihm war nicht bange, wenn sie auch gelegentlich erst nachts um eins aus den Wäldern des Storchberges kam oder sich früh vor drei erhob, Hirsche zu verhören oder einen Bock zu schießen. Es war eine Liebhaberei von ihr, besonders des Nachts stundenlang mutterseelenallein im Walde zu sein.

Es war nicht gut Kirschenessen mit ihr. Besonders von jungen Leuten wagten sich wenige an sie heran. Für Haake hatte sie eine Vorliebe. Sie wollte trotzdem ganz gewiß kein Geheimnis in Blumensprache ausgedrückt haben, als sie einmal in seinem Zimmer für ihn einen Tisch zurecht machte, auf den sie einen richtigen großen Wäschekorb voll Vergißmeinnicht gestellt hatte: der blaue Himmel in einen Korb gepackt. Es war eine Liebeserklärung von kindlicher Offenheit und Großzügigkeit, deren Urheberin zu sein sie allerdings, als sie bei Vater und Gast einen starken Heiterkeitsausbruch bewirkte, schließlich und endlich errötend ablehnte.

Wie kommt es, dachte manchmal der Bildhauer, daß man zuweilen durch die finstersten Tore, durch schwarze, erstickende Gruftdämpfe, nach schwerem Ringen mit Tod und Verderben, das einem an der Gurgel sitzt, auf den herrlichen Almen des Lebens im Lichte des heitersten Tages landet? Hatte ich je eine Jugendzeit? Wenn ich auch glaubte, eine gehabt zu haben, habe ich doch, wie ich jetzt merke, keine gehabt. Ich habe keine Jugend gehabt. Weil ich jetzt weiß, was Jugend ist, weiß ich auch, daß ich keine gehabt habe. Ich lebe hier in Erinnerungen und Erweckungen eines Jugendglückes, das ich irgendwann einmal vor meiner Jugend gehabt haben muß.

Was war dies nun für ein Jugendglück? – In sogenannte Metakosmien, leere Räume, hat Epikur Himmel und Götter verlegt. Hier leben sie in einer von der ewigen Unruhe der Stoffteilchen nicht berührten Glückseligkeit. Haakes Zustand hatte eine entfernte Verwandtschaft mit dem Gedanken eines solchen Zwischenreiches. Der Gang seines Lebens schien nach vor- und rückwärts abgestaut. Er schien stillzustehen oder sich um ihn herum-, an ihm vorbeizubewegen. Äußerlich war er in ein enges Waldtal mit blumenreichen, üppigen Wiesen, allzeit durchrauscht von Bächen und Rinnsalen, welche das klarste Süßwasser führten, das er je im Freien erblickt hatte, eingeengt. Hier, angefügt einer menschlichen Waldsiedlung, wurde er selbst ein Stück Natur. Einem mit Bewegungsfreiheit begabten Baume hätte er sich hier vergleichen können. Die Fichten, die Gräser, die Blumen sprachen zu ihm, wie sie nie gesprochen hatten. Die Genugtuungen, ja Seligkeiten einer Rückkehr nach langer Abwesenheit waren in ihm. Endlich einmal ist man dort, wo man hingehört. Überall war man bis jetzt, wo man nicht hingehört. Gehetzt und gelockt, ist man mühselig bergauf und bergab gekraxelt, hat im Aufstieg geschwitzt, im Abstiege beinahe die Beine gebrochen. Eine Schimäre war das Ziel. Nun aber ist man nach Hause gekommen.

Man fühlt an dem Schlage seines Herzens, daß dies alles zwecklos ist. In jeden Fußpfad, in jeden Weg, in jede Radspur war Haake verliebt, in jeden stehenden Tümpel, in dem ein Frosch quakte, in die unregelmäßigen Katzenköpfe, mit denen der Hof der Försterei gepflastert war, das dazwischen wuchernde Gras, in das Gelärm des Sperlingsgesindels, das zwischen landwirtschaftlichem Gerümpel herumvagabundierte, in die herrlichen Brennholzstapel, welche das Försterhaus umgaben.

Vier große Dackel und ein Hühnerhund teilten mit den Menschen das einzige Wohnzimmer der Försterei, zwei gewaltige Katzen, die mit ihnen in bester Kameradschaft lebten, ebenso ein kleines Reh, das der Verzug nicht nur aller Menschen, sondern auch aller Hunde war. Die laute, etwas kropfige Stimme des Forstgewaltigen, der dies alles beherrschte, hatte, wie das Bellen der Hunde, das Miauen der Katzen, etwas Naturhaftes. Der Mann, die Tiere, die Betten rochen nach Harz und Nadelwald. Auch Mieke roch nach Harz und Nadelwald. Die ganze Försterei war ein Stück lebendig gewordener Nadelwald, verbunden mit ihm, aus ihm hervorgegangen. Nicht nur die Hühner wagten sich in die Wohnstube. Hie und da wurde auch eine Tümmlertaube hinausgescheucht, die sich etwa Küchenreste vom Klavier holte, das mitten im Zimmer stand. – »Wenn das Viehzeug zu frech wird«, sagte der Vater zur Tochter, »wer anders als du bist schuld daran?!« – Und wirklich grenzte Miekes Verhältnis zu den Tieren an Abgötterei.

Und dieses naturhafte Leben, scheinbar so eng, hatte weite und tiefe Inhalte. Da war eine Laute, die am Gewehrschrank hing, zu welcher Ronke zwar nicht sang, auf der er jedoch beinahe meisterhaft musizierte. Noch besser spielte der Forstmann Klavier, kaum je unter Schubert, Mozart, Beethoven: ein schönes, aus dem ganzen Menschen geborenes, zur eigenen Erbauung bestimmtes Spiel.

Eine Dachkammer aber enthielt sein Herbarium. Ronke war Rosen- und Weidenforscher. Seine Flora ging über die gemäßigte Zone nicht hinaus. Mit einer wundervollen Handschrift führte er eine umfangreiche Fachkorrespondenz. Er war Mitglied vieler gelehrter Gesellschaften. Zur Bestimmung wurden ihm viele Pflanzen geschickt. Als Mann von Phantasie erklärte er Haake, daß er durch seinen botanischen Briefwechsel und die damit verbundenen Austauschpflanzen, deren Standorte er sich vorstelle, der weiten Reisen überhoben sei. Bei alledem war er ein Forstmann von außergewöhnlicher Tüchtigkeit. Hier verbanden sich also Weite mit Enge, geistiger Reichtum und Bewegungsfreiheit mit Verwurzelung. Mit welcher Wahrheit, in welcher Bodennähe, wie frei von aller Künstelei, wie fern von allem hohlen Schein, aller Schminke lebten diese Menschen! Welche wahre und tiefe Bildung in schlichter Kraft und Gesundheit enthielt dieses Haus, dessen Einfachheit und echte Grundständigkeit Haake in seinem Wesen erneuert hatte, ihm zum ersten Male eine Jugend gab.

Oder steckte auch hier etwas anderes dahinter? Eher wuchs dieses andere wohl aus dem Lebensaugenblick seiner Seele und aus der Art dieser Waldherberge heraus.

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