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Gerhart Hauptmann: Wanda - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleWanda
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectidc636cade
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Siebzehntes Kapitel

Am fünften, sechsten Tage dieses Trunkfiebers weigerte sich der kräftige Körper des Trinkers, auf weitere Mißhandlungen einzugehen. Am Wirtstisch sitzend, schlief Haake ein, und als er Stunde um Stunde nicht wieder ins Bewußtsein zurückgebracht werden konnte, schaffte man ihn zu Bett, wo er die Nacht und den nächsten Tag und abermals die Nacht hindurch wie ein Toter lag. Aufgewacht, war etwas wie eine Krisis überstanden.

Was geschehen war, sah er wie die Angelegenheit eines fremden Menschen an, die, soweit sie ihn selbst betraf, endgültig ihren Ablauf gefunden hatte. Weit entfernt, dem Vorgang im ganzen und im einzelnen auszuweichen, ging er ihm in Gedanken nach und suchte sich seiner bewußt zu werden. Auf diese Art erhob er sich über ihn, um sich zugleich von ihm zu befreien.

Haake erklärte sich bei sich selbst für krank, einer längeren Kur in Form einer längeren Ruhe bedürftig. In diesem Sinne schrieb er an Willi Maack, der noch immer in Breslau sein getreuer Sachwalter war. »Ich habe«, hieß es, »wiederum einiges durchgemacht, lieber Willi, und es, Gott sei Dank, überstanden. Ich bin in dem und dem Dorf und in dem und dem Wirtshause. Ein gewisser Krankheitsprozeß, mein altes, Dir bekanntes Übel, hat mich vor Schlimmerem bewahrt. Mir ist, als wenn ich eine Karlsbader Kur, verstärkt durch ungeheure Mengen von Ofner Bitterwasser und Rizinus, hinter mir hätte. Das Erbrechen und die Diarrhöe, nicht bildlich gesprochen, waren fürchterlich. Eine Pferdekur, aber sie hat geholfen. Natürlich ist eine große Schwäche zurückgeblieben, aber die Schwäche des Genesenden, dessen Bauch alle Giftstoffe ausgestoßen hat. Zwei Tage lang war es wirklich so, als wenn ich das allerdings etwas verengte Flußbett für Oder, Elbe und Rhein zusammengenommen geworden wäre. Aber ich bin ausgespült, lieber Willi, ausgespült! Katarakte sind von mir gegangen. Purgation! Reinigung! Meine Seele ist ein geläutertes Engelchen. Alles Teuflische ist in furchtbaren Explosionen, mit Knall und Gestank, von mir gegangen. Ich hätte nicht gedacht, daß ich so kruppisch-kanonisch detonieren und geschützdonnern könnte! Nun. freilich hätte meine Seele mitgehen können. Aber, Willi, ich habe sie noch. Nur der Feind ist niedergemacht. Der Kopf des Bandwurmes ist unter den Abgängen festgestellt. Unter dem hellen, tödlichen Tageslicht hat das Luder sein Ende gefunden. Meine Arbeit kann ich zunächst noch nicht wiederaufnehmen. Einstweilen habe ich mit kalten und warmen Umschlägen, Kamillentee und dergleichen genug zu tun. Und übrigens sieht mich Breslau nicht wieder, solange noch ein Stein meiner bisherigen Wohnung auf dem andern geblieben ist. In einigen Tagen schicke ich Dir eine notarielle Vollmacht zu, durch die Du ermächtigt wirst, die Möbel in meiner Wohnung zu verkaufen – die Kunstgegenstände werden in mein Atelier gebracht –, und dann fort mit dem Dreckloch, und wenn auch nur der halbe Mietpreis dafür zu erzielen ist!«

Dem Architekten Willi Maack fiel der bekannte Stein vom Herzen, als er diesen Brief erhielt. – »Ich gehe jetzt«, war der Schluß des Schreibens, »zu einem alten Freunde, einem Förster, nach Görbersdorf, ebendem Ort, wo ich ja, wie Du weißt, meine Mutter untergebracht habe. Dort besuche mich Sonntag über acht Tage, wenn es Dir möglich ist, aber nicht früher! Bevor ich Dich wiedersehe, muß ich mich ganz erholt haben.«

Genau nach dem Wunsche Haakes traf Willi ein. Er fand einen Menschen, der mit langsamen Schritten ging, medizinierte, trotz milden Frühlingswetters nur im Winterüberzieher, den Hals von einem langen Wollschal umwickelt, aus dem Hause ging, einen pimpligen Riesen, der eine leise und wehleidige Sprechweise angenommen hatte: »Siehst du, ich lebe von etwas Weißbrot, lieber Willi, das ich mir in Milch aufweiche. Vier oder fünf kleine Brötchen täglich, mehr vertrage ich nicht. Beinah kann ich jetzt auch das sechste verdauen, ich verdanke das einem Hausmittel. Ich habe mir ein sogenanntes Zittauer Pflaster, etwa in der Größe eines Quadratkilometers, selbst geschmiert und auf den Magen gelegt. Es zieht kleine Bläschen, ausgezeichnet!«

Willi wollte gerne eine Arbeit vollendet wissen, die über irgendeinem Portal, solange das Gerüst stand, angebracht werden mußte. Haake sagte nichts weiter als: »Liebster Willi, ich schwöre auf Homöopathie. Nux vomica, Aconitum wirkt wie ein Zauber. An der Lunge habe ich nichts. Hier ist ja die große Lungenheilanstalt, und ich habe mich untersuchen lassen. Meiner Mutter geht es gut. Sie ist bei einer reizenden alten Dame, die eine kranke Tochter hat, untergebracht. Sie leben zusammen wie Turteltauben. Ein bißchen leichte Hausarbeit, meine Mutter kann ja ohne das nicht auskommen. Weißt du, es ist hier so, daß ich gar nicht mehr fortmöchte. Mein Freund Adolf« – gemeint war der Förster Adolf Ronke, bei dem er wohnte – »hat mir das Botanisieren beigebracht.« Wirklich lag auf dem Tisch des Giebelstübchens, das der Meister bewohnte, eine Botanisiertrommel. – »Na, du Kerle«, sagte der Architekt mit lustig geblähten Nasenflügeln, »hast du nicht auch womöglich noch 'n Schmetterlingsnetz?! Paulchen, Paulchen, hätt' ich dir etwa gar den Struwwelpeter sollen mitbringen?«

»Nicht nötig, Willi, er ist hier im Haus. Ich amüsiere mich täglich darüber mit den Försterkindern. Wirklich, ich möchte hier gar nicht mehr fort. Wenn ich erst wohler bin, nimmt mich Ronke mit auf die Jagd. Ich habe dafür, wie du weißt, eine Schwäche, seit ich beim Militär das Schießen gelernt habe.«

»Na selbstverständlich«, sagte Willi, »du bist ja die aufgelegte Jägernatur!«

»Gelegentlich jagen, aber hauptsächlich botanisieren«, sagte der Bildhauer. »Der Krokus, die Anemonen, alle die kleinen Berg-, Wiesen- und Sumpfpflänzchen, wunderbar! Geradezu wunderbar! Hast du einmal was von Diastase gehört? Durch Diastase wird Stärke in löslichen Zucker überführt, wodurch sie für das Pflänzchen als Nahrung verwendbar wird. Und dieser lausige kleine Sonnentau, der in Mooren wächst, er frißt Insekten, er ist ein Fleischfresser. Daß Blumen schlafen, ist dir bekannt. Kennst du die sogenannte Linnésche Sonnenuhr?« – Von einem Notizblättchen las er ab: »Um fünf Uhr morgens öffnen Hemerocallis fulva und Sinum usitatissimum ihre Blüten, um sieben Uhr Nymphaea alba und Lactuca sativa, um neun Uhr Calendula, während die Schlafstellung andere Stunden anzeigt, bei Lactuca zehn Uhr vormittags, bei Calendula drei Uhr nachmittags, bei Nymphaea alba fünf Uhr, bei Hemerocallis fulva sieben Uhr abends. – Denke mal an: es gibt sogenannte Kompaßpflanzen! Es gibt eine Pflanze, die – ulkig, nicht? – Froschbiß heißt! Hura crepitans heißt eine Pflanze, sie kommt im amerikanischen Urwald vor. Deren Früchte platzen mit dem Knall eines Gewehrschusses. Die Sprengstücke fliegen weit umher, und so fort, und so fort; eine ganze neue Welt tut sich auf. Morgen wirst du mal staunen über Adolf Ronkes Herbarium. Da siehst du, ich fange auch schon an!« – Er zeigte Willi, einen Schrank öffnend, Stöße von Löschblättern und Schichten von anderen, zwischen denen schon Pflanzen konserviert waren.

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